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Gutenberg > Ludwig Tieck >

Die Freunde

Ludwig Tieck: Die Freunde - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleDie Freunde
pages59-72
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1797
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Ludwig Tieck

Die Freunde

Erzählung

Es war ein schöner Frühlingsmorgen, als Ludwig Wandel ausging, um auf einem Dorfe, das einige Meilen entfernt war, einen kranken Freund zu besuchen. Dieser hatte ihm geschrieben, daß er gefährlich darniederliege und ihn gern noch einmal zu sehn und zu sprechen wünsche.

Der muntre Sonnenschein glänzte in den hellgrünen Gebüschen; die Vögel zwitscherten und sprangen hin und wider; die fröhlichen Lerchen sangen über den leichten, vorüberfliegenden Wolken! Düfte kamen von den frischen Wiesen und alle Obstbäume in den Gärten blühten weiß und freundlich.

Ludwigs trunkenes Auge schweifte auf allen Gegenständen umher; seine Seele wollte sich erweitern, aber dann dachte er an seinen kranken Freund und ging wieder in stiller Betrübnis weiter; die Natur hatte sich umsonst so hell und glänzend geschmückt, er sah in seiner Phantasie nur das Krankenbett und seinen leidenden Bruder.

»Wie Gesang von jedem Zweige schallt«, rief er aus; »die Töne der Vögel vermischen sich lieblich mit dem Flüstern der Blätter, und ich höre aus der Ferne doch die Seufzer des Kranken durch das süße Konzert.«

Indem kam ein Zug geputzter Bäuerinnen aus dem Dorfe; alle grüßten ihn freundlich und erzählten ihm, wie sie mit munterm Sinne nach einer Hochzeit wallfahrteten, wie die Arbeit für heute ruhen und dem Feste Platz machen müsse. Er hörte ihnen zu, und noch aus der Ferne erschallte ihr Jubel; ihm klangen die Lieder nach, die sie sangen, aber er ward immer betrübter. Im Walde setzte er sich auf einen umgehauenen Baum nieder, zog den schon oft gelesenen Brief aus der Tasche und las noch einmal.

 

Vielgeliebter Freund!

Ich weiß nicht, warum Du mich so ganz vergessen hast, daß ich gar keine Nachrichten von Dir erhalte. Darüber verwunderte ich mich nicht, daß die Menschen mich verlassen, aber das betrübt mich inniglich, daß auch Du Dich gar nicht um mich kümmerst. Ich bin gefährlich krank, ein Fieber erschöpft alle meine Kräfte; wenn Du noch länger zögerst, mich zu besuchen, so kann ich Dir nicht versprechen, ob Du mich noch wiedersiehst. Die ganze Natur lebt auf und fühlt sich frisch und kräftig, nur ich sinke ermattet zurück; mich erquickt die neue Wärme nicht, ich sehe die grüne Flur nicht, nur den Baum, der vor meinem Fenster rauscht und meinen Gedanken lauter Totenlieder singt. Meine Brust ist enge, der Atem wird mir schwer, und manchmal scheint es mir, als würden die Wände meines Zimmers immer dichter zusammenrücken und mich so erdrücken. Ihr übrigen in der Welt feiert jetzt die schönste Zeit des Lebens, und ich muß hier in der Krankenbehausung verschmachten. Ich wollte gern den Frühling aufgeben, wenn ich nur Dein liebes Angesicht noch einmal wiedersehn könnte; aber ihr Gesunden denkt nie ernsthaft daran, was es eigentlich zu sagen habe, wenn man krank ist, wie teuer uns dann in der Hülflosigkeit der Besuch des Freundes ist; ihr wißt die kostbaren Minuten des Trostes nicht zu schätzen, weil euch die ganze Welt mit warmer, inniger Freundschaft umfängt. Ach wenn ihr den schrecklichen Tod und das noch schrecklichere Kranksein so kenntet, wie ich! O Ludwig, wie würdest Du dann eilen, um diese zerbrechliche Form schnell noch einmal wiederzuerkennen, die Du bisher Deinen Freund nanntest und die nachher so unbarmherzig in Stücke geschlagen wird. Wenn ich gesund wäre, würd ich Dir entgegeneilen und mir einbilden, Du könntest in diesem Augenblicke vielleicht krank liegen. Wenn ich Dich nicht wiedersehn sollte, so lebe wohl. –

