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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Ernauton von Carmainges.

Ernauton blieb auf dem Schlachtfeld, ziemlich verlegen darüber, was er mit den zwei Feinden machen sollte, die voraussichtlich bald ihre Augen wieder in seinen Armen öffneten.

Da indes keine Gefahr war, daß sie sich entfernten, ging der junge Mann weg, um Hilfe zu suchen, und fand auch bald, was er suchte.

Ein Wagen, von zwei Ochsen gezogen und von einem Bauern geführt, erschien oben auf dem Berge, kräftig sich von einem durch das Feuer der untergehenden Sonne geröteten Himmel abhebend.

Ernauton redete den Führer an, er erzählte ihm, es habe ein Kampf zwischen Hugenotten und Katholiken stattgefunden, dieser Kampf sei für vier tödlich gewesen, zwei hatten ihn jedoch überlebt. Obwohl zum Tode erschrocken, half der Bauer dem jungen Mann, zuerst Herrn von Mayenne und sodann den Soldaten, der immer noch die Augen geschlossen hielt, auf seinen Wagen tragen.

Im Stalle dieses Bauern, auf einem guten Strohlager, kam Herr von Mayenne wieder zum Bewußtsein. Er öffnete die Augen und schaute sich mit einem leicht begreiflichen Erstaunen um.

Sofort entließ Ernauton den Bauern.

»Wer seid Ihr, mein Herr?« fragte Mayenne. – Lächelnd erwiderte Ernauton: »Erkennt Ihr mich nicht?«

»Doch wohl,« sagte der Herzog, die Stirn faltend, »Ihr seid, der, der meinem Feind zu Hilfe gekommen ist.« –

»Ja, ich bin aber auch der, der Euren Feind verhindert hat, Euch zu töten.«

»Das muß so sein, da ich lebe, wenn er mich nicht etwa tot glaubte.« – »Er entfernte sich, während er Euch lebend wußte.«

»Er hielt wenigstens meine Wunde für tödlich.« – »Ich weiß es nicht; wenn ich mich aber nicht widersetzt hätte, würde er Euch eine beigebracht haben, die es sicher gewesen wäre.«

»Aber warum habt Ihr denn meine Leute töten helfen, um hernach diesen Menschen zu hindern, daß er mich töte?« –

»Das ist ganz einfach, mein Herr, und ich wundere mich, daß ein Edelmann, – Ihr scheint mir einer zu sein, – mein Benehmen nicht begreift. Der Zufall führte mich auf die Straße, der Ihr folgtet, ich sah mehrere Männer einen einzigen angreifen, ich verteidigte den einzelnen Mann; als dieser Tapfere, dem ich zu Hilfe kam – denn wer er auch sein mag, tapfer ist dieser Mann –, mit Euch allein kämpfend, den Sieg hatte, und ich sah, daß er diesen Sieg mißbrauchen wollte, da trat ich mit meinem Schwerte dazwischen.«

»Ihr kennt mich also? – »Ich brauche Euch nicht zu kennen; ich weiß, daß Ihr ein Verwundeter seid, und das genügt mir.«

»Seid offenherzig, Ihr kennt mich.« – »Es ist seltsam, daß Ihr mich nicht begreifen wollt; ich finde es durchaus nicht edler, einen wehrlosen Menschen zu töten, als zu sechs einen Vorübergehenden anzugreifen.«

»Ihr gesteht aber zu, daß es für jedes Ding Gründe geben kann?« – Ernauton verbeugte sich, antwortete aber nicht.

»Habt Ihr nicht gesehen, daß ich allein den Degen mit diesem Menschen kreuzte?« »Es ist wahr, ich habe es gesehen.«

»Dieser Mensch ist mein Todfeind.« – »Ich glaube es, denn er hat mir dasselbe von Euch gesagt.«

»Und wenn ich meine Wunde überlebe...« – »Das geht mich nichts an, Ihr mögt nach Eurem Belieben handeln, mein Herr.«

»Haltet Ihr mich für sehr gefährlich verwundet?« – »Ich habe Eure Wunde untersucht, mein Herr, und ich glaube, daß sie zwar schwer, aber nicht tödlich ist. Das Eisen ist, wie mir scheint, an den Rippen abgeglitten und nicht in die Brust gedrungen. Atmet, und ich hoffe, Ihr werdet keinen Schmerz in der Gegend der Lunge empfinden.«

Mayenne atmete mühsam, aber ohne ein inneres Leiden.

