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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Erklärung.

Die Gefahr, der Remy so trotzte, war eine wirkliche Gefahr, denn der nächtliche Reisende sah bald, nachdem er das Dorf hinter sich hatte und noch eine Viertelmeile weiter geritten war, daß die, denen er folgte, in dem Dorfe angehalten hatten.

Er wollte nicht mehr auf seinem Wege umkehren, ohne Zweifel um seine Verfolgung so wenig wie möglich absichtlich erscheinen zu lassen; doch er legte sich in einen Kleeacker nieder, wobei er zuvor sein Pferd in einen tiefen Graben hinabsteigen ließ, wie sie in Flandern als Gehege für die Grundstücke dienen.

Infolgedessen war der junge Mann, in dem der Leser so gut wie Remy sicher schon du Bouchage erkannt hat, imstande, alles zu sehen, ohne gesehen zu werden.

Nach seiner Unterredung mit Remy auf der Schwelle des geheimnisvollen Hauses, nach dem Verluste aller seiner Hoffnungen, war Henri in das Hotel Joyeuse zurückgekehrt, entschlossen, ein Leben zu verlassen, das sich ihm so elend zeigte, und als Edelmann von Herz wie als guter Sohn, denn er hatte den Namen seines Vaters rein zu erhalten, entschied er sich zu dem glorreichen Tod auf dem Schlachtfeld. Er eilte also nach Flandern, wo sein Bruder die Ehre der französischen Waffen aufrechthielt.

Im Augenblick, als er, ganz in seine Todesträume versunken, den spitzigen Glockenturm von Valenciennes erblickte, und es acht Uhr in der Stadt schlug, gewahrte er, daß man im Begriffe war, die Tore zu schließen; er gab seinem Pferde beide Sporen und hätte, über die Zugbrücke reitend, beinahe einen Reiter niedergeworfen, der den Gurt des seinigen festzog.

Henri war keiner von den unverschämten Adligen, die alles, was kein Wappenschild hat, mit den Füßen niedertraten. Er entschuldigte sich bei dem Mann, der sich bei dem Tone seiner Stimme umkehrte und dann rasch wieder abwandte.

Von seinem eifrigen Pferde, das er vergebens anzuhalten suchte, fortgetragen, bebte Henri, als hätte er gesehen, was er nicht zu sehen erwartet.

»Oh! ich bin wahnsinnig,« dachte er, »Remy in Valenciennes, Remy, den ich vor vier Tagen in der Rue de Bussy gelassen habe; Remy ohne seine Gebieterin, denn er hatte einen jungen Menschen bei sich, wie mir scheint. In der Tat, der Schmerz bringt mein Gehirn in Verwirrung, greift mein Gesicht an, so daß sich alles, was mich umgibt, in die Form meiner starren Gedanken kleidet.« Und er ritt weiter und gelangte in die Stadt, ohne daß der Verdacht, der seinen Geist berührt hatte, darin nur einen einzigen Augenblick Wurzel faßte.

Bei dem ersten Stall, den er auf seinem Wege fand, hielt er an, warf den Zügel den Händen eines Stallknechtes zu und setzte sich auf eine Bank vor der Tür, indes man sein Zimmer und sein Abendessen bereitete. Während er aber nachdenkend auf dieser Bank saß, sah er die zwei Reisenden, die nebeneinander ritten, herbeikommen, und er bemerkte, daß der, den er für Remy gehalten hatte, häufig den Kopf umwandte. Der andere hatte das Gesicht unter dem Schatten eines breitkrempigen Hutes verborgen. Remy erblickte, als er vor dem Wirtshause vorüberkam, Henri auf der Bank und wandte abermals den Kopf ab; aber gerade diese Vorsichtsmaßregel trug dazu bei, daß er erkannt wurde.

»Oh! diesmal täusche ich mich nicht,« murmelte Henri, »mein Blut ist kalt, mein Auge klar, meine Gedanken sind frisch, und ich glaube abermals in einem der Reisenden Remy zu erkennen. Nein, ich kann nicht in solcher Ungewißheit verharren und muß ohne Verzug Aufklärung erhalten,«

Sofort stand Henri auf und ging auf der Straße der Spur der beiden Reisenden nach; aber erst nach langem Suchen fand er ihre Spur; er erfuhr nämlich, man habe zwei Reisende sich nach einem unscheinbaren Wirtshause in der Rue du Beffroi wenden sehen. Dort gelang es ihm, Remy zu sehen, als er eben die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg. Als er ihn diesmal bestimmt erkannte, gab der Graf einen Ausruf von sich, und beim Tone der Stimme des Grafen wandte sich Remy um. Zu sehr erschüttert, um sogleich einen Entschluß zu fassen, entfernte sich du Bouchage, indem er sich mit furchtbar beklommenem Herzen fragte, warum Remy seine Gebieterin verlassen, und warum er sich auf derselben Straße wie er befinde.

