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Die Freundinnen

Friedrich Halm: Die Freundinnen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleÖsterreichische Erzählungen des 19. Jahrhunderts
titleDie Freundinnen
publisherAlois Brandstetter
year1986
authorFriedrich Halm
senderharald.aichmayr@netway.at
copyright(c) 1986 Residenz Verlag, Salzburg und Wien
created19990604
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Friedrich Halm

Die Freundinnen

Der Graf von Ormonde war im Herbste des Jahres 1644 zur Belohnung für die Siege, die er über die irländischen Rebellen erfochten, zum Vizekönig von Irland ernannt, bald darauf aber nach London berufen worden, um dort im Kabinette des Königs an wichtigen Beratungen teilzunehmen. In England und Schottland hatten die Unruhen, die Karl I. auf das Blutgerüst führen sollten, bereits eine sehr bedenkliche Höhe erreicht; in Irland aber war damals, dank der ebenso entschiedenen als umsichtigen Haltung des Grafen von Ormonde, die Bewegung einstweilen zum Stillstande gekommen, so daß der Graf seine zärtlich geliebte Gemahlin Elisabeth, vollkommen über ihre Sicherheit beruhigt, nur mit der Sorge verließ, sie werde während seiner Abwesenheit, die gewiß auf einige Wochen, vielleicht auf einen Monat bevorstand, sich um so vereinsamter fühlen, als sie bisher während eines vierzehnjährigen Ehestandes, und selbst während der Graf im Felde lag, kaum mehr als einige wenige Tage der Trennung von ihrem Gemahl erlebt hatte. Allein auch dieser Sorge ward der Graf bald nach seiner Ankunft in London durch die frohe Nachricht enthoben, Lady Isabella Rich, die vertrauteste Jugendfreundin seiner Gemahlin, habe die Absicht kundgegeben, auf einige Wochen als Gast in Kilkenny Castle zu verweilen, eine Mitteilung, die der Graf als eine höchst erwünschte alsbald mit einem zärtlichen und glückwünschenden Schreiben erwiderte, in dem er es als eine besondere Gunst des Himmels hervorhob, seine Gemahlin während seiner Abwesenheit in der Gesellschaft einer Dame zu wissen, die, wie sie seiner Elisabeth nach Gemahl und Kindern das Liebste auf Erden wäre, auch ihm selbst zu allen Zeiten als die Krone ihres Geschlechts erschienen sei.

Während der Graf nunmehr erleichterten Herzens sich zu London den Staatsgeschäften hingab, die von Tag zu Tag immer peinlicher und drohender sich zu verwickeln begannen, sah Gräfin Elisabeth auf Kilkenny Castle daheim mit täglich sich steigernder Ungeduld der Stunde der Wiedervereinigung mit einer Freundin entgegen, welche die Jahre ihrer Jugendblüte teilnehmend und fördernd mit ihr durchlebt, ihr in schwerer Bedrängnis mit Rat und Tat hilfreich zur Seite gestanden und, obgleich älter und gereifter, dennoch die schwärmerische Neigung ihrer jüngeren Gespielin nicht nur geteilt, sondern an Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit noch überboten hatte. Endlich verkündeten eines Tages aufwirbelnde Staubwolken die Ankunft der Ersehnten und, von berittenen Dienern umgeben, näherte sich eine schwerfällige Sänfte dem Schloßtore, auf dessen Schwelle die Gräfin mit pochendem Herzen des Augenblickes harrte, der ihr die lang entbehrte Freundin wiedergeben sollte. Mit Lady Isabella Rich war jedoch während der langjährigen nur selten und flüchtig unterbrochenen Trennung der beiden Freundinnen eine so entschiedene und auffallende Veränderung vorgegangen, daß die Gräfin im ersten Augenblicke des Wiedersehens, wenn nicht wie vor einer Fremden, doch im höchsten Grade befremdet und überrascht, mit weit geöffneten Armen, staunend und sprachlos vor ihr stand. Nicht als ob Lady Isabella, wie Unvermählte wohl pflegen, vor der Zeit gealtert, nur noch der Schatten ihrer selbst ihr entgegen getreten wäre; sie stand vielmehr, in der reichsten Fülle weiblichen Reizes, trotz aller Hüllen des unkleidsamen Reiseanzuges blendend schön vor ihr; über ihre anmutigen Züge aber war dabei so hinreißend die Blässe geistiger Reife ausgebreitet, das mutwillige Funkeln ihres blauen Auges war zu einem so leuchtenden Strahle sinnender Schwermut verglommen, um ihre Lippen spielte so verklärend das schmerzliche Lächeln bitterer, aber siegreich überstandener Seelenkämpfe, und solche Würde und Hoheit atmete jede ihrer Bewegungen, daß die Gräfin nahe daran war, ihr wie einer himmlischen Erscheinung zu Füßen zu sinken, wenn nicht Isabella alsbald mit einem lauten Freudenruf die lang entbehrte Freundin umschlungen und an ihr Herz gedrückt hätte.

Wie befremdend und einschüchternd aber der geheimnisvolle Zauber, der über Isabellas ganzes Wesen wie Mondlicht ausgebreitet lag, auch anfangs auf die Gräfin wirken mochte: sie fühlte sich nach wenigen Stunden traulichen Gesprächs um so unwiderstehlicher von ihr eingenommen, als ihr aus jedem Wort, aus jeder Miene das alte treue Herz der Freundin, geläutert in seinen Empfindungen, veredelt in ihrem Ausdruck, aber unverändert in Wohlwollen und Liebe entgegenschlug. Und damit schwand jeder Schatten von Zurückhaltung aus der Seele der Gräfin; selbst der Verdacht, der im Laufe der letzten Jahre so oft in ihr aufgestiegen war, als vermeide Isabella absichtlich mit ihr und den Ihren zusammenzutreffen, wurde als kleinlicher, nunmehr tatsächlich widerlegter Argwohn beiseite gewiesen, und wenn das unbedingte Vertrauen, mit dem sie der Freundin entgegenkam, von dieser auch nicht mit ganz gleicher Hingebung erwidert wurde, wenn Isabella namentlich jeder Erörterung der Ursachen der auffallenden Veränderung, die ihr ganzes Wesen seit ihren Jugendjahren erfahren, sorgfältig aus dem Wege ging, so entschuldigte die Gräfin diese Zurückhaltung mit der Scheu, die wohl jeder empfindet, kaum vernarbte Wunden des Herzens durch Mitteilung wieder aufzureißen; denn nur solche Wunden konnten es sein, die Lady Isabella Rich so umzuwandeln, die sie, die Tochter eines der edelsten Geschlechter des Landes, die Erbin eines bedeutenden Vermögens, zu bestimmen vermochten, die Fülle der Freier, welche sich um ihre Hand bewarben, zurückzuweisen und dem Herbste ihres Lebens unvermählt entgegenzugehen.

Es mochten seit der Abreise des Grafen etwa zehn Tage verstrichen sein, als die Gräfin an einem schönen Herbstmorgen müßig ihren Gedanken sich hingab. Ihre Töchter, drei reizende, von Feuer und Leben strotzende kleine Geschöpfe, waren eben mit ihrer Erzieherin von ihr gegangen; an der Wand ihr gegenüber hingen die Porträte ihrer Söhne, munterer, frischer Knaben, die zu Oxford im Trinity College ihren Studien oblagen. Im beseligenden Gefühle ihres Mutterglückes konnte die Gräfin nicht umhin, wiederholt das harte Schicksal zu beklagen, das ihrer Isabella ähnliche Freuden versagte. Diese Gedanken aber führten sie bald noch weiter in die Vergangenheit zurück. Ihre frühere Jugendzeit stieg farbenhell leuchtend, wie gestern erlebt, vor der Träumenden empor. Sie gedachte lächelnd des tödlichen Hasses, mit welchem die fünfzehnjährige Elisabeth Breston dereinst James Butler, jetzt ihr Gemahl, verfolgte, weil sie, der letzte Sprößling und die Erbin der Grafen von Desmond, an dem Hasse dieses Geschlechtes gegen jenes der Butler festhalten zu müssen glaubte. Dann, die Wangen von lieblichem Erröten übergossen, erinnerte sie sich des Tages, an dem sie ihren Gemahl, damals den Titel Viscount von Thurles führend, zum ersten Male bei Hofe gesehen, und wie der Zauber seiner männlichen Schönheit, die ritterliche Anmut seines Wesens und die glühende Leidenschaft, mit der er ihr huldigte, sie alsbald so ganz gefangennahmen, daß sie, später in dem Geliebten zu ihrem Schrecken einen Butler, einen Todfeind, erkennend, gleichwohl ohne Mühe sich überredete, die Christenpflicht allgemeiner Menschenliebe, wie ihr eigener Vorteil geböten ihr, nicht bloß den alten Haß der Desmonds gegen die Butler für immer zu begraben, sondern auch den endlosen Rechtsstreitigkeiten, in die beide Familien seit Jahren miteinander verwickelt waren, durch die Verbindung mit dem Manne ihrer Wahl endlich ein Ziel zu setzen. Dann aber – und eine Wolke des Unmuts zog auf ihrer Stirne empor –, dann gedachte sie König Jakobs, der das ihm verhaßte Geschlecht der Butler nicht durch das Erbe der Desmonds bereichert sehen wollte und dieser Verbindung seine Zustimmung versagte. Sie gedachte des grausamen Starrsinns, mit dem er sie, um sie jeder Annäherung des Geliebten zu entziehen, der Vormundschaft oder richtiger der Obhut des Grafen von Holland übergeben, und wie dieser sie auf seinem Schlosse Eldon Manor kaum besser als in Gefangenschaft gehalten hatte.

