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Gutenberg > Aristophanes >

Die Frösche

Aristophanes: Die Frösche - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleKomödien
authorAristophanes
translatorLudwig Seeger
firstpub1845-48
yearca. 1960
publisherVollmer Verlag
addressWiesbaden / Berlin
titleDie Frösche
pages255-256
created20070413
sendergerd.bouillon
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Fünfte Szene

Aischylos, Euripides, Dionysos, Pluton auf dem Thron, der Chor

Euripides: Der Ehrensitz ist mein, ich lass' ihn nicht;
Nicht er, ich bin der Meister der Tragödie!

Dionysos: Was schweigst du, Aischylos? Du hörst ihn doch?

Euripides: Erst tut er feierlich, so wie er stets
In seinen Stücken grandios sich spreizt!

Dionysos zu Euripides:
Hör, Menschenkind, du nimmst den Mund zu voll!

Euripides: Ich kenn' ihn, ich durchschaut' ihn längst, den Schöpfer
Der Ungeheuer, den Posaunenmund,
Unbändig reißend ohne Zaum und Zügel,
Aufsprudelnd, wortgebälkverklammerungskundig!

Aischylos: »Ha, Sohn der Göttin vom« Gemüsemarkt,
Mir das von dir, du Bühnenlumpensammler,
Du Bettelbrutaushecker, Fetzenstückler!
Dein Wort soll dich verderben!

Dionysos:                                         Aischylos,
Hör auf, erhitze dir die Galle nicht!

Aischylos: Nein, nein, entlarven will ich erst den Vater
Der Krüppelhelden, der so frech mir trotzt!

Dionysos zum Gefolge:
Ein Lamm, ihr Sklaven, bringt ein schwarzes Lamm,
Es steigt ein gräßlich Ungewitter auf!

Aischylos zu Euripides:
Du, der du Hurenmonologe schmiedest
Und in der Kunst die Blutschand' eingeschwärzt!

Dionysos: Halt ein, geehrter Meister Aischylos!
Und du geschlagner Mann, Euripides,
Weich aus dem Hagelwetter, sei gescheit,
Eh' er mit einem Kernwort dir das Hirn
Zerschlägt, daß dir der ›Telephos‹ herausspritzt!
Du aber, prüfe ruhig, Aischylos,
Und laß dich prüfen! Dichtern will's nicht ziemen,
Sich auszuschimpfen wie die Hökerweiber.
Du knatterst gleich wie Eichenholz im Feuer!

Euripides: Ihr Herrn, ich bin bereit zu packen oder
Dem Packan preiszugeben Reden, Verse,
Gespräch' und Chöre, der Tragödien Nerv,
Den ›Peleus‹, ›Meleagros‹, ›Aiolos‹,
Ja, bei den Göttern, auch den ›Telephos‹.

Dionysos: Sprich, Aischylos, was denkst du zu beginnen?

Aischylos: Hier unten wünscht' ich freilich nicht zu kämpfen:
Denn ungleich ist der Kampf für uns.

Dionysos:                                                   Wieso?
Aischylos: Nicht tot mit mir ist meine Poesie;
Die seine ist's mit ihm, er nahm sie mit!
Jedoch, du willst es, und ich füge mich.

Dionysos zu den Sklaven:
Nun denn, so bringt mir Weihrauch her und Kohlen,
Auf daß ich, opfernd vor dem Dichterkampf,
Mir kritische Erleuchtung mag erflehn!
Zum Chor
Ihr aber stimmt ein Lied den Musen an!
Er opfert das Lamm, das man gebracht

Chor: Musen, ihr neun jungfräuliche, reine
Töchter des Zeus, die ihr schaut auf die witzigen, spitzigen Geister
Mückenseihender Männer, sooft sie mit künstlich geschraubten,
Scharf einschneidenden Worten im heißen Kampf sich begegnen,
Naht euch und staunet der Zungengewalt
Dieses erhabenen Paars!
Schmetternde Worte verleiht,
Verse gekräuselt und glatt:
Denn aufeinander im Kampf
Prallen jetzt mächtig die zürnenden Dichter!

Dionysos nachdem er geopfert:
Ihr beiden, betet ihr auch, eh' ihr kämpft!

Aischylos opfernd:
Demeter, die du meinen Geist befruchtest,
Gib, daß ich deiner Weihen würdig sei!

Dionysos zu Euripides:
Nun opfre du auch Weihrauch!

Euripides:                                       Danke schön:
Denn andre Götter sind's, die ich verehre!

Dionysos: Besondre, neu geprägt von dir?

Euripides:                                                   So ist's.

Dionysos: So bete du zu deinen eignen Göttern!

Euripides betend:
O Äther, meine Speise, Zungenspitze,
Und du, o Witz, du spürsam feine Nase,
Laßt Wort für Wort mich gründlich widerlegen!

Chor: Ja, auch wir verlangen sehnlich
Von den weisen Meistern zu hören
Feindlich sich kreuzender Worte Geräusch;
Wilde Kampflust rührt die Zungen,
Beiden schwillt die Brust von stolzem Heldenmut und kühnem Zorn;
Nun, da läßt sich schon erwarten
Von dem einen feine Rede, wohlstudiert und ausgefeilt,
Von dem andern Urwaldworte,
Mit der Wurzel ausgerissen
Und geschleudert nach dem sandigen
Wortkram, der im Wind zerstiebt!

Dionysos: Beginnt einmal zu reden jetzt, doch witzig, möcht' ich bitten;
Laßt alle schalen Bilder weg und bringt nichts Ordinäres!

Euripides: So mag von meiner Poesie und was ich selbst geleistet,
Zuallerletzt die Rede sein. Erst will ich dem beweisen,
Daß er ein wind'ger Prahler war, und wie er übertölpelt
Das Publikum, das Phrynichos zur Dummheit auferzogen.
Gleich anfangs setzt' er tief vermummt Personen hin, Achilleus
Und Niobe, bei denen nichts zu sehn ist vom Gesichte,
Tragödienpuppen, weiter nichts, die auch nicht so viel mucksten!

Dionysos: Beileibe, nein!

Euripides:                         Der Chor bestürmt' in Liedern, eins aufs andre
Gepackt, oft viermal, die Pagod'; allein sie schwieg noch immer!

