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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Das Beichtkind.

Der vom Prior unter dem Namen Panurgos angekündigte Mönch erschien bald; er glich mit seinem vorstehenden Kiefer einem Fuchse.

Chicot schaute ihn einen Augenblick an und schien während dieses Augenblicks, so kurz er auch war, den Boten des Klosters zu seinem wahren Werte geschätzt zu haben.

Panurgos blieb demütig bei der Tür stehen.

»Kommt hierher, Herr Eilbote!« sagte Chicot; »kennt Ihr den Louvre?« – »Ja, mein Herr.«

»Und im Louvre kennt Ihr einen gewissen Heinrich von Valois?« – »Den König?«

»Ich weiß in der Tat nicht, ob es der König ist, aber man nennt ihn gewöhnlich so.« – »Mit dem König werde ich zu tun haben?«

»Ganz richtig, kennt Ihr ihn?« – »Genau, Herr Briquet.«

»Wohl! Ihr verlangt mit ihm zu sprechen.« – »Wird man mich zu ihm lassen?«

»Bis zu seinem Kammerdiener, ja; Euer Kleid ist ein Paß; Seine Majestät ist sehr religiös, wie Ihr wißt.« – »Und was soll ich dem Kammerdiener Seiner Majestät sagen?«

»Ihr sagt ihm, Ihr werdet vom Schatten geschickt.« – »Ja.«

»Und Ihr erwartet den Brief.« – »Das ist alles, was ich zu tun habe?«

»Ihr fügt hinzu, der Schatten warte, indem er ganz langsam auf der Straße nach Charenton fortwandere.« – »Auf dieser Straße habe ich Euch nachzufolgen?«

»Allerdings.«

Panurgos schritt auf die Tür zu und hob den Vorhang auf, um hinauszugehen; es kam Chicot vor, als hätte der Bruder Panurgos bei dieser Bewegung einen Horcher sichtbar werden lassen.

Übrigens fiel der Vorhang wieder so rasch, daß Chicot nicht hätte dafür stehen können, ob das, was er für Wirklichkeit nahm, nicht eine Vision gewesen sei.

Aber Chicots Scharfsinn machte es diesem bald zur Gewißheit, daß Bruder Borromée horchte.

»Oh! du horchst,« dachte er; »desto besser, ich werde in diesem Fall für dich sprechen.«

»Ihr seid also mit einer Sendung vom König beehrt, lieber Freund?« sagte Gorenflot. – »Mit einer vertraulichen, ja.«

»Ich denke, sie bezieht sich auf die Politik?« – »Ich denke es auch.«

»Wie, Ihr wißt nicht, mit welcher Sendung Ihr beauftragt seid?« – »Ich weiß nur, daß ich der Träger eines Briefes bin.«

»Ein Staatsgeheimnis ohne Zweifel?« – »Ich glaube es.«

»Und Ihr vermutet nichts?« – »Nicht wahr, wir sind allein, so daß ich Euch meine Gedanken sagen kann?«

»Sprecht; ich bin ein Grab für Geheimnisse.« – »Nun Wohl! der König ist endlich entschlossen, dem Herzog von Anjou beizustehen.«

»In der Tat?« – »Ja, Herr von Joyeuse mußte zu diesem Behuf in der vergangenen Nacht abreisen.«

»Aber Ihr, mein Freund?« – »Ich gehe nach Spanien.«

»Wie reist Ihr?« – »Bei Gott! wie wir es früher machten, zu Fuß, zu Pferd, im Wagen, wie es sich gerade trifft.«

»Jacques wird ein guter Gesellschafter auf der Reise für Euch sein, und Ihr habt wohlgetan, ihn zu wählen.« – »Ich gestehe, mir gefällt er ungemein.«

»Dies wäre ein hinreichender Grund, ihn Euch zu geben; aber ich glaube überdies, er wäre doch für Euch im Falle eines Zusammentreffens eine tüchtige Unterstützung.« – »Ich danke, mein Freund. Und nun habe ich Euch nur noch Lebewohl zu sagen.«

»Gott befohlen!« – »Was macht Ihr?«

»Ich will Euch meinen Segen geben.« – »Bah! unter uns ist das unnötig.«

»Ihr habt recht,« versetzte Gorenflot, »das ist gut für die Fremden.«

Und die Freunde umarmten sich zärtlich.