 

Welchen sonderbaren Eindruck machte der Schmerz dieses Briefes auf Ludwigs Herz in der fröhlichen Natur, die beglänzt vor seinen Augen so herrlich dalag. Er weinte und stützte das Haupt auf die Hand. »jubiliert nur, ihr Waldbewohner!« dachte er bei sich, »denn ihr kennt keine Klage, ihr führt ein leichtes, poetisches Leben, und dazu sind euch die raschen Schwingen verliehen; o wie glücklich seid ihr, daß ihr nicht trauern dürft! Der warme Sommer ruft euch und ihr wünscht nichts weiter, ihr tanzt ihm entgegen und wenn der Winter kommen will, seid ihr verschwunden. O du leichtbefiedertes, fröhliches Waldleben! wie beneid ich dich! Warum sind dem armen Menschen so viele schwere Sorgen in sein Herz gelegt? Warum darf er nicht lieben, ohne durch Jammer seine Liebe zu erkaufen? Durch Elend sein Glück? Das Leben rauscht wie eine flüchtige Quelle unter unsern Füßen hinweg, und löscht nicht unsern Durst, unsre heiße Sehnsucht.«

Er verlor sich immer mehr in Gedanken, dann stand er auf und setzte seinen Weg durch den dichten Wald fort. »Wenn ich ihm nur helfen könnte«, rief er aus; »wenn mir nur die Natur irgendein Mittel darböte, ihn zu retten; so aber habe ich nichts als das Gefühl meiner Schwäche und den Schmerz über den Verlust meines Freundes. In meiner Kindheit glaubt ich an Zauberei und an ihre übernatürliche Hülfe; o wär ich jetzt so glücklich, daß ich so, wie damals, auf sie hoffen könnte.«

Er beschleunigte seine Schritte, und unwillkürlich kamen ihm alle Erinnerungen aus seinen frühesten Kinderjahren zurück; er folgte den lieblichen Gestalten, die ihm winkten, und war bald so in einem Labyrinthe verwickelt, daß er die Gegenstände nicht bemerkte, die ihn umgaben. Er hatte vergessen, daß es Frühling war, daß sein Freund krank sei; er horchte auf die wunderbaren Melodieen, die zu ihm wie von fernen Ufern herübertönten; das Seltsamste gesellte sich zum Gewöhnlichsten; seine ganze Seele wandte sich um. Aus dem Hintergrunde des Gedächtnisses, aus dem tiefen Abgrunde der Vergangenheit wurden alle die Gestalten hervorgetrieben, die ihn einst entzückt oder geängstigt hatten; aufgestört wurden alle die ungewissen Phantome, die ohne Gestalt herumflattern und oft mit wüstem Gesumse unser Haupt umgeben. Puppen, Kinderspiele und Gespenster tanzten vor ihm her und bedeckten ganz den grünen Rasen, daß er keine Blume zu seinen Füßen gewahr werden konnte. Die erste Liebe umgab ihn mit ihrem dämmernden Morgenschimmer und ließ funkelnde Regenbogen auf die Aue niederfallen; die ersten Schmerzen zogen vorbei und drohten ihm, am Ende des Lebens in eben der Gestalt wiederzukommen. Ludwig suchte alle diese wechselnden Gefühle festzuhalten und in diesem magischen Genusse sich seiner selbst bewußt zu bleiben, aber vergeblich: wie rätselhafte Bücher mit bunten grotesken Figuren, die sich schnell auf einen Augenblick eröffnen und dann plötzlich wieder zugeschlagen werden; so unstet, so flatternd zog alles seiner Seele vorüber.

Der Wald öffnete sich und seitwärts lagen auf dem offenen Felde einige alte Ruinen, mit Warttürmen und Wällen umgeben. Ludwig verwunderte sich, daß er unter seinen Träumen den Weg so schnell zurückgelegt habe. Er schritt aus seiner Schwermut heraus, so wie er aus dem Schatten des Waldes trat; denn oft sind die Gemälde in uns nur Widerscheine von den äußern Gegenständen. Jetzt ging wie eine Morgensonne die Erinnerung in ihm auf, wie er zuerst den Genuß der Poesie habe kennen lernen, wie er zum erstenmal den holden Einklang verstanden, den manches Menschenohr niemals vernimmt.

