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Die Frösche

Aristophanes: Die Frösche - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleKomödien
authorAristophanes
translatorLudwig Seeger
firstpub1845-48
yearca. 1960
publisherVollmer Verlag
addressWiesbaden / Berlin
titleDie Frösche
pages255-256
created20070413
sendergerd.bouillon
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Zweite Szene

Dionysos, Xanthias, beide im Dunkeln tappend. Später der Chor der Eingeweihten

Dionysos: He, Xanthias! Wo bist du, Xanthias?

Xanthias: Juhu!

Dionysos:           Komm hierher!

Xanthias:                                     Ah, Gott grüß' euch, Herr!

Dionysos: Was siehst du?

Xanthias:                           Nichts als Schlamm und Finsternis!

Dionysos: Hast du die Vatermörder und Meineid'gen
Gesehn, von denen er uns sprach?

Xanthias:                                             Du nicht?

Dionysos gegen das Publikum:
Ob ich sie hier gesehn? – Ich seh' sie noch!
Doch sag, was tun wir jetzt?

Xanthias:                                     Wir gehen weiter;
Da ist der Ort, da kommen, wie er sagte,
Die wilden Tiere!

Dionysos:                     Der verfluchte Kerl
Hat aufgeschnitten, um mir angst zu machen,
Aus purem Neid! Er weiß, wie keck ich bin!
»So stolz ist nichts auf Erden« wie Herakles!
Ich wünschte sehr, es käm' etwas, ich fände
Hier einen Strauß, der diese Fahrt verlohnt.

Xanthias: Bei Gott, ich höre was – es schnaubt daher!

Dionysos: Wo, wo?

Xanthias:                 Dahinten!

Dionysos:                                   Geh du hinter mich!

Xanthias: Nein, vornen!

Dionysos:                         Vornen? Geh du nur voraus!

Xanthias: Zeus steh' uns bei, ich seh' ein Ungeheuer!

Dionysos: Wie sieht's denn aus?

Xanthias:                                     O Graus! Bald so, bald so;
Ein Ochse, jetzt ein Maultier, jetzt ein Weib: –
Wie reizend –

Dionysos:               Wo? Da geh' ich gleich drauf los!

Xanthias: Verschwunden ist das Weib, jetzt ist's ein Hund!

Dionysos: Ha, die Empuse?

Xanthias:                             Wirklich! – Ihr Gesicht
Ist feuerrot!

Dionysos:           Und ehern auch ihr Bein!

Xanthias: Beim Teufel, und das zweite Eselsmist,
So wahr ich leb'!

Dionysos:                   Wo soll ich hin?

Xanthias:                                               Und ich?

Dionysos geht auf den Dionysospriester zu, der vorn auf seinem Ehrenplatz unter den Zuschauern sitzt, und versteckt sich hinter ihm

Dionysos: Mein Priester, hilf! Wir zechen dann zusammen!

Xanthias: Wir sind verloren, o Herakles!

Dionysos:                                                     Still!
Hör, Mensch, ich bitt' dich, sag den Namen nicht!

Xanthias: Dionysos also!

Dionysos:                           Den noch weniger!
Will fort

Xanthias: Bleib da! Hieher, mein lieber Herr, hieher!

Dionysos: Was gibt's?

Xanthias:                     Sei ruhig; alles ist schon gut!
Wir können sprechen wie Hegelochos:
»Nach Sturm und Wellen seh' ich Sonnenschwein!«
Fort ist das Scheusal!

Dionysos:                           Schwöre drauf!

Xanthias:                                                     Beim Zeus!

Dionysos: Noch mal!

Xanthias:                   Bei Zeus!

Dionysos:                                   Zum drittenmal!

Xanthias:                                                               Bei Zeus!

Dionysos kommt wieder hinter dem Priester hervor

Dionysos: Das war ein Schreck! Ich wurde leichenblaß, –
Auf den Priester zeigend
Und der vor Angst wie ein gesottner Krebs!
»Weh, weh! Wie flog dies Ungemach mir zu?
Und wer der Götter sucht mich zu verderben?
Du, Zeus' Behausung, Äther, – Fuß der Zeit?«

Flötenspiel hinter der Szene

Xanthias: Herr, Herr!

Dionysos:                     Was gibt's?

