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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Im Louvre.

Nachdem König Heinrich bei Vincennes so mutig der Gefahr getrotzt hatte, kehrte er in den Louvre zurück, ohne ein Wort zu sagen, betete ein wenig länger als gewöhnlich und vergaß, einmal Gott hingegeben, so groß war seine Inbrunst, den wachsamen Offizieren und den ergebenen Garden, mit deren Hilfe er der Gefahr entgangen war, zu danken. Dann legte er sich zu Bette, wobei er seine Kammerdiener durch die Schnelligkeit, mit der er seine Toilette machte, in Erstaunen setzte; es war, als hätte er Eile, einzuschlafen, um am andern Morgen seine Gedanken frischer und klarer wiederzufinden.

Epernon, der letzte von allen im Zimmer des Königs, ging in sehr übler Laune weg, da er sah, daß kein Dank kam.

Und Loignac, der vor dem Samtvorhang der Tür stand, wandte sich, als Herr von Epernon, ohne ein Wörtchen zu sprechen, vorüberging, ungestüm gegen die Fünfundvierzig um und sagte: »Der König bedarf euer nicht mehr, meine Herren, geht zu Bette!«

Um zwei Uhr morgens schliefen alle im Louvre.

Das Geheimnis des Abenteuers war getreulich bewahrt und nirgends ruchbar geworden. Die guten Bürger von Paris schnarchten also gewissenhaft, ohne zu vermuten, Wie nahe sie der Thronbesteigung einer neuen Dynastie gewesen waren.

Heinrich, dessen Erwachen viele Leute ungeduldig erwarteten, um zu wissen, was sie hoffen durften, nahm am andern Morgen vier Tassen Bouillon in seinem Bett, statt der zwei, die er gewöhnlich trank, und ließ die Herren von O und von Villequier wissen, sie hätten in seinem Zimmer an der Abfassung eines neuen Finanzediktes zu arbeiten.

Der König hatte zu unterzeichnen, er unterzeichnete; er hatte Vorträge zu hören, er hörte, wobei er die Augen auf eine so natürliche Weise schloß, daß man unmöglich wissen konnte, ob er hörte oder schlief. Endlich schlug es drei Uhr nachmittags.

Der König ließ Herrn von Epernon rufen. Man antwortete ihm, der Herzog lasse die Chevaulegers Revue passieren.

Er verlangte nach Loignac. Man antwortete ihm, Loignac probiere limousinische Pferde.

Man erwartete, den König infolgedessen ärgerlich zu sehen; keineswegs, gegen die allgemeine Erwartung fing er an, mit der allerungezwungensten Miene eine Jagdfanfare zu pfeifen, eine Zerstreuung, der er sich nur überließ, wenn er vollkommen mit sich selbst zufrieden war.

Offenbar verwandelte sich die Lust zu schweigen, die der König vom Morgen an hatte, in eine wachsende Begierde zu sprechen.

Diese Begierde wurde am Ende ein unwiderstehliches Bedürfnis; doch da der König niemand hatte, so mußte er allein sprechen.

Er verlangte zu essen, und während er aß, ließ er sich ein erbauliches Buch vorlesen.

Dann legte er große Toilette an und ging in sein Kabinett, wo ihn sein Hof erwartete.

Besonders bei Hofe fühlt man, wenn Stürme herannahen und wann sie enden; ohne daß irgend jemand gesprochen, ohne daß irgendjemand den König erblickt hatte, war jedermann gefaßt, sich nach dem zu richten, was kommen würde.

Die beiden Königinnen waren sichtbar beunruhigt.

Bleich und ängstlich grüßte Katharina und redete in kurzen, abgestoßenen Worten.

Luise von Vaudemont schaute niemand an und hörte nichts. Es gab Augenblicke, wo die arme junge Frau nahe daran war, den Verstand zu verlieren.