»Jacques!« rief der Prior, »Jacques!«

Panurgos zeigte sein Mardergesicht zwischen den Türvorhängen.

»Wie! Ihr seid noch nicht abgegangen?« rief Chicot.

»Verzeiht, Herr.«

»Geht geschwinde, Herr Briquet hat Eile,« sagte Gorenflot; »wo ist Jacques?«

Bruder Borromée erschien ebenfalls mit süßlicher Miene und lachendem Mund.

»Bruder Jacques?« wiederholte der Prior.

»Bruder Jacques ist weggegangen,« sagte der Säckelmeister.

»Wie weggegangen!« rief Chicot.

»Habt Ihr nicht verlangt, daß jemand nach dem Louvre gehe, mein Herr?«

»Ja, Bruder Panurgos,« erwiderte Gorenflot.

»Oh! ich Dummkopf, der ich bin! Ich hatte verstanden Jacques,« sagte Borromée, sich vor die Stirn schlagend.

Chicots Gesicht verfinsterte sich, doch Borromées Bedauern war scheinbar so aufrichtig, daß ein Vorwurf grausam gewesen wäre.

»Ich werde also warten, bis Jacques zurückgekommen ist,« sagte Chicot.

Borromée verbeugte sich, die Stirn faltend.

»Ah!« rief er, »obgleich ich deshalb heraufgekommen bin, vergaß ich, dem ehrwürdigen Prior zu melden, daß die unbekannte Dame angekommen ist und sich eine Audienz von Eurer Ehrwürden erbittet.«

Chicot sperrte die Ohren weit auf.

»Allein?« fragte Gorenflot.

»Mit einem Stallmeister.«

»Ist sie jung?«

Borromée schlug schamhaft die Augen nieder.

»Gut, er ist scheinheilig,« dachte Chicot.

»Mein Freund,« sagte Gorenflot, indem er sich an den falschen Robert Briquet wandte, »du begreifst.«

»Ich begreife und lasse Euch allein,« erwiderte Chicot; »ich werde in einem Nebenzimmer oder im Hof warten.«

»Gut, mein lieber Freund.«

»Es ist weit von hier in den Louvre,« bemerkte Borromée, »und Bruder Jacques kann lange ausbleiben, umso mehr, als die Person, an die Ihr schreibt, vielleicht zögern wird, einen so wichtigen Brief einem Kind anzuvertrauen.«

»Ihr bedenkt das etwas spät, Bruder Borromée.«

»Ich wußte es nicht; wenn man mir vertraut hätte ...«

»Gut, gut, ich werde mich mit kurzen Schritten nach Charenton zu begeben; der Bote, wer es auch sein mag, wird mich auf dem Wege einholen.«

Und er wandte sich nach der Treppe.

»Nicht nach dieser Seite, wenn es Euch beliebt, mein Herr,« sagte Borromée rasch, »die unbekannte Dame kommt hier herauf, und sie wünscht niemand zu begegnen!« »Ihr habt recht,« erwiderte Chicot lächelnd, »ich gehe die kleine Treppe hinab.«

Und er ging auf eine Nebentür zu, die in ein kleines Kabinett führte.

»Und ich,« sagte Borromée, »ich werde die Ehre haben, das Beichtkind bei dem ehrwürdigen Herrn Prior einzuführen.«

»Gut,« sagte Gorenflot.

»Ihr wißt den Weg?« fragte Borromée unruhig.

»Sehr genau,« erwiderte Chicot und ging durch das Kabinett.

Nach diesem Kabinett kam ein Zimmer; die Geheimtreppe ging auf den Ruheplatz dieses Zimmers. Chicot hatte wahr gesprochen, er kannte den Weg, aber er kannte das Zimmer nicht mehr.

Es hatte sich in der Tat seit seinem letzten Besuch gewaltig verändert; das friedliche Gemach war in ein kriegerisches verwandelt worden; die Wände waren mit Waffen geziert, der Tisch mit Säbeln, Degen und Pistolen beladen; alle Winkel enthielten Haufen von Musketen und Büchsen.