Dionysos: Ei, mir gefiel das Schweigen sehr und freute mich nicht minder
Als jetzt das Schwatzen!

Euripides:                             Unter uns gesagt, da warst du albern!

Dionysos: Mag sein, ich glaub' es selbst. Allein, warum wohl tat er solches?

Euripides: Effekt, Effekt! Damit das Volk dasaß' in voller Spannung:
Wann Niobe wohl reden wird? Das Stück indes ging weiter.

Dionysos: Der schelmische Patron, wie hat er mich so oft betrogen!
Zu Aischylos
Was reckst du so ergrimmt den Hals?

Euripides:                                                   Weil ich den Fleck getroffen!
Und hat er dann euch g'nug geäfft, so in des Dramas Mitte
Wirft er ein Dutzend Wörter hin mit Hörnern und mit Klauen,
Recht ochsenmäßig, fürchterlich gespenstig, ungeheuer
Und völlig unverständlich.

Aischylos:                                 Ha, mir dieses?

Dionysos:                                                           Still, mein Bester!

Euripides: Kein Mensch begriff ein Wort!

Dionysos zu Aischylos:                                 So laß doch sein das Zähneknirschen!

Euripides: Skamandre gab's und Wälle nur und ausgereckt auf Schilden
Erzbilder: Greifenadler, und halsbrechend steile Worte,
Höchst mühsam zu enträtseln.

Dionysos:                                       Ja, bei Gott mir ist's begegnet,
Daß »eine lange, lange Nacht ich schlaflos nachgegrübelt«,
Zu welcher Vogelspezies man zählt den gelben Roßhahn!

Aischylos: Ein Zeichen war's, du Ignorant, gemalt am Bug des Schiffes!

Dionysos: So, so? Ich hielt ihn für den Sohn Philoxenos', Eryxis!

Euripides: Ist die Tragödie denn der Mist, um Hähne drauf zu setzen?

Aischylos: Was hast denn du nicht alles frech ihr aufgehängt, Verfluchter?

Euripides: Roßhähne nicht, Bockhirsche nicht, wie du getan, dergleichen
Auf persischen Tapeten wohl und Teppichen zu finden!
Wie ich aus deinen Händen einst die Poesie empfangen,
Voll ungenießbaren Bombasts, pausbäckig aufgedunsen,
Gleich nahm ich sie und hielt sie kurz, die Taille ihr zu mindern,
Durch Wasserkur und Leiertand, Spazierengehn – und Säftchen,
Aus feinem Umgang destilliert und abgeseiht aus Büchern.
Ich gab ihr Monodieen und Kephisophon zu essen;
Ich schwatzte nicht, wie's eben kam, noch mischt' ich Dick und Dünnes;
Wer in die Szene trat, den ließ ich Haus und Stammbaum nennen
Fürs ganze Drama.

Dionysos:                     Besser doch, als nannt' er deinen eignen!

Euripides: Sodann vom ersten Vers an ließ ich niemand müßig stehen,
Und reden mußte mir die Frau, und reden selbst der Sklave,
Es sprach der Mann, die Jungfrau sprach, das alte Weib –

Aischylos:                                                                                   Und hast du
Nicht schon für das den Tod verdient?

Euripides:                                                   Bewahr' uns Gott Apollon!
Nur demokratisch handelt' ich.

Dionysos:                                         Mein Lieber, laß das ruhen,
Denn die Materie führt dich gar zu häufig in die Sümpfe!

Euripides: Das Volk hier hat bei mir allein gelernt zu sprechen –

Aischylos:                                                                                       Freilich,
Und wie? O wärst du, eh' du sie gelehrt, entzweigeborsten!

Euripides: Sich schulgerecht zu bilden, scharf die Reden auszuzirkeln,
Verstehn, bemerken, denken, sehn, belisten, liebeln, ränkeln,
Argwöhnen, achselzucken und vorsichtig lauschen –

Aischylos:                                                                           Freilich!

Euripides: Ich gab die ganze Häuslichkeit, worin wir sind und leben,
Und stellte der Kritik mich bloß: denn jeder ist befähigt,
Hierin zu richten meine Kunst. Ich wollte nicht posaunen,
Nicht das Verständnis hemmen und betäuben durch Geschöpfe
Wie Kyknos oder Memnon auf dem Prasselschellenrößlein!
Und leicht erkennen wird man sein' und meiner Schule Jünger:
Phormisios, der Magnesier, Megainetos die Seinen,
Blitzhageldonnerwetterkerls, Steineichenstämmentwurzler;
Doch meine Schüler: Kleitophon, Theramenes, der feine –

Dionysos: Theramenes? – Ein kluger Mann, gewandt in allen Stücken,
Der, fallen seine Würfel schlecht, und sitzt er in der Patsche,
Sich stets herauszuwinden und – dem Glück weiß nachzuhelfen!

Euripides: Auf solche Weisheit allerdings
Hab' ich die Bürger eingeschult,
Indem ich Scharfsinn und Räson
Der Kunst verlieh, daß regelrecht
Jedweder denkt und rationell
Nun Haus und Hof und Vieh bestellt,
Wie er es früher nie getan,
Und sorgsam forscht: Wie steht's mit dem?
Wo find' ich dies? Wer nahm mir das?

Dionysos: Kein Wunder, wenn nun jeglicher
Athener, wie er tritt ins Haus,
Scharf sein Gesind' examiniert
Und tobt: ›Wo ist der irdne Topf?
Wer hat den Heringskopf verzehrt?
Der Wasserkrug vom vor'gen Jahr
Geht auch nicht mehr zum Brunnen, scheint's?
Wo ist der Lauch von gestern hin?
Auch die Oliv' ist angenagt!‹ –
Sonst saß der Mann ganz albern da,
Ein Muttersöhnchen, offnen Mauls,
Ein wahres Zuckerpüppchen!

Chor: »Hast du gesehn, glorreicher Achilleus?«
Sprich, was willst erwidern dem Mann?
Daß dich nur dein Ungestüm
Aus den Schranken nicht hinausreißt,
Da er dich so hart beschuldigt!
Siehe zu, du stolzer Geist,
Daß du ruhig ihm begegnest
Und mit eingerefften Segeln
Über glatte Wogen fährst;
Stärker magst du vorwärts steuern,
Wenn du erst beständ'gen Windes
Sanften Hauch gewonnen hast!

