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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Chicot der Lateiner.

Man erinnert sich, daß Chicot nach der Entfernung der jungen Leute raschen Schrittes marschiert war. Sobald sie aber an einem Abhange verschwanden, blieb Chicot, der wie ein Argus das Vorrecht, von hinten zu sehen, zu haben schien, auf dem Höhepunkte des Hügels stehen, schaute spähend ringsum, und als er sicher war, daß ihn niemand beobachtete, setzte er sich an den Rand eines Grabens, lehnte den Rücken an einen Baum und fing das an, was er seine Gewissensprüfung nannte.

Er hatte zwei Börsen, denn es war ihm nicht entgangen, daß der ihm von Sainte-Maline übergebene Beutel außer dem königlichen Brief gewisse runde, rollende Gegenstände enthielt, die ungemein Gold oder gemünztem Silber glichen. Der Beutel selbst war eine wahre königliche Börse, mit zwei H bezeichnet, von denen das eine unten, das andere oben aufgestickt.

»Das ist hübsch,« sagte Chicot, indem er die Börse betrachtete, »das ist reizend vom König! Sein Name, sein Wappen! Man kann nicht großmütiger und nicht alberner sein. Sehen wir zuerst, wieviel Geld in der Börse ist, den Brief untersuchen wir hernach... hundert Taler, gerade die Summe, die ich von Gorenflot entlehnt habe... Das ist in der Tat königlich. Ah! ich bitte um Verzeihung, wir wollen nicht verleumden. Hier ist ein kleines Päckchen spanisches Gold... fünf Quadrupel... äußerst delikat; sehr hübsch, Henriquet! Diese Börse belästigt mich; es kommt mir vor, als müßten die Vögel, die über meinem Kopfe hinfliegen, mich für einen königlichen Sendboten halten und verspotten oder, was noch schlimmer ist, mich den Vorübergehenden als solchen angeben.«

Chicot leerte seine Börse in seine hohle Hand, zog aus seiner Tasche den einfachen linnenen Sack Gorenflots, schob das Gold und das Silber hinein und sagte zu den Talern: »Ihr könnt ruhig beisammen bleiben, meine Kinder, denn ihr kommt aus demselben Land.«

»Das ist für mich,« sagte Chicot, »nun wollen wir für Heinrich arbeiten.«

Und er nahm den Brief des Königs, den er auf den Boden gelegt hatte, um den Beutel leichter in das Wasser zu schleudern. Doch es kam des Weges ein mit Holz beladener Esel, den zwei Frauen führten, und der so stolz einherschritt, als ob er statt des Holzes Reliquien trüge.

Chicot verbarg den Brief unter seiner breiten Hand, die er auf den Boden gestützt hatte, und ließ sie vorüberziehen. Sobald er wieder allein war, nahm er den Brief, zerriß den Umschlag und zerbrach das Siegel mit der unstörbarsten Ruhe. Dann nahm er den Umschlag wieder, rollte ihn zusammen, zermalmte das Siegel zwischen zwei Steinen und schleuderte alles dem Beutel nach.

»Nun wollen wir uns einmal den Stil betrachten,« sagte Chicot.

Und er entfaltete den Brief und las: »›Teuerster Bruder, die tiefe Liebe, die unser teuerster Bruder, der selige König Karl IX., für Euch hegte, wohnt noch unter den Gewölben des Louvre und hält beharrlich stand in meinem Herzen.‹

Chicot verbeugte sich.

»Es widerstrebt mir auch, daß ich über traurige, ärgerliche Dinge mit Euch sprechen muß; doch Ihr seid stark im Mißgeschick; ich zögere daher nicht, Euch diese Dinge mitzuteilen, die man nur mutigen und erprobten Freunden sagt.«

Chicot unterbrach sich mit einer abermaligen Verbeugung.

»Überdies habe ich ein königliches Interesse, Euch zu überzeugen; dieses Interesse ist die Ehre meines Namens und des Eurigen, mein Bruder.

»Wir gleichen uns in dem Punkt, daß wir alle von Feinden umgeben sind. Chicot wird Euch das erklären.«

»Chicotus explicabit,« sagte Chicot.

»Euer Diener, der Herr Vicomte von Turenne, gibt täglich Anlaß zu Ärgernis an Eurem Hofe; Gott verhüte es, daß ich in Eure Angelegenheiten schaue, wenn nicht für Euer Bestes und für Eure Ehre, aber Eure Frau, die ich zu meinem großen Bedauern meine Schwester nenne, sollte mehr Rücksicht für Euch haben, was sie nicht tut.«

»Oh! oh!« sagte Chicot, in seinen lateinischen Übersetzungen fortfahrend: »Quaeque omittit facere«. Das ist hart.«

