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Die Frivolitäten des Herrn von D.

Franz Blei: Die Frivolitäten des Herrn von D. - Kapitel 8
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authorFranz Blei
titleDie Frivolitäten des Herrn von D.
publisherVerlag Kurt Desch GmbH
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Adrienne

Was das äußere Leben betrifft, so bekannte sich der fünfunddreißigjährige Nikodem von Nieffen zu der Anschauung, daß das, was man tue, von geringerer Bedeutung sei als die Art, wie man es tue. Solche Indolenz der Haltung diente aber nicht als ein Schleier für Trägheit, denn die Aktivität Nieffens war groß, wenn sie auch, mit dem üblichen Maß bürgerlicher Geschäftigkeit gemessen, wie nichts aussah. Man konnte seiner Person Aktivität daran erkennen, ihre Intensität daran fühlen, daß er jedesmal, wenn er in eine Gesellschaft trat, eine köstlich bewegte Atmosphäre um sich schuf. Im übrigen bestand seine Moralität darin, Pralines, Konfekt, Fondants aus allen Bonbonnieren des Lebens rechts und links zu nehmen, indem er sagte, daß das Laster nur eine Frage der Gewöhnung sei, und daß man den nicht der Unwissenheit beschuldigen könne, dem hier und da einmal aus Unachtsamkeit ein orthographischer Fehler passiere.

Es war nicht bloß der wechselnde Ausdruck der einmal grünen, dann wieder blauen Augen von Adrienne Sintenis, der Nikodem anzog. Wie sie aus ihren Freundschaftlichkeiten leise und langsam, und doch mit aller Hitze die Lust, den Reiz destillierte, kein anderer als Nieffen hätte dies wahrnehmen können, kein anderer als er es wagen dürfen, diese Frau zu kennen. Das Gefühl seiner Intimität war wie ein Fenster, geöffnet auf das Laster und die Leidenschaft, und wer nicht Nieffens instinktive Hellsichtigkeit besessen hätte, der wäre aus dem Fenster gefallen. Im übrigen war Adrienne ganz unschuldig daran. Es gibt unbewußt verdorbene Naturen, die von sich widersprechenden Empfindungen nur deshalb leben, weil es ihnen vollkommen entspricht, gerade so zu leben, und für die eine sinnliche Laune zu befriedigen ebenso wichtig ist wie für andere, dem Unglück im Spiel standzuhalten, oder für andere, eine Pflicht zu erfüllen. Adrienne war nichts weiter als das Rätsel eines Lebens, das nicht lösen zu können jene verzweifelt gewesen wären, die sich gegen diese schöne und sinnliche Frau verbraucht hätten in der Hoffnung, die ephemere Täuschung eines unmöglichen Glückes zu finden.

Es konnte Adrienne geschehen, daß sie, ganz genau wissend, in ihrem Salon am Kärntner Ring zu sitzen, entzückt war zu braunen Jünglingen, die unter schwarzen Oliven tanzen unter einem viel zu blauen Himmel, oder zu Männern, die heiß und dampfend von ihren Jagdpferden springen und sich über eine Quelle beugen. Aber auch blaß von durchwachten Nächten und einer vorgetäuschten Intensität konnte sie sich unter bartlosen und schmachtenden Jünglingen sehen, mit Emailaugen, tadellos nach hinten gelegtem Haar und dem Zauber der Jungfrau vermischt mit dem Leibe des nackten Knaben, inmitten des korallenroten Luxus einer Bar, wie sie Zigaretten einer unbestimmbaren Marke rauchen, schmale Finger um schmale Gläser legen und Nichtigkeiten mit großem Ernst, Wichtigkeiten mit Nonchalance sprechen. Kam es, daß Adrienne im Laufe ihrer Abenteuer einem begegnete, der sie an ihre innern Gesichte erinnerte, so liebte sie ihn. Sie sah in ihren Freunden nur, was sie in ihnen sehen wollte, und nur so und nur das liebte sie. Sie verlangte nur wenig von jedem, der um sie war, denn sie besaß das große Talent, ihre Empfindungen zu vervielfachen. Sie war reich und gab weit mehr, als sie empfing.

»Denn du hast eine so schöne Krawatte an, und vieles muß dir daher verziehen werden«, sagte Adrienne, indem sie Nikodem kein Wort sprechen ließ, mit dem er sich ob zu späten Kommens entschuldigen wollte.

Nieffen saß bequem und begann von einem kleinen Erlebnis bei einem Dritten zu erzählen, von einem Besuch, den sie gemeinsam einem Maler gemacht hatten, was der Maler und was er ihm gesagt hatte, und daß die Theorien der Maler noch törichter seien als die der Musiker, die doch, weiß Gott, das Gehirn von Coiffeuren besäßen.