Chicot verweilte einen Augenblick in diesem Zimmer; er fühlte das Bedürfnis, nachzudenken.

»Man verbirgt Jacques vor mir, man verbirgt die Dame vor mir, man treibt mich die kleinen Stufen hinab, um die große Treppe frei zu lassen; das heißt, man will mich von dem Mönchlein entfernen und die Dame vor mir verbergen, so viel ist klar. Ich muß also eine gute Kriegslist anwenden und gerade das Gegenteil von dem tun, was man will, daß ich tun soll.

»Ich werde Jacques' Rückkehr abwarten und es so einrichten, daß ich die geheimnisvolle Dame sehe. Ho ho! da liegt ein schönes Panzerhemd in der Ecke ... fein, geschmeidig und fest gearbeitet!«

Er hob es auf, um es zu bewundern.

»Ich suche gerade eines, so leicht wie Linnen,« sagte er; »für den Prior ist es zu eng; man sollte in der Tat glauben, es wäre für mich gemacht worden; entlehnen wir dieses Stück von Dom Modeste, bei unserer Rückkehr geben wir es ihm wieder.«

Rasch bog Chicot das Panzerhemd und schob es unter sein Wams.

Er befestigte die letzte Nestel, als Bruder Borromée auf der Schwelle erschien.

»Oh! oh!« murmelte Chicot, »du abermals, doch du kommst zu spät, Freund.«

Und er kreuzte seine langen Arme hinter dem Rücken, legte sich zurück und stellte sich, als bewunderte er die Trophäen.

»Herr Robert Briquet sucht eine Waffe, die ihm taugen würde?« fragte Borromée. – »Ich, lieber Freund? Mein Gott! wozu eine Waffe?«

»Ah! wenn man so gut damit umzugehen weiß!« – »Theorie, lieber Bruder, Theorie, nichts anderes; ein armer Bürger meiner Art kann mit seinen Armen und Beinen geschickt sein; aber was ihm fehlt und immer fehlen wird, ist das Herz eines Soldaten. Das Rapier glänzt ziemlich hübsch in meiner Hand; doch glaubt mir, Jacques würde mich mit der Spitze eines Degens von hier nach Charenton zurücktreiben.«

»Wahrhaftig?« versetzte Borromée, halb überzeugt durch Chicots einfache und gutmütige Miene. – »Und dann fehlt es mir an Atem,« fuhr Chicot fort; »Ihr habt gesehen, daß ich nicht ausfallen kann, die Beine sind abscheulich, da mangelt es mir.«

»Erlaubt mir, Euch zu bemerken, mein Herr, daß dieser Mangel beim Reisen noch größer ist, als beim Fechten.« – »Ah! Ihr wißt, daß ich reise,« versetzte Chicot mit gleichgültigem Tone.

»Panurgos hat es mir gesagt,« erwiderte Borromée errötend. – »Das ist drollig, ich glaubte mit Panurgos hiervon nicht gesprochen zu haben; doch gleichviel, ich habe keinen Grund, es zu verbergen. Ja, mein Freund, ich mache eine kleine Reise, ich gehe in meine Heimat, wo ich etwas Grund und Boden habe.«

»Wißt Ihr, Herr Briquet, daß Ihr dem Bruder Jacques eine große Ehre verschafft?« – »Die, mich zu begleiten?«

»Einmal, sodann die, den König zu sehen.« – »Oder seinen Kammerdiener, denn es ist möglich und sogar wahrscheinlich, daß Bruder Jacques nichts anderes sehen wird.«

»Ihr seid also ein Vertrauter des Louvre?« – »Oh! einer der Vertrautesten, mein Herr; ich liefere dem König und den jungen Herren vom Hofe gewalkte wollene Strümpfe.«

»Dem König?« – »Ich hatte schon seine Kundschaft, als er noch Herzog von Anjou war ... Bei seiner Rückkehr aus Polen erinnerte er sich meiner und machte mich zum Hoflieferanten. Ihr wißt, daß der König eine Pilgerfahrt zu Unserer Lieben Frau von Chartres gemacht hat.«

