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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Was in dem geheimnisvollen Haufe vorfiel.

Während dieser Ereignisse im » Kühnen Ritter« fand eine ungewöhnliche Bewegung in dem geheimnisvollen Hause statt, das unsern Lesern bisher nur von außen bekannt ist.

Der Diener mit der kahlen Stirn ging von einem Zimmer in das andere und holte gepackte Gegenstände, die er in eine Reisekiste verschloß. Sodann lud er eine Pistole und ließ einen breiten Dolch in seiner Scheide spielen, worauf er ihn mittels eines Ringes an die Kette, die ihm als Gürtel diente, hing, und an der er noch seine Pistole, einen Bund Schlüssel und ein Gebetbuch in schwarzem Thagrin befestigte.

Während er hiermit beschäftigt war, streifte ein Tritt, so leicht wie der eines Schatten, den Boden des zweiten Stockes und glitt die Treppe hinab. Plötzlich erschien eine Frau, bleich und einem Gespenste ähnlich unter den Falten ihres weißen Schleiers, auf der Türschwelle, und eine Stimme, so sanft und traurig wie der Gesang eines Vogels in der Tiefe des Waldes, machte sich hörbar.

»Remy,« sagte diese Stimme, »seid Ihr bereit?« – »Ja, gnädige Frau, und ich erwarte zu dieser Stunde nur noch Eure Kassette.«

»Glaubt Ihr, diese Kassetten werden sich leicht unseren Pferden aufladen lassen?« – »Ich stehe dafür, gnädige Frau. Wenn Euch dies übrigens nur im geringsten beunruhigt, so können wir die meinige hier lassen; habe ich denn dort nicht alles, was ich brauche?«

»Nein, Remy, nein, unter keiner Bedingung darf Euch das Nötigste auf der Reise fehlen, und dann, wenn wir auch dort sind, werden alle Bedienten, da der arme Greis krank ist, um diesen beschäftigt sein. Oh! Remy, es drängt mich, zu meinem Vater zu kommen; ich habe traurige Ahnungen, und es ist mir, als hätte ich ihn seit einem Jahrhundert nicht gesehen.« – »Ihr habt ihn doch erst vor drei Monaten verlassen, und der Zwischenraum zwischen dieser Reise und der letzten ist nicht größer als der zwischen den andern.«

»Remy, habt Ihr, der Ihr Arzt seid, nicht selbst zugestanden, als wir ihn das letzte Mal verließen, mein Vater habe nicht mehr lange zu leben?« – »Ja, allerdings, doch dies war keine Weissagung, sondern ich drückte damit nur eine Furcht aus; Gott vergißt zuweilen die Greise, und sie leben – es klingt seltsam – durch die Gewohnheit zu leben; mehr noch, zuweilen ist der Greis wie ein Kind heute krank, morgen wieder völlig munter.«

»Ach! Remy, und wie das Kind ist auch der Greis heute munter und morgen tot.« –

Remy erwiderte nichts, denn es konnte keine beruhigende Antwort aus seinem Munde kommen, und ein düsteres Schweigen folgte einige Minuten lang auf das mitgeteilte Gespräch.

»Auf welche Stunde habt Ihr die Pferde bestellt, Remy?« fragte nach einer Weile die geheimnisvolle Dame. – »Auf zwei Uhr nach Mitternacht.«

»Ein Uhr hat geschlagen?« – »Ja, gnädige Frau.«

»Niemand lauert draußen, Remy?« – »Niemand.«

»Nicht einmal der unglückliche junge Mann?« – »Nicht einmal er.«

»Ihr sagt mir das so seltsam, Remy?« – »Weil er auch einen Entschluß gefaßt hat.«

»Welchen?« fragte die Name bebend. – »Den, Euch nicht mehr zu sehen oder es wenigstens nicht mehr zu versuchen, Euch zu sehen.«

»Und wohin geht er?« – »Wohin wir alle gehen, zur Ruhe.«

»Gott verleihe ihm die ewige Ruhe,« erwiderte die Name mit einer Stimme, so ernst und kalt wie eine Totenglocke, »und dennoch ...« sie hielt inne. – »Dennoch?« versetzte Remy. »hat er nichts auf dieser Welt zu tun?« – »Er hätte zu lieben, wenn man ihn geliebt hätte.«

»Ein Mann von seinem Namen, von seinem Rang und seinem Alter müßte auf die Zukunft rechnen.«–»Zählt Ihr darauf, die Ihr ihn Eurem Alter, Eurem Rang und Eurem Namen nach um nichts zu beneiden habt?«

Die Augen der Dame gaben einen düstern Schimmer von sich. »Ja, Remy, ich zähle darauf, da ich lebe; doch wartet ...«

Sie horchte.