Seine Gedanken rollten von Abgrund zu Abgrund. Am andern Morgen, zur Stunde der Öffnung der Tore, war er sehr erstaunt, als er erfuhr, die zwei Unbekannten hätten in der Nacht vom Gouverneur die Erlaubnis erhalten, die Stadt zu verlassen, und man habe für sie, gegen alle Gewohnheit, die Tore geöffnet.

Auf diese Art und da sie gegen ein Uhr morgens aufgebrochen waren, hatten sie sechs Stunden vor Henri voraus. Diese sechs Stunden mußte er einbringen. Henri setzte sein Pferd in Galopp und erreichte und überholte die Reisenden in Mons.

Er sah abermals Remy, der seinerseits ihn nicht erkennen konnte, Henri hatte eine Soldatenkasacke angezogen und ein anderes Pferd gekauft. Das mißtrauische Auge des guten Dieners hätte aber beinahe auch diese List vereitelt, und jedenfalls hatte Remys Gefährte Zeit, sein Gesicht abzuwenden, so daß es Henri auch diesmal nicht gewahren konnte.

Doch der junge Mann verlor den Mut nicht; er fragte im ersten Wirtshaus, das den Reisenden ein Asyl gab, und da er seine Fragen mit einer unwiderstehlichen Hilfsmacht begleitete, so erfuhr er endlich, Remys Gefährte sei ein schöner, aber sehr trauriger, in sich gekehrter, nüchterner junger Mann, der nie von Müdigkeit spreche.

Henri bebte, ein Blitz erleuchtete seinen Geist.

»Sollte es nicht eine Frau sein?« fragte er.

»Es ist möglich,« erwiderte der Wirt; »gegenwärtig kommen viele junge Frauen so verkleidet hier durch, um sich zu ihren Liebhabern bei der Armee in Flandern zu begeben.«

Diese Erklärung brach Henri das Herz. War es nicht wahrscheinlich, daß Remy seine als Reiter verkleidete Gebieterin begleitete? Verhielt es sich so, so sah Henri nur Ärgerliches in diesem Abenteuer.

Remy log also, wenn er von ihrer ewigen Trauer sprach; die Fabel von einer vergangenen unsterblichen Liebe hatte er also erfunden, um einen überlästigen Wächter zu entfernen.

»Desto besser,« sagte Henri zu sich selbst, mehr niedergebeugt durch diese Hoffnung, als er es je durch seine Verzweiflung gewesen war, »dann wird ein Augenblick kommen, in dem ich mich dieser Frau nähern und ihr alle diese Ausflüchte vorwerfen kann, die sie, die ich in meinem Geiste und in meinem Herzen so hoch gestellt, zur gemeinen Alltäglichkeit erniedrigen; ich werde mich sodann vielleicht selbst von dem Gipfel meiner Illusionen, von der Höhe meiner Liebe herabstürzen.«

Und der junge Mann raufte sich die Haare aus und zerriß sich die Brust bei dem Gedanken, er würde vielleicht eines Tages diese Liebe und diese Illusionen, die ihn töteten, verlieren; so wahr ist es, daß ein totes Herz mehr Wert hat als ein leeres Herz.

In Brüssel zog Henri ernste Erkundigungen über den Feldzugsplan des Herzogs von Anjou ein. Was er hörte, machte ihn ernstlich besorgt um diesen Feldzug, an dem sein Bruder so großen Anteil hatte, und er beschloß demzufolge, seinen Marsch nach Antwerpen zu beschleunigen.

Es war für ihn eine unsägliche Überraschung, als er Remy und seine Gefährtin hartnäckig dieselbe Straße verfolgen sah, der er folgte. Es war ein Beweis, daß beide nach demselben Ziele strebten.

Beim Ausgange des Fleckens war Henri, im Klee verborgen, wo wir ihn gelassen, diesmal gewiß, dem jungen Mann, der Remy begleitete, ins Gesicht schauen zu können. Damit wollte er seiner letzten Ungewißheit ein Ende machen.

Als die Reisenden an dem jungen Mann vorüberritten, den sie nicht entfernt hier verborgen wähnten, war die Dame beschäftigt, ihre Haare zu glätten, die sie nicht gewagt hatte, im Wirtshaus aufzuknüpfen.

Henri sah sie, erkannte sie und fiel beinahe ohnmächtig in den Graben, wo sein Roß friedlich weidete. Die Reisenden ritten vorüber.