»Ja, um einen Erben zu bekommen.« – »Ganz richtig, Ihr wißt, daß es ein sicheres Mittel gibt, um das Resultat zu erreichen, das der König verfolgt?«

»Es scheint jedenfalls, daß der König dieses Mittel nicht anwendet.« – »Bruder Borromée!«

»Was?« – »Ihr wißt genau, daß es sich darum handelt, einen Thronerben durch ein Wunder und nicht auf eine andere Weise zu erhalten.«

»Und dieses Wunder verlangt man?« – »Von Unserer Lieben Frau von Chartres.«

»Ah! ja, das Hemd?« – »So ist es. Der König hat dieser guten Lieben Frau ihr Hemd genommen und es der Königin gegeben, so daß er ihr im Austausch für dieses Hemd einen Rock ähnlich dem Unserer Lieben Frau von Toledo schenken will, der, wie man sagt, der schönste und reichste Jungfrauenrock ist, den es auf der Welt gibt.«

»Somit geht Ihr?« – »Nach Toledo, lieber, Bruder Borromée, nach Toledo, um das Maß von dem Rocke zu nehmen und einen ähnlichen machen zu lassen.«

Borromée schien zu zögern, ob er Chicot auf sein Wort glauben oder nicht glauben sollte.

»Ihr könnt Euch also vorstellen,« fuhr Chicot fort, als ob er durchaus nicht wüßte, was im Geiste des Bruder Säckelmeister vorging, »Ihr könnt Euch also vorstellen, daß mir die Gesellschaft von Geistlichen unter solchen Umständen sehr angenehm gewesen wäre. Doch die Zeit geht vorbei, und Bruder Jacques kann nun nicht mehr lange ausbleiben. Übrigens will ich außen warten, etwa bei der Croix-Faubin.«

»Ich glaube, daß dies besser ist.« – »Ihr werdet also die Güte haben, ihn zu benachrichtigen, sobald er zurückkommt.«

»Ja.« – »Und Ihr schickt ihn mir zu?«

»Ich werde es nicht versäumen.« – »Ich danke, lieber Bruder Borromée ... Ich bin entzückt, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben.«

Beide verbeugten sich, und Chicot ging die kleine Treppe hinab, hinter ihm schloß Bruder Borromée die Tür mit dem Riegel.

»Oh! oh!« sagte Chicot, »es scheint wichtig zu sein, daß ich die Dame nicht sehe, folglich muß ich sie sehen.«

Und um dieses Vorhaben in Ausführung zu bringen, ging Chicot so auffallend als möglich aus der Priorei der Jakobiner weg, plauderte einen Augenblick mit dem Bruder Pförtner und wanderte, die Mitte der Straße haltend, nach der Croix-Faubin.

Doch als er dahin gekommen war, verschwand er an der Mauerecke eines Pachthofes, und hier, wo er fühlte, daß er allen Argussen des Priors, und hätten sie die Falkenaugen des Bruders Borromée gehabt, Trotz bieten konnte, schlüpfte er längs der Gebäude hin, folgte in einem Graben einer Hecke und erreichte, ohne bemerkt worden zu sein, eine Reihe ziemlich dichter, junger Hagebuchen, die sich dem Kloster gegenüber ausdehnte.

An dieser Stelle, die ihm einen Beobachtungsmittelpunkt bot, wie er sich ihn nur immer wünschen konnte, setzte oder legte er sich vielmehr nieder und wartete, bis Bruder Jacques in das Kloster zurückkam und die Dame herausging.

Der Hinterhalt.

Chicot brauchte, wie man weiß, nicht lange, um einen Entschluß zu fassen. Er faßte den zu warten, und zwar so bequem als möglich. Er machte sich durch das Dickicht der Hagebuchen ein Fenster, um die Kommenden und Gehenden, die ihn interessieren konnten, nicht unbemerkt vorüber zu lassen.

Die Straße war öde. Soweit Chicots Blick reichte, erschienen weder Reiter noch Neugierige noch Bauern. Die ganze Menge vom vorhergehenden Tag war mit dem Schauspiel verschwunden, das sie versammelt hatte. Chicot sah also nichts, als einen ziemlich elend gekleideten Mann, der quer über die Straße ging und mit einem spitzigen Stabe Messungen auf dem Pflaster Seiner Majestät des Königs von Frankreich vornahm. Chicot hatte durchaus nichts zu tun. Er war entzückt, daß er diesen guten Mann fand, der ihm als Betrachtungspunkt dienen sollte.