Dort aber hatte sie Lady Isabella Rich, die Nichte des Grafen, damals ein munteres, aufgewecktes, mutwilliges Mädchen, kennen gelernt und ihre Freundschaft gewonnen. Isabella aber war es, wie sie mit Tränen dankbarer Rührung gedachte, die der Verlassenen hilfreich sich angenommen, die Wachsamkeit ihrer Umgebung getäuscht und ihr sogar geheime Zusammenkünfte mit dem Geliebten ermöglicht hatte, bis dieser letztere, die habsüchtigen Günstlinge des schwachen, wunderlichen Königs durch Verheißungen und Geschenke für sich gewinnend, endlich nach einem Jahre schmerzlicher Bedrängnis und schwerer Kämpfe die Zustimmung Jakobs zu ihrer Verbindung zu erringen wußte. Seit jenem Augenblicke aber gedachte sie, einen Blick inniger Liebe auf das Brustbild ihres Gatten heftend, das ihr von der Wand zulächelte, seit jenem Augenblicke sei ihr Leben nur ein sonniger, wolkenlos heiterer Sommertag gewesen, und vierzehn lange Jahre seien ihr verstrichen wie ein seliger Traum! Und wenn sie nun vorwärtsschaute, wenn sie erwog, wie ihr Gemahl, berühmt als Feldherr, noch berühmter als Staatsmann, des Vertrauens seines Königs nicht bloß gewürdigt, sondern in jedem Sinne würdig, schon jetzt in blühendem Mannesalter Graf von Ormonde und Vizekönig von Irland, im Laufe der Jahre notwendig zu immer höheren Würden und Ehren emporsteigen müsse, wie sie selbst, reich, angesehen, mächtig, die Mutter von fünf hochbegabten, blühenden Kindern und dennoch, wie ein zufriedener Blick in den Spiegel ihr bezeugte, in unverwelkter Schönheit selbst jüngere Frauen weit überstrahlend, der unvergänglichen Liebe ihres Gemahls, des schönsten und hervorragendsten Mannes seiner Zeit, gewiß sei, und wie sie selbst ihn mit aller Kraft ihrer Seele liebe – welch ein Herbst reichen Segens, von goldenen Früchten strotzend, welche Fülle des Glückes lag nicht vor ihr!

Hufschlag, der im Schloßhofe laut ward, unterbrach sie in ihren Träumen, und als ob der Himmel sich darin gefiele, noch einen Tropfen Freude mehr in den übervollen Becher ihres Glückes zu träufeln, ward ihr auf die Frage, was es gebe, die Antwort: Philipps, der Geheimschreiber des Grafen, sei angekommen und habe ihr ein Schreiben ihres Gemahls zu überreichen. Wirklich stand auch in den nächsten Augenblicken dieser Philipps, ein blasser, schüchterner junger Mann, vor der Gräfin, die ihn mit Fragen nach dem Befinden, nach dem Aussehen, nach der Stimmung ihres Gemahls überschüttete und ihm kaum Zeit zur Antwort gönnte, bis er aus seiner Mappe ein niedliches mit dem Siegel des Grafen versehenes Briefchen hervorgesucht und mit tiefer Verbeugung der Gräfin überreicht hatte. Sobald diese letztere aber erst auf dem Umschlag des Briefes die Aufschrift: »Meiner innigstgeliebten Elisabeth« gelesen und darin die ebenso feste als zierliche Handschrift ihres Gemahls erkannt hatte, brach sie das Gespräch mit dem Überbringer des Briefes, der ihr eben über seine Sendung nach Dublin und andere ihr in diesem Augenblick höchst gleichgültige Umstände berichten wollte, mit einigen höflichen Worten kurz ab, entließ ihn und warf sich in der Wölbung des Erkers in einen Lehnstuhl, um in Sammlung und Ruhe den gesegneten Inhalt des schmerzlich ersehnten, mit Jubel empfangenen Schreibens in sich aufzunehmen. Kaum aber hatte sie das Wachs des Siegels gebrochen und das Blatt mit einem flüchtigen Blicke überflogen, als sie, wie von einer Viper gestochen, emporfuhr, das Blatt sinken ließ und zitternd und blaß mit weit offenen Augen vor sich hinstarrte, als ob ein Gespenst plötzlich schreckend vor ihr auftauche, bis sie nach einer Weile mit der Hand über die mit kaltem Schweiße bedeckte Stirne hinfahrend, als ob sie aus einem schweren Traum erwache, wieder nach dem Blatte griff und es mit schwankender Hand vor sich hinhielt. Sein Inhalt lautete aber so:

»Teure Lady!

Ich breche das Stillschweigen, das Sie mir auferlegten, und das ich durch Jahre getreulich beobachtet habe, um Ihnen eine Nachricht mitzuteilen, die, wie sie mein Gewissen beruhigt, auch Sie überzeugen muß, daß der Himmel unsere Gebete erhört und die Tränen unserer Reue als Sühne für unsern Fehltritt gnädig angenommen hat. Ein Besuch im George College zu Cambridge war es, der mir diese Beruhigung gewährte, und die einstimmige ungeheuchelte Anerkennung sowohl der hohen Geistesgaben und Fähigkeiten, als auch der Seelengüte, des Fleißes und der Bescheidenheit unseres William, die mir daselbst allerorten entgegenkam, soll sie auch Ihnen gewähren. William ist die Zierde der Anstalt, der Stolz seiner Lehrer, der Liebling seiner Mitschüler! Der Himmel hat unser Kind gesegnet, also hat er uns vergeben und legt uns keine andere Buße für unsere Verirrung auf als die nur, insgeheim und verstohlen für die Zukunft des holden, hoffnungsvollen Knaben sorgen zu dürfen. Lassen Sie uns diese schwere Prüfung wie bisher demutsvoll hinnehmen und vereinigen Sie sich mit mir im Gebete für die Wohlfahrt unseres Kindes!

James Graf von Ormonde«

Die Gräfin las und las wieder, dann faltete sie das Blatt still zusammen und starrte gesenkten Hauptes vor sich hin. Das war kein Scherz; der Graf konnte nicht daran denken, sich solche Scherze gegen sie zu erlauben. Er mußte zwei eigenhändige Briefe, nachdem er sie gesiegelt, in der Eile verwechselt und mit falschen Aufschriften versehen haben! Und die Dame, an die das Schreiben gerichtet war, das wie Feuer in ihrer Hand brannte, die Dame, mit der ihr Gemahl sich vergangen zu haben nur zu deutlich bekannte, wer war sie? Während ihrer Ehe hatte der Graf ihr niemals Anlaß gegeben, seine Treue zu bezweifeln! Dazu kam, daß der Knabe, die Frucht dieses Fehltritts, da er Schüler des George College zu Cambridge war, wenigstens dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein, also vor oder in der ersten Zeit ihrer Verbindung mit dem Grafen geboren sein mußte und damals – ein furchtbarer Verdacht unerhörten Verrates zog ihr Herz krampfhaft zusammen. Sie mußte Gewißheit haben; sie klingelte und befahl dem herbeieilenden Diener, den Geheimschreiber Philipps zu ihr zu bescheiden. Sein Kommen erwartend, durchmaß sie, wie eine Feder vom Sturme ihrer Gedanken umhergetrieben, bald in unruhiger Hast, bald zweifelhaft zögernden Schrittes die Räume des Gemaches. Als aber endlich Schritte der Türe sich näherten, und der Erwartete auf ihrer Schwelle erschien, stützte sie sich halbtaumelnd auf das Tischchen, auf dem der unselige Brief lag, und warf dem Eintretenden, ehe er noch zu Worte kommen konnte, die Frage entgegen, ob er den Brief, den ihm der Graf für Lady Isabella Rich übergeben, bereits bestellt habe? – »Lady – Isabella – Rich?« stammelte der Geheimschreiber betroffen, während sein Antlitz in Purpurröte aufflammte und seine Blicke hilfesuchend umherirrten. – »Allerdings, an Lady Isabella Rich«, sagte die Gräfin, totenbleich, aber in ungebeugter Haltung ihm näher tretend, »so entnehme ich wenigstens aus dem Schreiben meines Gemahls!« Und dabei heftete sie einen so scharfen, ins Mark der Seele dringenden Blick auf den unschlüssigen und ratlosen Geheimschreiber, daß dieser zuletzt, aller weitern Ausflüchte sich begebend, nicht nur einen Brief des Grafen an Lady Isabella Rich bestellt zu haben bekannte, sondern auch zur Entschuldigung seiner Betroffenheit hinzufügte, er habe dem Grafen schwören müssen, des Briefes an Lady Isabella gegen keine Menschenseele Erwähnung zu tun. Darüber wurde die Gräfin noch blässer, als sie gewesen, und ihre Lippen verzogen sich wie zum Weinen, aber an sich haltend unterbrach sie mit einem gnädigen Kopfnicken die weiteren Entschuldigungen des verwirrten Geheimschreibers und wandte ihm mit den leicht hingeworfenen Worten: »Ihr solltet wissen, Philipps, daß mein Gemahl keine Geheimnisse vor mir hat!« den Rücken zu.

