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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Wie Chicot seine Reise fortsetzte, und was ihm dabei begegnete.

Chicot brachte den ganzen Morgen damit zu, daß er sich Beifall zu der Kaltblütigkeit und Geduld spendete, die er in der Nacht erprobt hatte.

»Aber,« dachte er, »man fängt einen alten Wolf nicht zweimal in derselben Falle; es ist also beinahe gewiß, daß man heute eine neue Teufelei gegen mich ersinnen wird; wir wollen daher auf unserer Hut sein.«

Die Folge dieses äußerst klugen Schlusses war, daß Chicot diesen ganzen Tag einen Marsch machte, den Xenophon in seinem Rückzug der Zehntausend zu verewigen nicht für unwürdig gehalten haben würde.

Jeder Baum, jede Veränderung des Terrains, jede Mauer, diente ihm als Beobachtungspunkt oder als natürliches Festungswerk. Sogar Bündnisse schloß er unterwegs.

Vier dicke Pariser Krämer, die in Orleans ihre Konfitüren und in Limoges ihre getrockneten Früchte bestellen wollten, ließen sich herbei, Chicot, der sich für einen Strumpfwirker ausgab, in ihre Gesellschaft aufzunehmen. Der Bund bestand also aus fünf Herren und vier Kommis. Wir wollen nicht behaupten, daß Chicot große Achtung vor der Tapferkeit seiner Gefährten hegte, aber jedenfalls ist das Sprichwort wahr, das sagt, drei Feige haben beisammen weniger Furcht, als ein Braver ganz allein. Chicot hielt es nun nicht mehr für nötig, sich umzudrehen.

So erreichte man, viel politisierend und viel prahlend, die zum Abendessen und Nachtlager gewählte Stadt. Man speiste zu Nacht, man trank tüchtig, und jeder ging in sein Zimmer.

Chicot hatte während des Mahles weder seine spöttische Redseligkeit, die seine Gefährten ergötzte, noch den Muskat und den Burgunder geschont, die ihn in der Begeisterung erhielten. Man hatte unter Handelsleuten, das heißt unter freien Männern, wenig Umstände mit Seiner Majestät dem König von Frankreich und allen übrigen Majestäten gemacht, mochten sie nun von Lothringen, von Navarra, von Flandern oder von anderen Ländern sein.

Chicot legte sich nieder, nachdem er sich mit seinen vier Händlern, die ihn gleichsam im Triumph in sein Zimmer geleiteten, für den anderen Morgen verabredet hatte. Er sah sich wie ein Fürst von den vier Reisenden bewacht, deren vier Zimmer vor dem seinigen kamen, das am Ende des Ganges lag und folglich durch die dazwischenliegenden Außenforts uneinnehmbar war.

Chicot konnte also, ohne sich gegen seine gewöhnliche Klugheit zu verfehlen, zu Bette gehen und einschlafen. Er konnte dies um so eher tun, als er zur Verstärkung der Vorsicht ängstlich das Zimmer untersucht, die Riegel seiner Tür vorgeschoben, und die Laden seines Fensters, des einzigen in seiner Stube, geschlossen hatte.

Aber es trat während seines ersten Schlafes ein Ereignis ein, das auch der Weiseste nicht hätte voraussehen können. Um halb zehn Uhr wurde schüchtern an die Tür der vier Kommis geklopft, die alle vier beisammen in einer Dachstube über ihren Herren wohnten. Der eine öffnete in ziemlich übler Laune und stand dem Wirt gegenüber.

»Meine Herren,« sagte dieser, »ich sehe mit Vergnügen, daß ihr euch ganz angekleidet niedergelegt habt; ich will euch einen großen Dienst erweisen. Eure Patrone haben sich bei Tische an politischen Gesprächen sehr erhitzt. Es scheint, ein Beamter hat sie gehört und ihre Reden dem Maire hinterbracht. Unsere Stadt tut sich etwas darauf zu gut, treu zu sein, der Maire schickte die Wache, die eure Herren festgenommen und nach dem Rathause gebracht hat, wo sie sich erklären müssen. Das Gefängnis ist ganz nahe beim Rathaus; macht euch daher auf die Beine, eure Maultiere erwarten euch, eure Patrone werden euch wohl einholen.«

Die vier Kommis sprangen wie junge Ziegen, stürzten nach der Treppe, bestiegen zitternd ihre Maultiere und schlugen wieder den Weg nach Paris ein, nachdem sie den Wirt beauftragt hatten, die Herren von ihrer Abreise und von der Richtung, die sie genommen, in Kenntnis zu setzen, wenn sie etwa in den Gasthof zurückkämen.

