Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
Schließen

Navigation:

Das Schlafgemach.

Obgleich es erst zehn Uhr war, herrschte doch schon eine Todesstille im Louvre; kaum hörte man, so wütend wehte der Wind, den schweren Tritt der Schildwachen und das Knarren der Zugbrücken.

Die nächtlichen Wanderer gelangten wirklich in weniger als fünf Minuten zu den gesuchten Räumen. Der Herzog zog einen Schlüssel aus seiner Tasche, stieg einige Stufen hinab, durchschritt einen kleinen Hof und öffnete eine gewölbte Tür, die halb von Brombeerstauden und langem Gras versperrt war. Er folgte ungefähr zehn Schritte einem dunkeln Weg, an dessen Ende er sich in einem inneren Hof befand; hier war in einer Ecke eine steinerne Treppe bemerkbar, die in ein weites Zimmer oder vielmehr in einen ungeheuern Korridor führte. Epernon hatte auch den Schlüssel zu diesem Korridor.

Er öffnete sacht die Tür und machte Heinrich auf die seltsame Einrichtung aufmerksam, die, sobald diese Tür geöffnet war, sogleich ins Auge fiel. Es waren fünfundvierzig Betten aufgereiht. In jedem Bett lag ein Schläfer.

Der König schaute alle diese Betten, alle diese Schläfer an, wandte sich dann mit einer unruhigen Neugierde zum Herzog und fragte: »Nun, wer sind alle diese Leute, welche hier schlafen?« – »Leute, die noch diesen Abend schlafen, morgen aber nicht mehr schlafen werden, als es ihr Dienst erlaubt.«

»Und warum werden sie nicht mehr schlafen?«

»Damit Majestät schlafen kann.«

»Erkläre dich; diese Leute sind also insgesamt Freunde?«

Epernon legte dem König mit aller Weitschweifigkeit und sein Verdienst auf jede Weise hervorhebend dar, daß er aus diesen gaskognischen Edelleuten eine treffliche Leibwache für Heinrich schaffen wolle. Auch dem Einwand, daß die königliche Kasse leer sei und die hohen Kosten nicht erschwingen könne, wußte der schlaue Herzog wohl zu begegnen. Er verlangte für jeden von den Fünfundvierzig für das erste Semester eine Börse mit tausend Talern, hatte aber bei dem Staatsschatzmeister die eben eingelaufene erste Rate der neuen Abgabe von Wildbret und Fischen im Betrage von 65000 Talern für den König mit Beschlag belegt; den überbleibenden Teil erbitte er sich als Abschlagszahlung für seine eigene Steuer.

»Aha. ich wußte das,« sagte der König. »Du gibst mir eine Leibwache, um zu deinem Gelde zu kommen.« – »Sire!«

»Aber warum gerade die Zahl fünfundvierzig?« fragte der König, zu einem andern Gedanken übergehend. – »Hört, Sire. Die Zahl drei ist eine Urzahl und göttlich, mehr noch, sie ist bequem. Wenn z.B. ein Reiter drei Pferde hat, ist er nie zu Fuß; das zweite ersetzt das erste, wenn dieses müde ist, und dann bleibt noch ein drittes, um im Falle einer Verwundung oder Krankheit für das erste einzutreten. Ihr werdet also immer dreimal fünfzehn Edelleute haben. Fünfzehn im Dienst, dreißig, die ausruhen. Jeder Dienst wird zwölf Stunden dauern. Und während dieser zwölf Stunden habt Ihr immer fünf rechts, fünf links, zwei vorn und drei hinten. Bei einer solchen Wache komme man und wage es einmal, Euch anzugreifen.« »Bei Gottes Tod! das ist geschickt kombiniert, Herzog, und ich mache dir mein Kompliment.« – »Schaut sie an, Sire, sie werden wahrhaftig eine gute Wirkung hervorbringen.«

»Ja, gekleidet werden sie nicht übel sein.« – »Glaubt Ihr nun, daß ich das Recht habe, von den Gefahren zu sprechen, die Euch bedrohen?«

