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Die Frieseninsel

: Die Frieseninsel - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorAlfred Kerr
booktitleSylter Lesebuch
titleDie Frieseninsel
publisherVerlag Ullstein GmbH
editorKurt Lothar Tank
year1986
isbn354820595X
firstpub1973
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Alfred Kerr

Die Frieseninsel

I.

Keinen Namen hinschreiben – sie wecken Vorurteile. (Wenn jemand das Wort »Potsdam« nennt, weckt es die Empfindung: »Aha – Nachbarstädtchen von Berlin, Garnison...« Es gibt aber Stunden und Tage, ja ganze Sommer, wo dieses Nachbarstädtchen hübsch wie ein junges Paradies mit seinen schwerbelaubten Baumriesen an holden Abdachungen und grünstillen weiten Wassern ist – zieht man dies alles nicht herab, wenn man dafür die unbeholfene Bezeichnung setzt: »Potsdam«?)

Darum soll der Name meiner Nordsee-Insel nicht genannt sein. Könnte doch keinen Begriff geben von der Macht geisternder Luftraubtiere, die zur Flutzeit ihr Wesen treiben; nichts von der verlassenen Düsternis eines weiten wie toten Wattenmeers – auch nichts von der Traulichkeit friesischer Häuschen, die an der Heide hinter Steinwällen liegen, in Einsamkeit von Salzluft umhaucht; nichts von totenstillen Dünenklippen.

 

II.

Ich stand auf einem Kliff; sah hinüber, weit über das von der Ebbe getrocknete Wattenmeer. Bräunlicher Sand, so weit das Auge sieht, aber nicht glatt, sondern mit allerhand Formen, erhöhten und vertieften.

Man könnte denken, das wäre langweilig – immer auf bräunlichen Sand zu sehen. Aber nein: man erblickt noch andres; hier und da ein Gerinnsel von Seewasser, darüber weggleitend – und Hunderte von Wasservögeln darin schreitend, stelzend, hockend. Hinter mir, auf dem Land, ist alles totenstill. Kein menschlicher Laut zieht über die im Meeresduft liegende Heide voll dicker, dichter, knorriger, zäher, holzartiger Erika, die wie ein braun-violettes Fell alles einhüllt. Kein Laut ... Unten beginnt die braune Fläche, von der das Wasser zurücktrat, tausend Meter weit zu schillern, irisierend zu leuchten; weil in das dünne Wassergerinnsel des ungeheuren halbtrockenen Bettes in aller düsteren Verlassenheit Abendhimmelwolken hineinspiegeln.

Jetzt scheint die feuchte gewaltige Niederung streckenweise tot zu strahlen – und dabei bleibt die Küste mit ihren Hünengräbern und dem fernen Leuchtturm, wie ich es schon einmal gesagt, es gibt keine andren Worte dafür, in eine schattendüstere, lichtverschollene Öde gebannt.

 

III.

Ja, alle guten Kirchenheiligen steht mir bei, dort oben über dem Wattenmeer lagern stirnrunzelnd die Friesengötter, jeder hat einen Fluch im finster umleuchteten, haßvollen Blick. Um die Sonnenuntergangsstunde sammeln sich diese Verstorbenen hier in der Luft über dem Meere der Verlassenheit – und in dem Wattenmeer liegen begraben, verschüttet, randüberweht, flutüberspült menschliche Siedelungen, mit ihren Menschen, ihrem Gerät, ihrem Getier, aus Jahrhunderten, aus Jahrtausenden. Städte standen, wo jetzt das Meer fließt.

Es läßt sich nur mit demselben Wort sagen: Diese Insel, von der ich den Blick über das Meerbett sende, war nicht immer eine Insel. Und was jetzt von Wogen überdonnert wird, wenn die Flut kommt, war ein Landarm. Begraben, begraben! Wer in diesem Sand schaufeln könnte, tausend Meter tief! Was er fände – wie viele Dorfschulzen mit ihren Dörfern, wie viele Kriegerscharen, wie viele flachsblonde Pfundmädel, von denen kein flachsblondes Haar mehr vorhanden, wieviel Göttermale, wieviel Kirchen, wieviel Häuslichkeiten. Verschlungen, verschlammt, verschluckt. Wer hier schaufeln könnte ...!

Doch er müßte sich beeilen, denn nach einer Handvoll Stunden rast die Flut zurück.

 

IV.

