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Die Frivolitäten des Herrn von D.

Franz Blei: Die Frivolitäten des Herrn von D. - Kapitel 3
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authorFranz Blei
titleDie Frivolitäten des Herrn von D.
publisherVerlag Kurt Desch GmbH
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Das Linerl

Es lag an den von neunmal neuen Weinen begleiteten neun Gängen des nächtlichen Mahls, das Farussi der Prachtliebende, Milchbruder des Emirs von Afghanistan und Bandenkapitän von Buchara, seinen Gästen von seinen beiden chinesischen Boys hatte servieren lassen, an diesem Mahle, zu dem fünf wirkliche und zwei imaginierte Kontinente sowie zwei Meere ihre Höchstleistungen gestellt hatten, daran lag es, daß die Unterhaltung augenblicklich nicht sehr in die Tiefe der vom Zufall des Gespräches aufgeworfenen Gegenstände ging, daran und ein wenig auch an den Frauen, deren sympathische Anwesenheit man nicht in bloße Gegenwart verscheuchen, deren leiblichen Reiz man nicht in Kulisse verwandeln wollte durch ein genau geführtes Männergespräch, das, wie man weiß, auf begriffliche Formulierung Wert legt, bevor es sich in die phänomenale Welt des Erlebten begibt. Max Scheler, wäre er unter den Gästen gewesen, hätte gegen den jetzt von ihnen betriebenen psychologischen Empirismus durch Schweigen protestiert oder wäre, was wahrscheinlicher, mit Grit Hegesa oder mit Lisa Benedict oder mit der blonden Claire in den kleinen Salon nebenan oder in den nächtlichen Garten sezerniert, wenn die Damen, wie sicher anzunehmen, es nicht vorgezogen hätten, beim empirischen Psychologismus und auf ihren bequemen Liegelagern zu bleiben, als andere Empirie mit dem ausgezeichneten Philosophen zu riskieren. Aber Scheler war nicht da.

Im Augenblick hatte jemand gesagt -- etwas später erst stellte sich aus dem der Bemerkung Folgenden heraus, daß es Merck gewesen war, der vorläufig Letzte seines berühmten Namens, allen Goethe-Verehrern teuer, dieser exquisit gebaute, nein, dieser aus der Keule des Herakles prachtvoll geschnitzte Bogen, wie man etwas bombastisch, das sei zugegeben, die Erscheinung dieses jungen Mannes charakterisieren könnte --, daß es also Merck gewesen war, der die Bemerkung gemacht hatte, daß man die wahre Frauenschönheit nur im Volke finde. Und ohne sich zuvor darüber zu einigen, was man einerseits unter Volk, andererseits unter Frauenschönheit zu verstehen habe, kam Zustimmung oder Zweifel, kamen aber auch damit jene Elemente zutage, welche, wenigstens in diesem Kreise, Schönheit wie Volk hinreichend bestimmten, um, wenigstens gesprächsweise, etwas damit anzufangen. Schwabach, dem, wie er sagte, Neigung für das Volkstümliche durchaus nicht fehle, meinte, man fände immerhin bei der breithin lebenden Menge des Volkes auf dem Lande und in den Städten doch kaum das, was man körperliche Eleganz nenne. Was niemand bestritt. Und Merck erwiderte, indem er sagte, man finde da auch Distinktion nicht und Charme und Grazie, aber dieses, was alles die Frauen des Adels und der Bourgeoisie besäßen oder bald erwürben, dieses seien hinsichtlich der Schönheit doch nur Werte der zweiten Ordnung. Die reiche, großmütige, eklatante Schönheit, die nicht auf überzüchtet dünnen Knöcheln spaziere -- hier warf Grit ein überschlankes Bein über das andere, und Lisa zog ein stolzes festes Bein ins Kleid zurück, es war bei beiden ein Protest --, setze ein junges und lebhaftes Blut voraus, und das finde man nur mehr, wenn überhaupt, in den unteren Klassen. Hier machte der Doktor Wodan von Niggeryoke, genannt der Kinderfreund, eine Zwischenbemerkung mit etwas trauriger Stimme. Er sagte: »Wie viele Blüten gehen da vor ihrer Erschließung verloren.« Es klang wie ein Seufzer, was aber auch Grund sein mochte, daß er soeben den Rest seines Morning Glory auszutrinken versuchte, den er eben schon vor einer Minute geleert hatte. Gewiß. Aber gelingt's einem Mädchen aus Bauern- oder Arbeiterblut, sich durchzufressen, dann gibt's Wunder.

