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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Zwei Freunde.

Wenn es dem Leser gefällt, wollen wir nun den beiden jungen Leuten folgen, die der König, entzückt, seine eigenen kleinen Geheimnisse zu haben, seinem Boten Chicot zusandte.

Kaum zu Pferde, hätten sich Ernauton und Sainte-Maline, als sie durch die Pforte ritten, beinahe erdrückt, damit nicht einer dem andern zuvorkomme. Die beiden Pferde, die nebeneinander gingen, preßten in der Tat die Knie ihrer Reiter zusammen. Das Gesicht Sainte-Malines wurde purpurrot, Ernautons wurde blaß.

»Ihr tut mir wehe, mein Herr,« rief der erstere, als sie außerhalb des Tores waren, »wollt Ihr mich denn zermalmen?« – »Ihr tut mir auch wehe, nur beklage ich mich nicht.«

»Ihr wollt mir, glaube ich, eine Lektion geben.« – »Ich will Euch gar nichts geben.«

»Ho! ho!« versetzte Sainte-Maline, der sein Pferd antrieb, um mehr in der Nähe mit seinem Gefährten sprechen zu können, »wiederholt mir noch einmal dieses Wort!« – »Ihr sucht Streit mit mir, nicht wahr?« sagte Ernauton phlegmatisch. »Schlimm für Euch!«

»Aus welchem Grunde sollte ich Streit mit Euch suchen? Kenne ich Euch?« entgegnete Sainte-Maline verächtlich. – »Ihr kennt mich ganz gut. Einmal, weil dort, woher wir kommen, mein Haus zwei Meilen von dem Eurigen liegt, und ich im Land als Edelmann bekannt bin; sodann, weil Ihr wütend seid, daß Ihr mich in Paris seht, während Ihr allein berufen zu sein glaubtet; und endlich, weil mir der König seinen Brief zu tragen gegeben hat.«

»Wohl! es mag sein,« rief Sainte-Maline, bleich vor Wut, »ich nehme dies alles für wahr an. Doch es geht eines daraus hervor ...« – »Was?«

»Daß ich bei Euch schlimm daran bin.« – »Geht, wenn Ihr wollt, ich halte Euch, bei Gott! nicht zurück.«

»Ihr stellt Euch, als verstündet Ihr nicht.« – »Im Gegenteil, ich verstehe Euch vortrefflich. Es wäre Euch lieb, wenn Ihr mir den Brief nehmen könntet, um ihn selbst zu tragen? Leider müßtet Ihr mich zu diesem Behufe töten.«

»Wer sagt Euch, daß ich nicht Lust dazu habe?« – »Wünschen und tun ist zweierlei.« »Steigt mit mir nur bis zum Rande des Wassers hinab, und Ihr werdet sehen, ob für mich wünschen und tun nicht eines ist.« – »Mein lieber Herr, wenn mir der König einen Brief zu tragen gibt ... so trage ich ihn.«

»Ich werde ihn Euch mit Gewalt entreißen, Ihr Geck.« – »Ihr wollt mich hoffentlich nicht in die Notwendigkeit versetzen, Euch wie einem tollen Hund den Schädel zu zerschmettern?«

»Ihr?« – »Allerdings; ich habe eine große Pistole, und Ihr habt keine.«

»Ah! das wirst du mir bezahlen,« rief Sainte-Maline, der sein Pferd einen Seitensprung machen ließ. – »Ich hoffe es wohl, nachdem ich meinen Auftrag besorgt habe.«

»Schelm.« – »Für den Augenblick nehmt Euch in acht, ich bitte Euch, Herr von Sainte-Maline, denn wir haben die Ehre, dem König zu gehören. Bedenkt, welch ein Triumph für die Feinde Seiner Majestät, wenn sie Uneinigkeit zwischen den Verteidigern des Thrones wahrnähmen.«

Sainte-Maline biß in seine Handschuhe, daß das Blut unter seinem wütenden Zahn hinablief.

»Oh! oh! mein Herr,« sagte Ernauton, »bewahrt Eure Hände, um den Degen zu halten, wenn wir so weit sind.«

»Oh! ich zerberste!« rief Sainte-Maline. – »Dann besorgt Ihr mein Geschäft.«

Man kann nicht wissen, wie weit die wachsende Wut Sainte-Malines gegangen wäre, als plötzlich Ernauton eine Sänfte erblickte, einen Schrei des Erstaunens ausstieß und anhielt, um eine halb verschleierte Dame zu betrachten.