Der König trat ein. Er hatte ein lebhaftes Auge und eine rosenfarbige Haut; man konnte aus seinem Gesichte einen Ausdruck guter Laune lesen, der auf allen diesen düstern Gesichtern die Wirkung hervorbrachte, die ein Sonnenstrahl auf die vergilbten Gebüsche hervorbringt. Auf der Stelle war alles mit Gold, mit Purpur übergossen, in einer Sekunde erstrahlte alles.

Heinrich küßte seiner Mutter und seiner Frau mit derselben Galanterie die Hand, wie wenn er noch Herzog von Anjou gewesen wäre. Er richtete tausend Schmeicheleien an die Damen, die nicht mehr an diese Art gewohnt waren, und ging sogar so weit, daß er ihnen Zuckerwerk anbot.

»Man war unruhig über Eure Gesundheit, mein Sohn,« sagte Catharina, indem sie den König mit einer besonderen Aufmerksamkeit anschaute, als wollte sie sich versichern, daß diese Gesichtsfarbe nicht Schminke, diese schöne Laune keine Maske sei.

»Man hatte unrecht, Madame,« erwiderte der König, »ich habe mich nie besser befunden.« Und er begleitete diese Worte mit einem Lächeln, das über den Mund aller Anwesenden hinschwebte.

»Welchem glücklichen Einfluß habt Ihr diese Besserung Eurer Gesundheit zu danken, mein Sohn?« fragte Catharina mit einer schlecht verhehlten Unruhe.

»Dem, daß ich viel gelacht habe,« antwortete der König.

Alle schauten sich mit so tiefem Erstaunen an, daß es schien, als hätte der König etwas Ungeheuerliches gejagt.

»Viel gelacht? Ihr könnt viel lachen?« versetzte Katharina mit ihrer herben Miene, »dann seid Ihr glücklich.«

»So ist es, Madame.«

»Und was hat bei Euch eine solche Heiterkeit hervorgerufen?« – »Ich muß Euch sagen, Madame, daß ich gestern in Vincennes gewesen bin.«

»Ich habe es erfahren.« – »Ah! Ihr habt es erfahren?«

»Ja, mein Sohn, alles, was Euch berührt, ist mir wichtig; damit lehre ich Euch nichts Neues.« – »Nein, gewiß nicht; ich war also in Vincennes, als mir mein Vortrab bei der Rücklehr eine feindliche Armee signalisierte, deren Musketen auf der Straße glänzten.«

»Eine feindliche Armee auf der Straße von Vincennes?« – »Ja, meine Mutter.«

»Und wo dies?« – »Dem Fischteiche der Jakobiner gegenüber, bei dem Hause unserer guten Base.«

»Bei dem Hause der Frau von Montpensier?« rief Luise von Vaudemont. – »Ganz richtig, Madame, bei Bel-Esbat; ich näherte mich mutig, um die Schlacht zu liefern, und bemerkte...«

»Mein Gott! fahrt fort, Sire,« sagte die Königin wirklich unruhig. – »Oh! beruhigt Euch, Madame!«

Katharina wartete voll Angst, doch weder ein Wort noch eine Gebärde verriet ihre Unruhe.

»Ich bemerkte,« fuhr der König fort, »eine ganze Priorei von Mönchen, die unter Kriegsgeschrei die Gewehre vor mir präsentierten.«

Der Kardinal von Joyeuse lachte, der ganze Hof stimmte ein.

»Oh!« sagte der König, »lacht, lacht, Ihr habt recht, man wird lange Zeit davon sprechen.«

Während dieses Gesprächs standen nach der Etikette der Zeit alle Damen auf und entfernten sich, eine nach der andern, nachdem sie sich vor dem König verbeugt hatten; die Königin folgte ihnen mit ihren Ehrendamen.

Die Königinmutter allein blieb; es lag in der ungewöhnlichen Heiterkeit des Königs ein Geheimnis, das sie ergründen wollte.

»Ah! Kardinal,« sagte plötzlich der König zu dem Prälaten, der weggehen wollte, denn er sah, daß die Königinmutter blieb und mit ihrem Sohne zu reden wünschte, »sagt, wie geht es Eurem Bruder du Bouchage?«

»Sire, ich weiß es nicht.«

»Wie, Ihr wißt es nicht?«

»Nein, ich sehe ihn selten, oder vielmehr gar nicht,« erwiderte der Kardinal.