Man müßte wissen, woher die großen Schauspielerinnen, die bedeutenden Femmes entretenues, kommen. Aus dem Volk. Jede dritte englische Herzogin war ein Milchmädchen gewesen.

»Muß denn Schönheit es zu etwas bringen?« fragte Lisa Benedict, deren siebzehn Jahre mit Zwecken des Lebens noch nichts anzufangen wußten. Darauf Farussi, wobei er dem Kinderfreund einen neuen Morning Glory eigenhändig bereitete: »Daß eine schöne Frau es zu etwas bringt, ist ein natürlicher Nebeneffekt, Lisa. Die Schönheit, weißt du, ist Wirkung. Sie verbraucht sich nicht für sich selber. Sie ist ganz, ohne es zu wollen, aktiv gegen ihre Umgebung gestellt und bestimmt Konstellationen. Sie reizt zum Besitz, und die schöne Frau zu besitzen strengen sich die Männer an, der mit der Liebe, der mit Geld, der mit Einfluß, der mit seiner zur Verfügung gestellten Begabung. Das Wettrennen der Opfernden verlangt natürlich einen Einsatz, der, geht's hoch her, das eigene Leben ist.«

»Noch?« zweifelte Grit Hegesa.

»Ich plädiere nicht für die Romantik von 1830, wenn sie auch ab und zu noch vorkommt. Der heutige Einsatz ist das heute am höchsten Gewertete: das Geld. Es fällt der schönen Frau zu, immer noch wie der Danae. Es zu etwas zu bringen, fällt der schönen Frau zu aus keinem anderen Grunde, als weil sie schön ist, aus keinem anderen Titel als dem der Schönheit.«

Nach einer kleinen Pause kam nun die weichtönende, sonore Stimme des Herrn von Schwint und füllte angenehm den Raum, streichelte ihn.

»Schönheit, gewiß. Gutes, starkes Blut, sicher. Aber sollte es nicht eine bestimmte Pigmentierung dieses Blutes sein, das hier den Ausschlag gibt? Wie? Ich meine, diese Mädchen aus dem Volke, die in ihrem guten Leibe das starke Blut haben, spüren dessen Druck als Auftrieb. Irgendwie scheint es mir doch auch der Wille zu sein, der diese Mädchen schön macht, der Wille zum Heraus, zum Hinauf. Im Anfang nur ein undeutliches Wollen, wird es nach der ersten erreichten Stufe schon bewußter Wille, auch die zweite, die achte zu erreichen und nie mehr einen Schritt zurück zu machen, denn dieser Verlust ist nicht mehr einzuholen; man wird mit dem Tag nicht jünger. Ich glaube, daß der Reiz dieser Mädchen, den wir Schönheit nennen, in diesem Elan liegt, der uns, die wir oben immer waren und sind, fremd ist. Wir bewundern in dieser Schönheit eine Energie, die sich auf anderes stützt als auf ein Lehrerinnenexamen oder eine große Mitgift oder auf eine lang bewahrte Jungfernschaft als Zeichen weiblicher Bedeutung. Zum Beispiel das Linerl.«

»Wer ist das?« fragte die Tänzerin Hegesa, weniger aus Neugierde als überhaupt.

»Darauf kann ich nur mit einer kleinen Geschichte antworten, wenn es nicht langweilt.«

Man bat um die Geschichte, und noch schöner, noch modulierter klang nun die Stimme des Barons, denn es waren Sätze zu sprechen und nicht bloß die Interjektionen eines Dialoges, die kurzen Atem und Kopfluft verlangen.