Chorführer: Wohlauf nun, du Erster hellenischen Stamms, der erhabene Worte getürmt hat
Und aufgeputzt das tragische Spiel, eröffne die Schleusen dem Waldstrom!

Aischylos: Es empört mich, dem gegenüberzustehn, und es kocht mir das Blut in den Adern,
Daß ich diesem ein Wort nur erwidern soll: doch er könnte mein Schweigen verleumden!
Nun denn, so gib mir auf eines Bescheid: Was erwirbt dem Poeten Bewund'rung?

Euripides: Talent und Geschick und moralischer Zweck, begeisterter Eifer, die Menschen
Im Staate zu bessern!

Aischylos:                         Doch wie, wenn du das Entgegengesetzte gewirkt hast
Und Menschen, bieder und ehrenwert, in erbärmliche Wichte verwandelt,
Was glaubst du dafür zu verdienen?

Dionysos:                                                 Den Tod! Wer wird erst noch lange da fragen?

Aischylos: So betrachte die Menschen, in welcher Gestalt von mir er zuerst sie bekommen:
Grundedler Natur, vierschrötig und stark, nicht Hasenpanierpatrioten,
Nicht Pflastertreter und Gaukler wie jetzt, Klatschweiber, durchtriebene Schelme,
Nein: Speerwucht schnaubend und Lanzengewalt, weißbuschige Pickelhauben,
Beinschienen und Panzer und Waffengeklirr und »siebenstierhäutigen« Kriegsmut!

Euripides: Das Ding wird bedenklich, er hämmert entzwei mir den Schädel mit Helmen und Hauben!

Dionysos: Und du, was hast du getan, um solch grundedle Naturen zu schaffen?

Dionysos: Sprich, Aischylos, sprich und trotze nicht stumm in eigensinnigem Ingrimm!

Aischylos: Ein Drama schuf ich »des Ares voll«.

Dionysos:                                                               Das wäre?

Aischylos:                                                                                 ›Die Sieben vor Theben!‹
Und jeglicher Mann, der dieses geschaut, entbrannte, dem Feind zu begegnen.

Dionysos: Ein sauberer Dienst, den du uns erwiest: denn rüstiger hast du zum Kriege
Und tapfrer die Männer von Theben gemacht und verdientest für solches die Peitsche!

Aischylos: Ihr könntet euch üben so gut wie sie, doch kam euch an dies kein Gedanke.
Dann hab' ich ›die Perser‹ euch vorgeführt und, der Taten erhabenste feiernd,
Die Bürger den Weg der Ehre geführt, zu trotzen jeglichem Gegner!

Dionysos: Wie freut' ich mich nicht, da die Botschaft kam von dem Tode des großen Dareios
Und der Chor: klatsch! klatsch! sich die Hände zerschlug und ›Juhu!‹ begann zu krakeelen!

Aischylos: Denn Tatkraft wecken muß der Poet! Durchmustre sie alle von Anfang,
Die edelsten Dichter, wie nützlich sie stets dem gemeinen Besten gewesen:
Orpheus, der uns heilige Weihen gelehrt und die Scheu vor blutigen Taten;
Musaios brachte die Heilkunst uns und Orakel; vom Pflügen und Säen
Und Ernten berichtet Hesiodos uns; der göttliche Sänger Homeros,
Was hat ihn zu höchsten Ehren gebracht, als daß er zur Lehr' uns beschrieben
Die Stellung der Heere, der Helden Kraft und die Waffen der Männer?

Dionysos:                                                                                                         Das hat er
Pantakles, den Linkischen, nicht gelehrt, der neulich als Führer des Festzugs
Den Helm auf den Kopf sich setzt' und den Busch dann drüber zu stecken sich quälte.

Aischylos: Viel andere tüchtige Männer doch, den Lamachos drunter, den Heros!
Von solchem Gepräg' erschuf mein Geist der Heldengestalten die Menge:
Wie Patroklos, Teukros, das Löwenherz, auf daß ich die Bürger erweckte,
Nach solchem Maß sich zu strecken, sobald sie die Kriegsdrommete vernähmen.
Doch nie, bei Zeus, hab' ich Hurengezücht, Stheneboien und Phaidren gedichtet:
Ja, mag mir einer ein liebendes Weib in meinen Tragödien zeigen!

Euripides: Aphrodite freilich, die war dir fremd!

Aischylos:                                                             Und soll es auch ewig mir bleiben!
Auf dich und die Deinen, o freilich, da ließ sie in aller Breite sich nieder;
So hat sie dich selber heruntergebracht.

Dionysos:                                                       Ja, ja, so ist die Geschichte,
Denn was du erdichtet von anderen Frau'n, das hat dich ja selber betroffen!

Euripides: Was haben dem Staat, du Verwegener, denn Stheneboia und Phaidra geschadet?

Aischylos: Daß ehrlicher Männer ehrliche Frau'n den Schierlingsbecher getrunken,
Betört durch dich und in Schande gestürzt durch deine Bellerophonten!

Euripides: Und war denn nicht vor mir die Sage schon da von Phaidra? Hab' ich sie ersonnen?

Aischylos: Sie war es, gewiß! Doch Schändliches soll sorgfältig verhüllen der Dichter,
Nicht ans Tageslicht ziehn und öffentlich gar aufführen: denn was für die Knaben
Der Lehrer ist, der sie bildet und lenkt, das ist für Erwachs'ne der Dichter.
Nur das Treffliche dürfen wir singen.

Euripides:                                                   Und du, wenn du Riesengebirge von Worten
Auftürmst und lauter Parnasse sprichst, heißt das wohl, das Treffliche singen?
Man muß doch menschlich auch reden!

Aischylos:                                                     O du Verblendeter, muß ich für große
Gedanken, Entschlüsse nicht Worte zugleich mir erschaffen von gleichem Gewichte?
Und es ziemt sich auch wohl, daß der Halbgott stets in gewaltigen Worten sich ausspricht,
So wie er denn prächtiger auch als wir und reicher erscheint in Gewändern.
Das alles, wofür ich das Rechte gezeigt, du hast es verdorben!