Kaum aber hatte der Geheimschreiber hierauf, mit vielen Bücklingen sich entfernend, die Türe hinter sich geschlossen, als die Gräfin, in ihren Lehnstuhl zurückgesunken, allen Zwang abwerfend, der ganzen Leidenschaftlichkeit ihres Schmerzes sich hingab. Sie war verraten, von den beiden Wesen verraten, denen sie am unbedingtesten vertraut hatte, von dem Geliebten ihrer Seele, von der Gespielin ihrer Jugend; war von ihnen kurz vor oder nach ihrer Vermählung, jedenfalls also zu einer Zeit verraten worden, wo sie auf deren Treue gerade am zuversichtlichsten gebaut hatte! Unerhört getäuscht, und zwar in der Wertschätzung von Empfindungen getäuscht, auf deren vermeintlich unerschütterlicher Grundlage sie vertrauend ihr ganzes Lebensglück aufgebaut hatte, sah sie nun den stolzen Bau zerbröckelnd, Stein für Stein zum wüsten Trümmerhaufen zusammenbrechen. Sie erinnerte sich bitter lächelnd des Sprichwortes der Desmonds, das man ihr in ihrer Kindheit so oft vorgesagt hatte:

Ein Butler, und Verrat
In Wort und Tat!

und fragte sich, ob sie noch ferner in Gemeinschaft mit einem Manne leben könne, der ihre Gefühle so tief verwunden, ihr Vertrauen so schändlich mißbrauchen und in der Verleugnung alles Zartgefühls so weit gehen konnte, nicht bloß gleichmütig, nein erfreut, ja glückwünschend seine Mitschuldige das unentweihte Heiligtum ihres Hauses betreten und die vor Jahren an der Braut begonnene Täuschung nach Jahren an seiner ehrbaren Hausfrau, der Mutter seiner Kinder, fortsetzen zu sehen. Diese letztere Anschauung war es, die sich zuletzt ausschließend der Gräfin bemächtigte. Sie sah im Geiste Isabella, ihren Gast, ihre Freundin, der sie noch gestern in den vertrautesten Mitteilungen ihr ganzes Herz geöffnet hatte, insgeheim die Torheit der Betrogenen belachen und sich schon im voraus der Stunde freuen, da sie mit dem Grafen, ihrem Gatten, in Kilkenny Castle, in ihrem eigenen Hause, sich über ihre kindische Offenherzigkeit lustig machen würde! – »Das nicht! Nein, das sollen sie nicht! « durchzuckte es wie ein elektrischer Schlag die Fibern ihres Herzens! Sie erhob sich, trat vor den Spiegel, ordnete hastig die Fülle ihres dunklen Haares, dessen reiche Flechten ihre Hände, im Drange der Verzweiflung blind gegen sich selbst wütend, zerwühlt hatten, und wandte sich, mit dem verhängnisvollen Briefe bewaffnet, rasch der Türe zu, als sie plötzlich stillestand, um noch einmal die unseligen Zeilen zu überfliegen. – »Verirrung, Reue, Buße! « sprach sie vor sich hin; »Pah! das sind Worte! Heuchelei der Lippen, während die Herzen fortfahren zu sündigen! Wer verriet, kann wieder verraten! Keine Schonung mit Verrätern! « Und damit den Brief zusammenfaltend, riß sie, stolz den Kopf zurückwerfend, die Türe des Klosetts auf und schritt die wirr verschlungenen Gänge und Hallen des Schlosses entlang den Gemächern Lady Isabellens zu, während sie den alten Schlachtruf der Desmonds:

Schlagen und Wagen,
Nicht Schmach ertragen!

vor sich hinmurmelte. Allein die letzte Lesung jenes unglückseligen Briefes hatte ihr einen tiefern Eindruck hinterlassen, als sie sich selbst gestehen mochte! Das Wort: Reue! war in ihrer Seele haften geblieben, und sie langte, wenn auch nicht versöhnlicher, doch ruhiger und ihrer selbst wie ihrer Worte mächtiger am Ziele ihrer Wanderung an, als sie sie angetreten hatte.

Als die Gräfin die Türe öffnete, die in Lady Isabellens Gemach führte, fand sie diese an einem Tische sitzen, auf dem neben einem aufgeschlagenen Buche, durch den schwarzen Saffianband und die silbernen Schließspangen deutlich genug als Erbauungsbuch gekennzeichnet, eine halboffene Reiseschatulle, und eine mit Blumen gefüllte Vase aus venezianischem Glase stand. Der Kopf in die Hand gestützt und in tiefes Nachdenken versunken, starrte sie träumend auf einen, wie es schien, noch uneröffneten Brief hin, der vor ihr auf dem Tische lag. Als sie aber die Gräfin gewahrte, die einen Augenblick unter der Türe stehengeblieben war, jetzt aber raschen Schrittes näher trat, erhob sie sich tief errötend, wie von einer Feder emporgeschnellt, warf den Brief in das aufgeschlagene Buch, das sie hastig zudrückte, und ging dann, allmählich ihre Fassung wiedergewinnend, mit freundlichem Lächeln und offenen Armen der Freundin entgegen. Die Gräfin aber, mit einer ablehnenden Handbewegung die Umarmung zurückweisend, trat bis an das Tischchen hinan, an dem Isabella gesessen, und sprach dann langsam, jedes Wort scharf betonend und mit schneidender Kälte: »Lady Isabella! Ich habe, durch die unrichtige Aufschrift getäuscht, einen Brief, den mein Gemahl an Euch gerichtet, geöffnet und gelesen! Hier ist er! Nehmt denn, was Euer, und gebt mir, was mein ist! « Und damit reichte sie ihr mit der einen Hand das geöffnete Schreiben hin, während sie mit der andern das Buch aufschlug und den darin verborgenen Brief herausnahm. Sie öffnete ihn aber nicht, sondern heftete, nachdem sie Siegel und Aufschrift flüchtig betrachtet hatte, ihre von Entrüstung blitzenden Augen auf Isabellens Antlitz, die, bis in die Lippen erbleichend und an allen Gliedern zitternd, das unselige Blatt vor sich hinhielt, das ihre weit offenen Augen wie mit übernatürlicher Gewalt festzuhalten schien. Als sie aber, der Aufregung des Augenblicks erliegend, endlich zusammenbrach und mit krampfhaftem Schluchzen in den Lehnstuhl zurücksank, wandte sich die Gräfin mit dem Ausdrucke unsäglichen Ekels von ihr ab und trat ans Fenster. Sie stand dort, die heiße Stirne an die Scheiben gedrückt, einige Augenblicke, während nur Isabellens schmerzliches Stöhnen die Stille des Gemaches unterbrach; dann aber, sich rasch umkehrend, sagte sie mit ruhiger Gleichgültigkeit: »Ich sehe dort Storris, Euren Stallmeister, den Schloßhof herkommen! Wollt Ihr ihm sagen, daß er die Sänfte zu Eurer Abreise instand setzen lasse? Oder soll ich es tun?« – Und damit ging sie raschen Schrittes der Türe zu, aber noch ehe sie sie erreichen konnte, war Isabella aufgesprungen, hatte sich ihr in den Weg geworfen, und die zitternden Hände abwehrend gegen die Freundin erhoben, sprach sie: »Nein, du darfst nicht gehen, Elisabeth! Du mußt mich hören! Du sollst mich nicht für schuldig halten, wo ich nur unglücklich gewesen!« – Und als darauf die Gräfin vor ihrer Berührung, wie vor der einer Kröte zurückweichend, gebieterisch ihr zurief: »Gebt Raum! Ihr habt mich einmal getäuscht und sollt mich nicht wieder täuschen!« warf sie sich in der leidenschaftlichen Aufregung auf die Knie, und die Stimme von überströmenden Tränen halb erstickt, schrie sie in wahnsinniger Heftigkeit: »Du mußt mich hören! Du bist es dir und deinem Glauben an Menschenwert, du bist es deinen Kindern, denen kein Makel an dem Gedächtnis ihres Vaters haften soll, du bist es deinem Gewissen, dem ungetrübten Frieden deiner Sterbestunde schuldig, zu hören, ehe du richtest, zu prüfen, ehe du verdammst!«

Die Gräfin, zweifelhaft, ob sie die furchtbare Aufregung Isabellens für Ernst und Wahrheit oder nur für gut gespielte Komödie zu nehmen habe, blickte eine Weile unschlüssig auf die zu ihren Füßen Hingesunkene nieder, bis zuletzt mildere Gefühle in ihr die Oberhand gewannen. »Wohlan, ich höre!« sprach sie und ließ sich in einen Lehnstuhl nieder, während Isabella, sich mühsam vom Boden aufraffend, einem Taburett zuwankte, auf dem sie mit gelöstem Haar, in sich zusammengebrochen, fruchtlos bemüht, die von ihren Augen unerschöpflich niederquellenden Tränen zu stillen, lange schweigend und nach Atem ringend, ein Bild trostlosen Jammers dasaß.