»Was messen? warum messen?« dies waren zwei Minuten lang die ernsten Fragen, die Robert Briquet an sich richtete.

Er beschloß also, ihn nicht aus dem Gesicht zu verlieren. Im Augenblick aber, wo dieser Mann seine Messung beendigt hatte und den Kopf wieder erheben sollte, nahm leider eine wichtigere Entdeckung seine Aufmerksamkeit in Anspruch und nötigte ihn, die Augen nach einem anderen Punkte zu richten. Es öffneten sich die beiden Flügel des Fensters von Gorenflots Balkon, und man sah die ehrwürdige Rundung des Priors erscheinen, der mit seinen großen, weit aufgesperrten Augen, mit seinem Festtagslächeln und seinen höflichsten Manieren eine Dame führte, die beinahe ganz unter einem mit Pelz verbrämten Samtmantel begraben war.

»Oh! oh!« sagte Chicot zu sich selbst, »das ist das Beichtkind. Der Gang ist jugendlich; sehen wir uns den Kopf an; nun, dreht Euch noch ein wenig auf diese Seite, vortrefflich! Es ist in der Tat sonderbar, daß ich beinahe bei allen Gesichtern, die ich sehe, Ähnlichkeiten finde. Eine ärgerliche Manier von mir! Gut! nun kommt der Stallmeister. Oh! oh! in ihm täusche ich mich nicht, es ist Mayneville. Ja, ja, der aufwärts gedrehte Schnurrbart, der Degen mit dem muschelförmigen Stichblatt, ja, er ist es; doch überlegen und schließen wir ein wenig: wenn ich mich bei Herrn von Mayneville nicht täusche, alle Wetter! warum sollte ich mich in Frau von Montpensier irren? denn diese Frau ist beim Teufel die Herzogin.«

Man wird es glauben, daß Chicot von diesem Augenblick die beiden erhabenen Personen nicht mehr aus dem Gesichte verlor. Nach Verlauf einer Minute sah er hinter ihnen das bleiche Gesicht Borromées erscheinen, den Mayneville wiederholt befragte.

»So ist es,« sagte er, »alles ist dabei; bravo! Konspirieren wir, das ist so Mode; aber warum will die Herzogin bei Dom Modeste Pension nehmen, sie, die schon das Haus von Bel-Esbat hundert Schritte von hier hat?«

In diesem Augenblick erhielt Chicots Aufmerksamkeit eine neue Richtung. Während die Herzogin mit Gorenflot plauderte oder ihn vielmehr zum Plaudern veranlaßte, machte Herr von Mayneville irgend jemand außen ein Zeichen.

Chicot hatte aber niemand gesehen, als den Mann, der die Messungen machte, und an ihn war in der Tat die Gebärde gerichtet; daraus ging hervor, daß der Mann nicht mit Messungen beschäftigt war. Er war vor dem Balkon im Profil und das Gesicht gegen Paris gekehrt stehengeblieben.

Gorenflot setzte seine Liebenswürdigkeiten gegen das Beichtkind fort. Herr von Mayneville sagte Borromée ein paar Worte ins Ohr, und dieser fing auf der Stelle an, sich hinter dem Prior auf eine Weise zu bewegen, die für Chicot unverständlich, aber für den Mann mit den Messungen klar war, denn er entfernte sich und wählte seinen Standpunkt auf einer andern Stelle, wo ihn eine neue Gebärde Borromées wie eine Bildsäule festnagelte.

Nachdem er einige Sekunden unbeweglich geblieben war, nahm er auf ein neues Zeichen von Bruder Borromée eine Übung vor, die Chicot um so mehr beschäftigte, als er unmöglich ihren Zweck erraten konnte. Von dem Orte, wo er stand, lief der Mann bis zur Pforte der Priorei, während Herr von Mayneville seine Uhr in der Hand hielt.