Euripides:                                                                                           Wieso denn?

Aischylos: Indem du erbärmlich mit Lumpen behängt die Könige, nur um zu rühren
Die Herzen des Volks.

Euripides:                           Und mit solcherlei hätt' ich Schaden gestiftet? Wieso denn?

Aischylos: Du verführtest die Reichen, daß keiner mehr gern dreirudrige Schiffe will rüsten
Und, über und über in Lumpen gehüllt, lamentiert, wie er bettelhaft arm sei.

Dionysos: Beim Wetter, ja, und doch trägt er ein Kleid von der teuersten Wolle darunter
Und taucht, wenn er durch in den Lumpen sich log, dann wieder empor auf dem Fischmarkt!

Aischylos: Dann ferner hast du die Bürger gelehrt, sich aufs Plaudern und Faseln zu legen:
Das hat die Palaistra entvölkert und wund die Hintern mit Sitzen gerieben
Den zungenfertigen, jungen Herrn, und aufgewiegelt das Schiffsvolk
Zum Widerspruch gegen die Obern. Ja, zur Zeit, wo ich lebte, da wußten
Sie weiter noch nichts als um Zwieback zu schrei'n und ›Hoiho!‹ wacker zu rufen.

Dionysos: Weiß Gott! Und dem hintersten Ruderknecht ins Angesicht Winde zu jagen,
Bei Tisch zu beschmutzen den Nebenmann, und an Lande zu rauben und plündern!
Räsoniert wird jetzt und gefaulenzt an Bord,
Und kreuz und quer in der Irre geschifft!

Aischylos: Was hat er nicht alles verdorben zumal!
Und hat er nicht Kuppler uns vorgeführt,
Gebärende Weiber im Tempelraum,
Und Schwestern, mit leiblichen Brüdern gepaart,
Und Leute, die sagen: das Leben sei Tod?
Durch all das hat er die Stadt uns gefüllt
Mit Rechtsagenten und Schreibergeschmeiß,
Volksaffen, Schmarotzern mit wedelndem Schweif,
Die das Volk betrogen zu aller Zeit!
Wer versteht sich denn noch auf den Fackellauf
Und der Turnkunst männliche Übung?

Dionysos: Ja, wahrlich, so hab' ich mich neulich erst
Bei den Panathenaien zu Tode gelacht:
Da keucht' auf der Bahn so ein Faultier daher,
Blaß, feist und gebückt, weit hintendrein,
Der pustet' erschrecklich! Den fingen am Tor
Die Keramier auf und durchbleuten ihm derb
Den Buckel, die Lenden, den Bauch und den Steiß;
Und wie sie mit patschiger Hand ihn gewalkt,
Mit säuselndem Wind
Ausbläst er die Fackel und drückt sich!

Chor: Grimmige Händel, hitzige Zwietracht, derbe Kämpfe stehn bevor,
Und es heißt was, hier zu richten,
Wo mit Macht der eine dreinhaut
Und der andre sich zu drehn weiß und geschickte Finten schlägt!
Aber bleibt nicht stets beim gleichen,
Angriffskünste, Fechterkniffe gibt's noch hunderttausenderlei;
Lästert, keift und scheltet, rupft euch
Alte Sünden auf und neue,
Und in beißend feinen Witzen tummelt mutig euch herum!
Wenn ihr aber glaubt, an Bildung möcht' es eurem Publikum
Fehlen, zu kapieren eure
Feinen Hieb' und Redensarten, –
Macht euch deshalb keine Sorgen; denn es ist nicht mehr wie sonst,
Tüchtige, gediente Leute!
Jeder treibt Lektür' und lernt aus Büchern Witz, Geschmack und Ton;
Schon von Haus aus gute Köpfe
Und durch Bildung abgeschliffen –
Nein, da habt ihr nichts zu fürchten:
Schlagt euch, wie ihr wollt: es richtet euch ein weises Publikum!

Euripides: So will ich grad am Prologus dich fassen,
Um gleich an der Tragödie erstem Teil
Von vorn herein zu prüfen dein Talent:
Denn unklar gibt er stets die Handlung an.

Dionysos: Und welchen nimmst du vor?

Euripides:                                               Nicht einen bloß!
Zu Aischylos
Sag den zuerst mir aus der ›Orestie‹!

Dionysos: Still, alles schweige! Aischylos, fang an!

Aischylos: »O styg'scher Hermes, waltend väterlicher
Gewalt! Gib Heil, ich fleh', und Rettung mir:
Ins Vaterland rückkehrend zieh' ich heim!«

Dionysos zu Euripides:
Mißfällt dir hier ein Wort?

Euripides:                                 O mehr als zwölf!

Dionysos: Doch sind's in allem nur der Verse drei!

Euripides: Und zwanzig Fehler stecken doch in jedem!

Dionysos: Hör, Aischylos, ich rat' dir, schweige, sonst
Wirst du noch auf das Jambenkleeblatt schuldig.

Aischylos: Ich soll noch schweigen?

Dionysos:                                           Ja, wenn du mir folgst!

Euripides: Da hat er gleich sich himmelweit verschossen!
Zu Dionysos
Was schwatzt du nur ins Blau' hinein?

Dionysos:                                                   Ich? Ne!

Aischylos: Wo siehst du Fehler?

Euripides:                                   Wiederhol die Worte!

Aischylos: »O styg'scher Hermes, waltend väterlicher
Gewalt –«

Euripides:         Dies sagt Orestes auf dem Grab
Des Vaters, des Verstorbnen, nicht?

Aischylos:                                                 Gewiß!

Euripides: Und meint wohl: Als sein »Vater« mit »Gewalt«
Durch Weibeshand und Mörderlist gefallen,
Da sei es Hermes, der dabei gewaltet?

Aischylos: Den list'gen nicht, den Hermes der Verstorbnen,
Den styg'schen ruft er an und fügt hinzu:
Ein väterlich Geschenk sei jenes Amt.

Euripides: Noch größer, als ich glaubt', ist dann der Fehler.
Gab ihm das unterird'sche Amt sein Vater –

Dionysos einfallend:
Dann ist er Gräberdieb, bestellt vom Vater!