Oben an diesem Kliff steht ein einsames Haus. Die Wanderung an den öden Inselpunkt macht hungrig. Als ich im späten Abendschein dort hinaufgeklettert war, bat ich die Frau um Eier und Schinken. Eine Colliehündin, löwenhaft behaart denn in diesem Klima nähert sich alles der fruchtbaren Verwilderung, man braucht nur die gigantischen Widder anzusehn! –, eine gelbe Löwenhündin beteiligte sich an dem einsamen Nachtessen im fahlen Lichte des rätselvoll versinkenden Tages; und mir war, als könnte man die salzige Luft in ebensolche Scheiben zerteilen wie das Brot vor mir.

Eine Magd und ein Knecht saßen auf einer Wagendeichsel, fünf Schritt voneinander, er rittlings, und plauderten in einer Mundart, die nicht mehr bloß platt, sondern schon genauer friesisch ist... Die Leute heißen hier Epsen, Hansen, Jensen, Lassen, Thiesen, Brodersen, Petersen, Martinsen, Nielsen, Cornelisen, Andresen, Christiansen, Duysen, Thomsen, sogar Bleick Bleicken, einer mit dem Vornamen Schwen, und allenfalls auch Möller oder Lund.

Der Knecht und die Magd plauderten plattdeutsch, genauer: friesisch, auf der Wagendeichsel. Der gelbe Mond stieg über dem Wattenmeer auf. Der gelbe Mond schien über die Heide mit ihrem dicken violett-braunen Erikafell. Der gelbe Mond hing, als ich eine halbe Stunde ohne Weg durch Gestrüpp geschritten war, über eines Dorfes klein versteckten Friesenhäusern mit dunkel tief herablangendem Binsendach, jedes Haus hinter einem Steinwall. Die Heide war nun schwarz; vom Wattenmeer drang der Schrei (fast könnte man sagen: der Pfiff) von Stelzvögeln – die schon wieder erwachten oder aus dem Traum sprachen.

Schwarz war der Erdboden (auf dem ich mehr tappte denn schritt), schwarz waren die Häuschen jenes Dorfs drüben, aber nachthell die Salzluft, darüber der gelbe Mond. Der gelbe Mond schien auf meinem Wege zehnmal, zwanzigmal auf einen hingekauerten Klumpen, das war ein Rind; oft sprang es aufgescheucht empor und jagte davon; manches blieb liegen und erschauerte schnaufend. Ein Vogel schrie; ein Lamm blökte. Das Wattenmeer hörte man rauschen.

 

V.

Kurz vor Mitternacht kam ich in ein andres Dorf. Wieder geduckte Häuschen, schwarzes tiefhängendes Binsendach, ein Steinwall um das Ganze.

Im Wirtshaus saß eine reizende junge Lehrersfrau mit ihrem Mann, aus dem Schleswigschen, die hier in ihre Heimat zu Besuch gekommen war. Zwei Cousinen saßen dabei und der alte Ortslehrer, ein Riese, Pfeife rauchend. Die junge Frau, die einem Mädchen glich, zeigte wieder diese himmlisch leichte Anmut, diesen lustigen Zartreiz, den ich – zum wievielten Male? – hier an nordwestdeutschen Frauensbildern mit Entzücken sah oder schon mehr schlürfte. Alles nähert sich der dänischen Lieblichkeit.

Die junge Frau lachte; sprach in einem singenden Ton (mitten im Gespräch): »Wir trinken noch einen ganz kleinen Bommerlunder – ihr kennt doch das Lied: ›Schatz, du mußt noch einmal küssen, denn bekömmt mich das so gut!?‹« Dem alten Lehrerriesen wurde ganz schwindlig zumut. Alle lachten. Das Herz ging mir auf, nach dem nächtlichen Tappen über dies dunkle Gefild am Wattenmeer. Und ohne es ihr zu sagen, trank ich mein Tondernbier in einem Zug auf sie.

 

VI.

Und in selbiger Nacht, als alles schlief, kam ich noch in den Ort, wo ich mich niedergelassen habe; wo die wilde Seite der Nordsee, nicht das verschollene Wattenmeer, eine ewige Donnermusik macht; wo die Wellen heute braungrün branden.

 

Abermals die Insel

I.

Abends um neun bin ich auf dem Watt. Das Fahrzeug müßte sich beeilen – die Ebbe kommt.

Unwetter, toll – und doch eine so milde volle Luft in all den Wolkenbrüchen! Das Schiff hat wie sagt der Seemann? – Abtrift. Es hat eine ganze Menge Abtrift ... Elf Uhr. Dann: drei Uhr nachts ... Bis dahin sitzen wir fest. Regen peitscht. Zeltdach verwandelt sich in eine Brause.

Man kauert auf der Treppe, hüllt sich voll Stumpfsinns in den Mantel, mit Zähnen klappernd. Drüben, in der nahen Ferne, sieht man die Lichter der Insel – wie zum Possen. Eins nach dem andern erlischt. Bloß ein paar Funzeln brennen die Nacht hindurch.