»Ist es nicht der Trab eines Pferdes, was ich höre?« – »Es scheint mir.«

»Sollte es unser Führer sein?« – »Es ist möglich; doch in diesem Fall käme er beinahe eine Stunde früher, als verabredet ist.«

»Man hält vor der Tür, Remy.« – »In der Tat.«

Remy ging rasch hinab und kam unten an die Treppe in dem Augenblick, als sich drei hastige Schläge hörbar machten.

»Wer ist da?« – »Ich,« antwortete eine schwache, gebrochene Stimme; »ich, Grandchamp, der Kammerdiener des Barons.«

»Ah! mein Gott! Ihr, Grandchamp, in Paris; wartet, ich will Euch öffnen; doch sprecht leise!«

Und er öffnete die Tür.

»Woher kommt Ihr denn?« fragte Remy mit leiser Stimme. – »Von Meridor. Ach!«

»Tretet rasch ein! Oh! mein Gott!«

»Nun, Remy?« rief die Stimme der Dame oben von der Treppe herab; »sind es unsere Pferde?« – »Nein, nein, gnädige Frau, sie sind es nicht.«

»Remy, Remy,« rief die Stimme, »Ihr sprecht mit jemand, wie mir scheint.« – »Ja, gnädige Frau, ja.«

Da erschien auch schon die Dame am Ende des Ganges.

»Wer ist da?« fragte sie, »es scheint fast, als wäre es Grandchamp.« »Ja, gnädige Frau, ich bin es,« erwiderte ehrfurchtsvoll und traurig der Greis, indem er sein weißes Haupt entblößte.

»Grandchamp, du, oh! mein Gott! meine Ahnungen haben mich nicht getäuscht, mein Vater ist tot.« – »In der Tat, gnädige Frau, Meridor hat keinen Herrn mehr.«

Bleich, in Eis verwandelt, aber unbeweglich und fest, ertrug die Dame den Schlag, ohne sich zu beugen. Als Remy sie so ergeben und so düster sah, ging er auf sie zu und nahm sacht ihre Hand.

»Wie ist er gestorben?« fragte die Name; »sprecht, mein Freund!« – »Gnädige Frau, der Herr Baron, der seinen Lehnstuhl nicht mehr verließ, ist vor acht Tagen von einem dritten Schlage getroffen worden. Er konnte ein letztes Mal Euren Namen stammeln, dann hörte er auf zu sprechen und starb in der Nacht.«

Die Name machte dem alten Diener eine Gebärde des Dankes und ging dann, ohne ein einziges Wort zu äußern, wieder in ihr Zimmer hinauf.

»Endlich ist sie frei,« murmelte Remy, der bleicher und düsterer war als sie; »kommt, Grandchamp, kommt!«

Das Zimmer der Dame lag im ersten Stock, hinter einem Kabinett, das die Aussicht auf die Straße hatte, wahrend dieses Zimmer selbst sein Licht nur von einem kleinen Fenster erhielt, das nach einem Hofe ging. Die Ausstattung dieses Zimmers war düster, aber reich; Tapeten aus den Webereien von Arras stellten die verschiedenen Augenblicke der Leidensgeschichte dar. Ein Betpult von geschnitztem Eichenholz, ein Lehnstuhl von demselben Stoff und derselben Arbeit, ein Bett mit gewundenen Säulen und Vorhängen, den Tapeten der Wände ähnlich, ein Teppich von Brügge, dies war die ganze Ausschmückung des Zimmers.

