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Gutenberg > Arthur Conan Doyle >

Die fünf Orangenkerne

Arthur Conan Doyle: Die fünf Orangenkerne - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleDie fünf Orangenkerne
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2009
firstpub2009
translatorAlexander Wilk
correctorreuters@abc.de
senderalexander.wlk@web.de
created20091012
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Arthur Conan Doyle

Die fünf Orangenkerne

Übersetzer und © 2009: Alexander Wilk

Wenn ich die Notizen und Aufzeichnungen der Sherlock-Holmes-Fälle aus den Jahren 1882 bis '90 durchschaue, fallen mir so viele ins Auge, die über seltsame und interessante Eigenheiten verfügen, daß es nicht einfach ist zu entscheiden, über welche ich berichten soll. Manche sind schon durch die Zeitungen an die Öffentlichkeit gelangt, andere verlangten nicht nach den einzigartigen Fähigkeiten, die mein Freund in hohem Maße besitzt und die in meinen Geschichten vermittelt werden sollen. Wieder andere haben seinen analytischen Verstand überfordert und ergäben daher nur unvollständige Erzählungen, während manche Fälle nur teilweise aufgeklärt werden konnten, wodurch deren Lösung eher auf Spekulationen und Vermutungen beruhen als auf jenen absolut logischen Beweisen, die er so mochte. Unter den letztgenannten gibt es jedoch einen, der durch seine bemerkenswerten Details und erschreckenden Folgen auffällt, so daß ich versucht bin davon zu berichten, obgleich einige damit verbundene Punkte womöglich für immer ein Geheimnis bleiben werden.

Das Jahr 1887 bescherte uns eine lange Reihe an Fällen von größerem oder geringerem Interesse, über welche ich mir Aufzeichnungen gemacht habe. Darunter befinden sich Notizen über das Abenteuer in der Paradolkammer, der schwindelhaften Bettlergemeinschaft, die einen luxuriösen Club in dem Gewölbe eines Lagerhauses betrieben hatte, dann noch Berichte über den Verlust des britischen Seglers Sophy Anderson, über die einzigartigen Abenteuer der Grice Patersons auf der Insel Uffa und schließlich über den Camberwellschen Giftmord. Im letzteren Fall war Sherlock Holmes in der Lage, wie man sich vielleicht noch erinnert, durch das Aufziehen der Uhr des Toten zu beweisen, daß sie zwei Stunden zuvor schon einmal aufgezogen worden war und daß daher der Verstorbene um diese Zeit zu Bett gegangen sein musste. Eine Tatsache, die zur Lösung des Falls entscheidend beitrug. All diese Vorkommnisse werde ich zu einer späteren Zeit ausführen, denn sie alle besitzen keine solch eigentümlichen Eigenschaften wie diese seltsame Ereigniskette, deren Hergang ich nun zu Papier bringe.

Es war Ende September und die Herbststürme hatten mit besonderer Wucht zugeschlagen. Den ganzen Tag schon heulte der Wind und der Regen schlug gegen die Fenster, so daß wir selbst hier im Herzen des großen, urbanen Londons gezwungen waren in unserem Alltag einen Augenblick inne zu halten und die Präsenz dieser gewaltigen Elemente anzuerkennen, die durch das Gitter der Zivilisation zu den Menschen hindurchbrüllten wie ein unzähmbares Tier in einem Käfig. Gegen Abend wurde der Sturm lauter und heftiger und im Kamin heulte und schluchzte der Wind wie ein klagendes Kind. Sherlock Holmes saß mürrisch zur einen Seite des offenen Kamins und versah seine Verbrecherkartei mit Querverweisen, während ich zur anderen Seite saß und so tief in eines von Clark Russells Meeresabenteuern versunken war, daß das Heulen des Sturms mit dem Text verschmolz und mir das Prasseln des Regens wie das Rauschen der Ozeanwellen vorkam. Meine Frau war auf Besuch bei ihrer Tante und ich wohnte für einige Tage wieder einmal in meinem alten Quartier in der Baker Street.

»Na so was«, sagte ich und schaute zu meinem Gefährten auf, »das war doch ganz bestimmt die Türglocke. Wer könnte das sein? Ein Freund von Ihnen vielleicht?«

»Außer Ihnen habe ich keinen«, antwortete er. »Ich lade niemanden ein.«

»Dann also ein Klient?«

»Wenn, dann ist es ein ernster Fall. Nichts Geringeres würde jemanden dazu bringen bei solchem Wetter und zu dieser Stunde das Haus zu verlassen. Aber ich glaube eher es ist ein alter Freund der Wirtin.«

Mit dieser Annahme irrte sich Sherlock Holmes allerdings, denn im Flur hörte man Schritte und dann klopfte es an der Tür. Holmes streckte seinen langen Arm und drehte die Lampe von sich weg, so daß der Lichtkegel auf den leeren Sessel fiel, auf dem der Besucher Platz nehmen musste.

»Herein.«

Der Mann, der hereinkam war jung, höchstens Mitte zwanzig, gut gepflegt und gekleidet, mit kultiviertem, elegantem Gebaren. Der tropfnasse Regenschirm in seiner Hand und der lange, vor Nässe schimmernde Regenmantel waren Zeugnis des ungeheuerlichen Wetters, durch welches er zu uns gekommen war. Im Schein der Lampe schaute er sich um und ich konnte sein fahles Gesicht und die schweren Augenlider eines Mannes sehen, den große Sorgen belasteten.