Eine ernste, traurige Stimme erscholl im Hintergrunde des Gemachs.

»Hier bin ich, Sire,« sagte diese Stimme.

»Ah! er ist es,« rief Heinrich; »nähert Euch, Graf, nähert Euch!«

Der junge Mann gehorchte.

»Ei, bei Gott!« sagte der König, indem er ihn voll Erstaunen anschaute, »bei meinem adligen Wort, das ist kein Körper mehr, sondern ein wandernder Schatten.«

»Sire,« erwiderte der Kardinal, selbst erstaunt über die Veränderung, die in der Haltung und dem Gesichte seines Bruders vorgegangen war, »Sire, er arbeitet viel.«

Der Kardinal erriet aus der Haltung des Königs, daß er mit du Bouchage allein zu sein wünschte, und schlich sich sacht weg.

Der König sah ihn aus einem Augenwinkel weggehen und blickte dann nach seiner Mutter, die unbeweglich blieb. Es waren im Salon nur noch die Königinmutter, Herr von Epernon, der ihr tausend Artigkeiten sagte, und du Bouchage. An der Tür stand Loignac, der, halb Höfling, halb Soldat, mehr seinen Dienst als irgend etwas anderes tat.

Der König setzte sich und hieß du Bouchage durch ein Zeichen näher hinzutreten.

»Graf,« sagte er, »warum verbergt Ihr Euch so hinter den Namen, wißt Ihr nicht, daß es mir Vergnügen macht, Euch zu sehen?«

»Dieses Wort ist eine große Ehre für mich, Sire,« erwiderte der junge Mann, indem er sich achtungsvoll verbeugte. »Woher kommt es denn, daß man Euch nicht mehr im Louvre sieht?«

»Man sieht mich nicht mehr?«

»In der Tat, nein, und ich beklagte mich darüber bei Eurem Bruder, dem Kardinal, der noch gelehrter ist, als ich glaubte. Henri, dein Bruder hat dich bei seiner Abreise mir wie einen Freund empfohlen; ich will für dich ein älterer Bruder sein; sei offenherzig, unterrichte mich; ich versichere dir, du Bouchage, daß für alles, mit Ausnahme des Todes, meine Macht und meine Zuneigung für dich ein Mittel finden werden.«

»Sire,« erwiderte der junge Mann, indem er dem König zu Füßen sank, »macht mich nicht verwirrt durch den Ausdruck einer Güte, die ich nicht zu erwidern weiß; für mein Unglück gibt es kein Mittel, denn mein Unglück ist meine einzige Freude.«

»Du Bouchage, du bist ein Narr und tötest dich durch Einbildungen, das sage ich dir.«

»Ich weiß es wohl,« antwortete der junge Mann.

»Aber sprich doch,« rief der König etwas ungeduldig, »wünschest du eine Heirat zu machen, willst du einen Einfluß ausüben?«

»Sire, es handelt sich darum, Liebe einzuflößen, und Ihr seht, daß die ganze Welt nicht die Macht besitzt, mir diese Gunst zu verschaffen. Ich allein kann sie erlangen und für mich allein erlangen.«

»Warum dann verzweifeln?«

»Weil ich fühle, daß ich sie nie erreichen werde.«

»Versuche es, mein Kind; du bist reich, du bist jung, du bist schön; wer ist die Frau, die dem dreifachen Einfluß der Schönheit, der Jugend und der Liebe zu widerstehen vermag? Es gibt keine, du Bouchage, es gibt keine.«

»Wie viele Menschen würden Eure Majestät an meiner Stelle für ihre übermäßige Nachsicht und Gnade segnen! Von einem König, wie Eure Majestät, geliebt zu sein, ist beinahe so viel, wie von Gott geliebt zu sein.«

»Du nimmst also an; gut! Sage nichts, wenn du verschwiegen sein willst; ich werde Erkundigungen einziehen; ich werde Schritte tun lassen; du weißt, was ich für deinen Bruder getan habe, ebensoviel werde ich für dich tun. Hunderttausend Taler sollen mich nicht aufhalten.«

Du Bouchage ergriff die Hand des Königs, drückte sie an seine Lippen und sagte: »Eure Majestät verlange eines Tages mein Blut, und ich werde es bis zum letzten Tropfen vergießen, um ihr zu beweisen, wie dankbar ich für die Gunst bin, die ich ausschlage.«

Heinrich III. wandte sich ärgerlich auf den Absätzen um.