»Ich sage nicht nein.« – »Ich hatte also recht.«

»Es mag sein.« – »Herr von Joyeuse hätte diesen Gedanken nicht gehabt!«

»Epernon! Epernon! es ist nicht liebreich, Schlimmes von Abwesenden zu sagen.« – »Parfandious! Ihr sagt viel Schlimmes von den Anwesenden, Sire.«

»Ah! Joyeuse begleitet mich immer. Er war mit mir heute auf der Grève.« – »Nun, ich war hier, Sire, und Eure Majestät sieht, daß ich meine Zeit nicht verloren habe.«

»Ich danke, Lavalette.« – »Ah! Sire,« sagte Epernon, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, »ich wollte Eure Majestät um etwas bitten.«

»Es wundert mich in der Tat sehr, Herzog, daß du mich um nichts batst.« – »Eure Majestät ist heute bitter, Sire.«

»Ei! nein, du begreifst nicht, mein Freund,« sagte der König, bei dem der Spott die Rache befriedigt hatte, »oder du begreifst vielmehr schlecht; ich sagte, da du mir einen Dienst geleistet, so habest du das Recht, dir etwas von mir zu erbitten; bitte also.« – »Das ist etwas anderes, Sire. Übrigens ist das, was ich von Eurer Majestät erbitte, eine Stelle.«

»Eine Stelle? Du, der General-Oberst der Infanterie, willst noch eine Stelle? Sie wird dich erdrücken.« – »Ich bin stark wie Simson für den Dienst Eurer Majestät; für Eurer Majestät Dienst würde ich den Himmel und die Erde tragen.«

»Bitte also,« seufzte der König. – »Ich wünsche, daß Eure Majestät mir das Kommando dieser fünfundvierzig Edelleute übertrage.«

»Wie?« erwiderte der König erstaunt, »du willst vor mir, hinter mir marschieren? Du willst dich in diesem Maße aufopfern, du willst Kapitän der Garden sein?« – »Nein, nein, Sire!«

»Nun, was willst du denn?« – Ich will, daß diese Garden, meine Landsleute, mein Kommando besser verstehen, als das jedes andern; will ihnen aber weder voranmarschieren noch folgen. Ich werde einen Adjutanten haben.«

»Darunter steckt wieder etwas,« dachte Heinrich, den Kopf schüttelnd; »dieser verteufelte Mensch gibt immer, um zu erhalten.« Dann sprach er laut: »Gut, du sollst das Kommando haben.« – »Geheim?«

»Ja. Doch wer wird sichtlich der Anführer meiner Fünfundvierzig sein?« – »Der kleine Loignac.«

»Ah! desto besser.« – »Er ist Eurer Majestät genehm?«

»Vollkommen.« – »Ist das nun abgemacht, Sire?«

»Ja, aber...« – »Aber?«

»Welche Rolle spielt er bei dir, dieser Loignac?« – »Er ist mein Epernon, Sire.«

»Er kostet dich also viel?« brummte der König. – »Was sagt Eure Majestät?«

»Ich sage, ich willige ein.« – »Ich gehe zum Staatszahlmeister, um die fünfundvierzig Börsen zu holen.«

»Diesen Abend?« – »Müssen sie nicht unsere Leute morgen auf ihren Stühlen finden?«

»Das ist richtig. Geh'; ich kehre in meine Wohnung zurück.« – »Zufrieden, Sire?«

»Ziemlich.« – »In jedem Fall gut bewacht.«

»Ja, durch Leute, die mit geschlossenen Fäusten schlafen, wie du dort siehst.« – »Sie werden morgen wachen, Sire.«

Epernon führte Heinrich bis zur Tür der Galerie zurück und verließ ihn, indem er zu sich selbst sagte: »Wenn ich nicht König bin, so habe ich wenigstens Leibwachen wie ein König, und diese kosten mich nichts ... Parfandious!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.