Sobald der Wirt die vier Kommis an der Straßenecke verschwinden sah, klopfte er mit derselben Vorsicht an die erste Tür des Korridors, wo der erste Kaufmann schlief, und sagte ihm leise: »Man hat Euch bei Tisch den König schmähen hören, und der Maire ist davon durch einen Spion unterrichtet worden, worauf er sich hierher begeben. Zum Glück hatte ich den Gedanken, ihm das Zimmer Eurer Kommis zu bezeichnen, so daß er eben beschäftigt ist, diese oben zu verhaften, statt Euch hier festzunehmen.«

»Oh! oh! Was sagt Ihr mir da,« versetzte der Kaufmann.

»Die reine Wahrheit. Flüchtet eiligst, solange die Treppe noch frei ist...«

»Aber meine Gefährten?« – »Ihr werdet keine Zeit haben, sie zu benachrichtigen.«

»Arme Leute!« sagte der Kaufmann und kleidete sich in aller Hast an.

Währenddessen klopfte der Wirt, wie von einer plötzlichen Eingebung berührt, mit dem Finger an den Verschlag, der den ersten Kaufmann vom zweiten schied. Auf dieselben Worte und dieselbe Fabel öffnete der zweite sacht die Tür; erweckt wie der zweite, rief der dritte dem vierten, und leicht, wie ein Flug Schwalben, verschwanden alle vier, die Arme zum Himmel erhebend und auf den Fußspitzen marschierend.

»Der arme Strumpfwirker,« sagten sie, »auf ihn wird alles fallen; es ist nicht zu leugnen, er hat am meisten gesprochen. Meiner Treu! er mag sich Hüten, denn der Wirt hat nicht mehr Zeit gehabt, ihn zu warnen wie uns.«

Meister Chicot war in der Tat, wie man begreift, nicht benachrichtigt worden. In dem Augenblick, als die Kaufleute, ihn Gott empfehlend, entflohen, lag er im tiefsten Schlafe.

Der Wirt versicherte sich dessen, indem er an der Tür horchte; dann ging er in die untere Stube, deren sorgfältig verschlossene Tür sich auf ein Zeichen von ihm öffnete. Er nahm seine Mütze ab und trat ein.

Die Stube war von sechs bewaffneten Männern besetzt, von denen einer der Befehlshaber zu sein schien.

»Nun!« sagte der letztere. – »Herr Offizier, ich habe in allen Punkten gehorcht.«

»Ist Euer Wirtshaus verlassen?« – »Durchaus.«

»Die Person, die wir Euch bezeichnet haben, ist weder geweckt noch benachrichtigt worden?« – »Weder geweckt noch benachrichtigt.«

»Herr Wirt, Ihr wißt, in wessen Namen wir handeln; Ihr wißt, welcher Sache wir dienen, denn Ihr seid selbst ein Verteidiger der heiligen Sache.« – »Ja, gewiß, Herr Offizier; Ihr seht auch, daß ich, um meinem Schwure zu gehorchen, das Geld opferte, das meine Gäste bei mir verzehrt hatten; doch es ist in diesem Schwur gesagt: Ich werde meine Habe zur Verteidigung der heiligen katholischen Religion opfern.«

»Und mein Leben!... Ihr vergeßt dieses Wort,« sagte der Offizier mit stolzem Tone. – »Mein Gott!« rief der Wirt, die Hände faltend, »verlangt man mein Leben von mir? Ich habe Weib und Kinder!«

»Man wird es nur von Euch verlangen, wenn Ihr nicht blindlings dem gehorcht, was man Euch befiehlt.« – »Oh! ich werde gehorchen, seid unbesorgt.«

»Dann legt Euch zu Bette; schließt die Türen, und was Ihr auch hören oder sehen möget, geht nicht heraus, und sollte Euer Haus brennen oder über Eurem Haupte zusammenstürzen. Ihr seht, Eure Rolle ist nicht schwierig.« – »Ach, ach! ich bin zugrunde gerichtet,« murmelte der Wirt.

»Man hat mich beauftragt, Euch zu entschädigen, nehmt diese dreißig Taler.« – »Mein Haus für dreißig Taler!« versetzte der Wirt mit kläglichem Tone.

»Ei! bei Gott! Man wird Euch nicht eine einzige Scheibe zerbrechen, Ihr Flenner... Pfui! Welche gemeinen Streiter der heiligen Lige haben wir da...«

Der Wirt entfernte sich und schloß sich ein.

Nun befahl der Offizier den zwei am besten bewaffneten Leuten, sich unter Chicots Fenster zu stellen. Er selbst stieg mit drei anderen zu seinem Zimmer hinauf.

»Ihr wißt den Befehl?« sagte der Offizier. »Wenn er öffnet, wenn er sich durchsuchen läßt, wenn wir bei ihm finden, was wir haben wollen, soll ihm nicht das geringste Leid getan werden; geschieht das Gegenteil, so bekommt er einen guten Dolchstoß, einen Dolchstoß, versteht Ihr? Nichts von Pistole oder Büchse. Überdies ist es unnötig, da wir zu vier gegen einen sind.«

Man kam zur Tür. Der Offizier klopfte.