Aischylos zu Dionysos:
Der Wein, den du genießt, ist ohne Blume!

Dionysos: Den nächsten Vers! Und du
zu Euripides                           merk auf die Fehler!

Aischylos: – »Gib Heil, ich fleh', und Rettung mir:
Ins Vaterland rückkehrend zieh' ich heim.«

Euripides: Zweimal das gleiche, großer Aischylos!

Aischylos: Wie?

Euripides:           Sieh die Wort' an, ich erkläre dir's:
»Ins Vaterland rückkehrend zieh' ich heim.«
Rückkehren – heimziehn – ist ja ganz dasselbe!

Dionysos: Ganz so, wie wenn zum Nachbar einer sagt:
›Leih deinen Backtrog, deine Mulde mir!‹

Aischylos: Nein, nein, du Schwätzer, das ist ganz und gar
Nicht gleich: der Vers ist völlig tadellos.

Dionysos: Wieso? Laß hören, wie du da dir hilfst!

Aischylos: Heim zieht man, wenn man eine Heimat hat
Und nie gefährdet ward; doch ein Verbannter
Zieht heim und kehrt ins Vaterland zurück.

Dionysos: Beim Phoibos, gut! Euripides, wie steht's?

Euripides: Dann kehrt Orestes nicht ins Vaterland,
Denn heimlich kommt er, ohne Staatserlaubnis.

Dionysos: Beim Hermes, gut, versteh' ich's auch nicht ganz!

Euripides zu Aischylos:
Und nun das Nächste!

Dionysos:                           Hurtig, Aischylos,
Die andern Vers', und du
zu Euripides               beschau die Mängel!

Aischylos: »Dich ruf ich, Vater, auf dem Grabeshügel,
Vernimm mich, höre –«

Euripides:                             Wieder ganz das gleiche!
»Vernimm und höre!« Plumpe Wiederholung!

Dionysos: Er spricht ja mit Verstorbnen, blöder Tropf,
Die man auch dreimal rufend nicht erreicht!

Aischylos zu Euripides:
Wie machst denn du sie, die Prologe?

Euripides:                                                   Höre!
Und sag ich je was zweimal oder zeigst
Du mir ein Flickwort, spei mir ins Gesicht!

Dionysos: Beginn, ich höre mit gespitztem Ohr
Auf deiner Verse Reinheit im Prolog.

Euripides: »Beglückt im Anfang war einst Oidipus –«

Aischylos: Nein, sag' ich, unglückselig von Geburt!
Von wem Apoll, eh' er empfahn, geboren,
Weissagt': er werde seinen Vater töten,
War der von Anfang ein beglückter Mann?

Euripides: »Danach der Sterblichen unseligster –«

Aischylos: Danach? Er war's von Anbeginn und blieb's!
Denn, kaum geboren, ward er ausgesetzt,
Zur Winterzeit, in einem irdnen Topf,
Um nicht zum Vatermörder zu erwachsen;
Geschwollnen Beins zu Polybos gebracht,
Nimmt er, der Jüngling, dann ein altes Weib,
Die eigne Mutter, die ihn einst geboren;
Dann blendet' er sich selbst –

Dionysos:                                       Beglückt! – als hätt' er
Mit Erasinides zur See befehligt!

Euripides zu Aischylos:
Du faselst! In Prologen bin ich Meister!

Aischylos: Bewahr' mich Gott, daß ich dich Wort für Wort
Durchhechle; sämtliche Prologe mach'
Ich dir zuschanden mit dem Wörtchen ›Schuh‹!

Euripides: Was? Mit dem Schuh?

Aischylos:                                     Mit einem einz'gen Schuh!
Du machst sie dergestalt, daß deinen Jamben
Sich alles anpaßt: Jäckchen, Säckchen, Schuh!
Ein Pröbchen geb' ich dir im Augenblick.

Euripides: Das willst du, wirklich?

Aischylos:                                         Ja!

Dionysos zu Euripides:                           So deklamiere!

Euripides: »Aigyptos, wie die Sage weit erscholl,
Mit fünfzig Söhnen durch der Ruder Schlag
In Argos angelangt –«

Aischylos:                           Verlor den Schuh!

Euripides: Was soll der Schuh hier, du Vermaledeiter?

Dionysos: Noch einen Prologus! Da soll er sehn –

Euripides: »Dionysos, der mit Thyrosstab und Rehfell
Geschmückt beim Fackellicht auf dem Parnaß
Im Reigentanz sich schwingt –«

Aischylos:                                         Verlor den Schuh!

Dionysos: O weh, schon wieder ein verlorner Schuh!

Euripides: Hat nichts zu sagen! Doch dem folgenden
Prologe paßt er keinen Schuh mehr an!
»Beglückt in allem ist kein Sterblicher:
Denn dieser, edlen Stamms, ist arm an Gut,
Und jener, ahnenlos –«

Aischylos:                             Verlor den Schuh!

Dionysos: Euripides!

Euripides:                 Was gibt es?

Dionysos:                                       Geh nach Haus,
Denn in der Tat, dich drückt der Schuh gewaltig!

Euripides: Nein, nein, das macht mir keine Sorgen, jetzt
Bleibt er mit seinem Schuh mir sicher weg!

Dionysos: Noch einen denn: doch sei auf deiner Hut!

Euripides: »Der Sohn Agenors, Kadmos, ausgezogen
Aus Sidons Königsburg –«

Aischylos:                                   Verlor den Schuh!

Dionysos: Du Ärmster, kauf ihm ab den bösen Schuh,
Sonst tritt er die Prolog' uns ganz entzwei!

Euripides: Abkaufen? Ich?

Dionysos:                           O ja, wenn du mir folgst!

Euripides: Niemals! Prologe weiß ich viele noch,
An die er keinen Schuh mir hängen soll!
»Der Tantalide Pelops, der nach Pisa
Mit schnellen Stuten kam –«

Aischylos:                                     Verlor den Schuh!

Dionysos: Da hast du's, wieder hängt der Schuh daran!
Mein Bester, kauf um jeden Preis ihm einen;
Zwei Obolen – da kriegst du von den besten.