Xanthias:                                         Hast du vernommen?

Dionysos:                                                                           Was?

Xanthias: Den Flötenhauch?

Dionysos:                             Jawohl, von Fackeln auch
Umweht ein Lüftchen mich, gewaltig mystisch;
Komm, duck dich hier und laß uns heimlich lauschen!

Verstecken sich. Chor der Eingeweihten tritt auf

Chor: Iakchos, Iakchos,
Heil, Iakchos!

Xanthias leise:
Das sind sie, Herr, das sind die Eingeweihten,
Die er genannt: die machen hier sich lustig
Und singen trotz Diagoras: ›Iakchos!‹

Dionysos: Ich glaub' es selbst! Am besten ist's, wir halten
Uns still, um alles recht mit anzusehn.

Chor: Iakchos, der du im ehrenreichen
Heiligtum hier wohnest,
Iakchos, Iakchos!
Komm hieher auf die Wiese zum Chortanz,
Zum Festschwarm deiner Geweihten:
Laß den üppigen, beerenreichen
Myrtenkranz, dein Haupt umschwellend,
Duftig sich schütteln!
Stampfe den Takt mit keckem Fuß
Zur ungezügelten, wonnetrunknen,
Neckischen Feier!
Tanz ihn mit, den holdseligen,
Anmutreichen, dreimalheil'gen
Mystischen Reigen!

Xanthias wie oben:
Persephone, du Heil'ge, Benedeite,
Wie mystisch duftet hier das Schweinefleisch!

Dionysos: Sei still, dann kriegst du auch vielleicht ein Würstchen!

Chor: Aufflammen laß die blitzenden
Fackeln! Ja, du kommst, o Iakchos,
Und schwingst sie in Händen,
Beim nächtlichen Fest der Morgenstern!
Von Lichtern funkelt der Anger,
Greisen selbst regt sich das Knie,
Und sie schütteln der Sorgen
Und der bleichenden Jahre Last
Vom Haupte, verjüngt
Durch die heilige Festlust!
Aber du, o Seliger,
Leuchte voran mit der Fackel
Glänzendem Leitstern
Zum blumig betauten Gefild
Dem schwebenden Jünglingsreigen!

Chorführer: In Andacht schweig' und halte sich fern von unsern geheiligten Chören,
Wer Lai' in solchem Geheimnis ist und ungeläuterten Sinnes,
Wer nie die Orgien der Musen gesehn, noch mitgetanzt ihren Reigen,
Wen noch zum Bakchanten Kratinos nicht, der Stierauffresser, geweiht hat,
Wer je an niedrigen Possen sich labt, die zur Unzeit einer gerissen,
Wer nie sich bemüht, den Hader im Volk zu dämpfen, ein Unhold den Bürgern,
Wer Zwietracht sät und das Feuer schürt, nur bedacht auf eigenen Vorteil,
Wer, ein Lenker des Staats, wenn er schwankt im Sturm, sich gewinnen läßt durch Bestechung,
Wer ein Schiff, eine Festung den Feinden verrät und schmuggelt verbotene Waren
Aus Aigina hinaus, wie Thorykion, der schuftige Zehntenerheber,
Und Lederwerk und Leinwand und Teer dem Feind schickt gen Epidauros,
Wer Geld an die feindliche Flotte will zu zahlen die andern bereden,
Wer gottlos Hekates Bild beschmeißt, ein erhabener kyklischer Dichter,
Wer, ein Redner, abzuzwacken versucht dem Dichter den Sold, den verdienten,
Weil ihn durchgenommen am bakchischen Fest mit üblichem Spott die Komödie:
Euch allen sag' ich's zum erstenmal, zum zweiten- und drittenmal sag' ich's:
Hebt all' euch hinweg vor dem mystischen Chor! Ihr andern beginnt die Gesänge,
Beginnt die heilige Feier der Nacht, geziemend dem Fest der Geweihten!

Chorgesang: Nun wandle jeder mit männlichem Schritt
Zu den blumigen Wiesengründen
In des Hades Räumen, und stampfe vergnügt
Mit Scherzen und neckischen Possen!
Gefrühstückt habt ihr ja alle gut.
Wohlan denn, erhebet der Göttin,
Der Rettenden, heiligen Festgesang,
Die allweg Gedeihen der Stadt verheißt,
Und wollt' auch Thorykion es hindern!