Endlich, in den Morgenstunden, setzt man todmüde, fröstelnd den Fuß auf das Eiland. Man fällt mehr ins Bett, als man sich hineinlegt.

(Und gegen neun erwacht man bei reizendem Wetter, als wäre nichts gewesen. Über dem grünen Dünengebirg steht der Himmel, unwahrscheinlich blau; italienhaft.)

 

II.

Es kommen Tage, wo das Häuschen dröhnt. Mit grünem Dach, auf einer Wiese, rechts abseits; die Fenster gehn auf die gebuckelten Linien des grünenden Dünengebirgs, dahinter rast die See.

Die Türen zittern. Draußen ein Keuchen und Pfeifen bei ziemlich blauem Himmel – und wenn ich eine Luke öffne (das ganze Fenster aufzumachen (ist nicht ratsam), dann geschieht etwas Merkwürdiges.

Es entsteht ein Ton, der schwillt und nachläßt, wie auf einer ungeheuren Geige gespielt. Ist ein Holzteil der Türverschalung nicht ganz fest, so daß er zu vibrieren beginnt, wenn der Wind streicht? Es scheint so. Etwas in meinem Zimmer fängt an zu tönen, zu singen, zu brausen – und der Wirt kommt herauf, klopft an, schlüpft fix und schwer hinein, eilends die Tür hinter sich schließend; wir lachen; und ich regle durch allmähliches Öffnen und Schließen die Tonstärke, so daß ein geordnetes Gigantenkonzert zuwege kommt: ein furchtbarer Choral; ein Weltuntergangslied in Takten. Der Wirt mit dem roten Gesicht und dem Riesenbart geht wieder die Treppe hinab, fix und schwer. Er grient.

 

III.

Manchmal fährt man nordwärts, an ein verlassenes Gestade. Von der Meerseite sind nur Sandberge sichtbar. Hinter dem Sand öffnen sich grünende Hochtäler; grüne Hochmulden. Geflöt kommt von. der allen Einsamkeiten preisgegebenen Meeralm – hinüber! Herüber!

Hier sitzen sie, winzige Möwen. Man greift ein junges Möwchen, doch nach fünf Minuten läßt man ihr die Freiheit. Sie wird den Schreck des Abenteuers, vielleicht den Geruch des Menschen durch ihr ganzes Leben nie vergessen. Hier ist ein einzig großes Brutfeld...

Man klettert über neue Ränder in neue Hochmulden. Neues Geflöt. Dann senken sich etwas tiefere Mulden. Führerlos, sich selbst überlassen, hausen hier Schafe. Der Fuß tritt auf was Gipsweiches, Gedrechseltes. Es sind die gebleichten Rückenwirbel eines der Tiere. Sollte hier Raubzeug ...? Oder ist es eines sanften Todes verstorben? Die Seevögel haben jedenfalls den Knochenaufbau glatt gereinigt. Eine Faust voll Wolle liegt nicht weit ab, vom Wind mit holzigem Wurzelkraut verzettelt. Weiß wie Kalk das Gerippe. Nun, es ist ja Kalk. Unsre Knochen, will sagen: die Knochen aller Säugetiere, sind doch Kalk ...

Ich aber wünsche meinem Leib dereinstens ein so sauberes Ende; ein Verwehen und Verwittern in gleich guter Luft – wenn ihn die Flamme nicht herzhafter verdaut. Unter den kleinen Mitbringseln für mein Arbeitszimmer, aus manchen Orten dieser Erde, soll auch ein weißer Rückgratwirbel dieses heimgegangenen Hammels sein, dieses Mementoschafs, das an einem schönsten Sommertag dieses wundersamen Lebens den Augenblick des Atmens, des Daseins lachender genießen half.

 

IV.

Das noch lebende Schafsgetier wendet mir den Rücken zu und dreht, wie es das Stampfen meiner Stiefel vernimmt, insgesamt wie ein Mann bloß den Kopf um, und – drollig! – bleibt in dieser unbequemen Haltung eine Weile schweigend stehn.

Ich stieg rückwärts wieder hinab und kletterte durch andre grüne Mulden, über Sandgebirg, über Almen, durch Kessel voll Heideflieder, der lichter glüht als die verschlossene Erika, und abermals durch verlassene Hochmulden zum letzten offenen Seehang.

Immer das gleiche Gefühl: Kein Mensch – aber zwei Meere. Das enge, stille, mit den versunkenen Städten, und das große, das die Fluten nach Schottland trägt.

 

V.