»Es ist wahr,« sagte er; »doch die Menschen, die bei mir waren?« – »Sind tot, mit Ausnahme eines einzigen.«

»Man hat sie also auf der Straße liegen lassen?« –

»Ja.«

»Hat man sie durchsucht?« – »Der Bauer, den Ihr gesehen habt, und der unser Wirt ist, besorgte das.

»Was hat er bei ihnen gefunden?« – »Etwas Geld.« »Und Papiere?« – »Ich weiß nichts davon.« »Ah!« machte Mayenne mit offenbarer Befriedigung. –

»Übrigens könnt Ihr Euch bei dem, der noch lebt, erkundigen.«

»Wo ist er?« – »In der Scheune, zwei Schritte von hier.«

»Schafft mich zu ihm, oder schafft ihn vielmehr zu mir, und wenn Ihr, ein Ehrenmann seid, schwört mir, keine Frage an ihn zu richten.« – »Ich bin nicht neugierig, mein Herr, und will von dieser Suche nichts weiter wissen.«

Der Herzog schaute Ernauton mit einem Überreste von Unruhe an.

»Mein Herr,« sagte Ernauton, »ich wäre glücklich, wenn Ihr einem andern den Auftrag erteiltet, den Ihr mir geben wollt.«

»Ich habe unrecht, mein Herr, und ich erkenne es,« erwiderte Mayenne; »habt die Gefälligkeit, mir den Dienst zu leisten, um den ich Euch bitte.«

Fünf Minuten nachher trat der Soldat in den Stall. Er stieß einen Schrei aus, als er den Herzog erblickte; dieser aber hatte die Kraft, den Finger auf die Lippen zu legen; der Soldat schwieg sogleich.

»Mein Herr,« sagte Mayenne zu Ernauton, »mein Dank wird ewig währen, und eines Tages werden wir uns unter besseren Umständen wiederfinden; darf ich Euch fragen, mit wem ich zu sprechen die Ehre habe?«

»Ich bin der Vicomte Ernauton von Carmainges.«

»Ihr folgtet dem Wege nach Beaugency.« – »Ja.«

»Dann habe ich Euch gehindert, und Ihr könnt vielleicht diese Nacht nicht weiter reisen?« – »Im Gegenteil, ich gedenke sogleich wieder aufzubrechen.«

»Nach Beaugency?« – Ernauton schaute Mayenne wie ein Mensch an, den dieses Drängen unangenehm berührt. »Nach Paris,« sagte er. Der Herzog schien erstaunt. »Verzeiht,« fuhr er fort, »aber es ist seltsam, daß Ihr, nach Beaugency reitend und durch einen unvorhergesehenen Umstand aufgehalten, das Ziel Eurer Reise verfehlt habt.«

»Nichts kann einfacher sein,« entgegnete Ernauton, »ich begab mich zu einem Stelldichein. Da mich unser Abenteuer hier anhielt, so verfehlte ich die verabredete Zeit und kehre nun zurück.«

Mayenne suchte vergeblich auf Ernautons unempfindlichem Gesicht einen andern Gedanken zu lesen, als den seine Worte ausdrückten.

»Oh!« sagte er endlich, »warum bleibt Ihr nicht einige Tage bei mir! Ich würde meinen Soldaten hier nach Paris schicken, um einen Wundarzt holen zu lassen, denn nicht wahr, Ihr begreift, daß ich nicht allein bei den mir völlig unbekannten Bauern verweilen kann.«

»Und warum,« entgegnete Ernauton, »sollte nicht Euer Soldat bei Euch bleiben und ich Euch einen Wundarzt schicken?«

Mayenne zögerte. »Wißt Ihr den Namen meines Feindes?« fragte er. – »Nein,«

»Wie, Ihr habt ihm das Leben gerettet und er hat Euch nicht einmal seinen Namen gesagt?« – »Ich habe ihn nicht danach gefragt.«

»Ihr habt ihn nicht danach gefragt?« – »Ich rettete Euch auch das Leben, habe ich Euch deshalb nach dem Eurigen gefragt? Dafür wißt Ihr beide den meinigen.«

»Ich sehe, daß nichts von Euch zu erfahren ist, und daß Ihr ebenso verschwiegen wie mutig seid.« – »Und ich sehe, daß Ihr diese Worte mit der Absicht eines Vorwurfs aussprecht, und ich bedaure dies; denn in der Tat, was Euch beunruhigt, sollte Euch gerade beruhigen. Man kann nicht verschwiegen gegen einen sein, ohne es gegen den andern zu sein.«

»Ihr habt recht; Eure Hand, Herr von Carmainges.«

Ernauton gab ihm die Hand, doch ohne daß irgend etwas in seiner Gebärde andeutete, er wisse, daß er einem Prinzen die Hand reiche.