»Ich bitte Sie um Verzeihung«, sagte er und setzte seinen goldenen Zwicker auf die Nase. »Ich hoffe, ich störe nicht. Ich fürchte, ich habe einige Spuren des Regens und Sturms in Ihre behagliche Kammer gebracht.«

»Geben Sie mir Ihren Mantel und Ihren Schirm«, sagte Holmes. »Die können auf dem Haken bleiben zum Trocknen. Sie kommen vom Südwesten, wie ich sehe.«

»Ja, aus Horsham.«

»Die Mischung aus Ton und Kalk auf Ihren Schuhspitzen ist sehr aussagekräftig.«

»Ich suche Ihren Rat.«

»Das läßt sich einfach machen.«

»Und Hilfe.«

»Das ist nicht immer so einfach.«

»Ich habe von Ihnen gehört, Mr. Holmes. Von Major Prendergast habe ich erfahren wie Sie ihn aus dem Tankerville Club Skandal gerettet haben.«

»Ah, natürlich. Er wurde fälschlich des Kartenbetrugs beschuldigt.«

»Er sagte, daß Sie jedes Rätsel lösen könnten.«

»Da sagte er zu viel.«

»Daß Sie niemals hinters Licht geführt würden.«

»Das ist mir leider schon vier Mal passiert – drei Mal von Männern, einmal von einer Frau.«

»Aber was ist das verglichen mit der Anzahl Ihrer Erfolge?«

»Es ist wahr, daß ich in der Regel erfolgreich bin.«

»Dann könnten Sie das auch in meinem Fall sein.«

»Ich bitte Sie den Sessel näher ans Feuer zu ziehen und mir ein paar Details über Ihren besonderen Fall zu verraten.«

»Welcher kein gewöhnlicher ist.«

»Das sind keine, die mir vorgelegt werden. Ich bin immer die letzte Hoffnung der Leute.«

»Und doch bezweifle ich, ob Sie mit Ihrer großen Erfahrung schon einmal mit einer mysteriöseren und unerklärlicheren Verkettung von Vorfällen konfrontiert waren als jener, welche meiner eigenen Familie zugestoßen ist.«

»Sie wecken mein Interesse«, sagte Holmes. »Bitte erläutern Sie mir die maßgeblichen Fakten von Anfang an und ich werde Sie danach nach den Einzelheiten, die mir am wichtigsten erscheinen, befragen.«

Der junge Mann zog seinen Stuhl heran und streckte seine nassen Füße in Richtung der Flammen.

»Mein Name«, begann er, »ist John Openshaw, aber meine eigenen Verhältnisse haben, so viel ich sehe, wenig mit dieser schrecklichen Sache zu tun. Es ist eine Erbschaftsangelegenheit, darum muss ich, um Ihnen ein vollständiges Bild der Lage zu vermitteln, beim Beginn jener anfangen.

Sie müssen wissen, daß mein Großvater zwei Söhne hatte – meinen Onkel Elias und meinen Vater Joseph. Mein Vater hatte eine kleine Fabrik in Coventry, die er zur Zeit der Erfindung des Fahrrades vergrößerte. Er war der Patentinhaber von Openshaws unzerstörbaren Reifen und sein Geschäft lief so erfolgreich, daß es ihm möglich war die Fabrik zu verkaufen und mit einem stattlichen Vermögen in den Ruhestand zu gehen.

Mein Onkel Elias emigrierte nach Amerika als er ein junger Mann war, wo er in Florida eine Plantage kaufte, die wie ich hörte gute Erträge abwarf. Während des Krieges kämpfte er in Jacksons Armee und danach unter Hood, der ihn zum Colonel beförderte. Als Lee seine Waffen streckte, kehrte mein Onkel auf seine Plantage zurück und blieb dort für weitere drei oder vier Jahre.

Um 1869 kam er zurück nach Europa und kaufte ein kleines Anwesen in Sussex, nahe Horsham. Er hatte in den Vereinigten Staaten ein beträchtliches Vermögen angehäuft und der Grund warum er sie wieder verließ war seine Abneigung gegenüber Negern und der Republikanischen Politik ihnen die Freiheit zu geben. Er war alleinstehend, leidenschaftlich, temperamentvoll und extrem unflätig, wenn er sich ärgerte, und er war ein Eigenbrötler. All die Jahre, in denen er in Horsham lebte, ist er wahrscheinlich nicht ein einziges Mal in die Stadt gegangen. Er hatte einen Garten und zwei oder drei Felder hinter dem Haus und dort betätigte er sich körperlich, aber sehr oft blieb er auch wochenlang in seinem Zimmer. Er trank ein gehöriges Maß an Brandy und rauchte wie ein Schlot, aber er ging nicht aus und empfing keinen Besuch, nicht einmal seinen Bruder.

Nur gegen mich hatte er nichts, er hatte sogar etwas für mich übrig. Als er mich zum ersten Mal traf, war ich ein Jungspund von etwa zwölf Jahren. Das war 1878, nachdem er acht oder neun Jahre in England war. Er bat meinen Vater mich bei ihm wohnen zu lassen und war auch sonst auf seine Weise sehr nett zu mir. Wenn er nüchtern war, spielte er gerne Backgammon und Dame mit mir und er machte mich zu seinem Bevollmächtigten was die Dienerschaft und die Händler anging, so daß ich mit sechzehn Jahren durchaus der Herr des Hauses war. Ich hatte alle Schlüssel, konnte gehen wohin ich wollte und tun was ich wollte, solange ich ihn in seiner Abgeschiedenheit nicht störte. Es gab nur eine Ausnahme, denn er hatte einen Raum, eine Abstellkammer auf dem Dachboden, die immer verschlossen war und zu der niemand, weder ich, noch sonst jemand außer ihm je hinein durfte. Mit der Neugier eines Jungen, spähte ich durchs Schlüsselloch, aber ich sah nie mehr als ein paar alte Kisten und Bündel, die man in so einem Raum auch erwarten würde.

Eines Tages, es war im März 1883, lag ein Brief mit einem ausländischen Poststempel auf dem Tisch vor dem Teller des Colonels. Es war für ihn ungewöhnlich einen Brief zu erhalten, denn all seine Rechnungen wurden bar bezahlt und er hatte auch keine Brieffreunde. ›Aus Indien!‹ sagte er als er den Brief sah, ›Dem Stempel nach aus Pondicherry! Was kann das nur sein?‹ Er riß ihn hastig auf und alles was aus dem Umschlag fiel waren fünf getrocknete Orangenkerne, die auf dem Teller landeten. Ich begann darüber zu lachen, aber als ich sein Gesicht sah, blieb mir das Lachen im Halse stecken. Sein Mund stand weit offen, seine Augen fielen ihm fast aus den Höhlen und seine Haut hatte die Farbe von Asche angenommen. Er starrte auf den Umschlag, den er noch immer in seinen zitternden Händen hielt: ›K.K.K.!‹, schrie er und dann, »Mein Gott, mein Gott. Meine Sünden holen mich ein!‹

›Was ist los, Onkel?‹, rief ich.

