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Die Frivolitäten des Herrn von D.

Franz Blei: Die Frivolitäten des Herrn von D. - Kapitel 10
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authorFranz Blei
titleDie Frivolitäten des Herrn von D.
publisherVerlag Kurt Desch GmbH
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Der Tausch

Der Abbate die Treso sah durch die Fenster der Veranda dem Regen zu, der in den Garten fiel. Da er sich nicht traurig machen lassen wollte, ging er langsam wie alle, die nichts Bestimmtes zu tun haben, in den Salon und sah durchs Fenster dem Regen zu, der auf die Straße fiel. Es regnet hier wie dort, dachte er, zu faul, um mehr zu denken. Die seltenen Passanten der alten römischen Gasse boten wenig Zerstreuung. Zumal sie sich unter Regenschirmen verbargen. Der junge, dunkeläugige Abbate zündete sich eine dicke Zigarette an und konstatierte: Die Regenschirme, die Beine der Primaballerina Fossetti am San Carlo in Neapel und der Faschismus sind die abscheulichsten Produkte unserer Zivilisation. Den alten Pfarrer zähl' ich noch dazu, der gerade bei mir war, um mir auseinanderzusetzen, daß ich für meinen Beruf nicht genügend christlichen Geist zeige. Wo er doch wissen müßte, daß es sich bei mir wie immer in unserer Familie nur um die Karriere und nicht ums andere handelt.

Lebensweise und Aussehen, Namen und Ruf des Abbate di Treso ließen darüber auch nicht den kleinsten Zweifel, daß er den geistlichen Beruf nicht ergriffen hatte, um ein christlicher Glaubensheld zu werden. Zu langweilig war doch der gute Pfarrer gewesen, und was für nasse Flecken er auf dem Teppich zurückgelassen hat! Er hätte sich wirklich bei dem Wetter einen Wagen nehmen können. Aber vielleicht erlaubt das der christliche Geist nicht. Der Abbate dachte, ob er seinen Rolls-Royce befehlen und zu seiner Freundin Diana Nighini fahren solle.

Als er bei Diana eintrat, vollendete diese ihre Toilette, die mit einem Aufwand von Seide und Spitzen mehr enthüllte als verdeckte. In Erwartung des Diners, das gleich serviert werden würde, beschäftigte die reizende Person ihren Freund damit, ihm zum soundsovielten Male die zahlreichen Geheimnisse ihres schönen Leibes zu beichten, nicht indem sie etwa sprach, sondern sich auf dem Diwan räkelte.

Das Diner bestand aus elf Gängen und war sehr einfach. Floche, die kleine Französin, servierte wie eine Sklavin. Sie kannte und diente den Geschmäcken ihrer Herrin auf das genaueste. Früher hatte sie nackt bedient; wie ihre Herrin nackt, das heißt in Handschuhen, Pantoffeln und Strümpfen, also noch nackter als nackt. Aber der Abbate di Treso fand die Knie Floches nicht rund genug und die Kleine stellenweise etwas zu stark duvetiert. So trug sie jetzt etwas wie eine griechische Tunika, kurz und unter den Brüsten gegürtet. Man unterhielt sich während des einfachen Mahles von ernsten Dingen wie: dem Ni-Kli-Parfüm von Dôbe, dem stoischen Tode des Sokrates, von d'Annunzios letzten Schulden, von der neuen Uniform Mussolinis, von der heiligen Therese, von Heliogabals Lächeln. Und auch etwas vom theologischen Geist. Darüber wurde es Nachmittag, und der Abbate di Treso küßte Diana zum Abschied die Hand.

Zu Hause meldete ihm sein schwarzer kleiner Diener Ahmet, daß im großen Salon eine Dame, elegant und jung, warte, die den Herrn Abbate zu sprechen wünsche. Die Dame besah sich lächelnd einen galanten Boilly, als di Treso eintrat.

»Worin kann ich Ihnen behilflich sein, meine Gnädige?«

Die Dame begann mit einer kleinen, weichen Stimme etwas zu sagen, wovon der Abbate nur den letzten Satz hörte, denn er roch ein diskretes Parfüm, sah eine delikate Person, einfach, aber mit großem Geschmack gekleidet und mit reizenden Bewegungen begleitend, was sie sagte.

»... heiße Leonide di Fiori und bin seit einem Jahre Witwe.«

Aber nicht in Trauer, dachte der Abbate.