»Ich fordere Euch daher auf, mein Bruder, darüber zu wachen, daß das Verhältnis Margots mit dem Vicomte von Turenne, der mit unseren Feinden in Verbindung steht, dem Hause Bourbon nicht Schmach und Schaden bringe. Statuiert ein gutes Beispiel, sobald Ihr der Sache sicher seid, und versichert Euch der Sache, sobald Ihr Chicot meinen Brief habt erklären hören.«

»Statim atque audiveris chicotum litteras explicantem. Fahren wir fort.«

»Es wäre ärgerlich, wenn der geringste Verdacht über der Legitimität Eurer Nachkommenschaft schwebte, mein Bruder, ein kostbarer Punkt, an den zu denken Gott mir verbietet, denn leider bin ich verurteilt, nicht in Nachkommen wiederaufzuleben. ›Die zwei Schuldigen, die ich Euch als Bruder und als König bezeichne, halten ihre Zusammenkünfte meistens in einem kleinen Schloß, das man Loignac nennt; dieses Schloß ist dabei ein Herd von Intrigen, denen die Herren von Guise nicht fremd find; denn Ihr wißt ohne allen Zweifel, mein lieber Heinrich, mit welch seltsamer Liebe meine Schwester Heinrich von Guise und meinen eigenen Bruder Herrn von Anjou zur Zeit verfolgt hat, wo ich selbst noch diesen Namen führte, und er Herzog von Alençon hieß.‹

»Quo et quam irregulari amore sit persecuta et Henricum Guisium et germanum meum etc.«

›Ich umarme Euch und empfehle Euch meinen Rat, bereit, Euch in allem und für alles zu unterstützen. Mittlerweile bedient Euch der Ratschläge Chicots, den ich Euch schicke.‹

» Age auctore Chicoto. Gut, nun bin ich Rat des Königreichs Navarra.«

›Euer wohlgewogener usw. usw.‹«

Nachdem er so gelesen, legte Chicot seinen Kopf in seine Hände und sagte: »Oh! mir scheint, das ist ein böser Auftrag, eine schlimmere Gefahr als Mayenne. In der Tat, Mayenne ist mir lieber.

»Und dennoch ist der Brief, abgesehen von seinem gestickten Beutel, den ich ihm beim Teufel nicht verzeihe, das Werk eines geschickten Mannes. Angenommen, daß Henriot von dem Teig geknetet ist, aus dem man gewöhnlich Ehemänner macht, so entzweit ihn dieser Brief mit einem Schlag mit seiner Frau, mit Turenne, Anjou, Guise und sogar mit Spanien. Um im Louvre so gut von dem unterrichtet zu sein, was bei Heinrich von Navarra in Pau vorgeht, muß Heinrich von Valois einen Spion dort haben, und dieser Spion wird Henriot ungemein ärgern.

»Andererseits wird mir dieser Brief viele Unannehmlichkeiten zuziehen, wenn ich einen Spanier, einen Lothringer, einen Bearner oder einen Flamländer treffe, der neugierig genug ist, wissen zu wollen, warum man mich nach Bearn schickt.

»Oh! ich wäre sehr unvorsichtig, wenn ich mich nicht auf das Begegnen mit einem solchen Neugierigen gefaßt machte. Täusche ich mich nicht sehr, so muß besonders Herr Borromée etwas gegen mich im Schilde führen.

»Zweiter Punkt.

»Was hat Chicot gesucht, als er eine Sendung zu König Heinrich verlangte? Die Ruhe war sein Ziel.

»Nun wird Chicot den König von Navarra mit seiner Frau entzweien.

»Das ist nicht Chicots Sache, da er sich, wenn er so mächtige Personen entzweit, Todfeinde machen muß, die ihn hindern werden, das glückliche Alter von achtzig Jahren zu erreichen.

»Meiner Treu, desto besser, man lebt nur gut, solange man jung ist. Aber es wäre ebensoviel wert, den Messerstich des Herrn von Mayenne zu erwarten.

»Nein, denn es muß Gegenseitigkeit in allen Dingen stattfinden, das ist Chicots Wahlspruch.«

So weiter philosophierend, beschloß er, seine Reise fortzusetzen. Zunächst aber übersetzte er den Brief ins Lateinische und prägte ihn seinem Gedächtnisse ein, sodann zerriß er das Papier in unzählige kleine Fetzen, die er sorglich in alle Winde zerstreute. Inzwischen kam er in die Stadt Corbeil, wo er in aller Eile ein Mahl nahm und sodann dem Wirt einen Klepper abkaufte, mit dem er seine Reise fortsetzte.

Wir wollen das Mahl nicht beschreiben, das er zu sich nahm; wir werden es nicht einmal versuchen, das Pferd zu schildern, das er im Stalle des Gastwirts kaufte; das wäre eine zu harte Aufgabe für uns; wir sagen nur, daß das Mahl lange genug währte, und daß das Pferd mangelhaft genug war, um uns, wenn unser Gewissen minder groß wäre, Stoff zu beinahe einem Bande zu liefern.

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