Keine Blume, kein Juwel, keine Vergoldung; Holz und poliertes Eisen ersetzten überall das Silber und Gold; ein Rahmen von schwarzem Holz umschloß das Porträt eines Mannes, worauf das Licht des Fensters fiel, das man offenbar zur Beleuchtung ausgebrochen hatte.

Vor diesem Porträt kniete die Dame mit wundem Herzen, aber trockenen Augen nieder.

Sie heftete auf dieses leblose Antlitz einen langen, unbeschreiblichen Liebesblick, als ob das edle Bild sich beleben sollte, um ihr zu antworten.

Die Dame streckte den Arm nach dem Bilde aus und sprach zu ihm wie zu Gott: »Ich hatte dich gebeten zu warten, obgleich deine gereizte Seele nach Rache dürsten mußte,« sagte sie; »und da die Toten alles sehen, mein Geliebter, so hast du gesehen, daß ich das Leben nur ertrug, um nicht eine Vatermörderin zu werden; als du tot warst, hätte ich sterben müssen, doch indem ich starb, tötete ich meinen Vater.

»Und dann hatte ich, wie du weißt, auf deinen blutigen Leichnam ein Gelübde getan, ich hatte geschworen, den Tod durch Tod, das Blut durch Blut zu sühnen; doch dann lud ich ein Verbrechen auf das weiße Haupt des ehrwürdigen Greises, der mich sein unschuldiges Kind nannte.

»Du hast gewartet, ich danke dir, mein Vielgeliebter, du hast gewartet, und nun bin ich frei, das letzte Band, das mich an die Erde fesselte, ist durch den Herrn zerrissen worden, – Dank sei dem Herrn ... Ich gehöre dir; kein Schleier, kein Verstecken mehr, ich kann am hellen Tage handeln, denn nun werde ich niemand mehr auf der Erde zurücklassen, und ich habe das Recht, von ihr zu scheiden.«

Sie erhob sich auf ein Knie und küßte die Hand, die aus dem Rahmen herabzuhängen schien.

»Du verzeihst mir, Freund, daß ich trockene Augen habe,« sagte sie; »indem ich auf deinem Grabe weinte, sind meine Augen vertrocknet, diese Augen, die du so sehr liebtest. In wenigen Monaten werde ich zu dir kommen, und du wirst mir endlich antworten, teurer Schatten, mit dem ich so viel gesprochen, ohne je eine Antwort zu erhalten.« Hierauf erhob sich Diana ehrfurchtsvoll und setzte sich auf ihren eichenen Stuhl.

»Armer Vater,« flüsterte sie mit einem kalten Tone und mit einem Ausdruck, der keinem menschlichen Geschöpf anzugehören schien. Dann versank sie in eine tiefe Träumerei, die sie scheinbar das gegenwärtige Unglück und die vergangenen Leiden vergessen ließ.

Plötzlich richtete sie sich auf, stützte die Hand auf einen Arm des Lehnstuhls und sagte: »Das ist es, und so wird alles besser gehen, Remy!«

Der treue Diener horchte ohne Zweifel an der Tür, denn er erschien sogleich und erwiderte: »Hier bin ich, gnädige Frau.«

»Mein würdiger Freund, mein Bruder, Ihr, das einzige Geschöpf, das mich auf dieser Welt kennt, nehmt von mir Abschied!« – »Warum dies, gnädige Frau?«

»Weil die Stunde, uns zu trennen, gekommen ist, Remy.«–»Uns trennen!« rief der junge Mann mit einem Ausdruck, der seine Gefährtin beben ließ; »was sagt Ihr, gnädige Frau?«

»Ja, Remy. Dieser Racheplan schien mir edel und rein, solange noch ein Hindernis zwischen ihm und mir lag, solange ich ihn nur am Horizont erblickte. Nun, da ich der Ausführung nahestehe, nun da das Hindernis verschwunden ist, weiche ich nicht zurück, Remy, aber ich will nicht eine edle, fleckenlose Seele hinter mir auf den Weg des Verbrechens ziehen; somit werdet Ihr mich verlassen, mein Freund.«

Remy hatte die Worte der Frau von Monforeau mit einer finsteren, beinahe stolzen Miene angehört.