Euripides: Nein, nein! Noch hab' ich der Prologe g'nug.
»Oineus auf dem Gefild –«

Aischylos:                                   Verlor den Schuh!

Euripides: So laß mich doch den Vers zu Ende sagen!
»Oineus auf dem Gefild beim Erstlingsopfer
Des reichen Ernt'ertrags –«

Aischylos:                                   Verlor den Schuh!

Dionysos: Wie? Unterm Opfern? Ei, wie ging das zu?

Euripides: Laß ihn, mein Freund; sieh zu, was sagt er jetzt?
»Zeus, wie die Wahrheit selbst geoffenbart« –

Dionysos: Halt, du verlierst! Er sagt: – ›verlor den Schuh!‹
Denn wie die Feigenwarz' am Auge sitzt,
So hängt der Schuh an jeglichem Prolog. –
Mach dich einmal an seine Chorgesänge!

Euripides: Fürwahr, beweisen will ich ihm: ein Stümper
Ist er im Chor, der stets sich wiederholt!

Chor: Was man da wieder vernehmen wird?
Wahrlich, ich sinne vergeblich nach,
Was er aufbringen mag wider
Jenen Mann, der die meisten doch
Und die schönsten Gesänge gemacht,
Wie sonst keiner der Lebenden!
Wundern soll es mich, was an ihm
Er zu mäkeln findet,
An ihm, dem bakchantischen König;
Wahrlich, mir bangt für den Tadler!

Euripides: Erstaunenswerte Lieder! Hört einmal:
Denn all' in eins will ich zusammenziehn!

Dionysos: Ich nehme Steinchen, so, und zähle nach.

Euripides: »Held Achilleus aus Phthia, vernehmend das Männergemetzel,«
Was bringst du nicht wundenabwehrende Hilfe?
»Hermes verehren als Ahn wir, die seeumwohnenden Männer,«
Was bringst du nicht wundenabwehrende Hilfe?

Dionysos: Zwei Wunden, o Aischylos, hast du!

Euripides: »Glorreichster Atride, gewalt'ger
Achaierkönig, vernimm!«
Was bringst du nicht wundenabwehrende Hilfe?

Dionysos: Drei Wunden, o Aischylos! Siehst du?

Euripides: »Andachtsvoll! Die Melissen nahn,
Der Artemis Tempel zu öffnen!«
Was bringst du nicht wundenabwehrende Hilfe?
»Männlicher Helden gesegnete Fahrten vermag ich zu preisen,«
Was bringst du nicht wundenabwehrende Hilfe?

Dionysos: Allmächt'ger Zeus, da sitzt ja Wund' auf Wunde!
Ich denk', ich geh' nur schleunig in ein Bad;
Wundfieber krieg' ich sonst in allen Gliedern!

Euripides: Nicht, eh' du noch die andre Liederweise,
Zum Klang der Zither stimmend, angehört!

Dionysos: So fahre fort, doch laß die Wunden weg!

Euripides: »Wie dort der Achaier
Doppelthroniges Fürstenpaar mit der Jugend von Hellas«,
Und rattendattenrattendra!
»Hündische Sphinxungeheuer zu Führern«, »gesendet«
Und rattendattenrattendra!
»Ward mit dem Spieß und dem rächenden Arm durch den Adler«,
Und rattendattenrattendra!
»Zum Raub hingebend
Luftdurchsegelnden, gierigen Hunden«
Und rattendattenrattendra!
»Das Volk, auflauernd dem Aias«;
Und rattendattenrattendra!

Dionysos: Was soll das Rattendra? Wo hast du's her?
Aus Marathon? Am Brunnen aufgefischt?

Aischylos: Nein, Schönes hab' ich schön mir angeeignet,
Und nicht auf gleicher heil'ger Musenau
Mit Phrynichos zu pflücken mir erlaubt.
Doch jener stiehlt aus allen Hurenliedern,
Aus Skolien von Meletos, kar'schen Tanz-
Und Trink- und Trauerliedern! Hier ein Pröbchen! –
Bringt mir die Laute! Doch wozu die Laute
Für ihn? Komm her, du Alte mit dem Topf,
Schlag drauf, o Muse des Euripides:
Nur du begleitest würdig sein Geleier!

Ein altes Weib mit einem Topf tritt auf und begleitet das Lied mit einem Charivari

Dionysos: Die spielt wohl nicht in lesbischer Manier?

Aischylos: »Halkyonen, die ihr an ewigrauschenden
Meereswogen zwitschert und girrt,
Die ihr mit tropfender Fittiche Schwung
Feucht den gebadeten Leib bespritzt«;
Ihr, die so heimlich im Eck unterm Dach
Mit ei-ei-ei-eifrigen Fingern, ihr Spinnen,
Webekundig die Fädchen dreht,
»Zum Klang des melodischen Weberschiffs«!
»Wo der flötentrunkene Delphin
Um die stahlblaukielige Barke«
Tanzt, weissagend der Fahrt Gelingen;
»Lichtglanzatmender Rebenblust,
Kummerstillendes Traubengewind!« –
Zu der Alten
»Umschling' mich, o Kind, mit blühendem Arm!«
Zu Dionysos
Bemerkst du den rhythmischen Fluß?

Dionysos:                                                 Gar wohl!

Aischylos zu Euripides:
Dergleichen Weisen dichtest du!
Und du willst tadeln meinen Sang,
Der in der Zwölferleiermanier
Kyrenes Lieder fertigt?
So viel von deinen Chören. Jetzt will ich
Anstimmen deiner Monodieen Weise:

O schwarzäugig Dunkel der Nacht,
Was schickst du für gräßlichen Traum mir
Aus der finstern Tiefe, den Boten des Styx,
Den beseelten seelenlosen, das Kind
Pechschwarzer Nacht, mit dem scheußlichen Antlitz,
Grabesdunstwitterlich, blutigen, blutigen Mord im Aug',
Mit gewaltigen Krallen mir dräuend?

Zündet ein Licht mir, ihr Mägde, geschwind,
Schöpfet in Eimern aus Strömen den Tau und wärmt mir das Wasser,
Daß ich den göttlichen Traum abspüle!
Ha, König des Meeres! Das ist's, o ihr Freunde, das ist's,
Schaut diesen Greuel im Haus!
Seht, aus dem Hof hat gestohlen den Hahn mir und –
Verschwunden ist Glyke! Ihr Nymphen des Bergs,
Greift sie, und du, o Viehmagd!