»So hieß ein kleines, reizendes Mäderl von noch nicht vierzehn Jahren, das ich eines Nachmittags in der Adalbertstraße in München sah, und da es mich auch sah und eigentlich ansah, kam es zu einem Gespräch, das kurz, aber inhaltlich sehr präzis war. Es begab sich das zur Zeit, wo man gerade die dicken, nackten Beine der Isadora Duncan als göttliche Offenbarung bewunderte, wenn sie sich tanzend etwas schwerfällig hoben und ein kindliches Lächeln das Gouvernantengesicht himmlisch verklärte, zur Zeit, als Alfred Walter Heymel eines Morgens den Versuch machte, in das offene Parterrefenster zu Franz Blei hineinzureiten, was ihm mit den Vorderbeinen des Schimmels auch gelang, zur Zeit, als Wilhelm der Zweite in Agadir weilte oder in Jerusalem. Sie hieß das Linerl, war schlank, hatte blonden Honig zum Zopf gedreht, stieß ein bißchen noch mit den Knien in die Luft, war lachenden Gesichts und nach zwei Minuten bereit, zu mir als Modell zu kommen. Sie kam.

Ich muß mich mit einer wichtigen Bemerkung unterbrechen, die ich in Ihrem Interesse mache, weil anders Sie von dieser Geschichte eine Finesse erwarten könnten, die sie weder sachlich, was das Linerl betrifft, noch psychologisch, was mich betrifft, besitzt. Ich verstehe nämlich gar nichts von dem, was man die Liebe nennt. Ich bin da ganz gemeiner Sensualist, wofür ich als Entschuldigung nur anführen kann, daß ich es noch nie zu bereuen hatte. Nur die sogenannten höheren Gefühle fälschen das an sich höchst einfache und gar nicht erhabene Phänomen, das man Liebe nennt. Auf diese Fälschung sind die Männer gekommen aus der Not ihrer psychologischen und sonstigen Pausen, aus der sie eine Tugend zu machen suchen, mit der sie die in der Theorie pausenlose Frau beruhigen. Wem alles andere leer ist, dem geht der Mund über. Und die Frauen, welche ja wissen, daß der Mann nicht so dumm ist, wie man glaubt, sondern viel dümmer, machen ihm den Gefallen, so zu tun, als hätten sie auch eine Metaphysik der Liebe. Aber vielleicht glauben es die Frauen dem Manne wirklich. Sie sind ja so grenzenlos gläubig, weil sie sich für die einzigen halten, die gut lügen können, und es dem Mann nicht zutrauen.

Das Linerl kam und war ein liebes Kind. Noch zu jung, wie sich bald herausstellte, aber das machte ja die Zeit mit jedem Tage besser. Ich weiß, man nennt das einen Wüstling, weil sich unsere populationistische Gesetzgebung in den Kopf gesetzt hat, mannbar sei die Frau, wenn sie Kinder bekommen könne -- als ob's den Mädchen daran läge! --, und dies sei erst nach sechzehn Jahren in unseren Breiten der Fall. Aber halten Sie mich bitte doch nicht für einen Wüstling, der auf Kinder aus ist. Es ist ja nicht die Altersgrenze, die ich meine. Es ist die psychologische Grenze zwischen dem naiv sinnlichen Geschöpf Gottes und dem sentimentalisch verdorbenen Gebilde, das gewiß auch sinnlich ist, daneben aber auch gefühlig, pathetisch, sozial interessiert, ambitiös, gebildet, schöngeistig und so weiter, lauter Eigenschaften, die die Frau niemals ihrer Sinnlichkeit überordnen kann wie der Mann, sondern die sie ihrem Sinnlichen beiordnet, sie mit ihm sich vermischen läßt zu einer fürchterlichen Melange. Ein Diktator schüfe das Paradies auf Erden, der den Frauen die Liebe freigäbe zwischen sechzehn und zwanzig, der ihnen das Kindergebären geböte von einundzwanzig bis dreißig und die Aufzucht dieser sechs bis sieben Stück Kinder für den verschwiegenen Rest ihres Lebens.