›Tod‹, sagte er, stand auf und ging in sein Zimmer und ließ mich mit vor Schrecken klopfendem Herzen zurück. Ich hob den Umschlag auf und sah auf der Innenseite, kurz vor der Klebelasche, drei K's in roter Tinte gekritzelt. Sonst war da nichts, abgesehen von den fünf Kernen. Was konnte nur der Grund für seine Panikattacke sein? Ich verließ den Frühstückstisch und als ich die Treppe hochging, kam er gerade wieder herunter mit einem rostigen alten Schlüssel in der einen, und einem kleinen Metallkästchen, ähnlich einer Geldkassette in der anderen Hand.

›Sie können tun was sie wollen, aber ich steche sie doch aus‹, sagte er und fluchte. ›Sag Mary, daß ich heute ein Feuer in meinem Zimmer haben will und lass nach Fordham, dem Anwalt Horshams, schicken.‹

Ich tat was er verlangte und als der Anwalt eintraf sollte ich mit nach oben in sein Zimmer kommen. Das Feuer brannte hell und im Rost lag eine Menge leichte schwarze Asche wie von verbranntem Papier, während der Metallkasten offen und leer daneben stand. Als ich die Box anschaute, fiel mir mit Schrecken das dreifache K, das schon auf dem Umschlag stand, auf dem Deckel auf.

›Ich möchte, John‹, sagte er, ›daß du mein Testament bezeugst. Ich hinterlasse mein Anwesen mit all seinen Vorzügen und Belastungen meinem Bruder, deinem Vater, wodurch es ohne Zweifel eines Tages an dich übergehen wird. Wenn du es in Frieden genießen kannst, schön und gut! Falls nicht, dann rate ich dir gib es deinem Todfeind. Es tut mir Leid dir ein so zweischneidiges Ding zu hinterlassen, mein Junge, aber ich kann nicht voraussehen welche Wendung die Dinge nehmen werden. Unterschreib bitte die Papiere dort, wo Mr. Fordham es dir zeigt.‹

Ich unterschrieb die Papiere wie geheißen und er Anwalt nahm sie wieder mit. Dieser einmalige Vorfall machte, wie Sie sich sicher denken können, einen großen Eindruck auf mich und ich dachte lange darüber nach, drehte und wendete ihn im Bestreben daraus schlau zu werden, aber ohne Erfolg. Doch ich konnte das vage Gefühl der Gefahr nie abschütteln, das er hervorrief, obwohl die Eindrücke weniger heftig wurden als die Wochen ins Land gingen und nichts passierte was den Alltag unseres Lebens störte. Mein Onkel hatte sich jedoch verändert. Er trank mehr denn je und war jeglicher Gesellschaft noch weniger zugetan als sonst. Die meiste Zeit verbrachte er in seinem Zimmer, die Tür von innen verschlossen. Manchmal aber kam er im Alkoholrausch heraus und wütete dann im Garten mit einem Revolver in der Hand und schrie in die Nacht, daß er vor niemandem Angst hätte und daß er sich nicht einpferchen lasse wie ein Schaf in einem Stall, weder von Menschen, noch vom Teufel. Wenn diese Anfälle allerdings vorbei waren, rannte er stürmisch zur Tür und verrammelte und verriegelte sie hinter sich wie jemand, der es nicht mehr mit dem Terror aufnehmen kann, der im Innern seiner Seele liegt. In solchen Zeiten habe ich sein Gesicht, selbst an einem kalten Tag, mit Schweißperlen überzogen gesehen wie nach einem Dauerlauf.

Um zum Ende zu kommen, Mr. Holmes, und Ihre Geduld nicht weiter zu strapazieren, komme ich zu der Nacht als er wieder einen dieser Anfälle hatte, von dem er aber nie wiederkehrte. Wir fanden ihn als wir nach ihm suchten mit dem Gesicht nach unten ihn einem kleinen Teich voller Wasserlinsen am Fuß des Gartens. Es gab kein Anzeichen von Gewalt und das Wasser war nur zwei Fuß tief, so daß die Jury, die seine Ausfälle kannte, zu dem Urteil Selbstmord kam. Aber ich, der weiß wie er schon beim Gedanken an den Tod zusammenschrak, kann nicht glauben, daß er einfach so hinausgegangen sein soll, um sich umzubringen. Die Dinge liefen jedoch weiter und mein Vater war nun im Besitz des Anwesens und von etwa 14000£, die mein Onkel auf der Bank hatte.«

»Einen Moment«, unterbrach Holmes, »Ihre Aussage ist wirklich eine der bemerkenswertesten, denen ich je gelauscht habe. Sagen Sie mir doch das genaue Datum des Empfangs des Briefs und des angeblichen Selbstmords.«

»Der Brief kam am 10. März 1883. Sein Tod war sieben Wochen später in der Nacht des 2. Mai.«

»Danke. Bitte fahren Sie fort.«

»Als mein Vater das Horsham-Anwesen übernahm, untersuchte er auf mein Anraten hin sorgfältig die Kammer auf dem Dachboden, die immer abgeschlossen gewesen war. Wir fanden den Metallkasten, obwohl dessen Inhalt zerstört worden war. Auf der Innenseite war das Papierschild mit den Initialen K.K.K. darauf und darunter stand ›Briefe, Memoranden, Belege, Register‹. Wir vermuteten, daß dies die Natur des Inhalts der Box gewesen war, den Colonel Openshaw zerstört hatte. Sonst fanden wir nichts von Interesse in der Kammer, außer Unmengen loses Papier und Notizblöcke aus der Zeit als mein Onkel in Amerika gelebt hatte. Manche waren aus dem Krieg und zeigten ihn als tapferen Soldaten, der seine Pflicht zufriedenstellend erfüllte. Manch andere waren aus der Zeit als die Südstaaten wieder aufgebaut wurden und handelten vornehmlich von Politik, da er offenbar eine große Rolle in der Opposition gegen die Übergangspolitiker aus dem Norden spielte.

Nun, es war Anfang `84 als mein Vater in Horsham einzog und alles lief so glatt wie es nur laufen konnte, bis Januar `85. Am vierten Tag nach Neujahr hörte ich wie mein Vater einen gellenden Schrei der Überraschung ausstieß als wir am Frühstückstisch saßen. Da saß er mit einem gerade geöffneten Briefumschlag in der einen und fünf getrockneten Orangenkernen in der anderen Hand. Er hatte immer über die Räuberpistole über den Colonel, wie er sie nannte, gelacht, aber nun sah er sehr erschreckt und verwundert darüber aus, daß ihm nun daßelbe passierte.