»Wie unbegreiflich«, sagte er zu sich, »flog damals das zusammen, was mir auf ewig durch große Klüfte getrennt schien; die ungewissesten Ahndungen in mir erhielten Form und Umriß, und strahlten Schimmer von sich, in denen ich tausend Nebengestalten erblickte, die ich bis dahin noch niemals wahrgenommen hatte. So ward mir nun das genannt, was ich immer hatte aussprechen wollen, ich empfing nun die schönsten Schätze der Erde, die meine Sehnsucht bis dahin vergeblich gesucht hatte; und wie hab ich dir seitdem, du göttliche Kraft der Phantasie und Dichtkunst, so alles zu danken! Wie hast du meinen Lebenslauf eben gemacht, der erst so verworren schien! Immer neue Quellen des Genusses und des Glückes hast du mich entdecken lassen, so daß sich mir jetzt nirgends eine dürre Wüste entgegenstreckt; alle Ströme der süßen, wollüstigen Begeisterung haben ihren Lauf durch mein irdisches Herz genommen, ich bin trunken worden, und habe die Himmlischen kennengelernt.«

Die Sonne ging unter und Ludwig verwunderte sich darüber, daß es schon Abend sein sollte; er fühlte keine Müdigkeit, er war auch noch weit von dem Ziele entfernt, das er vor der Nacht hatte erreichen wollen. Er stand still und begriff es nicht, wie es komme, daß sich der purpurrote Abend schon über die Wolken ausstreckte; daß so große Schatten fielen und die Nachtigall aus dem dichten Gebüsche ihr klagendes Lied begann. Er sah sich um; die Ruinen lagen weit zurück, ganz mit rotem Glanze übergossen, und er war jetzt zweifelhaft, ob er sich nicht von der geraden, ihm so wohlbekannten Straße entfernt habe.

Jetzt fiel ihm ein Bild aus seiner frühen Kindheit ein, das bis dahin noch nie wieder in seine Seele gekommen war; eine furchtbare weibliche Gestalt, die vor ihm über das einsame Feld hinschlich, ohne sich nach ihm umzusehn, und der er wider seinen Willen folgen mußte, die ihn in unbekannte Gegenden nach sich zog, und deren Gewalt er sich durchaus nicht erwehren könne. Ein leiser Schauer schlich über ihn hin, und doch war es ihm unmöglich, sich jener Gestalt deutlicher zu erinnern, oder sich mit der Seele in jenen Zustand zurückzufinden, in welchem dieses Bild zuerst in ihm aufgestiegen war. Er strebte nach, alle diese seltsamen Empfindungen in sich abzusondern, als er sich durch einen Zufall etwas genauer umsah und sich wirklich an einem Orte befand, den er bis dahin, sooft er auch dieses Weges gegangen war, noch nie gesehen hatte. »Bin ich bezaubert?« rief er aus, »oder haben mich meine Träume und Phantasien verrückt gemacht? Ist es die wunderbare Wirkung der Einsamkeit, daß ich mich selber nicht wiedererkenne, oder schweben Geister und Genien um mich her, die meine Sinnen gefangen halten? Wahrlich, wenn ich mich nicht aus mir selbst herausreißen so erwarte ich hier jenes Frauenbild, das mir in meiner Kindheit auf allen wüsten Plätzen vorschwebte.«