Viermal jagt ein Hase in Gewaltsätzen davon. In andren Mulden sah ich wieder Seevögel, wieder Schafe. Auf diesem verlassenen Eilandsgebirg frißt sich die Kreatur satt in einsam salziger Luft, was soll Hund oder Hirt? Die Schafe fliehen nicht, denn das Meer umgibt sie.

Aus fernen Mulden klettert jetzt wieder eine Schar empor, der schwarze Hammel voran, eins hinter dem andern, so schreiten sie auf dem Grat entlang – absonderlich, wie sich ihr Umriß gegen diesen Himmel abhebt, so daß sie unerwartet groß erscheinen. Man staunt. So ziehn sie langsam vorwärts. Das Geschrei der verborgenen Vögel erfüllt, sättigt, schwellt die einsame Luft.

Und ich stehe zwischen den Meeren, fühle mein Herz klopfen – und atme.

 

Herbst auf der Insel

I.

Ein letztes Auge schmiß ich vom Fahrzeug zu den Fenstern des zweistöckigen Häuschens empor, hinter denen ich nach den Sternen und Schiffslichtern geäugt hatte. Ein Asylchen in der Höh'. Ein schmunzliges Versteck.

Dann ging es (zum wievielten Mal in diesem Leben?) nach dem Frieseneiland. Und zum wievielten Mal kamen dieselben Vorstellungen? –:

 

II.

Nirgends fühlt sich der Mensch so wohl wie auf einer schmalen Insel mit Dünenhochtälern und Möwennistungen zwischen zwei Meeren, mit Salzluft und braunviolettem Heidepelz, mit geduckten Friesenhäuschen, von Steinwällen umhegt, mit einem gelben Mond darüber, einem einsamen Leuchtturm und stillen, feinen, nordwestdeutschen Menschen – unbäurischen Bauern. Ich merke das in jeder Jahreszeit wieder.

Nirgends wird einem der Hauch des Alls (darf man dies Gleichnis wagen?) so aufs Butterbrot geschmiert. Fortwährend kommt einem der Gedanke, wenn man in dieser klippigen Riesennatur in die rollenden Wasser starrt: Du, der hier atmet, siehst vor dir den einen Blutstropfen mit den Trillionen Bakterien, zu denen du gehörst und über den hinaus wir nicht sehn können ...

Hier schwankt der Blutstropfen bei der Bewegung des großen Tiers, in das du eingeschlossen bist. Der Winter und der Sommer ist sein Herzschlag; und wenn alle vierzig Jahrtausend eine Eiszeit kommt, ist ihm schläfrig zumute geworden – dem unbekannten Tier, in das du eingeschlossen bist gleich der Trichine im Schwein; gleich der Bakterienschar in jedem deiner eignen Blutstropfen.

Nirgends wird einem das, wie gesagt, so aufs Butterbrot geschmiert. Kein Gebirge schafft ein Ewigkeitsgefühl wie diese rollenden Wasser. Und keine Luft eine Seligkeit wie diese Salzluft – denn wenn du dir die Lippen leckst und Scharfes schmeckst, so ist es das Blut deines Tiers, mit dem du lebst und stirbst.

Längst kannst du dann gestorben sein, das Tier lebt weiter, seine Zellen wechseln und erneuern sich – wie deine eignen heut, mit den Lebewesen deines Leibes. Und wahrscheinlich stirbt nun das Tier eines Tages, denn es war selber nur ein Bakterion, ein größeres, in einem größeren Blutstropfen; und Trillionen solcher Großbakterien sitzen wieder in einem größeren Tier – und auch dieses noch größere Tier wiederum – Luft! Luft!!

 

III.

Gedanken solcher Art; nein: Stimmungen solcher Art blühen im friesischen Eilandsreich, wo die Wasser rollen und bis zur schottischen Küste »nichts« ist als ausgedehnte Substanz mit wechselnden Formen ...

In früheren Jahren schlief und aß man wenigstens noch in bewohnteren Siedlungen so einer Insel – allmählich kommt man dazu, auch für Speis und Schlaf einen verlassenen oder noch kaum bewohnten Punkt zu wählen, nördlicher, wo man die zwei Meere dichter beisammen und keinen Menschen hat und sich allein mit dem »Tier« beschäftigt. Der Blutstropfen, dessen Bewegung man hier am besten sieht, wird noch lange, lang in Bewegung bleiben – und wo bist du dann, Bazillerich, elender, der du den Schriftsteller spieltest?

 

IV.

Solche Stimmungen schafft das herbstliche Weilen auf der Frieseninsel, in ihrem verlassenen Norden, wo, leidlich fern von Menschensitzen, ein einsames Haus an der brüllenden Brandung steht.








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