Das Linerl wurde etwas herausstaffiert, bescheiden seinem Alter gemäß, und kam und ging, ging und kam, fühlte sich sehr zu Hause bei mir, war von jedermann respektiert in ihrer zierlichen Grazie, mit der sie im Atelier den Tee servierte, wenn Bekannte da waren. Das währte so ein paar Wochen, und da verschwand sie. Nach Hause kommend, hatte ich sie auf dem Diwan mit einem Laufburschen aus dem Hause getroffen, sich balgend und so. Den Lausbuben schmiß ich zur Tür hinaus. Dem Linerl sagte ich kein Wort. Aber sie kam nicht mehr. Sie habe sich geniert, wie sie später sagte. Das Später war es um ein paar Monate, als ich mit einem Freunde am Starnberger See promenierend einen Kinderwagen ins Gebüsch fliegen sehe und etwas an meiner Brust liegen spüre. Es war das Linerl, von ihren Eltern in Dienst gegeben, ›bei Juden‹, wie sie bayerisch verächtlich sagte, um ein Wiegenkind zu bedienen, und wie unglücklich sie da sei und wie glücklich mich zu treffen, und daß sie fort und zu mir wolle und auf der Stelle, und gar nicht mehr zu den Juden gehen, und das Kind lasse sie da, wie es liegt und steht. Ich hatte in der Nähe ein Häuschen über den Sommer gemietet, und daß das Linerl bei uns ebensogut Stubenmädchen sein könne wie bei den andern Kindsmädchen, war ein einfacher Gedanke. Und vierzehn Tage später traf das Linerl ein mit ihrem kleinen Köfferchen. Sie besorgte das Haus und war nun auch richtige kleine Geliebte. Der Dichter Storm würde es ein Sommerglück genannt haben.

Der Lustspielverfasser Karl Rößler ist aber weit weniger poetisch, denn er nannte, als ich, wieder in die Stadt zurückgekehrt, ihn in der Maximilianstraße traf, das, was er gestern nachmittag erlebt habe, nur höchst reizend. Er habe eine Vierzehnjährige bei sich zu Besuch gehabt, blond wie ein Weizenfeld und blaue Augen und einen Mund voll lachender Zähne. Nach einigen weiteren Details mußte ich ihn fragen, ob das liebe Kind nicht Linerl heiße. ›Ja! Linerl heißt sie auch!‹ jubelte Karl R. und war ganz seliger Nachgenuß.

Ich schmiß das Linerl hinaus. Ich war damals noch sehr jung und teilte das Vorurteil männlicher Jugend, daß eine Geliebte einem allein gehören müsse, und daß das keine Liebe sei, die man mit Verfassern von Lustspielen teile, selbst wenn sie so charmant sind wie Karl Rößler. Man ist mit fünfundzwanzig ein Partikularist und legt keinerlei Wert darauf, daß in Frauensachen ein anderer denselben guten oder schlechten Geschmack habe wie man selber.

Es war Winter, als ich mit zwei Freunden im Varieté des Deutschen Theaters auf den sehr verspäteten und etwas rauschenden Eintritt einer Gesellschaft in die nebenan liegende Proszeniumsloge aufmerksam wurde. Drei Herren in Abendtoilette und eine Dame, die tief im Schatten eines mächtig mit Straußenfedern besteckten Hutes liegend einiges versprach, das sich mit dem Zeiß feststellen ließ, und mehr als das. Sie erraten, der große Hut war das Linerl. In ebenso großer Toilette. Und die drei Herren, ganz jung, älter, am ältesten, sahen aus wie Rastas, wie südöstlicher Adel, wie internationale Hoteldiebe. Es gibt Länder, wo man das alles in einer Person sein kann. Das überfließende Öl der Augen hielt etwas schwere Liddeckel, aus dem Bläulichschwarz von Kinn und Wangen brannte etwas vordringlich das Rot der unteren Lippe.

Das Linerl tat, als sähe es uns nicht, die wir zwei Arme weit entfernt in unserer etwas vorgekrümmten Loge saßen.