»Ich erinnere mich«, sagte Adrienne, »aber ich will dich nicht hindern, etwas zu erzählen, was wir gemeinsam erlebt haben. Sprich nur, ich mag deine Stimme.«

Adrienne liebte, wie man aus den Worten erkennt, Nieffen weniger in fleischlicher Leidenschaft, als daß sie sich darin gefiel, sich ihrer geistigen Wollust seiner Gesten, seiner Stimme hinzugeben. Was auch die Dauer ihres Verhältnisses erklärt. Und da es, was alle über dreizehn Jahre alten Menschen wissen, ebensoviel Glück bereitet, Wollust zu geben als zu empfangen, bewahrte auch Nikodem, sehr delikat im Stolze wie in allen andern Dingen, dieser Beziehung eine ihm ungewohnte zeitliche Länge. Im Bizarren dieser verliebten Gefühle waren die seltenen Sinnlichkeiten nichts weiter als die heimliche und elegante Weihe einer für Augenblicke verwirrten Freundschaft. Nie daß man darüber räsonierte. Man gab ohne Gedanken nach und hatte auch nachher keine darüber.

Da geschah es eines Tages, daß eine heftige Leidenschaft zu einer andern Frau Nikodem von Adrienne wegwandte.

Sie empfand heimliche, schmerzliche Eifersucht. Aber weder wurde sie kühl noch weniger schwesterlich. Doch als Nikodem, der seine häufigen Besuche nicht unterbrach, lachend, mit einem neuen Feuer im Blick, zu ihr kam, da litt sie davon. Und als er ihr bei einem Abschied mit merkbarer Abwesenheit die Hand geküßt hatte, da weinte sie lautlos, als sie allein war.

Kein Wort davon sprach sie zu ihm. Der Schmerz vermehrte ihren Reiz und eine Nuance von Seligkeit, von Langsamkeit in der tiefen Harmonie ihrer Stimme. Der Schmerz macht uns oft des Lebens würdiger. Adrienne machte er auch noch blasser und schöner. Nieffen bemerkte es um so empfindlicher, als er seit einiger Zeit seines Abenteuers mit der andern müde war. Müdigkeit nach der Lust drängt zurück zu den vorigen Gefühlen wie die Traurigkeit, zu wissen, daß alles vergeblich ist, wie das Schweigen nach den Liebesworten.

Das Wasser im Teekessel sang leise in Adriennes kleinem, ganz stillem Salon, und sie sprach mit all der nachsichtigen Güte jener, die leiden und es nicht merken lassen, mit dem klaren Lächeln der Verzeihenden. Und Nikodem horchte zu wie gerührt.

»Was gehen mich deine Schwächen an, lieber Freund. Die Liebe erlebt seltsame Wechsel, und viele zu früh erschöpfte Herzen haben wieder zu blühen angefangen. Jedesmal, wo es dir möglich ist, der Zeit eine lügnerische Stunde zu entreißen, tu es. Wofür sonst ginge denn andern Tages immer wieder die Sonne auf?«

Und Nikodem dachte, daß er Adrienne bis nun nur in ihrem Lächeln und Blicken gekannt habe, und daß dieses schon sehr viel gewesen sei. In ihren Augen spiegelt sich nicht ihre Seele, sondern die meine, und sie werfen mich besser wider, vertrauender. Adrienne aber sprach weiter im harmonischen Schönklang ihrer Stimme. Sie exzellierte in allgemeinen Sätzen, die nur für den einen bestimmten Sinn haben, der sie hört, und jeder ihrer Sätze weckte in ihm die Erinnerung an alte Zärtlichkeiten.

»Ein reifer Mann«, sagte jetzt Adrienne, »der seine sonnige Kindheit vergessen hat, wird bewegt, hört er zufällig eine Drehorgel ein Lied leiern, das man ihm als Kind sang.«

Ihre Hand legte sich in die seine, und ihre Augen sahen ganz nach seiner Stirn hinauf. Nikodem fühlte ein berauschendes Wohlsein, Wollust fast, ungekanntes Gefühl einer Liebe, die kein Verlangen erregt.

Da glänzten vor ihm zwiefarbig im Wechsel Adriennes Augen auf, feucht wie in einem Heimweh, und Nikodem bebte. Ließ ihre Hand los. Erblaßte. Wie Vision zuckte der Gedanke in ihm auf: »Sie ist eine Frau, und ihre Worte sind geschickt abgestimmte Anfänge der Umarmung.«

Erschreckt faßte er Adriennes Antlitz ganz in sein Anschauen.

»Was hast du?« fragte sie.

Diese drei Worte und ihr Ton sagten ihm ganz deutlich, wie sehr er sich gerade getäuscht hatte. Er neigte sich und wurde rot. Adrienne wiederholte ihre Frage.

»Nichts, liebe Freundin. Ganz und gar nichts. Du kennst doch meine grundlose Empfindsamkeit.«

Und voll Vertrauen küßte er Adriennes Hand mit einem Kuß, der ganz Gefühl einer vollkommenen Kommunion war.

In diesem Augenblick liebte Nikodem von Nieffen seine Seele.

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