»Mein Page von gestern!« murmelte er.

Die Dame sah nicht aus, als erkennte sie ihn; sie fuhr vorüber, ohne eine Miene zu verziehen, warf sich jedoch in den Hintergrund der Sänfte.

»Cordieu! ich glaube, Ihr laßt mich warten,« sagte Sainte-Maline, »und zwar, um Frauen anzuschauen.« – »Ich bitte Euch um Verzeihung, mein Herr,« versetzte Ernauton und ritt weiter.

Von diesem Augenblick an ritten die jungen Leute in starkem Trab und sprachen nicht einmal mehr, um zu streiten. Sainte-Maline schien äußerlich ziemlich ruhig; in Wirklichkeit bebten aber noch alle Muskeln seines Körpers vor Zorn. Überdies hatte er erkannt, daß er, obgleich ein guter Reiter, im gegebenen Fall Ernauton nicht zu folgen vermöchte, indem sein Pferd weit geringer war, als das seines Gefährten, und schwitzte, ohne nur gelaufen zu sein.

Dies beunruhigte ihn ungemein; um sich zu versichern, was sein Roß zu tun imstande wäre, plagte er es mit der Gerte und mit dem Sporn; das Tier nahm, anders wie Ernauton, den Streit auf, machte einen Seitensprung, bäumte sich sodann, bockte und entledigte sich seines Reiters, nachdem es in das Flüßchen Bièvre gesprungen war.

Man hätte auf eine Stunde die Verwünschungen Sainte-Malines hören können, obgleich sie halb durch das Wasser erstickt wurden. Als es ihm gelungen war, sich wieder auf seine Beine zu stellen, traten ihm die Augen aus den Höhlen, und einige Blutstropfen, die aus seiner geschundenen Stirne flossen, durchfurchten sein Gesicht.

Sainte-Maline schaute umher; sein Pferd war schon wieder die Böschung hinaufgestiegen, und man erblickte nur noch sein Kreuz, woraus hervorging, daß der Kopf dem Louvre zugewendet sein mußte.

Gerädert, mit Kot bedeckt, bis auf die Knochen naß, blutend und gequetscht, begriff Sainte-Maline die Unmöglichkeit, sein Roß wieder einzufangen; nur einen Versuch in dieser Hinsicht zu machen, wäre lächerlich gewesen.

Da erinnerte er sich der Worte, die er zu Ernauton gesagt hatte; als er in der Rue Saint-Antoine nicht eine Minute auf seinen Gefährten warten wollte, warum sollte sein Gefährte die Gefälligkeit haben, ein paar Stunden auf der Straße auf ihn zu warten? Jetzt noch mehr von Verzweiflung, als vorher von Zorn zermartert, zog Sainte-Maline seinen Dolch; einen Augenblick hatte er den Gedanken, sich ihn bis an das Heft in die Brust zu bohren. Was er in diesem Augenblick litt, vermöchte niemand zu sagen, nicht einmal er selbst... Man stirbt an einer solchen Krise, oder wenn man sie aushält, wird man darüber um zehn Jahre älter.

Während Sainte-Maline, die Böschung hinaufsteigend, in seinem trostlosen Geiste tausend finstere Gedanken gegen die anderen und gegen sich selbst hin und her wälzte, erscholl der Galopp eines Pferdes an sein Ohr, und er sah auf der Straße rechts ein Pferd und einen Reiter herbeikommen. Es war von Carmainges mit dem entlaufenen Renner.

Bei diesem Anblick strömte das Herz Sainte-Malines vor Freude über; er fühlte eine Bewegung der Dankbarkeit, die seinem Blick einen milden Ausdruck verlieh. Doch plötzlich verdüsterte sich sein Gesicht; er begriff, in welchem Grade Ernauton über ihm erhaben war, denn er gestand sich, daß er an der Stelle seines Gefährten nicht einmal den Gedanken gehabt hätte, so zu handeln.

Er stammelte einen Dank, ohne daß Ernauton darauf achtete, ergriff wütend den Zaum seines Pferdes und schwang sich, trotz des Schmerzes, in den Sattel.