Ach, ich Arme saß so emsig
An meiner Arbeit, die Spindel voll Garn
Ei-ei-ei-eifrig in Händen drehend,
Einen Knäuel zu fertigen, um morgen früh
Am Tag auf den Markt ihn zu tragen.
Aber entflogen, entflogen zum Äther auf
Ist er mit allzu behendem Gefieder
Und ließ mir nur Schmerzen, ach Schmerzen zurück,
Und Tränen, ach Tränen herab von den Wangen
Strömen mir, strömen der armen Maid!

»Aber, ihr Kreter, Söhne des Ida«,
Auf und ergreift die Geschosse der Rache,
Rühret die Glieder, umstreifet das Haus,
Und du zugleich, jungfräuliche, schöne,
Artemis Diktynna,
Deine Kläffer am Seil, durchstöbre die Burg!
Auch du, Zeus' Tochter, den Doppelbrand schwing'
In der rührigen Hand, o Hekate,
Und leuchte mir zu der Glyke hin,
Daß ich scharf Haussuchung dort halte!

Dionysos: Hör auf mit Singen!

Aischylos:                                 Ich hab' auch genug!
Zur Waage führ' ich jetzt ihn noch: sie wird
Allein entscheiden über unsre Kunst,
Kund gebend, was ein Wort von jedem wiege.

Eine große Waage wird gebracht

Dionysos: So kommt, da ich zu guter Letzt wie Käs
Auswägen soll so großer Dichter Kunst!

Chor: Was ein Genie doch für Zeug erdenkt!
Welch eine Grille, verwunderlich,
Albern, in aller Welt unerhört!
Käm' einem andern der Einfall?
Hätte mir dieser und jener
Etwas dergleichen gesagt,
Niemals glaubt' ich's und dächte,
Daß er nicht richtig im Kopfe ist!

Dionysos: Da, stellt euch her zur Waag', ihr beiden!

Aischylos und Euripides:                                           Hier!

Dionysos: So, faßt sie: Jeder sagt dann seinen Spruch
Und läßt nicht fahren, bis ich: ›Kuckuck!‹ rufe.

Beide: Wir halten!

Dionysos:               Sprecht nun euren Vers hinein!

Euripides: »O wäre nie der Argo Kiel entflogen!«

Aischylos: »Spercheiosstrom, ihr herdenreichen Weiden!«

Dionysos: Kuckuck! Laß los! – Da seht, die seine sinkt
auf Aischylos deutend
Viel tiefer!

Euripides:         Und was ist der Grund davon?

Dionysos: Weil er den Strom hineingelegt, den Vers
Wollhändlermäßig netzend, wie die Wolle;
Du legtest ein beflügelt Wort hinein.

Euripides: Er soll sich stellen und noch einen sprechen!

Dionysos: Faßt beide wieder an!

Beide:                                           Wir fassen!

Dionysos:                                                         Sprich!

Euripides: »Der Peitho einz'ger Tempel ist das Wort.«

Aischylos: »Kein Gott als nur der Tod verschmäht Geschenke.«

Dionysos: Laßt los! Die seine senkt sich abermals;
Den Tod, der Übel schwerstes, legt' er drein.

Euripides: Und ich die Peitho – gibt's was Schöneres?

Dionysos: Ein leicht Geschöpf mit wind'gem Hirn ist Peitho:
Drum such ein andres vollgewicht'ges Wort,
Das niederzieht, was Großes, Markiges!

Euripides: Laßt sehn, wo hab' ich so was?

Dionysos:                                                     Sag einmal:
»Achilleus hat geworfen zwei und vier.« –
Doch sprecht: die Waage schwankt zum letztenmal!

Euripides: »Die Rechte faßt die eisenschwere Keule.«

Aischylos: »Und Wagen stürzt' auf Wagen, Leich' auf Leiche.«

Dionysos: Er hat dich wieder überlistet.

Euripides:                                                 Wie?

Dionysos: Zwei Wagen und zwei Leichen legt' er drein,
Zwölf Dutzend Mohren heben die nicht auf!

Aischylos: Weg mit den Versen jetzt! Er selber setze
Mit Weib und Kindern und Kephisophon
Sich in die Waag', und allen seinen Stücken;
Von mir zwei Verse leg' ich nur hinein!

Dionysos: Ihr lieben Männer, da entscheid' ich nicht;
Ich möchte gern mit keinem mich verfeinden.
Als Meister acht' ich den, den andern lieb' ich.

Pluton: So kommst du nicht zum Zweck, wozu du herkamst!

Dionysos: Und wenn ich richte?

Pluton:                                         Nimmst du einen mit,
Den du dir wählst; sonst warst du hier umsonst.

Dionysos: Vergelt dir's Gott!
Zu Euripides und Aischylos
                                        Nun denn, so hört mich an!
Nach einem Dichter kam ich her!

Euripides:                                           Wozu?

Dionysos: Daß, froh der Rettung, Chöre feiern mag
Die Stadt. Wer nun von euch ihr guten Rat
Zu geben weiß, den denk' ich mitzunehmen.
Erst sagt mir, was von Alkibiades
Ihr denkt: denn in Geburtswehn liegt die Stadt.

Euripides: Wie denkt die Stadt von ihm?

Dionysos:                                                 Was soll ich sagen?
»Sie liebt, sie haßt und hätt' ihn doch so gern!«
Doch sagt ihr selbst, was denkt ihr in der Sache?

Euripides: Den Bürger hass' ich, der dem Vaterland
Zu nützen langsam, ihm zu schaden schnell,
Der nie dem Staat, nur sich zu helfen weiß.

Dionysos: Vortrefflich! Aber du, was meinst denn du?

Aischylos: Zieht keinen jungen Löwen auf im Staat;
Erwächst euch einer, müßt ihr ihm euch fügen!

Dionysos: Nothelfer Zeus, da hält es schwer zu richten:
Der sprach verständig, jener sehr verständlich!
Noch eine Meinung soll mir jeder sagen,
Wie er das Heil des Staats zu fördern weiß.