»Wer ist da?« fragte Chicot, plötzlich erweckt.

»Bei Gott! wir müssen listig sein,« sagte der Offizier.

»Eure Freunde, die Händler, die Euch etwas Wichtiges mitzuteilen haben,« antwortete er.

»Oh! oh!« rief Chicot, »der Wein von gestern hat Eure Stimmen sehr angeschwellt, meine Freunde.«

Der Offizier milderte seine Stimme und sagte im weichsten Tone: »Öffnet doch, lieber Gefährte und Freund!«

»Alle Wetter, wie Euer Gewürz nach Eisen riecht!«

»Ah! Du willst nicht öffnen!« rief ungeduldig der Offizier; »also drauf, stoßt die Tür ein!«

Chicot lief an das Fenster, öffnete es und sah unten die zwei bloßen Schwerter.

»Ich bin gefangen,« rief er.

»Ah! ah! Gevatter,« sagte der Offizier, der gehört hatte, wie er das Fenster öffnete. »Du fürchtest den gefährlichen Sprung und hast recht. Vorwärts, öffne uns, öffne!«

»Wahrhaftig, nein,« erwiderte Chicot, »die Tür ist fest, und man wird mir zu Hilfe kommen, wenn Ihr Lärm macht.«

Der Offizier brach in ein Gelächter aus und befahl den Soldaten, die Angeln loszubrechen.

Chicot brüllte, um die Kaufleute herbeizurufen.

»Dummkopf!« sagte der Offizier. »Glaubst du, wir hätten dir Hilfe gelassen? Du täuschest dich, du bist ganz allein und folglich verloren. Auf, mache gute Miene zum bösen Spiel... Und ihr, Leute, rührt euch!« Chicot hörte drei Musketenkolben mit der Gewalt und der Regelmäßigkeit von drei Widdern gegen die Tür stoßen.

»Es sind da drei Musketen und ein Offizier,« sagte er, »unten sind nur zwei Degen; fünfzehn Fuß zu springen, ist eine Erbärmlichkeit. Ich ziehe die Degen den Musketen vor.«

Und er band seinen Sack an seinen Gürtel und stieg, ohne zu zögern, sein Schwert in der Hand haltend, auf den Rand des Fensters. Die Männer unten hielten ihre Klinge in die Luft. Aber Chicot hatte richtig gerechnet. Nie wird ein Mensch, und wäre er ein Riese, den Sturz eines anderen erwarten, und wäre dieser ein Zweig, wenn der letztere Mensch ihn töten kann, indem er sich tötet. Die Soldaten veränderten ihre Taktik und wichen zurück, entschlossen, auf Chicot einzuhauen, wenn er gefallen wäre.

Darauf machte sich der Gaskogner gefaßt. Er sprang als gewandter Mann auf die Fußspitzen und blieb gekauert; in demselben Augenblick versetzte ihm einer von den Leuten einen Stich, der eine Mauer durchdrungen hätte.

Aber Chicot gab sich nicht einmal die Mühe zu parieren, er empfing den Stoß mitten auf bei Brust; doch auf dem Panzerhemd Gorenflots zerbrach die Klinge seines Feindes wie Glas.

»Er ist gepanzert,« sagte der Soldat.

»Bei Gott!« erwiderte Chicot, der ihm schon mit einem Hieb mit verkehrter Hand den Kopf gespalten hatte.

Wer andere schrie und war nur noch darauf bedacht zu parieren, denn Chicot griff ihn an. Leider besaß er nicht einmal die Stärke von Jacques Clement. Chicot streckte ihn beim zweiten Ausfall neben seinem Kameraden nieder, so daß der Offizier, als er nach Sprengung der Tür aus dem Fenster schaute, nur noch seine in ihrem Blute schwimmenden Soldaten sah. Fünfzig Schritte von den Sterbenden entfloh Chicot in aller Ruhe.

»Das ist ein Teufel,« rief der Offizier, »er hat die Eisenprobe.«

»Ja, aber nicht die, Bleiprobe,« erwiderte ein Soldat, auf ihn anschlagend.

»Unglücklicher!« rief der Offizier, indem er die Muskete aufhob, »kein Geräusch! Du wirst die ganze Stadt aufwecken; wir finden ihn morgen.«

»Oh!« sagte philosophisch einer von den Soldaten, »man hätte unten vier Mann aufstellen sollen und oben nur zwei.«

»Du bist ein Einfaltspinsel!« erwiderte der Offizier.

»Wir wollen sehen, was der Herzog zu ihm sagt,« brummte der Soldat, um sich zu trösten. Und er setzte den Kolben seiner Muskete auf die Erde.

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