So herrschte eine Weile tiefe Stille im Gemach, bis Isabella plötzlich, wie zu sich selbst sprechend, anhub: »So war es also nicht ein krankhaftes, kindisches Gelüste, das mich hieher nach Kilkenny Castle trieb, und nicht törichte Schwäche war es, ihm nachzugeben! Gott wollte es so; Gott forderte, daß ich, ein offenes Bekenntnis ablegend, mein Vergehen büße, Gott führte mich der Beleidigten zu, daß meine Seele ihre Schmach vor ihr offenbare! Gott fügte es so; seine Fügung sei gepriesen!« – Dann aber die Hand, wie um ihre Gedanken zu sammeln, an die Stirne

legend, fuhr sie fort: »Du sollst alles wissen, Elisabeth! Alles, wie es war und wurde, von Anfang bis zu dem traurigen Ende, das Unglück eines Augenblickes, und die Reue langer Jahre!« – Sie schwieg wieder eine Weile, bis sie endlich, ins Weite vor sich hinstarrend, mit gepreßter Stimme also begann:

»Ich war siebzehn Jahre alt und lebte mit meiner kränkelnden Mutter in London. Ich war damals eine andere als jetzt, selbst eine andere, als da du vor Jahren mich kennen lerntest. Ich war wild, heftig, eigenwillig, unfähig, irgendeinem Zwange mich zu fügen, und so erbittert durch die maßlose Strenge der puritanischen Ansichten meiner Erziehung, oder so unbändig von Natur, daß selbst die peinliche Unruhe, in die mich die ersten stürmischen Anfälle der Krankheit versetzten, der meine arme Mutter später erlag, mich auf die Länge nicht abhalten konnte, die Befriedigung jedes Gelüstes, jeder Laune, die mir durch den Kopf fuhr, um jeden Preis und auf alle Weise zu suchen. Ein solches Gelüste war der Besuch des Theaters, dessen nur zu erwähnen in meinem Elternhause schon als sträflicher Leichtsinn betrachtet wurde, und das ich eben darum bei nächster Gelegenheit kennen zu lernen nur um so fester entschlossen war. Diese Gelegenheit fand sich bald. Meine Mutter äußerte eines Tages nach einem der furchtbaren Anfälle ihres Leidens das Bedürfnis nach Ruhe, und da sie in solchen Fällen, wie sie tagelang gelitten, in tagelangem Schlaf sich zu erholen pflegte, so hatte ich alle Muße, mein Vorhaben auszuführen. Ich hatte mir Männerkleider zu verschaffen gewußt und schlich, die breiten Krämpen meines Hutes tief in die Stirne gedrückt, an einem nebligen, unfreundlichen Herbstabend dem Globe-Theater zu, in dessen überfüllten Räumen ich ein Plätzchen suchte und fand, das mir einen freien Blick auf die Bühne gewährte und mich doch möglichst den Blicken der Menge entzog. Man gab an jenem Abend eines der beliebtesten Stücke Shakespeares, Romeo und Julie, und kaum war der Vorhang der Bühne auseinandergeflogen, kaum fanden die unsterblichen Worte des unsterblichen Meisters, die damals zum ersten Male an mein Ohr schlugen, den Weg zu meinem Herzen, als ich mich von allem Bangen befreit, ja ganz und gar der Wirklichkeit entrückt und durch den überwältigenden Eindruck der wunderbaren Dichtung in einen solchen Taumel des Entzückens versetzt fühlte, daß ich, selbst in den Zwischenakten in wachen Traum versunken, die plumpe Annäherung meines Nachbars, eines halbtrunkenen Matrosen, nur als unerwünschte Störung, nicht als drohende Gefahr in Betracht zog. Ja, ich wußte es meinem plumpen Nachbar Dank, daß er mit seinen breiten Schultern mir den Weg durch den wogenden Menschenschwall bahnte, als ich nach dem Schlusse der Vorstellung halb bewußtlos, wie trunken, dem Ausgange des Saales zutaumelte. Im Freien angelangt und durch die frische Nachtluft wieder zur Besinnung gebracht, trachtete ich in beschwingter Eile mich über menschenleere Plätze und durch abgelegene Gäßchen, wie ich hergekommen, wieder nach Hause zu stehlen, als ich mich plötzlich durch eine derbe Hand, die sich breit und eisern auf meine Schulter legte, angehalten fühlte. Es war mein Nachbar, der scharfsinnig genug, mein Geschlecht zu erraten, nicht großmütig genug war, für die Dienste, die er mir im Gedränge erwiesen, meinen Dank sich genügen zu lassen. Die freche Gemeinheit, mit der er mir seine Ansprüche auf meine Dankbarkeit auseinandersetzte, die unverschämten Andeutungen über die Art und Weise, in der er sie anerkannt zu sehen wünschte, die rücksichtslose Roheit, mit der er mich trotz alles Sträubens und Abwehrens umfaßte, erfüllten mich mit so tödlicher Angst, daß ich, meiner Verkleidung vergessend, laut um Hilfe schrie, als plötzlich eine kräftige Hand meinen Bedränger am Genicke erfaßte und den Halbtrunkenen mit einem mächtigen Ruck in die Straße hinschleuderte. Ich lehnte erschöpft und schluchzend in der Wölbung des Torweges, in den ich mich geflüchtet hatte, während mein Beschützer, die Hand ans Schwertgefäß gelegt, an meiner Seite stand und in ruhig sicherer Haltung den Angriff des Gegners erwartete. Da dieser letztere aber, sich mühsam von seinem Falle erhebend, nur darauf bedacht schien, eiligst das Weite zu suchen, wandte sich mein Retter zu mir, fragte mich, wohin er mich nach Hause zu bringen habe, und schlug, sobald er dies erfahren, mich Zitternde am Arm, ohne weiter ein Wort mit mir zu wechseln, den nächsten Weg nach meiner Wohnung ein. Erst als wir sie erreicht hatten, und er, den Ausdruck meines Dankes ablehnend, von mir Abschied nahm, fühlte er sich gedrungen, ein paar wohlmeinende Worte über die Gefahren hinzuwerfen, die jungen Damen zu lebhafte Einbildungskraft bereiten könne, und die Hoffnung auszusprechen, der Ausgang dieses meines ersten Unternehmens werde mir für alle Zeiten ähnliche Abenteuer verleiden. Damit verließ er mich. Die Nacht war so dunkel, daß ich die Züge meines Begleiters, verriet gleich seine Haltung und sein ganzes Wesen Jugend und Anmut, nicht erkennen konnte. Dagegen bewahrte ich den Klang seiner Stimme nicht nur unauslöschlich dem Ohre eingeprägt, sondern ihr Wohllaut durchdrang so allmächtig alle Tiefen meiner Seele, daß er noch wochen-, ja mondenlang wie verhallendes Glockengeläute in ihr widerklang, und daß ich schon in jener ersten fiebernd und schlaflos zugebrachten Nacht die Überzeugung gewann, daß ich ihre Töne nach Jahren wiedererkennen würde und fortwährend der kaum gehörten Worte des großen Dichters gedenken mußte:

›Mein Ohr trank keine hundert Worte noch
Von diesen Lippen, doch ich kenn' den Ton!‹

Die Gräfin machte eine ungeduldige Bewegung, worauf Isabella innehaltend ihre großen, dunklen Augen wie fragend nach ihr kehrte, dann aber plötzlich, sie niederschlagend, nach kurzem Stillschweigen also fortfuhr:

»Ich hatte nicht Zeit, mich lange ungestört meinen Träumen hinzugeben und den mir ewig gegenwärtigen Klängen jener unvergeßlichen Stimme zu lauschen. Die Krankheit meiner Mutter und ihr nach Monaten herben Leidens erfolgender Tod erfüllten meine Seele so ganz mit dem Schmerze der Gegenwart, daß ihr für die Bilder aus der Vergangenheit um so weniger Raum blieb, als die Veränderung meiner äußern Lebensverhältnisse ihre ganze Spannkraft in Anspruch nahm. Mein Oheim und Vormund, der Graf von Holland, hatte wie die Verwaltung meines geringen Vermögens so auch die Obhut über meine Person übernommen und mich nach Eldon Manor gebracht, wo ich kränkelnd und im Marke meiner Lebenskraft erschüttert, in der Gesellschaft des abgelebten, mürrischen Greises einsame und einförmige, aber keineswegs müßige Tage verlebte, denn der Geiz meines Oheims hatte mich als Haushälterin zu verwerten gewußt und mir die Aufsicht über seinen ganzen weitläufigen Haushalt aufgebürdet.

