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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Wie der König von Navarra lateinisch versteht.

Das Kabinett des Königs von Navarra war, wie man sich denken kann, nicht sehr kostbar. Seine Bearnsche Majestät war nicht reich und hielt mit dem wenigen, was sie besaß, Haus. Dieses Kabinett nahm mit dem Prunkschlafgemach den ganzen rechten Flügel des Schlosses ein, ein Korridor lief an dem Vorzimmer oder dem Zimmer der Wachen und am Schlafzimmer hin und führte zu dem Kabinett, aus dem sich eine herrliche Aussicht bot.

Es ist nicht zu leugnen, diese natürlichen Schönheiten nahmen Chicot weniger in Anspruch, als die Einrichtung des Kabinetts, Heinrichs gewöhnlicher Wohnung. In jedem Gerät schien der verständige Gesandte einen Buchstaben zu suchen und aus ihnen allen den Schlüssel zu dem Rätsel zu gewinnen, nach dessen Lösung er schon so lange und auf seinem ganzen Wege geforscht hatte.

Der König setzte sich mit seiner gewöhnlichen Leutseligkeit und mit seinem ewigen Lächeln in einen großen Lehnstuhl von Hirschleder mit vergoldeten Nägeln, aber wollenen Fransen; ihm gegenüber stellte Chicot ein Taburett, das ebenso überzogen und mit ähnlicher Zier versehen war.

»Ihr werdet mich für sehr neugierig halten, mein lieber Herr Chicot,« begann der König, »daß ich Euch so anschaue, aber ich kann nicht anders; ich glaubte so lange, Ihr wäret tot, daß ich mich trotz der großen Freude, die mir Eure Auferstehung bereitet, nicht in den Gedanken, Ihr lebt, finden kann. Warum seid Ihr denn plötzlich aus dieser Welt verschwunden?« – »Ei! Sire,« erwiderte Chicot mit seiner gewöhnlichen Freimütigkeit, »Ihr seid wohl auch aus Vincennes verschwunden. Jeder macht sich nach Maßgabe seiner Mittel und besonders seines Bedürfnisses unsichtbar.« – »Ihr habt immer mehr Witz als jeder andere, mein lieber Herr Chicot,« sagte Heinrich, »und daran erkenne ich hauptsächlich, daß ich nicht mit Eurem Schatten spreche.«

Dann nahm er eine ernste Miene an und fügte hinzu: »Noch wollen wir nicht den Witz beiseite lassen und von unseren Angelegenheiten sprechen?« – »Wenn es Eure Majestät nicht zu sehr ermüdet, so bin ich zu Befehl.«

Das Auge des Königs funkelte. »Ich müde? Es ist wahr, ich roste hier ein, doch ich bin nicht müde, solange ich nichts getan habe.«

»Sire, das ist mir sehr erfreulich; Botschafter eines Königs, Eures Verwandten und Freundes, habe ich Aufträge von sehr zarter Natur bei Eurer Majestät zu vollziehen.« – »Sprecht geschwind, denn Ihr reizt meine Neugierde.«

»Sire...«

»Zuerst Euer Beglaubigungsschreiben; ich weiß, dies ist eine unnötige Förmlichkeit; da Ihr bei mir erscheint; doch ich will Euch beweisen, daß wir, obgleich ein Bearner Bauer, unsere Pflichten als König kennen.«

Chicot teilte hierauf dem König kurz mit, daß und warum er das Beglaubigungsschreiben vernichtet, vorher aber auswendig gelernt habe. Das Schreiben sei Lateinisch abgefaßt gewesen. Heinrich erklärte, er verstehe diese Sprache nicht, während Chicot mit gleicher Ehrlichkeit seine Unkenntnis dieser Sprache behauptete. Chicot begann:

»Frater carissime«,

»Sincerus amor, quo te prosecquebatur germanus noster Carolus nonus, functus nuper, colet usque regiam nostram et pectori meo pertinaciter adheret.«

Heinrich verzog keine Miene, doch bei dem letzten Worte unterbrach er Chicot mit einer Gebärde und sagte:

»Wenn ich mich nicht sehr täusche, ist in diesem Satz von Liebe, von Hartnäckigkeit und von meinem Schwager Karl IX. die Rede?« – »Ich möchte nicht nein sagen, das Lateinische ist eine so schöne Sprache, daß dies alles in einem einzigen Satze enthalten sein könnte.«

»Fahrt fort!« sagte der König.

Chicot fuhr fort.

Der Bearner hörte mit demselben Phlegma alle Stellen an, wo von seiner Frau und von dem Vicomte von Turenne die Rede war; bei dem letzten Worte aber fragte er: » Turennius, bedeutet das nicht Turenne?« – »Ich denke wohl, Sire.«

»Und Margota, wäre das nicht der freundschaftliche Name, den meine Schwäger Karl IX. und Heinrich III. ihrer Schwester, meiner vielgeliebten Gemahlin Margarete, gaben?« – »Ich kann das nicht als unmöglich ansehen,« erwiderte Chicot. Und er fuhr in seiner Übertragung bis zum letzten Ende des Satzes fort, ohne daß ein einziges Mal das Gesicht des Königs seinen Ausdruck veränderte.

Endlich hielt er an, nachdem er die Schlußworte mit einem ganz sonderbaren Schnarren gesprochen hatte.

»Seid Ihr zu Ende?« fragte Heinrich. – »Ja, Sire.«

»Das muß herrlich sein.« – »Nicht wahr, Sire?«

»Welch ein Unglück, daß ich nur die beiden Worte: Turennius und Margota, verstanden habe.« – »Ein unwiederbringliches Unglück, Sire, wenn sich Eure Majestät nicht entschließt, den Brief durch irgendeinen Geistlichen übersetzen zu lassen.«

»Oh! nein,« rief Heinrich lebhaft. »Und Ihr selbst, Herr Chicot, der Ihr bei Eurer Botschaft mit so viel Diskretion zu Werke gegangen seid, daß Ihr das Original der Schrift habt verschwinden lassen, werdet mir nicht raten, diesen Brief irgendwie der Öffentlichkeit zu übergeben?« – »Ich sage das nicht, Sire.«

»Aber Ihr denkt es?« – »Ich denke, da Eure Majestät mich fragt, daß der Brief des Königs, Eures Schwagers, der mir so sehr empfohlen und an Eure Majestät durch einen besonderen Abgesandten übergeben ist, vielleicht da und dort etwas Gutes enthält, wovon Eure Majestät Gebrauch machen könnte.«

»Ja, doch um das Gute jemand anzuvertrauen, müßte ich zu irgend jemand volles Zutrauen haben.« – »Gewiß.«

»Nun, so tut eines,« sagte Heinrich, wie von einem Gedanken erleuchtet. – »Was?« »Sucht meine Frau Margota auf; sie ist gelehrt; tragt ihr den Brief vor, und sie wird ihn verstehen... Und dann wird sie mir ihn ganz natürlich erklären.« – »Ah! das ist bewunderungswürdig!« rief Chicot. »Eure Majestät spricht goldene Worte.«

»Nicht wahr? Geht also!« – »Ich eile, Sire.«

»Verändert nicht ein Wort an dem Briefe.« – »Das wäre mir unmöglich. Ich müßte das Lateinische verstehen, und ich verstehe davon höchstens hier und da einen barbarischen Ausdruck.«

»Geht, mein Freund, geht!«

Chicot erbat sich die nötige Auskunft, wie er die Königin finden könne, und verließ Heinrich, mehr als je überzeugt, Heinrich sei ein Rätsel.

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