›Was um alles in der Welt hat das zu bedeuten, John?‹, stammelte er.

Mein Herz war bleischwer. ›Es ist wieder von K.K.K.‹, sagte ich.

Er schaute in den Umschlag. ›So ist es‹, rief er. ›Hier stehen genau die Buchstaben. Aber da steht noch etwas darüber.‹

›Lege die Papiere auf die Sonnenuhr‹, las ich, indem ich ihm über die Schultern sah.

›Welche Papiere? Und welche Sonnenuhr?‹, fragte er.

›Die Sonnenuhr im Garten. Es gibt keine andere‹, sagte ich, ›aber die Papiere müssen die sein, die Onkel zerstört hat.‹

›Puh!‹ sagte er, dann faßte sich ein Herz. ›Wir leben in einem zivilisierten Land. Da darf solch eine Albernheit nicht geschehen. Wo kommt dieses Ding her?‹

›Aus Dundee‹, sagte ich, nachdem ich auf den Stempel gesehen hatte.

›Ein lächerlicher Streich‹, sagte er. ›Was habe ich mit Sonnenuhren und Papieren zu tun? Ich werde diesen Nonsens einfach ignorieren.‹

›Ich werde auf jeden Fall zur Polizei gehen‹, sagte ich.

›Damit man sich über mich lustig macht? So weit kommt es noch.‹

›Dann darf ich?‹

›Nein, ich verbiete es. Wegen dieses Nonsens machen wir keinen Aufstand.‹

Es war vergeblich mit ihm zu diskutieren, denn er war ein starrköpfiger Mann. Ich hatte allerdings ein Gefühl voller schlechter Vorahnungen.

Am dritten Tag nach Erhalt des Briefs fuhr mein Vater einen alten Freund, Major Freebody, besuchen, der eins der Forts am Portsdown Hill befehligt. Ich war froh, daß er ging, denn ich bildete mir ein, daß er weniger in Gefahr schwebte, wenn er fort war. Darin irrte ich mich gewaltig. Am zweiten Tag seiner Abwesenheit erhielt ich ein Telegramm des Majors, das mich drängte sofort zu ihm zu kommen. Mein Vater war in eine der tiefen Kalkgruben gefallen, die es in der Umgebung gab und lag nun bewußtlos mit gebrochenem Schädel da. Ich eilte zu ihm, aber er starb, ohne jemals wieder das Bewusstsein zu erlangen. Er war, so schien es, aus Fareham bei Dämmerung zurückgekommen und da ihm das Gelände unbekannt war, war er in eine der nicht umzäunten Kalkgruben gefallen, so zumindest die Ansicht der Jury, die von einem Unfalltod ausging. Ich untersuchte jedes Detail in Verbindung mit seinem Tod, konnte aber keine Anzeichen finden, die auf einen Mord hindeuteten. Keine Anzeichen von Gewalt, keine Fußspuren, er wurde nicht ausgeraubt, man hat keine Fremden in der Gegend gesehen. Und doch brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich mich nicht damit abfinden konnte und mir sicher war, daß sich irgendeine Verschwörung um uns herum abspielte.

Auf diese bedrückende Weise trat ich also mein Erbe an. Sie fragen sich bestimmt warum ich mich dessen nicht entledigt habe. Die Antwort ist, ich bin überzeugt, daß die Ursache all des Ärgers in einem Vorfall in meines Onkels Vergangenheit liegt und daß die Gefahr in egal welchem Haus immer noch genauso groß wäre.

Es war im Januar `85 als mein Vater sein vorzeitiges Ende fand und zwei Jahre und acht Monate sind seitdem vergangen. In dieser Zeit lebte ich einigermaßen glücklich in Horsham und begann zu hoffen, daß der Spuk für unsere Familie mit der vorangegangenen Generation endlich vorbei wäre. Ich hatte mich allerdings zu früh gefreut, denn gestern suchte mich der Fluch in gleicher Gestalt heim wie einst meinen Vater.«

Der junge Mann zog aus seiner Manteltasche einen zerknitterten Umschlag hervor, aus dem er auf den Tisch fünf kleine getrocknete Orangenkerne fallen ließ.

»Das ist der Umschlag«, fuhr er fort. »Der Poststempel ist London – östlicher Bezirk. Innen stehen dieselben Worte wie in meines Vaters letzter Nachricht: ›K.K.K‹; und dann noch ›Lege die Papiere auf die Sonnenuhr‹.«

»Was haben Sie bis hierher unternommen?« fragte Holmes.

»Nichts.«

»Nichts?«

»Um die Wahrheit zu sagen« – er vergrub sein Gesicht in seinen dünnen weißen Händen – »ich fühlte mich hilflos. Wie eines dieser armen Kaninchen im Würgegriff einer Schlange. Scheinbar bin ich im Netz eines rastlosen, unaufhaltsamen Unheils, gegen das jede Vorsicht und alle Vorkehrungen wirkungslos sind.«

»Papperlapapp!« rief Holmes. »Sie müssen handeln, Mann, oder Sie sind verloren. Nichts als Energie kann Sie noch retten. Es ist keine Zeit zum Verzweifeln.«

»Ich war bei der Polizei.«

»Ah!«

»Aber wie befürchtet nahmen sie meine Geschichte nicht ernst. Ich bin sicher der Inspektor ist der Ansicht die Briefe seien nur Streiche und die Todesfälle meiner Angehörigen bloße Unfälle wie die Jury geschlossen hatte, und daß keine Verbindung besteht zwischen ihnen und den Warnungen.«

Holmes schüttelte den Kopf und schlug mit der Faust in die Luft. »Welch unglaublicher Blödsinn!« rief er.

»Mir wurde aber ein Beamter zugeteilt, der mich und mein Haus bewachen soll.«

»Ist er heute Abend mit Ihnen gekommen?«

»Nein, seine Anweisung ist es im Haus zu bleiben.«

Wieder schlug Holmes in die Luft.