Chorführer: Stimmt an jetzt Hymnen von anderem Klang! Die früchtespendende Göttin,
Demeter, die Hohe, verherrlichet laut in festlich begeisterten Liedern!

Chorgesang: Demeter, heil'ger Orgien
Obwalterin, o steh uns bei
Und schirme selber deinen Chor!
Laß ungestört den ganzen Tag
Uns spielen, singen, tanzen,
Und Spaß und Ernst, wie's eben kommt,
Laß walten in der Rede Fluß,
Und wenn ich würdig deines Fests
Gescherzt, gelacht, gespottet, dann
Laß mich den Siegskranz schmücken!

Chorführer: Wohlauf, den blühenden Gott nun auch,
Rufet ihn, rufet hieher ihn
Mit Liedern, daß er Genosse sei
Des fröhlichen Reigentanzes!

Einzelne: Iakchos, Ehrengekrönter, Erfinder
Des fröhlichen Festlieds, komm und begleit' uns
Hin zur Göttin und eile – du kannst es –
Her zu uns aus weitester Ferne!

Alle: Iakchos, geleite mich, Schirmer der Chöre!

Einzelne: Zerrissen hast du ja, ärmlich und spöttisch
Anzuschaun, meine Chorsandälchen
Und dieses Bettelkleid!
Du nur verschaffst uns die Wonne, frei
Und wohlfeil zu scherzen, zu springen!

Alle: Iakchos, geleite mich, Schirmer der Chöre!

Einzelne: Ja, und da hab' ich auch, eben links
Nach dem Dirnchen schielend, dem hübschen Gesicht,
Der flinken Tänzerin gucken gesehn
Aus dem lumpigen Jäckchen ein Brüstchen!

Alle: Iakchos, geleite mich, Schirmer der Chöre!

Xanthias: Ich bin ohnedies das Begleiten gewöhnt, und möchte wohl gern mit dem Dirnchen
Ein Tänzchen machen und springen!

Dionysos:                                                 Auch ich!

Einzelne: Ist's euch genehm, so laßt uns zusammen
Jetzt spotten des Archedemos,
Der sich im siebten Jahr kein Bürgerrecht erzahnt.
Doch ist er der Mann des Volkes
Jetzt bei den Toten droben,
Der Hahn im Korbe dort bei all dem Lumpenpack!
Von Kleisthenes aber hör' ich:
Er sitzt am Grab und rupft
Sich bloß den Bloßen und zerfetzt die Backen sich,
Schlägt sich, zusammengekauert,
Und heult und schreit um Sebinos,
Den reizenden Manustuprier!
Von Kallias dort vernahm ich,
Nach ihm auf das Amphitheater zeigend
Dem Hurensohn, er diene
Zur See und trag' als Löwenhaut – ein Schamfell!

Dionysos: Ihr könnt vielleicht uns sagen,
Wo Pluton hier zu finden,
Denn Fremde sind wir, die soeben angelangt!

Chorführer: Du brauchst nicht weit zu gehen
Und weiter nicht zu fragen,
Denn grad vor seiner Tür, mein Bester, stehst du eben.

Dionysos zu Xanthias:
Nun denn, Gesell, so pack nur wieder auf!

Xanthias: Der Pack! – Die alte Leier stets,
Wie mit »Korinthos dort, dem Sohn des Zeus!«

Chorführer: Kommt in der Göttin heil'ges Rund,
In den blumigen Hain und scherzt,
Ihr all', des gottgefälligen Festes
Traute Genossen!
Mit diesen Mägdlein will ich ziehn,
Mit diesen Frau'n, und der Göttinnen
Nachtfeier begehn und tragen
Die heilige Fackel!

Chorgesang: So laßt uns auf die Rosenau'n,
Die Blumenwiesen wallen
Und scherzen nach altem Brauch
In lieblichem Reigentanz,
Zu dem uns die Parzen,
Die sel'gen, vereint!
Denn uns allein bescheint der Tag
Und heitre Sonnenhelle,
Nur uns, die Geweihten, die
Immerdar frommen Brauch
Geübt an den Fremden
Und Bürgern der Stadt!

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