So verstrich ein langer trauriger Winter, und endlich kam der Frühling; mit dem Frühling aber kamst du, Elisabeth! Die Kunde von deiner Neigung für den Viscount von Thurles und von dem unbeugsamen Starrsinn, mit dem König Jakob sich eurer Verbindung oder vielmehr der Vereinigung der Besitzungen der Desmonds mit jenen der Butlers widersetzte, war schon vor deiner Ankunft in meine Einsamkeit gedrungen. Die Spannung, mit der ich deinem Kommen entgegensah, und die der Zauber deiner Erscheinung so vollkommen rechtfertigte, die Blässe stiller Trauer, die auf deinen Wangen lag, die anmutige Rührung, mit der du meiner Teilnahme entgegenkamst, und die dir in der ersten Stunde für immer mein Herz gewann, vor allem aber der Drang, dir stillen Dulderin zu helfen und der Willkür des Königs Trotz zu bieten, alles dies erweckte in meinem der drückenden Einförmigkeit der Tage erliegenden, nach Leben und Bewegung mit allen Fibern sich sehnenden Herzen den alten unbändigen Drang nach Wechsel und Abenteuern, nach Kampf und Gefahren. Du weißt, Elisabeth, wie ich alsbald meine Stellung und meinen Einfluß auf die Diener des Hauses benützte, dich mit dem Geliebten nicht nur durch regelmäßigen Briefwechsel, sondern später sogar auch durch geheime Zusammenkünfte in Verbindung zu erhalten. Du erinnerst dich noch des Tages, an dem Wilson, der Forstwart, unser Vertrauter, zum ersten Male den Geliebten durch ein Seitenpförtchen des Parkes einließ und ihn nach dem Gartenhause führte, in welchem du freudetrunken seiner harrtest, während ich, um die Aufmerksamkeit des Oheims von unserm Unternehmen abzulenken, dem habgierigen Greise einen Pack meiner Rechnungen zur Prüfung und Genehmigung vorlegte. Du weißt, daß ich nach unserer Abrede, sobald ich ihn hinlänglich in ihre Ziffern vertieft sähe, mich wegstehlen sollte, um deinem Wunsche gemäß als deine Ehrenhüterin eurer Zusammenkunft beizuwohnen. Das aber weißt du nicht, was ich empfand, als ich, den Kreuzfragen des Oheims entkommen, die Türe jenes Gartenhauses öffnete und mir die berauschenden Klänge der unvergeßlichen Stimme entgegenschlugen, die in der Nacht meines Theaterbesuches so mild schonend als eindringlich ermahnend zu mir gesprochen hatte! Keiner Regung fähig, wie versteinert blieb ich auf der Schwelle stehen! Meine Glieder waren starr, mein Herz stand still, nur meine Seele war ganz Ohr; nicht als ob ich seine Worte verstanden, nur zu verstehen versucht hätte: es war der Wohllaut seiner Stimme, der mich festbannte, der mich, mit entzückendem Wonnegefühl durchschauernd, wie mit Seraphflügeln emporhob und weit, weit über Welt und Leben hinweg zu den Sternen hinauftrug! Erst als er schwieg, und nun du antwortend das Wort nahmst, kam mir so viel Kraft und Besinnung zurück, einzutreten und, die Türe hinter mir schließend, mich in eine Ecke des Gemachs zu drücken, wo ich, bald von der himmlischen Musik seiner Stimme in selige Träume gewiegt, bald wieder, wenn sie verstummte, wie vom Himmel zur Erde herabgeschleudert, in jähem Schreck erwachend, in fiebernder Unruhe die Stunde eures Beisammenseins hinbrachte. Endlich nahmt ihr Abschied und kamt auf mich zu, um den Schutzgeist eurer Liebe, wie ihr mich nanntet, mit eurem Dank zu überschütten. Er sprach zu mir; ich hörte, aber ich verstand ihn nicht; betäubt und halb bewußtlos stand ich vor ihm und wagte nicht aufzublicken; zuletzt erfaßte er meine Hand! Wie ein Blitzstrahl durchzuckte mich ihre Berührung! ›Fort‹, rief ich, aufschreiend und mich losreißend, ›fort!‹ Ihr nahmt es für einen Ruf der Warnung vor drohender Gefahr und stobt auseinander! Ach, es war der unverstandene Hilfeschrei meiner vorahnenden Seele, der mir selbst galt, mir allein!«

Die Gräfin, deren Stirne sich während dieser Schilderung in immer krausere Falten zusammengezogen hatte, fuhr hier rasch und schneidend dazwischen. – »Genug«, sprach sie, »kommt zu Ende! Sagt schlicht und glattweg, was Ihr zu sagen habt, statt Empfindungen auszumalen, deren Zergliederung Euch mindestens ebenso peinlich sein sollte, als sie mir widerlich ist.«

Isabella blickte auf diese rauhe Zurechtweisung die Gräfin schmerzlich lächelnd an; tiefes Erröten überflog ihre Züge, dann aber leise den Kopf schüttelnd, sagte sie sanft und gelassen: »Nein, du mußt alles wissen, Elisabeth! Ich kann dir, ich darf mir nichts ersparen! Du mußt jede Regung meiner Seele kennen lernen; denn ihre Empfindungen waren es, die mich ins Verderben stürzten, nicht mein Wille, meine Tat!« Sie schwieg eine Weile, dann aber, gewaltsam sich ermannend, fuhr sie fort:

»Die Stimme meines unbekannten Beschützers, die damals zum ersten Male seit der verhängnisvollen Nacht meines Theaterbesuches wieder mein Ohr berührte, begann von jenem Augenblick an den alten Zauber nur noch mächtiger, noch unwiderstehlicher an mir zu üben. Ihre Klänge verfolgten mich, wohin ich mich wandte, was ich auch ergriff, ihr Wohllaut umrauschte mich bei Tage, erfüllte den Traum meiner Nächte und zog, von der Wirklichkeit mich abscheidend, einen Zauberkreis bestrickend um mich her, dem ich um so weniger zu entrinnen vermochte, als ich den rettenden Gedanken, dich über meinen Zustand zu Rate zu ziehen, sooft er sich mir auch aufdrängte, doch niemals festzuhalten den Mut hatte. Ich fürchtete, du würdest mich verspotten oder wohl gar für aufkeimende Liebe nehmen, was wie eine Krankheit mich angeflogen, mein ganzes Wesen sich unterworfen und nur eben mein Herz, das fühlte ich deutlich, unberührt gelassen hatte. Denn ich wünschte, ich begehrte nichts; so überwältigend der Einfluß war, den seine Erscheinung, zumeist aber seine Stimme auf mich ausübte, so sehnte ich mich doch nicht nach seiner Gegenwart, im Gegenteil, ich scheute sie, nicht bloß weil ich vor dem Gedanken zurückschauderte, ich könnte früher oder später von ihm als die abenteuerliche Heldin jener Nacht erkannt werden, sondern vor allem darum, weil ich in seiner Nähe mich unfrei, mich mir selbst entrissen, gleichsam gebunden und in Ketten fühlte. Mein Herz hing mit aller Leidenschaft schwärmerischer Neigung an dir; ich freute mich deines Glückes, keine Regung des Neides, der Mißgunst durchzuckte meine Seele, wenn ich eurer Verbindung gedacht; ich glühte vielmehr vor Begierde, sie zu befördern, euch im Kampfe mit tyrannischer Willkür zum Siege zu verhelfen! – Nein, ich liebte ihn nicht, und doch konnte ich es nicht über mich gewinnen, dir meine Schwäche zu bekennen, obwohl meine Beängstigung stieg, je mehr eure Zusammenkünfte sich häuften, und ich bei der fortgesetzten, durch deine Bitten mir aufgedrungenen Teilnahme an denselben mich zuletzt, wie von einem Zaubernetz immer enger umschlungen, des Willens und der Besinnung, ja, wie gesagt, meiner selbst beraubt fühlte. Es war so weit gekommen, daß mich in jener Zeit nicht bloß der Klang seiner Stimme oder die gleich einem Blitzstrahl mich treffende Flamme seines Blickes, nein, schon die zufällige Berührung eines Handschuhs, den er vergessen, in einen Zustand traumähnlicher Betäubung versetzte, der meine Glieder lähmte und meine Gedanken in eine Märchenwelt entrückte, deren Gestalten mein Gedächtnis seither nie wieder heraufzubeschwören vermochte. Wie oft, wenn ich stundenlang bleich und regungslos, mit weit offenen Augen vor mich hinstarrend, neben euch gesessen hatte, schaltest du mich langweilig und schlafsüchtig und verlachtest mich, wo du mich hättest beweinen sollen, wie ich selbst in lichten Augenblicken mich und mein geheimnisvolles Schicksal mit heißen Tränen beweinte!

So war der Sommer, der Herbst vergangen. Mit dem Eintritt der rauheren Jahreszeit waren eure Zusammenkünfte seltener geworden, ja selbst euer Briefwechsel begann zu stocken, da Familienangelegenheiten und Geschäfte aller Art deinen Verlobten, nachdem er viele Monate zu London in fruchtlosen Bestrebungen, die Gunst des starrsinnigen Königs zu gewinnen, zugebracht hatte, nach Irland hinüberriefen! Und nun, als ob mit seiner Entfernung der Lampe deines Lebens das Öl gebräche, nun wurdest du krank, du weißt, wie krank! Ich pflegte dich, ich saß an deinem Lager, wenn, von den heißen Gluten des Fiebers erfaßt, finstere Schreckensgestalten dich umgaben; ich hielt dich in meinen Armen, wenn du, erschöpft von dem Wüten der Krankheit, blaß und matt wie eine Sterbende zusammenbrachst; ich betete, ich rang die Hände, wenn du, bewußtlos in dumpfer Betäubung hinbrütend, dalagst, tage-, wochenlang dalagst! Es war eine harte, kummervolle Zeit! Darüber war Weihnachten herangekommen, als eines Tages spät abends Wilson, der Forstwart, mich von dem Lager, auf dem du stumm und regungslos dem Tode entgegenzuschlummern schienst, hinwegrufen ließ, um mir mitzuteilen, er – dein Verlobter, sei angekommen. Durch das Ausbleiben deiner Briefe beunruhigt, war er von Irland herübergekommen und hatte kaum in London von deiner Erkrankung gehört, als er sich ungesäumt aufs Pferd warf und nach Eldon Manor eilte.