»Ich danke,« sagte Sainte-Maline zum zweiten Male zu Ernauton, nachdem er sich hundertmal mit seinem Stolz und dem Wohlanstand beraten hatte. Ernauton verbeugte sich nur und berührte seinen Hut mit der Hand. Der Weg kam Sainte-Maline jetzt sehr lang vor.

Ungefähr gegen halb drei Uhr erblickten sie einen Mann, der mit einem Hunde dahinging; er war groß und hatte einen Degen an seiner Seite, doch war es nicht Chicot, obgleich er dieselben würdigen Arme und Beine hatte.

Noch ganz kotig, konnte Sainte-Maline nicht an sich halten; er sah, daß Ernauton weiter ritt und gar nicht auf diesen Mann achtgab. Der Gedanke, seinen Gefährten auf einem Fehler zu ertappen, durchzuckte wie ein boshafter Blitz den Geist des Gaskogners; er ritt auf den Unbekannten zu und redete ihn an.

»Reisender,« fragte er, »erwartet Ihr etwas?« –

Der Reisende schaute Sainte-Maline an, dessen Aussehen, es ist nicht zu leugnen, in diesem Augenblick nicht sehr lieblich war. Das zornverstörte Gesicht, die kotbedeckten Kleider, die blutigen Wangen, seine dicken zusammengezogenen Augenbrauen, eine fieberhafte, mehr drohend als fragend gegen ihn ausgestreckte Hand, dies alles kam dem Fußgänger Unheil weissagend vor.

»Erwarte ich etwas, so erwarte ich keinen Menschen,« antwortete er, »und erwarte ich einen Menschen, so seid Ihr dieser Mensch sicher nicht.«

»Ihr seid sehr unhöflich,« sagte Sainte-Maline, entzückt, endlich eine Gelegenheit zu finden, seinem Zorn die Zügel schießen lassen zu können, und zugleich wütend, daß er durch seinen Irrtum seinem Gegner einen neuen Triumph verschaffte. Und während er sprach, hob er seine mit einer Gerte bewaffnete Hand auf, um den Reisenden zu schlagen; dieser aber schwang seinen Stock, versetzte Sainte-Maline einen Schlag auf die Schulter und pfiff sodann seinem Hund, der dem Pferde an die Beine und dem Reiter an den Schenkel sprang und hier einen Fetzen Fleisch und da ein Stück Stoff abriß.

Durch den Schmerz gestachelt, lief das Pferd abermals davon, ohne daß es Sainte-Maline, der im Sattel blieb, anhalten konnte. So schoß er an Ernauton vorüber, der ihn vorbeireiten sah, ohne nur über sein Mißgeschick zu lächeln.

Als es ihm gelungen war, sein Pferd wieder zu beruhigen, und als ihn Ernauton wieder eingeholt hatte, fing sein Stolz an, nicht abzunehmen, sondern ganz zu schwinden.

»Nun, nun!« sagte er, indem er zu lächeln suchte, »ich habe heute meinen unglücklichen Tag, wie es scheint. Dieser Mensch glich doch sehr dem Porträt, das uns Seine Majestät von dem entworfen hat, den wir aufsuchen sollen.«

»Der, den uns Seine Majestät bezeichnete, hatte keinen Stock und keinen Hund.«

»Es ist wahr, wenn ich es überlegt hätte, so hätte ich eine Quetschung weniger an den Schultern und einen Biß weniger am Schenkel. Wie ich sehe, ist es besser, weise und ruhig zu sein.«

Ernauton antwortete nicht; doch er erhob sich auf den Steigbügeln, hielt die Hand über die Augen und rief: »Dort ist der, den wir suchen; er wartet auf uns.«

»Pest! mein Herr, Ihr habt ein gutes Gesicht,« sagte mit dumpfem Tone Sainte-Maline, eifersüchtig auf diesen neuen Vorzug seines Gefährten. »Ich unterscheide nur einen Punkt und dies mit Mühe.«

Ernauton ritt, ohne etwas zu erwidern, weiter; bald konnte Sainte-Maline ebenfalls den vom König bezeichneten Mann sehen und erkennen. Es ergriff ihn eine schlimme Bewegung. Er trieb sein Pferd vorwärts, um zuerst anzukommen.

Ernauton war darauf gefaßt; er schaute ihn ohne eine Drohung und ohne eine scheinbare Absicht an. Dieser Blick machte, daß Sainte-Maline in sich ging und sein Pferd wieder in Schritt setzte.

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