Er suchte alle Phantasien von sich zu entfernen, um sich im Wege wieder zurechtzufinden; aber seine Erinnerungen wurden immer verwirrter, die Blumen zu seinen Füßen wurden größer, das Abendrot wurde noch glühender und wunderseltsame Wolken hingen tief zur Erde hinunter, wie Vorhänge von einer geheimnisreichen Szene, die sich bald eröffnen würde. Es entstand ein klingendes Sumsen in dem hohen Grase und die Halmen neigten sich gegeneinander, als wenn sie ein Gespräch führten und ein leichter warmer Frühlingsregen plätscherte dazwischen, als wenn er alle schlummernde Harmonien in den Wäldern, in den Gebüschen, in den Blumen aufwecken wollte. Nun klang und tönte alles, tausend schöne Stimmen redeten durcheinander, Gesänge lockten sich und Töne schlangen sich um Töne, und in dem niedersinkenden Abendrote wiegten sich unzählige blaue Schmetterlinge, auf deren breiten Flügeln der Schein funkelte. Ludwig glaubte im Traume zu liegen, als sich plötzlich die schweren, dunkelroten Wolken wieder aufhoben, und eine weite unabsehlich weite Aussicht öffneten. Im Sonnenschein lag eine prächtige Ebene da und funkelte mit frischen Wäldern und betautem Buschwerk. In der Mitte strahlte ein Palast mit tausend und tausend Farben, wie aus lauter beweglichen Regenbogen und Gold und Edelsteinen zusammengesetzt; ein vorübergehender Fluß warf spielend die mannigfaltigen Schimmer zurück, und eine weiche rötliche Luft umfing das Zauberschloß. Da flogen fremde, niegesehene Vögel umher, und scherzten mit ihren roten und grünen Flügeln gegeneinander, größere Nachtigallen sangen mit lauteren Tönen durch die widerklingende Natur; Flammen schossen durch das grüne Gras hin, und flatterten bald hier, bald dort, und fuhren dann in Kreisen um das Schloß herum. Ludwig ging näher und hörte holdselige Stimmen folgendes singen:

»Wandersmann von unten
geh uns nicht vorüber,
weile in dem bunten
Zauberpalast lieber.

Hast du Sehnsucht sonst gekannt
nach den fernen Freuden,
oh, wirf ab die Leiden!
und betritt das längstgewünschte Land.«

Ohne sich zu bedenken, tritt Ludwig jetzt auf die glänzende Schwelle, und scheute sich nur einen Augenblick, seinen Fuß auf das blanke Gestein zu setzen; dann ging er hinein. Die Türen schlossen sich hinter ihm zu.

»Hieher! hieher!« riefen ungesehene Stimmen, wie aus dem innersten Palaste, und er folgte dem Klange mit lautklopfendem Herzen. Alle seine Sorgen, alle seine ehemaligen Erinnerungen waren abgeschüttelt; sein Inneres tönte von den Gesängen wider, die ihn äußerlich umgaben; alle Sehnsucht war gestillt; alle gekannten und ungekannten Wünsche in ihm waren befriedigt. Die rufenden Stimmen wurden so stark, daß das ganze Gebäude erschallte, und er konnte sie immer noch nicht finden, ob er gleich schon längst im Mittelpunkte des Palastes zu stehn glaubte.

Ein rotwangiger Knabe trat ihm endlich entgegen und begrüßte den fremden Gast, er führte ihn durch prächtige Zimmer voller Glanz und Gesang, und trat endlich mit ihm in den Garten, wo Ludwig, wie er sagte, erwartet würde. Er folgte betäubt seinem Führer, und der schönste Duft von tausend Blumen quoll ihm entgegen. Große beschattete Gänge empfingen sie; Ludwigs schwindelnder Blick konnte kaum die Wipfel der uralten hohen Bäume erreichen; auf den Zweigen saßen buntfarbige Vögel, Kinder spielten in den Bäumen auf Gitarren und sie und die Vögel sangen dazu. Springbrunnen erhoben sich, in denen das reine Morgenrot zu spielen schien; die Blumen waren hoch wie Stauden, und ließen den Wanderer unter sich hinweggehen. Er hatte bis dahin noch keine so heilige Empfindung gekannt, als ihn jetzt durchglühte; noch kein so reiner himmlischer Genuß hatte sich ihm offenbaret; er war überglückselig.

Helle Glocken tönten durch die Bäume und alle Wipfel neigten sich, die Vögel schwiegen so wie die Kinder mit ihren Gitarren, die Rosenknospen entfalteten sich und der Knabe brachte jetzt den Fremden in eine glänzende Versammlung.