»... Witwe mit hundertsechzigtausend Lire Rente, aber ganz allein auf der Welt und möchte mich den Werken der christlichen Nächstenliebe widmen. Man hat doch immer Sünden gutzumachen. Und ich dachte, Sie würden mir da raten, Hochwürden.«

Wäre sie nicht so hübsch und gescheut, ich schickte sie meinem guten Pfarrer. Der würde das Geld schon in die Christenheit bringen. Aber laut sagte er das Folgende:

»In Deutschland gibt es eine Stadt namens Magdeburg. Übersiedeln Sie dahin.«

»Warum gerade ...«, sie konnte den vertrackten Namen nicht aussprechen.

»Man muß zunächst Gott wohlgefällig sein durch Abtötung.«

»Und das bekommt man in ...«

Der Abbate di Treso trieb den Scherz nicht weiter und sprach ernsthaft:

»Um Gott wohlgefällig zu sein, muß man sich der Vorteile bedienen, die er uns in seiner Güte gewährt hat. Es ist doch so leicht, die Gaben der Schönheit und des Reichtums zu verachten! Aber es ist viel schwieriger und darum verdienstlicher, diese Gaben klug zu gebrauchen. Wenn Eltern daran arbeiten, ihren Kindern ein Vermögen zu hinterlassen, so doch sicher nicht, weil sie dieses Tun verachten. Wir sind nun alle Kinder Gottes, gnädige Frau, Gott hat Sie schön und lächelnd gemacht, auf daß Sie Freude um sich verbreiten. Er hat Sie reich gemacht, weil man Geld braucht, um schön zu sein. Ihre Pflicht ist, Gottes Gaben zu gebrauchen. Das andere, wie Beten, Almosengeben, Beichten und so, das ist für die armen, häßlichen Leute, die alten und enterbten. Die müssen auch ein Vergnügen haben, und man soll sich da nicht eindrängen.«

Die junge Dame war wie verändert.

»Ich bin glücklich«, sagte sie im Aufstehen, »daß ein intelligenter Priester mir den Frieden und das Gleichgewicht meiner Seele wiedergegeben hat.«

»Wir sprechen noch darüber«, sagte der Abbate die Treso und küßte die kleine, behandschuhte Hand. Man sah die Fingernägel, so gut saß der Handschuh.

»Wann immer Sie wollen, Herr Abbé ...«, und sie ließ sich hinausbegleiten.

Er fürchtete, in angenehmer Träumerei gestört zu werden, als Ahmet einen Besuch meldete. Aber es war ein junger Conte Rospiglio, Schulfreund und Vetter des Abbate di Treso. Er hüpfte herein wie ein junges Mädchen, denn er litt etwas an der Neurose, ein hübscher junger Mann zu sein, und er war ein hübscher junger Mann. »Mein lieber Luigi«, begann er, »ich habe ein schreckliches Malheur gehabt.«

»Teufel!« rief der Abbate.

»Ja, denk dir, ich hab' meine Mätresse verloren.«

»Durch den Tod?«

»Für mich, ja. Gibt mir den Abschied, denk dir, einer Bagatelle wegen. Und ich muß heute abend in die Oper und kann doch unmöglich ohne Freundin ...«

»Kurz, du willst, ich soll dir meine Diana leihen. Aber gern, ich bitte dich! Tut mir nur leid, dir keinen größeren Dienst erweisen zu können.«

»Da ist auch noch eine andere Sache ...«

»Nämlich?«

»Könntest du mir nicht helfen, daß sich meine Freundin wieder mit mir versöhnt?«

»Warum denn gerade ich?« fragte der Abbate.

»Weißt du, sie ist eine sehr fromme Christin, aber wohl bloß, weil es so schön ist in der Kirche und die Musik und so.«

»Wie heißt sie denn?« fragte di Treso.

»Leonide di Fiori.«

Das feinste florentinische Lächeln ging über des Abbate Lippen.

Am nächsten Tag machte Leonide di Fiori dem Abbate die Treso den zweiten Besuch. Man sprach von manchem, diesem und jenem, was in dem Abbate die Lust erregte, seinen Besuch näher kennenzulernen. Es war sehr spät in der Nacht, als die Treso Leonide in seinem Auto nach Hause brachte.

Zwei Tage später geschah es, daß Rospiglio, ganz begeistert von Diana, um diese mit dem Abbate di Treso würfelte. Rospiglio gewann.

»Du hast eben Glück«, sagte lächelnd der Abbé, »erlaube aber, daß ich dir einen Rat gebe. Diana ist im Augenblick etwas melancholisch. Sie braucht Luftveränderung. Mach eine Reise mit ihr. Fahr nach Deutschland. Zum Beispiel nach Magdeburg. Du glaubst nicht, wie amüsant es da ist!«

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