Euripides: Kinesias gebt dem Kleokrit zur Schwinge,
Dann trägt der Wind ihn übers breite Meer!

Dionysos: Das klingt wohl spaßhaft; aber hat's auch Sinn?

Euripides: Und käm's zur Seeschlacht, spritzten sie aus Krügen
Den Feinden scharfen Essig in die Augen. –
Im Ernst, ich weiß noch andres! Höre!

Dionysos:                                                     Sprich!

Euripides: Wenn hier das Mißtrau'n in Vertrau'n wir wandeln,
Und dort Vertrau'n in Mißtrau'n. –

Dionysos:                                               Etwas dunkel;
Wir sind hier Laien, sprich nicht so gelehrt!

Euripides: Wenn wir den Bürgern, denen jetzt wir trau'n,
Mißtrau'n, und die, die jetzt wir nicht verwenden,
Verwenden, dann vielleicht sind wir gerettet.
Denn geht's uns schlecht mit diesen, muß ja wohl
Bei solchem Umtausch Rettung uns erblühn!

Dionysos: Mein Palamedes, o du kluges Wesen!
Hast du's ersonnen? Hat's Kephisophon?

Euripides: Dies? Ich! Kephisophon die Essigkrüge!

Dionysos: Doch du, was meinst du?

Aischylos:                                           Sag mir erst, an wen
Die Stadt sich hält? Die Tücht'gen?

Dionysos:                                               Wäre schön!
Die haßt sie gründlich!

Aischylos:                           Und die Schlechten liebt sie?

Dionysos: Das eben nicht! Sie braucht sie, weil sie muß.

Aischylos: Wie ist denn aber solcher Stadt zu helfen,
Der weder Rock noch Mantel passen will?

Dionysos: Ersinn etwas, sie aus dem Sumpf zu ziehn!

Aischylos: Dort oben sagt' ich's gern; hier mag ich nicht.

Dionysos: O nicht doch! Sende guten Rat hinauf!

Aischylos: Wenn sie des Feindes Land für eignes achten
Und eignes für des Feindes, für Gewinn
Die Flotte, jeden andern für Verlust!

Dionysos: Gut, wenn die Richter nur nicht alles schluckten!

Pluton zu Dionysos:
Entscheide jetzt!

Dionysos:                   Mein Urteil lautet so:
»Ich nehme den, den meine Seel' erkor!«

Euripides: Der Götter denk', bei denen du geschworen
Mich heimzuführen; wähle deinen Freund!

Dionysos: »Die Zunge schwur's« – ich wähle Aischylos!

Euripides: Du gottverfluchter Mensch, was tust du?

Dionysos:                                                                   Ich?
Für Aischylos entscheid' ich! Kann ich anders?

Euripides: Du wagst mich anzuschaun nach solcher Schandtat?

Dionysos: »Was Schandtat, wenn's dem Volk nicht so erscheint?«

Euripides: Grausamer, du verschmähst mich noch im Tode?

Dionysos: »Wer weiß, ob nicht das Leben Sterben ist« –
Und Schnaufen Saufen, und der Schlaf ein Schafspelz?

Pluton: Komm, Dionysos! Geht hinein!

Dionysos:                                               Wozu?

Pluton: Damit ich vor der Abfahrt euch bewirte.

Dionysos: Schön, herrlich! Nein, da hab' ich nichts dagegen!

Sie treten hinein

Chor: Glücklich ist der Mann, der Geist,
Kenntnis und Geschmack besitzt!
Dafür zeugt, was wir gehört.
Dieser Mann, erprobt als Weiser,
Geht zurück in seine Heimat,
Seiner Vaterstadt zum Frommen
Und zum Frommen seinen eignen
Freunden und Verwandten all,
Weil ihn tiefe Einsicht schmückt.

Schande, wer bei Sokrates
Sitzen mag und schwatzen mag
Und die schöne Kunst verdammt
Und vom Größten ab sich wendet,
Was die trag'sche Mus' erfand!
In gespreizten, leeren Phrasen,
Tifteleien, Quäkeleien
Faulgeschäftig sich zu üben,
Ist für hohle Köpfe nur!

Die übrigen außer Euripides kommen wieder heraus

Pluton: Glück auf den Weg, mein Aischylos!
Zieh hin und rett' uns die teuerste Stadt
Mit besonnenem Rat und züchtige scharf
Die Betörten: gar viel sind ihrer im Land!
Und dies hier nimm für Kleophon mit,
Gibt ihm Stricke
Und dies für die Lieferanten
Dem Myrmex dies, dem Nikomachos,
Dem Archenomos dies!
Sag ihnen, sie sollen sich schleunig hieher
Verfügen zu mir, und ohne Verzug!
Denn, kommen sie nicht, und schnell, will ich,
Ja, ich selber will sie gebrandmarkt, fest
Geknebelt, geschnürt,
Zusamt Adeimantos, dem Reiherbusch, schnell
Herab in den Hades befördern!

Aischylos: Das werd' ich besorgen. Du aber indes
Gib Sophokles einzunehmen den Thron
Und mir zu bewahren, wenn einstmals hieher
Ich kehre zurück. Denn diesen erklär'
Ich den Zweiten laut in der tragischen Kunst!
Doch sorge, daß nicht der verschlagene Schelm,
Der Lügner, Schmarotzer und Harlekin,
Sich je, und würd' er gezwungen dazu,
Meinen Thron zu besteigen erfreche!

Pluton zum Chor:
So leuchtet ihm nun mit dem heiligen Licht
Der Fackeln voran, und geleitet zugleich
Ihn mit Liedern von ihm, mit Gesängen von ihm,
Den gefeierten Sänger umtönend!

Chor: Schenket ihm Segen und Heil auf den Weg, dem scheidenden Dichter,
Welcher zum Licht aufschwebt, o ihr Götter im Schoße der Erde!
Schenkt auch der Stadt zum erfreulichen Heil heilsame Gedanken!
So nur mögen von Jammer und Not wir gründlich genesen,
Ledig des leidigen Waffengeklirrs; und ein Kleophon fechte,
Oder wer sonst es begeht, auf den Fluren der eigenen Heimat!

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