Auf schönen Rasenbänken saßen erhabene Weibergestalten, die ernstlich miteinander redeten. Sie waren größer als die gewöhnlichen Menschen, und hatten in ihrer überirdischen Schönheit zugleich etwas Furchtbares, das jedes Herz zurückschreckte. Ludwig wagte es nicht, ihr Gespräch zu unterbrechen; es war ihm, als sei er unter die homerischen Göttergestalten versetzt, als dürfe von keinen Gedanken die Rede sein, mit denen sich die Sterblichen unterhalten. Kleine possierliche Geister standen als Diener umher und warteten aufmerksam auf den ersten Wink, um plötzlich ihre ruhige Stellung zu verlassen; sie betrachteten den Fremdling, und sahen sich dann untereinander mit spöttischen, bedeutungsvollen Mienen an. Die Frauen hörten endlich auf zu sprechen, und winkten Ludwig zu sich heran, der noch immer verlegen dastand; er näherte sich zitternd.

»Sei unbesorgt!« sagte die Schönste von ihnen, »du bist uns hier willkommen und wir haben dich schon seit lange erwartet; du hast dich immer in unsre Wohnung gewünscht, bist du nun zufrieden?«

»O wie unaussprechlich glücklich bin ich!« rief Ludwig aus, »alle meine kühnsten Träume sind in Erfüllung gegangen, meine frechsten Wünsche stehn jetzt vor mir, ja ich bin, ich lebe in ihnen. Wie es zugegangen ist, kann ich selber noch nicht begreifen, aber genug, daß es so ist; warum soll ich über dieses Rätselhafte schon eine neue Klage führen, da kaum meine ehemaligen Klagen geendigt sind!«

»Ist dieses Leben«, fragte die Dame, »sehr von deinem vorigen verschieden?«

»Des vorigen Lebens«, sagte Ludwig, »kann ich mich kaum noch erinnern. Ist mir doch dieses jetzige goldene Dasein geworden! nach dem alle meine Sinne, alle meine Ahndungen so brünstig strebten, wonach alle Wünsche flogen, was ich mit meiner Phantasie erfassen wollte, mit meinen innersten Gedanken erringen; aber immer blieb das Bild fremde stehen, wie in Nebel eingehüllt. Und es ist mir nun endlich doch gelungen? Hab ich dies neue Dasein gewonnen und hält es mich umfangen? – O verzeiht mir, ich weiß in der Trunkenheit nicht, was ich spreche, und sollte meine Worte freilich in einer solchen Versammlung genauer abwägen.«

Die Dame winkte und alle Diener waren sogleich geschäftig; auf allen Bäumen regte es sich, allenthalben lief es und kam, und in weniger als einem Augenblicke stand eine Mahlzeit schöner Früchte und süßduftender Weine vor Ludwig da. Er setzte sich nieder und Musik erklang von neuem, und um ihn drehten sich in schöngeschlungenen Reihen Jünglinge und Mädchen, und ungestaltete Kobolde belebten den Tanz und erweckten mit ihren Possen lautes Gelächter. Ludwig gab auf jeden Ton, auf jede Gebärde acht; er fühlte sich neugeboren, da er in dieses freudenvolle Leben eingeweiht ward. »Warum«, dachte er bei sich, werden nur unsre Träume und Hoffnungen so oft verlacht, da sie sich doch weit früher erfüllen, als man jemals vermuten konnte? Wo steht denn nun die Grenzsäule zwischen Wahrheit und Irrtum, die die Sterblichen immer mit so verwegenen Händen aufrichten wollen? O ich hätte in meinem ehemaligen Leben nur noch öfter irren sollen, so wäre ich vielleicht früher für diese Seligkeit reif geworden.«

Die Tänze verschwanden, die Sonne ging unter, die ehrwürdigen Frauen erhoben sich. Ludwig stand ebenfalls auf und begleitete sie auf ihrem Spaziergange durch den stillen Garten. Die Nachtigallen klagten mit gedämpfter Stimme und ein wunderbarer Mond zog herauf. Die Blüten taten sich dem silbernen Scheine auf und alle Blätter wurden vom Mondglanze angezündet, die weiten Gänge erglühten und warfen seltsame grüne Schatten, rote Wolken schliefen auf den fernen Gefilden im grünen Grase, die Springbrunnen waren golden und spielten hoch in den klaren Himmel hinein.