Es war eine rauhe, feindliche Nacht; wilder Sturm umbrauste in rasender Wut die Mauern des alten Schlosses und trieb den in dichten Flocken niederwirbelnden Schnee wolkengleich vor sich her. Der junge Mann sei ganz erstarrt, meldete Wilson, und lehne, zum Tode erschöpft, an der Parkmauer; die nächste Herberge liege noch fern genug, daß das abgemattete Roß wie der halberfrorne Reiter auf dem Wege dahin in diesem Unwetter umkommen könnten, und er stehe für nichts, wenn beide nicht wenigstens für ein paar Stunden im Schlosse Unterkunft fänden! – Die Not des Augenblicks war groß! Mein Oheim war nicht nur zu Hause, sondern sogar noch wach; allein das Ansehen, in dem ich bei der Dienerschaft des Hauses stand, und die zärtliche Teilnahme, die alle für dein Schicksal empfanden, erlaubten mir dennoch, freilich ohne sein Wissen, ja gegen seine streng gemessenen Befehle, der Pflicht der Menschlichkeit zu genügen. Ich befahl, deinen Verlobten in einen selten betretenen Seitenflügel des Schlosses zu bringen, ihn mit Feuerung, Speise und Trank zu versehen, vor allem aber ihm als beste Herzstärkung Hoffnung auf deine baldige Genesung zu geben, eine Hoffnung, die ich selbst leider kaum mehr festzuhalten vermochte. Dann verfügte ich mich zu meinem Oheim, um durch meine Gegenwart und Gespräche über wirtschaftliche Gegenstände seine Wachsamkeit einzuschläfern, und erst als ich ihn müde und schlaftrunken im Begriffe sah, sich zur Ruhe zu begeben, eilte ich an dein Krankenlager zurück. In dumpfer Betäubung hingestreckt, lagst du, als ich dich verließ. Wie erstaunte ich, als ich dich zwar erschöpft und hinfällig, aber bei voller Besinnung wiederfand. Noch heute weiß ich nicht, ob dir durch irgendeine unberufene Mitteilung die Ankunft deines Verlobten kund geworden, oder ob deine ahnende Seele sie erraten hatte, genug du wußtest von ihr, du strecktest mir schon von weitem die abgezehrten, zitternden Hände entgegen und riefst, indem seliges Lächeln deine Lippen umspielte: ›Er ist da! Der Treue! Er ist da! Durch Sturm und Wetter, mit Gefahr seines Lebens ist er zu mir gekommen!‹ Und als ich, einen neuen Fieberanfall besorgend, dich zu beschwichtigen und von diesem Gedanken abzubringen suchte, erwidertest du:

›Warum täuschest du mich? Ich weiß, er ist da! Drüben im weißen Turme, im Erkerzimmer ist er!‹ Und da ich zweifelhaft dastand, zum Tode erstaunt, dich, die fast totenähnlich hingelegen, um Dinge wissen zu sehen, die ich dir aus gutem Grunde verschwiegen hatte, fingst du an mich mit Bitten zu bestürmen, ich möchte deinen Verlobten aufsuchen und ihn selbst sprechen. ›Tu mir's zu Liebe‹, sagtest du. ›Er ist betrübt, er leidet! Geh, Isabella, tröste ihn! Sag' ihm, daß mir seine Liebe wieder Leben gegeben habe: denn ich werde leben! Ich weiß es, ich fühle es, ich bin genesen!‹«

»Sprach ich wirklich so? ich dachte, ich hätte nur so geträumt«, unterbrach sie hier die Gräfin, den Kopf nachdenklich in die Hand stützend.

»Leider sprachst du so«, fuhr Isabella fort, » und als ich dagegen mich sträubte und dir Vorstellungen machte, ja sogar mich erbot, ihn selbst an dein Lager zu bringen, wurdest du immer wilder und dringender! ›Geh‹, riefst du, ›oder ich sterbe! Geh, geh, ich will es!‹ Mit diesen Worten drängtest du mich in fieberhafter Heftigkeit von deinem Lager weg, und – ich ging! Gott weiß, daß nur die Furcht, dich noch mehr aufzuregen und eine vielleicht heilsame Wendung deiner Krankheit zu stören, mich forttrieb. Ohne irgendeine Leuchte, damit nicht der Lichtschimmer in einem fast unbetretenen Teile des Schlosses etwa die Aufmerksamkeit meines gerade gegenüber wohnenden Oheims auf sich ziehe, schritt ich schweren Herzens und zögernden Fußes die Hallen und Gänge entlang, die zu der in den weißen Turm emporsteigenden Wendeltreppe hinführten. Kaum aber hatte ich ihre ersten Stufen betreten, als mich eine seltsame Beklemmung befiel, die mich beinahe des Atems beraubte und zuletzt mich stillezustehen zwang! Die Luft, die mir entgegenströmte, schien mich mit einem feinen, betäubenden Duft anzuwehen, und ich war nahe daran umzukehren, wenn nicht der Wunsch, deinen Bitten zu genügen, plötzlich aufwallender Zorn über meine kindische Schwäche und die Hoffnung, alles in wenigen Worten abmachen zu können, mich bewogen hätte, meinen Weg fortzusetzen, und so erstieg ich hastig die Treppe und öffnete die Türe des Erkerzimmers.

Matter, unsicherer Lichtschimmer von einer halb erlöschenden Lampe und dumpfe Schwüle von dem überheizten Kamine her drang mir entgegen. Auf einen Stuhl sah ich Mantel und Hut hingeworfen und das Schwert daneben gelehnt; auf einem Tischchen stand neben einigen, wie es schien, unberührt gebliebenen Schüsseln ein zur Hälfte geleerter Krug Kanariensekt; er selbst aber, erschöpft von der Anstrengung des langen Rittes und den Unbilden des Wetters, lag auf einem Ruhebett hingestreckt und schlief. Sein Antlitz, obwohl von der Schärfe der Luft, oder vielleicht nur von dem Widerschein der im Kamin verglimmenden Kohlen leise gerötet, zeigte eingefallene Wangen und einen schmerzlichen Zug um die Lippen. Die Nachricht von deiner Erkrankung mochte ihn tieferschüttert und Wilsons tröstender Bericht, du seist auf dem Wege der Genesung, ihm nach mancher bang durchwachten Nacht zum ersten Male wieder einige Minuten erquickenden Schlafes gegönnt haben. Und ich sollte diesen stärkenden Schlummer stören? Mir gebrach der Mut dazu; ich will mich der Türe zuwenden, als der Fall seines Schwertes, das meine Gewänder anstreifend am Stuhle niedergleiten machten, ihn weckte! Er fährt auf, erblickt mich und: ›Elisabeth‹, ruft er, ›du lebst! Du bist genesen, mir wiedergegeben!‹ und springt auf mich zu! Mir aber versagen die Worte; kaum daß seine Stimme mein Ohr berührt, umfängt mich wieder der Nebel traumähnlicher Betäubung, in den sie stets mich einzuhüllen pflegte, und als er mich anfaßt, umschlingt, zum Ruhebett hinzieht, da zuckt es wie Feuerströme durch meine Glieder; ich taumle, meine Augen schließen sich; er aber küßt mich und kniet zu meinen Füßen und küßt mich wieder; Worte auf Worte, wie ebenso viele Zaubersprüche, quellen von seinen Lippen, und nun verlischt knisternd der matte Strahl der Lampe – und ich bin verloren! Als ich, aus bewußtlosem Taumel erwachend, halb wahnsinnig mich seinen Armen entwinde, schallen Schritte von der Treppe her; es ist Wilson, der ihn auf sein Geheiß zum Aufbruch zu mahnen kömmt; durch die halboffene Türe bricht der Strahl seiner Lampe! Mein Verderber, noch mich zurückzuhalten bemüht, läßt mich plötzlich fahren, erkennt mich: ›Herr, mein Gott, Isabella!‹ ruft er und taumelt zurück, während ich betäubt, in wildem Entsetzen, die Treppe hinabfliege und durch Hallen und Gänge, meines Weges wie meines Zieles unkundig, forteile. Erst an deinem Krankenlager fand und erkannte ich mich wieder! Du lagst und schliefst den Schlaf der Genesung, wie du verheißen! Um dich her war Frieden, und selige Ruhe strahlten deine Züge, und ich hatte sie verloren, hatte Frieden und Ruhe für Jahre hinaus verloren und Schmach und Schande und Selbstverachtung dafür eingetauscht!«

Isabella, in krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, verbarg ihr Antlitz in den Händen; die Gräfin aber, deren Stirne während ihres Berichtes Zweifel und Vertrauen, Unmut und Teilnahme abwechselnd wie Wolkenschatten verdunkelt oder wie Sonnenschein erhellt hatten, hielt ihre Blicke scharf beobachtend auf sie gerichtet, bis sie nach einer Pause gedankenvollen Schweigens, kurz, aber nicht hart, die Worte hinwarf: »Nun und weiter!«