Oh! da bemächtigte sich der Zorn des Grafen, der so gut, so geduldig war, solange er bei den Bewohnern des geheimnisvollen Hauses die Rechtschaffenheit zu sehen geglaubt hatte, die er selbst übte. Jetzt aber fühlte er sich verraten. Nachdem er den ersten Schmerz verwunden hatte, schüttelte der junge Mann seine schönen blonden Haare, wischte sich seine mit Schweiß bedeckte Stirn ab und stieg wieder zu Pferde, entschlossen, keine von den Vorsichtsmaßregeln mehr zu nehmen, die ihm ein Überrest von Ehrfurcht geraten hatte, und er begann, den Reisenden sichtbar und mit entblößtem Antlitz zu folgen. Er war entschlossen, weder mit Remy noch mit dessen Gefährtin zu reden, sondern sich nur von ihnen erkennen zu lassen. »Oh! ja, ja!« sagte er zu sich selbst, »wenn ihnen nur noch ein wenig Herz bleibt, so wird meine Gegenwart ein blutiger Vorwurf für diese Leute ohne Treu und Glauben sein, die mir das Herz mutwillig zerreißen.«

Er hatte nicht fünfhundert Schritte hinter den zwei Reisenden gemacht, da gewahrte ihn Remy, und dessen Unruhe machte auch die Dame aufmerksam. Sie wandte sich um und glaubte Henri zu erkennen. Auch sie konnte sich nicht eines Gefühls der Bangigkeit enthalten.

»Wir sind nun in Mecheln,« sagte sie, »wechseln wir die Pferde, wenn es sein muß, um rascher zu marschieren, aber eilen wir, nach Antwerpen zu kommen.«

»Dann sage ich im Gegenteil,« versetzte Remy, »gehen wir nicht nach Mecheln hinein, unsere Pferde sind von guter Rasse, reiten wir bis zu jenem Flecken, den man dort links erblickt; er heißt, glaube ich, Villebrock; so vermeiden wir die Stadt, das Gasthaus, die Fragen, die Neugierigen und sind weniger verlegen, die Pferde und die Kleider zu wechseln, wenn es notwendig sein sollte.«

»Vorwärts, Remy, also gerade auf den Flecken zu!«

Sie wandten sich nach links und kamen auf einen kaum gebahnten Pfad, der jedoch sichtbar nach Villebrock führte. Henri verließ die Landstraße auf derselben Stelle wie sie, schlug denselben Pfad ein wie sie und folgte ihnen stets in gleicher Entfernung.

Sie kamen bald nach Villebrock. Von den zweihundert Häusern, aus denen der Flecken bestand, war nicht eines bewohnt; nur einige vergessene Hunde und Katzen liefen scheu in dieser Einsamkeit umher. Remy klopfte an zwanzig Stellen an; er sah keinen Menschen und wurde von niemand gehört.

Henri, der die Reisenden wie ihr Schatten begleitete, hielt vor dem ersten Hause des Fleckens an, klopfte an die Tür dieses Hauses, aber ebenso fruchtlos wie Remy, und da er nun vermutete, der Krieg sei die Ursache dieser Landflucht, so wartete er, um sich wieder auf den Marsch zu begeben, sobald die Reisenden aufgebrochen wären.

Dies taten sie, nachdem ihre Pferde das Korn gefressen hatten, das Remy in der Kiste eines verlassenen Wirtshauses fand.

»Madame,« sagte Remy, »wir sind weder mehr in einem ruhigen Land noch in einer gewöhnlichen Lage; wir dürfen uns nicht wie Kinder der Gefahr preisgeben. Wir werden sicher auf Franzosen oder Flamländer stoßen, abgesehen von den spanischen Parteigängern, denn in der seltsamen Lage, in der sich Flandern befindet, müssen hier Straßenläufer aller Art, Abenteurer von allen Ländern hausen; wäret Ihr ein Mann, so würde ich anders mit Euch sprechen; doch Ihr seid eine Frau, Ihr seid jung, Ihr seid schön, Ihr lauft eine doppelte Gefahr für Euer Leben und für Eure Ehre.«

»Nun! was schlagt Ihr vor? Denkt und handelt für mich; Remy, Ihr wißt, daß mein Geist nicht auf dieser Erde ist.«

»Dann bleiben wir hier, wenn Ihr mir folgen wollt, ich sehe viele Häuser, die ein sicheres Obdach bieten können; ich habe Waffen, wir werden uns verteidigen oder uns verbergen, je nachdem ich uns für stark genug oder für zu schwach halten muß.«

»Nein, Remy, nein, ich muß weiter gehen, nichts soll mich aufhalten,« erwiderte die Dame, den Kopf schüttelnd; »ich würde nur für Euch Furcht bekommen, wenn ich mich überhaupt fürchten könnte.«

»Vorwärts, also,« sagte Remy.

Und er ritt weiter, ohne ein Wort hinzuzufügen.

Die unbekannte Dame folgte ihm, und Henri du Bouchage, der zugleich angehalten hatte, setzte sich mit ihnen wieder in Marsch.

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