»Ihr habt mein Benehmen getadelt,« sagte Mayenne, »ich kann mich nicht rechtfertigen, ohne große Geheimnisse zu enthüllen. Es ist, glaube ich, besser, wenn wir unsere Bekenntnisse nicht weiter treiben.« – »Ihr verteidigt, während ich nicht anklage. Glaubt mir, es steht Euch vollkommen frei, zu sprechen oder zu schweigen.« »Ich danke und schweige. Wißt nur, daß ich ein Edelmann von gutem Hause und in der Lage bin, Euch jedes Vergnügen zu machen.« – »Lassen wir das ruhen, und glaubt mir, daß ich ebenso diskret in Beziehung auf Euren Kredit sein werde, wie ich es hinsichtlich Eures Namens gewesen bin. Bei dem Herrn, dem ich diene, brauche ich niemand.«

»Welchem Herrn?« fragte Mayenne unruhig, »welchem Herrn, wenn es Euch beliebt?« – »Oh! keine Bekenntnisse mehr! Ihr habt es selbst gesagt.«

»Das ist richtig,« – »Und dann fängt Eure Wunde an, sich zu entzünden; glaubt mir, sprecht weniger!«

»Ihr habt recht. Oh! ich sollte notwendig meinen Wundarzt haben.« – »Ich kehre nach Paris zurück, wie ich Euch zu sagen die Ehre hatte; gebt mir seine Adresse!«

Mayenne machte dem Soldaten ein Zeichen, und dieser näherte sich ihm, dann sprachen sie leise miteinander, wobei sich Ernauton entfernte.

Nach einigen Minuten der Beratung wandte sich der Herzog nach Ernauton um und sagte: »Herr von Carmainges, Euer Ehrenwort, daß Ihr, wenn ich Euch einen Brief an jemand einhändigte, diesen Brief an die betreffende Person überliefern würdet?« – »Ich gebe es Euch.«

»Und ich glaube ihm. Ihr seid ein zu wackerer Mann, als daß ich Euch nicht blindlings vertrauen sollte.« Ernauton verbeugte sich. »Ich will Euch einen Teil meines Geheimnisses anvertrauen, ich gehöre, zu den Leibwachen der Frau Herzogin von Montpensier.« – »Ah!« versetzte Ernauton naiv, »die Frau Herzogin von Montpensier hat Leibwachen, das wußte ich nicht.«

»In diesen unruhigen Zeiten hilft sich jeder, so gut er kann, und da das Haus Guise ein souveränes Haus ist...« – »Ich verlange keine Erklärung; Ihr gehört zu den Leibwachen der Herzogin von Montpensier, das genügt mir.«

»Nun also, ich hatte den Auftrag, eine Reise nach Umboise zu machen, als ich auf dem Wege meinem Feinde begegnete. Das übrige wißt Ihr.« – »Ja.«

»Durch diese Wunde aufgehalten, bin ich der Herzogin Rechenschaft über die Ursache meines Zögerns schuldig.« – »Das ist richtig.«

»Ihr habt also wohl die Güte, ihr eigenhändig den Brief zu übergeben, den ich ihr zu schreiben die Ehre haben werde.«

Her Herzog ließ sich von seinem Soldaten das zum Schreiben Nötige geben und übergab den geschlossenen Brief Ernauton. »In drei Tagen,« sagte dieser, »ist das Schreiben übergeben.«

»Zu eigenen Händen?« – »An die Frau Herzogin von Montpensier selbst.«

Der Herzog drückte seinem Gefährten die Hände und sank dann ermattet, Schweiß auf der Stirn, auf das frische Stroh zurück.

»Mein Herr,« sagte der Soldat in einer Sprache, die Ernauton sehr wenig mit der Tracht im Einklang zu stehen schien, »Ihr habt mich gebunden wie ein Kalb, das ist wahr; aber, wollt Ihr oder wollt Ihr nicht, ich sehe dieses Band als eine Kette der Freundschaft an und werde es Euch geeigneten Orts und zu geeigneter Zeit beweisen.«

Und er reichte ihm eine Hand, deren Weiße der junge Mann schon wahrgenommen hatte.

»Es sei,« sagte Carmainges lächelnd, »ich habe also nun zwei Freunde mehr.«

»Spottet nicht,« erwiderte der Soldat, »man hat nie zu viel.«

»Es ist wahr, Kamerad,« sagte Ernauton und entfernte sich.

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