»Warum sind Sie zu mir gekommen«, rief er aus, »und vor allem, warum sind Sie nicht auf der Stelle zu mir gekommen?«

»Ich wußte nichts von Ihnen. Ich habe erst heute mit Major Prendergast über meine Sorgen gesprochen, woraufhin er mich zu Ihnen schickte.«

»Es ist also schon zwei Tage her, seit Sie den Brief erhielten. Wir hätten schon früher reagieren sollen. Ich nehme an sie haben keine weiteren Indizien als jene, die sie mitgebracht haben – kein weiteres aufschlußreiches Detail, das uns helfen könnte?«

»Da ist eine Sache«, sagte John Openshaw. Er kramte in seiner Manteltasche und legte dann ein Stück verfärbtes, blau schimmerndes Papier auf den Tisch. »Ich erinnere mich«, sagte er, »daß am Tag als mein Onkel die Papiere verbrannte einige der unverbrannten Reste in der Asche diese gewisse Farbe hatten. Ich fand dieses einzelne Blatt auf dem Boden seines Zimmers, das, wie ich annehme, eins dieser Papiere aus der Box war, und nur dadurch, daß es übersehen wurde, der Zerstörung entging. Außer, daß dort auch Kerne erwähnt werden, sehe ich nicht, daß es viel hilft. Ich für meinen Teil glaube es ist eine Seite aus einem privaten Tagebuch. Die Handschrift ist zweifelsohne die meines Onkels.«

Holmes drehte die Lampe und wir beide beugten uns über das Blatt Papier, das auf einer Seite eine gerissene Kante hatte, was in der Tat darauf hindeutete, daß es aus einem Buch gerissen worden war. Ganz oben stand: »März 1869«. Darunter waren folgende kryptische Notizen:

»Am 4. Hudson gekommen. Selber alter Bahnsteig.

Am 7. Schickte die Kerne zu McCauley, Paramore und John Swain aus St. Augustine.

Am 9. McCauley erledigt.

Am 10. John Swain erledigt.

Am 12. Paramore besucht. Alles gut.«

»Vielen Dank!« sagte Holmes, faltete das Papier und gab es unserem Besucher zurück. »Und nun dürfen Sie auf keinen Fall noch mehr Zeit verlieren. Es reicht nicht einmal mehr darüber zu diskutieren was Sie mir erzählt haben. Sie müssen sofort nach Hause und handeln.«

»Was soll ich tun?«

»Es gibt nur eins zu tun. Und das auf der Stelle. Sie müssen dieses Stück Papier, das Sie uns gezeigt haben, in den Metallkasten legen. Dazu müssen Sie noch eine Notiz schreiben, in der Sie erklären, daß die anderen Papiere von Ihrem Onkel verbrannt worden sind und daß dies das einzige ist, das übrig ist. Sie müssen Worte wählen die größtmögliche Überzeugung vermitteln. Wenn Sie das getan haben, müssen Sie sogleich die Box auf die Sonnenuhr stellen, wie angewiesen. Haben Sie verstanden?«

»Voll und ganz.«

»Denken Sie im Moment nicht an Rache oder dergleichen. Ich denke, daß wir über die Justiz Rache nehmen können, aber vorher müssen wir noch unser Netz spinnen, während das Netz unserer Gegner schon fertig ist. Als erstes müssen wir die drohende Gefahr, in der Sie schweben, von Ihnen nehmen. Dann erst können wir das Rätsel lösen und die Schuldigen bestrafen.«

»Ich danke Ihnen«, sagte der junge Mann, stand auf und zog seinen Mantel an. »Sie haben mir neues Leben und Hoffnung gegeben. Ich werde gleich tun, was Sie gesagt haben.«

»Verlieren Sie keine Sekunde. Und ganz wichtig, passen Sie in der Zwischenzeit auf sich auf, denn ich fürchte es gibt keinen Zweifel daran, daß Sie in einer sehr realen und unmittelbar bevorstehenden Gefahr schweben. Auf welchem Weg fahren Sie zurück?«

»Mit dem Zug aus Waterloo.«

»Es ist noch nicht neun Uhr. Selbst bei diesem Wetter wird in den Straßen noch einiges los sein, daher sind sie dort wohl in Sicherheit. Dennoch können Sie nicht vorsichtig genug sein.«

»Ich trage eine Waffe.«

»Das ist gut. Morgen werde ich mich an Ihren Fall setzen.«

«Dann sehe ich Sie in Horsham?«

»Nein, Ihr Geheimnis liegt hier in London. Dort werde ich versuchen es zu lüften.«

»Dann werde ich in einem oder zwei Tagen mit Neuigkeiten über die Box und die Papiere zurückkommen. Ich werde Ihren Rat in jeder Einzelheit befolgen.« Er gab uns die Hand und ging. Draußen heulte immer noch der Wind und der Regen prasselte und spritzte gegen die Fenster. Diese seltsame, blutige Geschichte schien aus der Mitte dieser wildgewordenen Elemente zu uns gekommen zu sein – angeflogen wie ein Büschel Seegras in einem Sturm – und nun wurde es wieder vom Sturm ergriffen und weggeweht.

Sherlock Holmes saß eine Weile still da, sein Kopf nach vorne gebeugt und seine Augen auf das rote Glühen des Feuers gerichtet. Dann zündete er sich die Pfeife an, lehnte sich zurück und beobachtete die blauen Rauchringe wie sie sich gegenseitig bis an die Decke verfolgten.

»Ich glaube, Watson«, sagte er schließlich, »daß von all unseren Fällen keiner phantastischer war als dieser.«

»Außer vielleicht das Zeichen der Vier.«

»Nun, ja, außer diesem vielleicht. Und doch hat es dieser John Openshaw anscheinend mit noch größeren Gefahren zu tun als damals die Sholtos.«

»Aber haben Sie«, fragte ich, »schon eine genaue Vorstellung davon wie diese Gefahren aussehen?«

»Es gibt gar keinen Zweifel über deren Natur«, antwortete er.

»Was sind sie dann? Wer ist dieser K.K.K. und warum sucht er diese unglückliche Familie heim?«

Sherlock Holmes schloß seine Augen und positionierte seine Ellbogen in bekannter Weise auf den Armlehnen, seine Fingerspitzen zusammengepreßt. »Der ideale Logiker«, begann er, »könnte, wenn er einmal ein Faktum in allen Einzelheiten gehört hätte, daraus alle weiteren Ereignisse – davor und danach – schlußfolgern. So wie Cuvier durch die Betrachtung eines einzigen Knochens das komplette Tier korrekt beschreiben kann, so sollte der Beobachter, der ein Glied der Ereigniskette vollkommen verstanden hat, in der Lage sein alle anderen Glieder, sowohl die vorher, als auch die nachfolgenden, akkurat darlegen zu können. Wir haben noch nicht ansatzweise begriffen zu welchen Ergebnissen die Logik allein uns führen kann.