In diesem Augenblick wandte sich der Mann um, und Chicot erkannte in ihm Nicolas Poulain, den Leutnant der Prevoté oder Stadtvogtei, denselben, der ihm am Tage zuvor seine alten Panzer abgekauft hatte.

»Oho! es lebe die Lige!« sagte er. »Ich habe nun genug gesehen, um das übrige mit ein wenig Anstrengung zu erraten.«

Nach einigen Gesprächen zwischen der Herzogin, Gorenflot und Mayneville schloß Borromée das Fenster wieder, und der Balkon blieb öde und leer.

Die Herzogin und ihr Stallmeister verließen die Priorei, um in die Sänfte zu steigen, die ihrer harrte. Dom Modeste, der sie bis zur Pforte begleitet hatte, erschöpfte sich in Bücklingen.

Die Herzogin hielt die Vorhänge ihrer Sänfte noch offen, um die Komplimente des Priors zu erwidern, als ein Jakobinermönch, der durch die Pforte Saint-Antoine aus Paris herauskam, sich zuerst vor die Pferde, die er neugierig anschaute und dann neben die Sänfte stellte, in die er einen Blick tauchte.

Chicot erkannte in diesem Mönch den kleinen Jacques, der mit großen Schritten vom Louvre zurückkehrte und in Entzückung vor Frau von Montpensier stehenblieb.

»Oh! oh!« sagte er, »ich habe Glück. Wäre Jacques früher gekommen, so hätte ich die Herzogin nicht sehen können. Nun, da Frau von Montpensier, nachdem sie ihre kleine Verschwörung gemacht hat, abgegangen ist, kommt die Reihe an Nicolas Poulain. Mit ihm bin ich in zehn Minuten fertig.«

Nachdem die Herzogin an Chicot, ohne ihn zu sehen, vorübergekommen war, fuhr sie in der Tat nach Paris, und Nicolas Poulain schickte sich an, ihr zu folgen. Er mußte wie die Herzogin an Chicots Versteck vorüber.

Chicot sah ihn kommen, wie der Jäger das Wild kommen sieht, indem er sich bereithält, danach zu schießen, sobald es in seinem Bereiche ist.

»He! ehrlicher Mann,« rief er aus seinem Loch, »deinen Blick hierher, bitte.«

Poulain bebte und wandte den Kopf dem Graben zu.

»Ihr habt mich gesehen, sehr gut!« fuhr Chicot fort. »Nehmt nun nicht die Miene an, als ob Ihr nichts bemerktet, Meister Nicolas ... Poulain.«

Der Leutnant der Prevoté sprang wie ein Hirsch beim Schuß.

Indem Chicot dem Geängstigten bewies, daß er die Personen auf dem Balkon der Priorei kenne und wisse, daß der Leutnant an einer Verschwörung gegen den König teilnehme, und indem er ihm als unumgängliche Strafe den Tod am Galgen zeigte, machte er den Armen zum Wachs in seiner Hand. Als einziges Mittel, sein Leben zu retten, zeigte er ihm die Enthüllung des Komplotts gegenüber dem Herzog von Epernon. Willenlos versprach Poulain, diesen Verrat an seinen Genossen auszuführen.

Kaum hatte sich der Profoßleutnant entfernt, so sah Robert Briquet den vom Prior versprochenen Reisegenossen am verabredeten Platz sich einstellen. Er bemerkte aber beim Näherkommen bald, daß es nicht der kleine Mönch war, sondern ein wahrer Philister mit riesigen Armen und Beinen und einer höchst verdächtigen Physiognomie. Dieser überreichte einen Brief von Gorenflot, worin der Würdige erklärte, er könne Jacques, das junge unschuldige Lamm, nicht unter die Wölfe gehen lassen.

Kurz entschlossen schickte Briquet den unwillkommenen und gefährlichen Burschen, der sich nur knurrend abweisen ließ, dem Prior zurück, um lieber allein die Reise anzutreten.

Als unser Reisender den Goliath in der großen Pforte des Klosters verschwinden sah, verbarg er sich hinter einer Hecke, streifte sein Wams ab und zog das uns bekannte feine Panzerhemd unter seinem Linnenhemde an.

Sobald seine Toilette beendigt war, schritt er querfeldein, um wieder auf die Straße nach Charenton zu gelangen.

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