»Weiter«, rief Isabella den tränenfeuchten Blick zu ihr erhebend, »weiter! Ja, weiter, weiter rauscht der Strom der Zeit und fragt nicht, was er nimmt und was er bringt! Weiter, weiter rollt die Erde ihren ewigen Lauf, ob Geschlechter auf ihr erblühen oder vergehen, und weiter, weiter treibt das Schicksal den Menschen auf seinem Pilgerpfade, ob er Blumen am Wege breche oder Dornen sich ins Herz drücke, und so lebte auch ich weiter, wenn atmen und sich eingesargt und begraben wünschen leben heißt. Mein Glück war, daß dir, obgleich du morgens, gekräftigt und entschieden deiner Genesung entgegengehend, erwachtest, keine Erinnerung an die Vorfälle der Nacht geblieben war, und daß du selbst später, als du von dem aufopfernden Besuche deines Verlobten erfuhrst, die Nachricht ruhiger, als ich erwartet, und ohne darüber in nähere Erörterungen einzugehen, hinnahmst; denn ich fühlte mich damals in meinem innersten Gemüte so vernichtet, so in den Staub getreten, so ratlos und hilfebedürftig, daß ein Wort von dir genügt hätte, mein unglückliches Geheimnis ohne irgendeinen Rückhalt mir zu entreißen. Du aber sprachst das Wort nicht, du genasest und lebtest in dem Wonnegefühl wiederkehrender Kraft nur der Gegenwart und der Erwartung der Zukunft und überließest es mir, verzagend und verzweifelnd, die Erinnerung an das Entsetzen der Vergangenheit in meiner Brust umherzuwälzen. So mochte eine Woche vergangen sein, als mir Wilson verstohlen einen Brief zusteckte; er war von seiner Hand! Ich schauderte; denn wenn sonst, was von ihm kam, was seine Hand berührt hatte, wie Zauber auf mich wirkte und die wunderbarsten Empfindungen hervorrief, so erfüllte mich seit jener grauenvollen Nacht die zufällige Begegnung solcher Dinge mit unwillkürlichem Abscheu und tödlichem Widerwillen, ja mit unsäglichem Ekel, und kalter Schweiß trat auf meine Stirne, wenn mein Gedächtnis mir jetzt den Klang seiner Stimme wachrief. Gleichwohl empfand ich, daß ich meinem Gefühle Gewalt antun und den Inhalt des Schreibens kennen lernen mußte, und so entfaltete ich das Blatt. Es enthielt eine leidenschaftliche Anklage seiner selbst und seines Schicksals, das ihn, der nur in dir, Elisabeth, und für dich lebe, durch eine dämonische Verkettung der Umstände, durch eine unselige Verblendung, wie nur Schlaftrunkenheit und zu rascher Genuß feurigen Weines sie herbeiführen könne, zu einer so sträflichen Verirrung hingerissen habe. Er empfinde, fügte er hinzu, in vollem Maße das Gewicht der Verantwortung, das er damit auf seine Seele geladen, wie die Heiligkeit der Verpflichtung, das an mir begangene Unrecht wieder gutzumachen, und sei daher entschlossen, mit seiner Vergangenheit rückhaltlos brechend, bei meinem Oheim um meine Hand anzuhalten, wozu er sich meine Zustimmung erbitte. Ich schleuderte den Brief mit Entsetzen von mir; aber nicht bloß der Gedanke, daß durch diesen Schritt dein, der eben Genesenden, Glück, ja vielleicht dein Leben gefährdet werden könnte, nicht bloß das demütigende Gefühl, einem Manne, der eine andere liebe, angehören zu sollen, es war vor allem die Abneigung, der Abscheu, mich ihm, dem Verderber, dem Räuber meiner Ehre, ja überhaupt einem Manne hinzugeben, es war noch mehr Haß gegen ihn, als Liebe für dich, die meinen Zorn entflammte.

Seitdem ward ich ruhiger; das Elend, das er mir für die Zukunft bot, erleichterte mir den Druck der Gegenwart, und das erfreuliche Fortschreiten deiner Genesung machte mich milder und gefaßter, als ich in den ersten Tagen nach jenem unseligen Abend gewesen. Da kam ein zweiter Brief, der, in ernster, ruhiger Fassung zuerst die Nichtbeantwortung des ersten Schreibens beklagend, gleichwohl mein Stillschweigen durch die Bedenken gerechtfertigt erklärte, die sein Anerbieten um so mehr in mir erregen mußte, als ich sein bisheriges Verhältnis zu dir so genau kenne. Nach diesem Eingange jedoch wiederholt darauf hinweisend, daß die Verirrung jenes unseligen Abends nur als die Folge einer bis zur halben Bewußtlosigkeit gesteigerten Aufregung zu betrachten, bat er mich, sowohl die Überzeugung festzuhalten, daß sein Charakter der eines Mannes von Ehre wäre, welcher immer seine Neigung seiner Pflicht unterzuordnen verstanden habe, als in Erwägung zu ziehen, daß in der Ehe nicht bloß Liebe, daß auch gegenseitige Achtung und selbstverleugnende Hingebung zu beglücken vermöge. Er schloß mit der erneuerten Bitte, seiner Werbung meine Zustimmung nicht versagen und die Wahrung meiner Ehre jeder andern Rücksicht voranstellen zu wollen.

Dieser Brief machte mich nachdenkend, und obwohl ich meine Abneigung gegen den Urheber meines Unglücks, während ich sein Schreiben las, noch eher sich steigern als abnehmen fühlte, so erkannte doch mein Verstand, daß die Gesinnung eines Mannes, der einem fast armen und dabei ungeliebten Mädchen seine Hand anbiete, um ihre Ehre auf Kosten seines eigenen Lebensglückes wiederherzustellen, Achtung und sein Brief Beantwortung verdiene. Ich warf demnach einige Zeilen aufs Papier, mit denen ich, mich aller Ansprüche auf seine Hand begebend, ihm sogar aufrichtig Verzeihung des schweren Unrechts, das er an mir begangen, zusicherte, wenn er nur dich, Elisabeth, so glücklich mache und dir so treu anhänge, als du es in jedem Sinne verdientest. Um diese selbe Zeit gelang es mir, in einer Stunde traulichen Gespräches meinem Oheim die Kunde abzulocken, daß der König mit dem Widerstande, den er eurer Verbindung entgegensetze, im Grunde nur beabsichtige, deinen Verlobten zu irgendeinem Gewaltschritt zu drängen, der ihm als Vorwand zur Einziehung seiner Güter dienen könne, da einer seiner Günstlinge, Lord Duncaster, das eine derselben, Hawkesburg, sich anzueignen seit Jahren das Verlangen trüge. Er fügte hinzu, daß die Abtretung dieses Gutes an Lord Duncaster den König augenblicklich umstimmen würde, nahm mir jedoch ängstlich und zaghaft, wie er war, das Versprechen ab, dir von diesem Geheimnis nichts mitzuteilen. Dies Versprechen gab ich und hielt ich; dagegen setzte ich deinen Verlobten, da mir der Oheim in Beziehung auf ihn, den er mir völlig unbekannt glaubte, keine Verpflichtung auferlegt hatte, augenblicklich davon in Kenntnis. Ich bediente mich dazu eines Zettels mit verstellter Handschrift –«

»Wie, von dir kam der geheimnisvolle Zettel?« rief hier die Gräfin im höchsten Erstaunen aus, setzte aber gleich mit einem seltsam zweifelhaften, fast lauernden Blicke hinzu:

»Von dir kam er, und Melvil, denk' ich, war er gezeichnet?« – »Nein! ›Burgoyne, ein treuer Freund‹, war er unterschrieben«, versetzte Lady Isabella, » denn wußte ich gleich, daß mein Name der Botschaft mehr Glauben verschaffen würde, so wollte ich doch nicht die Miene haben, Böses mit Gutem vergelten und feurige Kohlen auf das Haupt meines Feindes sammeln zu wollen. Auch blieb ich nicht lange im Zweifel, ob meine Mahnung die erwünschte Wirkung getan, denn dein Verlobter beschwor mich alsbald in einem neuerlichen Schreiben, nochmals sein Anerbieten in reifliche Erwägung zu ziehen und ihn binnen acht Tagen meinen Beschluß wissen zu lassen; nach Verlauf dieser Frist würde er sich jeder Verpflichtung gegen mich für entbunden erachten und keinen Anstand nehmen, seine Zukunft in deine Hand zu legen, da sich ihm nun ein sicherer Weg darzubieten scheine, die Einwilligung des Königs zu eurer Verbindung zu gewinnen. Der Empfang dieses Briefes – hier ist er und hier sind auch die beiden früher erwähnten Briefe«, unterbrach sich hier Lady Isabella, indem sie hastig die vor ihr auf dem Tische stehende Reiseschatulle öffnete und der Gräfin einige vergilbte Blätter hinreichte – »der Empfang dieses Briefes, den ich auf den ersten Blick hin nie zu beantworten beschloß, erfüllte zum ersten Male seit langen qualvollen Wochen mein wundes Herz mit hoher, reiner Freude und gab mir Mut und Fassung wieder. Du warst genesen und blühtest wieder wie eine Rose, dein Glück war gesichert, und meines – was lag an meiner Zukunft! Allein diese Aufwallung leichtsinniger Zuversicht war nur ein Sonnenblick vor dem Sturm. Noch ehe die Frist, die dein Verlobter mir zur Überlegung eingeräumt hatte, abgelaufen war, fühlte ich Unglückselige mich – Mutter! – Ich war der Verzweiflung nahe!