»In der Tat,« sagte er, »diese Joyeuse sind halsstarriger als die Valois; da ist einer, der mir alle Tage sein langes Gesicht und seine schwarz umkreisten Augen bringen wird; das wird erfreulich sein; es sind ohnehin schon so viele heitere Gesichter bei Hofe!«

»Oh! Sire, dem soll nicht so sein,« rief der junge Mann, »ich werde das Fieber meiner Wangen wie eine lästige Schminke abwischen, und jeder soll, wenn er mich lächeln sieht, glauben, ich sei der glücklichste Mensch.«

»Ja, aber ich, ich werde das Gegenteil wissen, du Starrkopf; und diese Gewißheit wird mich traurig machen.«

»Erlaubt mir Eure Majestät, daß ich mich entferne?« – »Ja, ja, mein Sohn, gehe und suche ein Mann zu sein!«

Der junge Mann küßte dem König die Hand, verbeugte sich vor der Königinmutter, ging stolz an Epernon vorüber, der ihn nicht grüßte, und verließ das Zimmer.

Sobald er die Türschwelle überschritten hatte, rief der König: »Schließt, Nambu!«

Der Huissier, an den dieser Befehl gerichtet war, verkündigte sogleich im Vorzimmer, der König empfange niemand mehr.

Heinrich näherte sich nun Epernon, klopfte ihm auf die Schulter und sagte zu ihm: »Lavalette, du wirst heute abend unter deine Fünfundvierzig Geld austeilen und ihnen Urlaub für eine Nacht und einen Tag geben. Sie sollen sich vergnügen. Bei der Messe! sie haben mich gerettet, gerettet wie das weiße Roß Sullas.«

»Gerettet?« rief Catharina erstaunt.

»Ja, meine Mutter.«

»Gerettet, wovor?«

»Ah! da fragt Epernon!«

»Ich frage Euch, das ist noch besser, wie mir scheint.«

»Nun wohl! Madame, unsere vielgeliebte Base, die Schwester Eures Freundes, des Herrn von Guise... Ah! verteidigt Euch nicht, es ist Euer guter Freund.«

Catharina lächelte wie eine Frau, die sagen will: »Er wird nie begreifen.«

Der König sah dieses Lächeln, preßte die Lippen zusammen und fuhr dann fort: »Die Schwester Eures guten Freundes von Guise hat mir gestern einen Hinterhalt legen lassen.«

»Einen Hinterhalt?«

»Ja, Madame, gestern wäre ich beinahe festgenommen. vielleicht ermordet worden.«

»Durch Herrn von Guise?« rief Katharina.

»Ihr glaubt es nicht?«

»Nein, ich muß es gestehen.«

»Epernon, mein Freund, um der Liebe Gottes willen, erzählt der Frau Königinmutter das Erlebnis: wenn ich selbst spräche, und sie fortwährend so die Achseln zuckte, so würde ich in Zorn geraten, und ich habe wahrhaftig nichts zuzusetzen.«

Dann fuhr Heinrich, sich an Katharina wendend, fort: »Gott befohlen, Madame, Gott befohlen, liebt Herrn von Guise, solange Ihr wollt; ich habe schon Herrn von Salcède vierteilen lassen, wie Ihr Euch erinnern werdet?«

»Gewiß.«

»Nun! die Herren von Guise mögen es machen wie Ihr, sie mögen es nicht vergessen.«

Nachdem er so gesprochen, zuckte er die Achseln noch höher, als seine Mutter sie gezuckt hatte, und kehrte in seine Gemächer zurück.

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