»Gnädige Frau,« erwiderte er, »glaubt Ihr denn mit einem zitternden, durch den Gebrauch des Lebens abgenutzten Greis zu sprechen? Gnädige Frau, ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und stehe im vollen Saft der Jugend, der in mir vertrocknet zu sein scheint, in mir, einem dem Grabe entrissenen Leichnam; wenn ich noch lebe, so ist es, um eine furchtbare Handlung zu vollbringen, um eine tätige Rolle in dem Werke der Vorsehung zu spielen; trennt also meinen Geist nicht von dem Eurigen, da diese beiden finsteren Geister so lange unter demselben Dache gewohnt haben; wohin Ihr geht, werde ich auch gehen; was Ihr tun möget, ich werde Euch dabei unterstützen, und wenn Ihr trotz meiner Bitten auf Eurem Entschluß, mich fortzujagen, beharrt...«

»Oh! Euch fortjagen! Welches Wort habt Ihr da gesagt, Remy?« – »Wenn Ihr auf Eurem Entschluß beharrt,« fuhr der junge Mann fort, als ob sie nicht gesprochen hätte, »so weiß ich, was ich zu tun habe, und alle unsere unnütz gewordenen Studien werden für mich auf zwei Dolchstiche auslaufen; der eine trifft das Herz dessen, den Ihr kennt, der andere das meinige.«

»Remy! Remy!« rief Diana, indem sie einen Schritt gegen den jungen Mann tat und gebieterisch ihre Hand über seinem Haupte ausstreckte, »Remy, sagt das nicht; das Leben dessen, den Ihr bedroht, gehört mir, mir, die ich es teuer genug bezahlt habe, um es ihm selbst zu nehmen, sobald der Augenblick, wo er es verlieren soll, gekommen sein wird; Ihr wißt, was geschehen ist, Remy, und das ist kein Traum, ich schwöre es Euch; an dem Tage, an dem ich zu dem kalten Leibe von diesem niederkniete...«

Und sie deutete auf das Porträt.

»An diesem Tage, sage ich, näherte ich meine Lippen dieser Wunde, die Ihr offen seht, und diese Wunde zitterte und sprach zu mir: 'Räche mich, Diana, räche mich!'« – »Gnädige Frau.«

»Remy, ich wiederhole dir, es war keine Einbildung, es war kein Lallen meines Fieberwahnsinns: die Wunde hat gesprochen, sie hat gesprochen, sage ich dir, und ich höre sie noch murmeln: 'Räche mich, Diana, räche mich!'«

Der Diener neigte das Haupt.

»Mir also und nicht Euch kommt die Rache zu,« fuhr Diana fort; »überdies für wen und durch wen ist er gestorben? Für mich und durch mich.« – »Ich muß Euch gehorchen, gnädige Frau, denn ich war auch tot wie er. Wer hat mich aus der Mitte dieser Toten, mit denen der Boden bedeckt war, wegbringen lassen? Ihr. Wer hat meine Wunden geheilt? Ihr. Wer hat mich verborgen? Ihr, Ihr, die Hälfte der Seele dessen, für den ich so freudig gestorben war; befehlt also, und ich werde gehorchen, wenn Ihr mir nur nicht befehlt, daß ich Euch verlassen soll.«

»Es sei, Remy, folgt also meinem Schicksal, Ihr habt recht, nichts soll uns mehr trennen.« – Remy deutete auf das Porträt und sagte voll Tatkraft: »Wohl, er ist durch Verrat getötet worden, durch Verrat muß er auch gerächt werden. Ah! Ihr wißt eines nicht, Ihr habt recht,, die Hand Gottes ist mit uns; Ihr wißt nicht, daß ich in dieser Nacht das Geheimnis der Aqua tolana, dieses Giftes der Medici, dieses Giftes von René, dem Florentiner, gefunden habe.«

»Oh! sprichst du wahr?« – »Kommt und seht, edle Frau!«

»Aber Grandchamp, der wartet, was wird er sagen, wenn er uns nicht zurückkommen sieht, wenn er uns nicht mehr hört, denn nicht wahr, du willst mich hinunterführen?« – »Der arme Greis hat sechzig Meilen zu Pferd zurückgelegt; er ist ganz gelähmt durch die Müdigkeit und schon auf meinem Bette entschlummert. Kommt!«

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