Die Hand deines Verlobten annehmen, hieß, mich mit dem Bewußtsein, nicht geliebt zu werden, fürs Leben einem ungeliebten Gatten hingeben; wenn ich sie verweigerte, so mußte ich, gelang es mir, meinen Fehltritt zu verbergen, lebenslang die Last eines unseligen Geheimnisses mit mir fortschleppen, mußte täuschen, heucheln und betrügen, oder, ward meine Verirrung offenkundig, mit dem Spott und der Verachtung der Welt beladen, in trostloser Vereinsamung meine Tage beschließen. Dort mit der Vernichtung deines Glückes bedroht, hier mit der Sorge für die Zukunft des unglücklichen Geschöpfes gequält, das ich unterm Herzen trug, gähnte hier und dort ein Abgrund mir entgegen. Entsetzliche Gedanken erwachten in meiner Seele! Immer stand das Bild des stillen, klaren Weihers vor mir, der, unfern von Eldon Manor gelegen, so oft das Ziel unserer Abendspaziergänge war, und Stimmen flüsterten in meinem Herzen, wie tief er sei, und wie kühl und friedlich m seiner dunklen Tiefe sich's ruhen möge. Und dann ermannte ich mich wieder und warf mich auf die Knie und weinte und betete und flehte zum Himmel um Kraft, um Erleuchtung, um Rettung! Und ich ward erhört, denn eines Tages ward es licht in meiner Seele; ich erkannte, daß die Wurzel all meines Unglücks in dem Überwuchern meiner Phantasie, in ihrem krankhaften Drange nach Ungewöhnlichem und Abenteuerlichem liege, und daß ich diesen Drang, statt ihn zu zügeln, genährt und großgezogen habe, bis er nicht nur meinen Geist zur Empörung gegen alle Gesetze des Anstandes und der Sitte wie des Rechtes hingerissen, sondern durch Überreiz erschöpfend auch die Kraft meines Körpers abgeschwächt und entnervt habe. Ich begrifft daß Gott mich in den Abgrund meines Elends hinabgestoßen habe, damit die Bitterkeit des Schmerzes mich meinen Irrtum erkennen lehre, daß Reue läuternd aus Nacht mich zum Lichte führe; ich faßte, daß ich seiner strafenden Hand mich nicht entziehen noch fremdes Glück hinopfern dürfe, um meine Schande der Welt zu verbergen, sondern daß ich allein tragen müsse, was ich allein verschuldet. Von diesem Augenblicke an war ich gerettet; ich ließ die Frist ablaufen, die dein Verlobter mir anberaumt, und harrte gefaßt und ergeben der Zukunft entgegen, bereit, demütig büßend hinzunehmen, was sie auch bringe! – Aber Gott war gnädig, denn wenige Tage darauf berief mich ein Eilbote zu meiner sterbenden Base in die Niederlande, die mich zu ihrer Erbin eingesetzt hatte, und der ich die Augen zudrücken sollte. Dort in der Fremde, durch die Trauer um die Hingeschiedene berechtigt, von aller Welt mich zurückzuziehen, genas ich in tiefer Einsamkeit meines Kindes, das ich erst nach Jahren, nachdem du längst eine glückliche Gattin geworden, seinem Vater, jeden weiteren Briefwechsel ablehnend, zur Obhut und Erziehung auf vaterländischem Boden und in vaterländischer Sitte übergab.

Und nun weißt du alles! Ohne Rückhalt und ohne Beschönigung habe ich dir das traurige Geheimnis meines Lebens enthüllt. Ich habe die Verirrung eines Augenblicks, die Verirrung unerfahrner Jugend und ungezügelter Phantasie durch lange Jahre der Reue, durch die Trennung von meinem Kinde, von dir gebüßt; ich glaube, sie durch mutige Verzichtleistung auf alle Lebensfreuden, die Haus und Familie gewähren können, durch beharrliche Abwendung meiner Seele von allem Irdischen, durch strenge Pflichterfüllung in dem Wirkungskreise, in dem es mir zu walten vergönnt war, gesühnt zu haben; das tiefe Gefühl der Beschämung aber, mit der ich ihrer gedenke, die folternde Unruhe, mit der ich jeden Tag das Kundwerden meiner Schande befürchtete, die namenlose Angst, mit der ich bis auf diesen Tag das Rätselhafte meiner Lebensweise zu bewahren trachten mußte, diese peinlichen Empfindungen werde ich erst überwinden können, wenn du, deren Rechte ich einst willenlos verletzt, wenn du, zugleich mein Anwalt und mein Richter, dein Verdikt über mich gesprochen, mich von der Anklage vorsätzlicher Untreue, bewußten Verrates losgezählt und den tiefinnersten Aufschrei meiner Seele: Nicht schuldig! bestätigt haben wirst.«

Lady Isabella hatte sich bei diesen Worten von ihrem Sitze erhoben und stand hoch aufgerichtet, die eine Hand auf ihre Brust gelegt, die andere emporgehoben, als ob sie den Himmel zum Zeugen ihrer Unschuld anriefe; ihre Augen leuchteten, und ihre Züge strahlten in dem Glanze einer Verklärung, wie nur der höchste Aufschwung der Seele sie über ein Menschenantlitz ausgießt; bald erlag jedoch ihr zarter Körper der Erschütterung des in seinen geheimsten Tiefen bewegten Gemütes; zusammenbrechend, sank sie wieder auf das Taburett zurück und verbarg ihr von Tränen überströmtes Antlitz in den Händen. Die Gräfin aber, welche bisher gedankenvoll die ihr von Isabellen dargereichten Briefe durchlesen hatte, erbrach nun auch das ihr früher abgenommene Schreiben. Nachdem sie seinen Inhalt durchflogen hatte, erhob sie sich schweigend, trat an ein in der Fensterwölbung angebrachtes Schreibepult, griff hastig zur Feder und warf in fliegender Eile einige Zeilen auf ein Blatt des dort zur Hand liegenden Papiers. Als sie vollendet hatte, schritt sie auf Isabellen zu und, die Hand auf das langsam sich erhebende Haupt der Freundin legend, sprach sie mit einer Stimme, in der Tränen zitterten: »Ich habe meinem Gemahl geschrieben; willst du nicht einige Zeilen hinzufügen? « und damit reichte sie ihr das Blatt hin, dessen Inhalt so lautete:

»Mein Herr und Gemahl!

Die Schreiben, die Ihr durch Philipps hierhergesandt, sind angelangt; nur daß der Umschlag des Briefes, der meinen Namen trug, die an Lady Isabella gerichteten Zeilen enthielt, während sie diejenigen empfing, die für mich bestimmt waren. Erschreckt nicht über diese Verwechslung, die nur durch Gottes besondere Fügung einem so umsichtigen Geschäftsmanne wie Euch begegnen konnte! Ich meinesteils, wie schmerzlich der erste Eindruck der Nachrichten war, die ich auf diese Weise empfing, ich segne einen Vorfall, der meine Meinung von Eurem Charakter, als den eines echten Edelmannes, der zu jeder Zeit sein Lebensglück wie sein Leben der Erfüllung seiner Pflicht zu opfern bereit war, befestigt und mich in meiner Isabella die uneigennützigste, aufopferndste, in den schwersten Prüfungen treu bewährte Freundin kennen gelehrt hat. In Erwiderung der guten Nachrichten, die Euch über unsere Söhne zugekommen, bitte ich Euch, daß Ihr ihnen ihren Bruder William, der zu Cambridge erzogen wird, nicht länger vorenthalten, sondern ehestens zu ihnen nach Oxford bringen möget, damit in brüderlicher Liebe aufwachsen, die fortan gemeinsam wie in Euch einen treuen fürsorgenden Vater, eine liebevoll zärtliche Mutter besitzen sollen in Eurer

Elisabeth.«

Lady Isabella hatte das ihr dargereichte, in ihren Händen zitternde Blatt durchlesen und ließ es nun ohne ein Wort der Erwiderung sinken; als aber nun die Gräfin, die Hand zutraulich auf ihre Schulter legend, die Frage wiederholte:

»Willst du nicht einige Zeilen hinzufügen?« heftete sie ihre noch tränenfeuchten Augen mit einem so scheu verlegenen, ängstlichen, fast um Hilfe flehenden Blicke auf die Gräfin, daß diese alsbald ausrief: »Willst du nicht schreiben oder zögst du wohl gar am Ende vor, daß auch mein Brief nicht abginge? 0, ich verstehe dich; du willst nicht, daß er von der Qual wisse, die dieser Tag dir bereitet; du errötest bei dem Gedanken, er könnte in einer vertraulichen Stunde des Vergangenen gegen mich erwähnen; du wünschest, mit deinem Bekenntnis jenes Fehltritts möge auch sein Gedächtnis auf immer verlöschen! Du hast recht, und so geschehe denn nach deinem Willen!« – Damit zerriß sie das Blatt, und die sie umschlingende Freundin liebevoll ans Herz drückend, fügte sie hinzu: »Darum bleibst du doch jetzt und immer meine beste Freundin, du treue Seele, und dein wackerer William mein herzlieber Sohn!«

Und sie blieben Freundinnen! Als nach dem gewaltsamen Ende Karls I. der Graf von Ormonde, der treue Anhänger seines Königs, nach dem Kontinent flüchten, die Gräfin aber, um ihren Söhnen ihr Erbgut zu retten, sich entschließen mußte, zurückzubleiben und während des Protektorates fern von ihren Lieben auf Kilkenny Castle zu verweilen, teilte Lady Isabella, die bis an ihres Lebens Ende unvermählt blieb, ihre Einsamkeit und ermutigte sie in ihren Nöten, wie die Gräfin dagegen ihr in ihrer Trauer um ihren im blühenden Jünglingsalter hingeschiedenen Sohn William teilnehmend und tröstend zur Seite stand.








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