Probleme, die andere, welche sich nur auf ihre Sinne verlassen, in die Verzweiflung treiben, können durch Forschen gelöst werden. Um diese Kunst jedoch bis zum Äußersten zu treiben, ist es unabdingbar, daß der Logiker alle Fakten, in deren Kenntnis er gelangt, auch nutzt und das impliziert, wie Sie sicher leicht verstehen, daß man dafür alles wissen muss und das wird selbst in Zeiten der kostenfreien Bildung und Lexika nur selten bewerkstelligt. Es ist jedoch nicht so unmöglich wie man denken mag all das Wissen anzusammeln, das einem bei seiner Arbeit nützlich sein könnte und in diesem speziellen Fall habe ich es geschafft alles nötige in Erfahrung zu bringen. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie in den frühen Tagen unserer Freundschaft meine Beschränkungen einmal sehr genau ausgeführt.«

»Ja«, antwortete ich lachend. »Die Aufstellung ist einmalig. Philosophie, Astronomie und Politik lagen bei Null. Botanik war durchwachsen, Geologie fundiert, was jeglichen Schlamm innerhalb eines Radius von 50 Meilen angeht, Chemie vorbildlich, Anatomie unsystematisch, sensationelle Literaturkenntnisse und einmalige Kenntnisse der Verbrechensaufzeichnungen. Spielt Geige, boxt, ist Fechter und Jurist. Vergiftet sich selbst mit Kokain und Tabak. Das waren glaube ich die wichtigsten Punkte meiner Analyse.

Holmes grinste über den letzten Punkt. »Nun«, sagte er, »ich sage es jetzt wie auch schon damals, daß ein Mann sein Oberstübchen mit all den Gegenständen ausgerüstet haben sollte, die er wahrscheinlich brauchen wird und alles andere kann er in der Abstellkammer seiner Bibliothek verstauen, von wo er es einfach bekommt, falls er es benötigt. Nun, für solch einen Fall wie diesen heute Abend, müssen wir sicherlich all unsere Ressourcen ausschöpfen. Reichen Sie mir doch bitte den Buchstaben K der amerikanischen Enzyklopädie von dem Regal neben Ihnen. Danke. Nun lassen Sie uns die Situation analysieren und was wir aus ihr schlußfolgern können. Zunächst einmal können wir davon ausgehen, daß Colonel Openshaw einen sehr triftigen Grund dafür hatte Amerika zu verlassen. Männer seines Alters ändern nicht einfach so all ihre Gewohnheiten und verlassen das wunderbare Klima Floridas für ein einsames Leben in einem englischen Provinzstädtchen. Seine extreme Versessenheit auf Einsamkeit in England legt nahe, daß er sich vor etwas oder jemand gefürchtet hat. Daraus können wir als Arbeitshypothese ableiten, daß er Amerika aus Angst vor etwas oder jemand verließ. Was genau er fürchtete, können wir nur herausfinden, wenn wir einmal diese schrecklichen Briefe betrachten, die er und seine Nachkommen erhalten haben. Haben Sie sich die Poststempel dieser Briefe gemerkt?«

»Der erste kam aus Pondicherry, der zweite aus Dundee und der dritte aus London.«

»Aus Ost-London. Und was schließen Sie daraus?«

»Das sind alles Seehäfen. Also war der Absender an Bord eines Schiffes?«

»Ausgezeichnet. Wir haben schon einen Hinweis. Es gibt keinen Zweifel, daß der oder die Absender wahrscheinlich – sehr wahrscheinlich – an Bord eines Schiffes ist. Und nun betrachten wir einen anderen Punkt. Was den Pondicherry-Brief betrifft, vergingen sieben Wochen zwischen der Drohung und deren Erfüllung, im Falle des Dundee-Briefs nur drei oder vier Tage. Was bedeutet das?«

»Der Mörder hatte anfangs eine größere Strecke zurückzulegen.«

»Aber die Briefe kamen auch von weiter her.«

»Dann sagt es mir nichts.«

»Wir können zumindest annehmen, daß das Schiff, in dem der Mann oder die Männer fahren, ein Segelschiff ist. Es sieht so aus als versenden sie ihre eigentümliche Warnung oder Visitenkarte immer bevor sie zu ihrer Mission aufbrechen. Sehen Sie wie schnell die Ausführung auf die Warnung folgte als sie aus Dundee kam. Wenn sie aus Pondicherry mittels eines Dampfschiffs gekommen wären, wären sie etwa zur gleichen Zeit wie ihr Brief eingetroffen. Aber es verstrichen sieben Wochen. Ich denke diese sieben Wochen repräsentieren die Differenz zwischen dem Postschiff, das den Brief transportierte und dem Segelschiff, das dessen Autor transportierte.«

»Es ist möglich.«

»Mehr als das. Es ist wahrscheinlich. Und nun sehen sie auch die unheimliche Dringlichkeit unseres neuen Falles und warum ich den jungen Openshaw so zur Vorsicht ermahnt habe. Der Vollzug erfolgte immer dann, wenn die Absender die Strecke zurückgelegt hatten. Aber der aktuelle Brief kam aus London und daher können wir uns keine Verzögerungen mehr leisten.«

»Meine Güte!« rief ich aus. »Was kann diese unbarmherzige Verfolgung nur heißen?«

»Die Papiere, die Openshaw mitgenommen hatte, sind offenbar von großer Wichtigkeit für die Person oder Personen auf dem Segelschiff. Ich bin mir eigentlich sicher, daß es mehrere Personen sein müssen. Ein Mensch allein hätte keine zwei Morde ausführen und damit vor einer Untersuchungs-Jury davonkommen können. Es müssen mehrere sein und diese sind sicher Männer mit einigen Mitteln und Entschlossenheit. Sie wollen die Papiere unbedingt haben, egal wem sie sie entreißen müssen. Auf diese Weise, sehen Sie, sind K.K.K. nicht mehr die Initialen einer Einzelperson sondern die einer Gemeinschaft.«

»Aber welcher Gemeinschaft?«

»Haben Sie noch nie – « sagte Sherlock Holmes, beugte sich vor und sprach im Flüsterton weiter – »haben Sie noch nie vom Ku Klux Klan gehört?«

»Nein, noch nie.«

Holmes blätterte die Seiten des Buchs auf seinen Knie um. »Hier ist es«, sagte er schließlich.