Wir quittierten nach Wunsch mit Indifferenz. Konnten es uns aber, weil wir ja doch noch sehr jung waren, nicht versagen, uns zum Schluß der Vorstellung bei der Garderobe sehr in ihre und ihrer Herren Nähe zu bringen. Und da gab es uns das Linerl. Vorbeirauschend, soviel das zierliche, kaum sechzehnjährige Kind es vermochte, ganz großartig von einem ihrer Herren mit dem Cape gefolgt, kam es höchst deutlich, damit wir es ja auch nicht überhörten, aus dem vornehm verzogenen Munde: ›Nicht wahr, lieber Fürst, wir fahren zum Grafen soupieren?‹ Ich muß es zu unserer Schande gestehen, wir lachten wie Flegel.

Ich kann im Augenblick nicht nach welthistorischen Ereignissen bestimmen, wann ich das Linerl wiedersah. Aber der Ort lag im Wasser des Undosabades, dessen kunstvoll erzeugte Wellen mir, der ich badete, ein der Badehaube nach weibliches Geschöpf zutrugen, das mich vergeblich durch ein Lächeln an sich zu erinnern suchte. Da sehr wichtige Teile ziemlich unsichtbar im Wasser lagen, war mein schlechtes Gedächtnis begreiflich. Und schließlich sagte das lächelnde, wasserprustende Wesen vorwurfsvoll: ›Ich bin doch das Linerl.‹ Sie würde jetzt gleich aus dem Wasser gehen, ich solle das auch und draußen auf sie warten. Welche längere Weile ich mich mit einem sehr stolzen Barsoi anzufreunden suchte, der sofort in einen Benz siebzig PS sprang, als eine sehr schöne, schlank-üppige Person aus dem Badehaus trat, auf das Auto zuging und sich suchend umsah. Und mich anlachte, als ich näher kam. Linerls war der Hund, der Chauffeur, der Wagen, eine Wohnung in der Königinstraße und vieles noch, was sie mir alles aufzählte, als wir über den liniengraden Makadam der Forstenrieder Chaussee nach München sausten. Sie habe einen Bankdirektor aus München zum Freund, der sie alle acht Tage besuche. Ich habe bemerkt, daß es zu den wesentlichen Funktionen von Bankdirektoren gehört, jungen Damen wie den Linerls gegen eine geringfügige Entschädigung ein Auto zu schenken. Es ist daher ungerecht, die wirtschaftliche Bedeutung der Bankdirektoren, wie es so häufig geschieht, anzuzweifeln. Auch dann nicht, wenn sich, wie es vorkommen soll, andere prominente captains of industry diesen Titel als nom de guerre zulegen oder ihn von einem Linerl zugelegt bekommen, weil er besser klingt als Margarinefabrikant. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat unzweifelhaft seine Schwächen, zum Beispiel die Herstellung von Proletariern, aber es hat auch seine Stärken, wozu ich den psychologischen Komplex zähle, in dem es enthalten ist, daß Linerl ein Auto hatte. Von einem Proletarier, und wäre es ein Buchdruckergeselle, hätte sie nie eins bekommen. Und von mir auch nicht.

Das Linerl war eine Dame geworden, wenn auch zunächst noch etwas im Stil der ›Dame‹. Sie lud mich für den anderen Tag zum Tee.

Man merkte es an allem, an dem, was man sah, was man hörte: Dame. Vor vier Jahren das kleine Mädel, Stück einer zahlreichen Brut der Portiersloge, dem, ich mußte da einmal Besuch machen, die Volkssitten verlangten das, die Mutter schwörend erklärte, sie würde dem Fratzen (das war das Linerl) das Kreuz abschlagen (das war ihr Rücken), wenn es dem Herrn Baron (das war ich) nicht ewig dankbar wäre.

Dieser Fratz tat in mit bestem Geschmack geführtem Hause mit Chauffeur, Zofe, Köchin, Maniküre und Literaten, als ob es seit Geburt so gewesen wäre. Wenn noch nicht alles klappte, lag es an der Stadt München, welche soziale Grenzverwischungen liebt. So sagte das Linerl zu ihrer Zofe du, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn die mit du geantwortet hätte.