›Ku Klux Klan. Der Name steht lautmalerisch für das Geräusch, das entsteht, wenn ein Gewehr durchgeladen wird. Diese schreckliche Geheimgesellschaft wurde von einigen Ex-Konföderierten Soldaten nach dem Bürgerkrieg in den Südstaaten gegründet und formierte schnell örtliche Zweigstellen in verschiedenen Teilen des Landes, darunter Tennessee, Louisiana, den Carolinas, Georgia und Florida. Seine Macht wurde für politische Zwecke gebraucht, vornehmlich um die schwarzen Wähler zu terrorisieren und um die Leute zu ermorden oder aus dem Land zu verjagen, die sich gegen den Klan stellten. Ihren Anschlägen gingen üblicherweise Warnungen voraus, die dem Opfer in ausgefallener, aber doch erkennbarer Form überbracht wurden: ein Eichenzweig, Melonensamen oder Orangenkerne. Nach dem Erhalt der Warnung konnte das Opfer entweder öffentlich seine Ansichten widerrufen oder aus dem Land flüchten. Wenn es die Sache aussitzen wollte, wurde es unausweichlich getötet, meist auf eine unvorhersehbare und kuriose Weise. Die Gesellschaft war so perfekt organisiert und ihre Methoden sind so systematisch, daß es kaum jemanden gibt, der sich deren Griff entziehen konnte, auch gibt es kaum Fälle, wo die Straftäter gestellt werden konnten. Einige Jahre lang wuchs die Organisation vor allem in den höheren Schichten der Südstaatengemeinden, trotz der Bemühungen der US-Regierung sie einzudämmen. Dann, im Jahr 1869, löste sie sich ziemlich plötzlich auf, obwohl es immer noch vereinzelte Ausbrüche ähnlicher Art bis heute gibt.‹

»Sie werden feststellen«, sagte Holmes und legte das Buch zurück, »daß die plötzliche Auflösung der Gesellschaft mit dem Verschwinden Openshaws und der Papiere aus Amerika übereinstimmt. Das eine könnte genauso gut Ursache des anderen gewesen sein. Kein Wunder, daß seine Familie seitdem von den unerbittlichsten Geistern heimgesucht wird. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, daß das Register und das Tagebuch Leute bis an die Spitze des Landes belasten könnten, welche daher nicht ruhig schlafen können bis beide geborgen sind.«

»Dann war die Seite, die wir vorhin gesehen haben –«

»Genau das was Sie denken. Darauf stand, wenn ich es noch richtig weiß: ›Schickte die Kerne zu A, B und C‹ –das heißt, die Warnungen wurden verschickt. Dann waren aufeinanderfolgende Einträge, daß A und B sich rechtfertigten, oder das Land verlassen hätten und schließlich, daß C besucht wurde, mit wie ich fürchte ungutem Ausgang für C. Nun, ich denke, Doktor, daß wir ein wenig Licht in diese dunkle Angelegenheit gebracht haben und ich glaube die einzige Chance, die der junge Openshaw momentan hat, ist zu tun was ich ihm gesagt habe. Heute Nacht gibt es sonst nichts mehr zu tun oder zu sagen, darum geben Sie mir doch bitte meine Violine und lassen Sie uns die Sache und das schreckliche Wetter für eine halbe Stunde vergessen.

Am nächsten Morgen klarte es auf und die Sonne schien schwach durch den Hochnebel hindurch, der über der Stadt hing. Sherlock Holmes frühstückte schon, als ich herunterkam.

»Entschuldigen Sie, daß ich nicht auf Sie gewartet habe«, sagte er, »ich habe wie es aussieht einen sehr geschäftigen Tag vor mir, wenn ich den Fall des jungen Openshaw lösen will.«

»Was werden Sie unternehmen?«

»Das hängt in erster Linie von den Ergebnissen meiner ersten Nachforschungen ab. Vielleicht muss ich auch doch noch nach Horsham fahren.«

»Sie fahren nicht gleich dort hin?«

»Nein. Ich werde in der Innenstadt anfangen. Betätigen Sie einfach die Glocke und das Dienstmädchen bringt ihnen Kaffee.«

Als ich darauf wartete, nahm ich die noch ungeöffnete Zeitung vom Tisch und überflog sie mit einem Auge. Ich blieb bei einem Titel hängen, der mir den Atem verschlag.

»Holmes«, schrie ich, »Sie sind zu spät.«

»Ah!« sagte er und senkte die Tasse, »das habe ich schon befürchtet. Wie ist es passiert?« Er sprach ruhig, aber ich konnte sehen, daß er tief erschüttert war.

»Ich habe nur den Namen Openshaw gelesen und den Titel ›Tragödie nahe der Waterloo Brücke‹. Hier ist der Artikel:

›Zwischen neun und zehn Uhr letzte Nacht hörte Polizeibeamter Cook der H-Division auf Streife nahe der Waterloo Brücke einen Hilfeschrei und etwas ins Wasser fallen. Die Nacht war jedoch sehr dunkel und windig, so daß es trotz der Hilfe mehrerer Passanten unmöglich war eine erfolgreiche Rettungsaktion zu starten. Es wurde aber Alarm gegeben und mit der Hilfe der Wasserpolizei wurde die Leiche geborgen. Wie sich herausstellte war es ein junger Gentleman, dessen Name, anhand eines Briefumschlags, der in seiner Manteltasche gefunden wurde, John Openshaw lautete, welcher in Horsham gewohnt hat. Es wird vermutet, daß er in Eile war den letzten Zug aus der Waterloo Station noch zu erwischen und wegen der extremen Finsternis und Hast den Weg nicht fand und über die Kante eines kleinen Anlegestegs für Dampfboote in den Fluß fiel. Die Leiche zeigte keine Anzeichen von Gewalt, daher gibt es keinen Zweifel, daß der Verstorbene einen überaus unglücklichen Unfall erlitt, den die Behörden hoffentlich zum Anlass nehmen die Sicherung der Uferwege zu verbessern.‹ «

Wir saßen einige Minuten schweigend da, Holmes niedergeschlagener und verstörter als ich ihn je gesehen hatte.

»Das verletzt meinen Stolz, Watson«, sagte er schließlich. »Das ist zweifellos ein belangloses Gefühl, aber es verletzt meinen Stolz. Jetzt wird es für mich eine persönliche Angelegenheit und wenn Gott mir Kraft gibt, dann werde ich diese Bande vernichten. Daß er zu mir kam und um Hilfe bat und ich ihn in den Tod schickte –!« Er sprang von seinem Stuhl auf und ging unübersehbar wütend im Zimmer auf und ab. Seine hohlen Wangen hatten so viel Farbe wie noch nie und seine langen dünnen Hände ballten sich immer wieder nervös zur Faust.

»Das sind gewitzte Teufel«, stieß er hervor. »Wie haben sie es geschafft ihn nach dort unten zu locken? Die Uferstraße ist nicht der direkte Weg zum Bahnhof. Die Brücke war für deren Zwecke bestimmt zu bevölkert, selbst an einer solchen Sturmnacht. Nun, Watson, wir werden sehen wer den längeren Atem hat. Ich gehe nun aus!«

»Zur Polizei?«

»Nein, ich werde meine eigene Polizei sein. Wenn ich mein Netz gesponnen habe, dürfen sie die Fliegen abführen, aber nicht früher.«

Den ganzen Tag war ich mit meiner Arbeit beschäftigt, so war es später Abend, bis ich wieder in der Baker Street war. Sherlock Holmes war noch nicht zurückgekehrt. Es war fast zehn Uhr als er schließlich eintrat. Er sah blaß und erschöpft aus. Er ging direkt zur Anrichte, riß sich ein großes Stück Brot vom Laib ab, verschlang es gierig und spülte es mit einem großen Schluck Wasser hinunter.

»Sie sind hungrig«, stellte ich fest.

»Am Verhungern. Ich vergaß zu essen. Seit dem Frühstück habe ich nichts mehr gegessen.«

»Gar nichts?«

»Nicht einen Bissen. Ich hatte keine Zeit auch nur darüber nachzudenken.«

«Und waren Sie erfolgreich?«

«Oh ja.«

«Haben Sie eine Spur?«

«Ich habe sie im Würgegriff. Der junge Openshaw wird bald gerächt werden. Und jetzt Watson, wollen wir deren eigene Visitenkarte gegen sie verwenden. Es ist alles durchgeplant!«

»Was meinen Sie damit?«

Er nahm eine Orange aus dem Schrank, riß sie auf und quetschte die Kerne heraus auf den Tisch. Er nahm fünf davon und schob sie in einen Umschlag. Auf die Innenseite schrieb er: »S.H. für J.O.« Dann versiegelte er ihn und adressierte ihn an »Captain James Calhoun, Barque Lone Star, Savannah, Georgia.«

»Den Brief bekommt er, wenn er an Land geht«, sagte er glucksend. »Der wird ihm eine schlaflose Nacht bescheren. Er wird diese Warnung garantiert genauso gut verstehen wie schon Openshaw.«

»Und wer ist Captain Calhoun?«

»Der Kopf der Bande. Die anderen werde ich auch noch erwischen, aber ihn zuerst.«

»Wie haben Sie ihn aufgespürt?«

Er zog ein großes Blatt Papier aus seiner Hosentasche, über und über mit Daten und Namen bedeckt.

»Dafür habe ich den ganzen Tag gebraucht«, sagte er, »ich durchforstete Lloyds Register und Akten mit alten Papieren, gefolgt von der weiteren Reiseroute jedes Schiffs, das im Januar und Februar `83 in Pondicherry angelegt hatte. Es waren sechs Schiffe mit ausreichender Tonnage, die während dieser Monate anlegten. Eins von diesen, die Lone Star, erregte sofort mein Aufsehen, da, obwohl berichtet wurde sie habe wieder aus London abgelegt, der Name des Schiffs gleichzeitig auch der eines Staates der Union ist.«

»Texas, hab ich recht?«

»Ich war und bin mir immer noch nicht sicher welcher, aber ich wußte, daß dieses Schiff aus Amerika kam.«

»Und dann?«

»Dann durchsuchte ich die Dundee-Aufzeichnungen und als ich dort die Lone Star im Januar `85 wiederfand, wurde der Verdacht zur Gewißheit. Dann erkundigte ich mich nach den Schiffen, die derzeit in London vor Anker liegen.«

»Ja?«

»Die Lone Star ist letzte Woche hier angekommen. Ich ging zum Albert Dock hinunter und fand heraus, daß sie heute morgen bei Hochwasser wieder in Richtung Savannah abgelegt hat. Ich telegraphierte nach Gravesend und erfuhr, daß sie dort schon vorbeigefahren war. Da ein Ostwind weht, ist sie bestimmt schon vorbei an den Goodwins und schon fast bei der Isle of Wight.«

»Was haben Sie nun vor?«

»Oh, sie entkommen mir nicht. Er und seine zwei Kameraden sind, wie ich erfuhr, die einzigen geborenen Amerikaner auf dem Schiff. Die anderen sind Finnen und Deutsche. Darüber hinaus weiß ich, daß alle drei gestern Abend nicht auf dem Schiff waren. Das habe ich vom Schiffsbelader, der sich um ihre Fracht kümmerte. Sobald das Segelschiff Savannah erreicht, wird das Postschiff den Brief schon dorthin gebracht haben und die Polizei dort wird telegraphisch informiert worden sein, daß diese drei Gentlemen hier wegen Mordverdachts gesucht werden.«

Es gibt jedoch immer einen Makel, auch in den besten Plänen, und die Mörder von John Openshaw haben die Orangenkerne, die ihnen gezeigt hätten, daß ihnen noch jemand auf der Spur war, der so schlau und entschlossen war wie sie, nie bekommen. Die Herbststürme waren in dem Jahr sehr stark und lang. Wir warteten lange auf Neuigkeiten über die Lone Star aus Savannah, aber bekamen nie welche. Letztes Jahr hörten wir, daß irgendwo weit draußen auf dem Atlantik ein Achtersteven eines Schiffes in den Wellen auf und ab schwang. Die Buchstaben »L.S.« waren darauf eingraviert und das ist alles was wir je über das Schicksal der Lone Star erfahren haben.








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