Daß bei ihr sehr feine Leute verkehrten, erzählte das Linerl, wie der Baron Schrank-Nothing, die Mary Irber, ein verbleichender, die Katja Schatzberger, ein aufgehender Stern, ein Herr vom Polizeipräsidium, und der patagonische Gesandte möchte schrecklich gern bei ihr eingeführt werden, aber sie habe was gegen schwarze Indianer.

Da ich zuweilen etwas gegen Urteile, nie aber das geringste gegen Vorurteile fühle, ließ ich das liebe Wesen bei ihrer indianischen Abneigung und erkundigte mich nach der besonderen Überraschung, die sie mir für diesen Nachmittag versprochen hatte, damit ich bestimmt komme.

Das Linerl ging zum Nebenzimmer und öffnete die Tür. ›Aber nur zum Anschaun‹, sagte sie. Da lag unter dem Spitzenregen des Betthimmels ein Kind. ›Es ist meine kleine Schwester nach mir, so alt wie ich damals, du weißt.‹

Wirklich wie das Linerl von damals, nur den Augen und dem Lächeln konnte man absehen, daß Linerl die Zweite schon etwas vertrauter mit den Realien des Lebens war als Linerl die Erste damals. Vielleicht durch die Bemühungen des Herrn vom Polizeipräsidium. Es gehört ja zu den Pflichten hoher Amtspersonen, den Menschen frühzeitig gegen die Gefahren zu rüsten, in die er durch Unwissenheit gerät. Das Mädel streckte mit der kindlichen Schelmerei gewisser in kleinen Bürgerkreisen beliebten Plastiken aus Gips einen Fuß aus der Seidendecke und knickste zu meiner Begrüßung mit dem größten, immer noch recht kleinen Zeh.

Ich war gerührt von Linerls Aufmerksamkeit, die sie dem Gaste mit dieser Überraschung erwies. Aber leider hatte ich nicht mehr oft Gelegenheit, Linerls Tee und dessen Gesellschaft durch meine Anwesenheit zu verschönern. Denn es hub Geschichte an, und die Geschichten hörten auf. Die individuellen Beziehungen lockerten sich in dem Maße, als sich die Beziehungen der Völker verdichteten.

Ich hörte lange nichts mehr von Linerl und sah nichts mehr von ihr.

Es war im zweiten Kriegswinter auf einem Weihnachtsbasar, wo zum Vorteile der Krüppel reizendes kannibalisches Spielzeug verkauft wurde, hölzerne Figürchen, die als Ruß und Pruß aufeinander losschlugen. Eine schöne blonde Frau in Schwarz verkaufte Liköre an die Überlebenden zugunsten der Halbtoten.

Es war nicht geradezu ein Lächeln unter Tränen, das mich begrüßte, aber doch eines wie schillernd eingefangen in ein Netz von anmutigster Melancholie.

›Ja, mein Gatte ist gefallen‹, sagte das Linerl. ›Baron N., Rittmeister bei den Gardedragonern. Vor zwei Monaten.‹

Ich küßte der Frau Baronin kondolierend die Hand.

Nein, das ist noch nicht der Schluß. Den vorläufigen Schluß bekam ich gestern vorgestellt in der Prinzessin Karl Wendelin von Hohenzollern. Aber diesmal fand es das Linerl schicklicher, so zu tun, als hätte sie mich nie gekannt. Und ich war ganz Respekt. Die dreifache Perlenkette reichte bis an die Knie.«

»Das ist eine recht triviale Geschichte«, sagte Lisa Benedict, die mit natürlichster Haltung George las.

»Ja«, sagte der Baron, »recht trivial, weil es eben gar keine Geschichte ist, sondern Wirklichkeit des Alltags. Ein Stümper, wer so was erfände.«

Man besprach dann noch ähnliche Beispiele, von der erfinderischen Phantasie, von den Hohenzollern, von einer Schauspielerin ... aber das sind andere Sachen.

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