»Jetzt wirst du schlafen wollen«, sagte die schönste unter den Frauen, und wies dem entzückten Wanderer eine dunkle Laube, die mit bequemen Rasen und weichen Polstern belegt war. Dann verließen sie ihn und er blieb allein.

Er setzte sich nieder und bemerkte den magischen Dämmerschein, der sich durch das dichtverschlungene Laub brach. »Wie wunderlich!« sagte er zu sich selber, »daß ich jetzt vielleicht nur schlafe und es mir dann träumen kann, ich schliefe zum zweiten Male ein, und hätte einen Traum im Traume, bis es so in die Unendlichkeit fortginge und keine menschliche Gewalt mich nachher munter machen könnte. Aber, ich Ungläubiger! die schöne Wirklichkeit ist es, die mich beseligt, und mein voriger Zustand ist vielleicht nur ein schwermütiger Traum gewesen.«

Er legte sich nieder und Lüftchen spielten um ihn; Wohlgerüche gaukelten und kleine Vögel sangen Schlaflieder. Im Traume dünkte ihm, als sei der Garten umher verändert, die großen Bäume waren abgestorben, der goldene Mond war aus dem Himmel herausgefallen und hatte eine trübe Lücke zurückgelassen; aus den Springbrunnen sprudelten statt des Wasserstrahls kleine Genien hervor, die sich in der Luft übereinanderwarfen und die seltsamsten Stellungen bildeten; statt der Gesänge durchschnitten Jammertöne die Luft, und jede Spur des glückseligen Aufenthalts war verschwunden. Ludwig erwachte unter bangen Empfindungen und schalt auf sich selbst, daß seine Phantasie noch die verkehrte Gewohnheit der Erdbewohner habe, alle empfangenen Gestalten barock und wild zu vermischen und sie uns so im Traume wieder vorzuführen.

Ein lieblicher Morgen zog herauf und die Frauen begrüßten ihn wieder. Er sprach mit ihnen beherzter und war heut mehr gestimmt, fröhlich zu sein, weil ihn die umgebende Welt nicht mehr so sehr in Erstaunen setzte. Er betrachtete den Garten und den Palast, und sättigte sich mit der Pracht und dem Wunderbaren, das er dort antraf. So lebte er mehrere Tage glücklich, und glaubte, daß sein Glück nie höher steigen könne.

Zuweilen war es, als wenn ein Hahnengeschrei in der Nähe erschallte, dann erzitterte der ganze Palast und seine Begleiterinnen wurden bleich; es geschah gewöhnlich des Abends und man legte sich bald darauf schlafen. Dann kam wohl ein Gedanke an die vergessene Erde in die Seele Ludwigs, dann lehnte er sich manchmal weit aus den Fenstern des glänzenden Palastes heraus, um die flüchtigen Erinnerungen festzuhalten, um die Landstraße wiederzufinden, die nach seinen Gedanken dort vorübergehn mußte. In dieser Stimmung war er an einem Nachmittage allein, und bedachte, wie es ihm jetzt ebenso unmöglich falle, sich der Welt deutlich zu entsinnen, als er ehemals diesen poetischen Aufenthalt habe erahnden können, da war es, als wenn ein Posthorn in der Ferne ertönte, als wenn er die rasselnde Bewegung eines Wagens vernähme. »Wie sonderbar«, sagte er zu sich, »fällt jetzt ein Schimmer, eine leise Erinnerung der Erde in meine Freuden hinein, die mich wehmütig macht. Fehlt mir denn hier etwas? Ist mein Glück noch unvollendet?«

Die Frauen kamen zurück. »Was wünschest du dir?« fragten sie besorgt, du scheinst betrübt.« »Ihr werdet lachen«, antwortete Ludwig, »allein gewährt mir dennoch meine Bitte. Ich hatte in jenem Leben einen Freund, dessen ich mich kaum noch dunkel erinnere; er ist krank, soviel ich weiß; macht ihn durch eure Kunst gesund.« – »Dein Wunsch ist schon erfüllt«, sagten sie.

»Aber«, sagte Ludwig, »vergönnt mir noch zwei Fragen.«

»Rede.«

»Fällt kein Schimmer der Liebe in diese wundervolle Welt hinein? Geht keine Freundschaft unter diesen Lauben? Ich dachte, jenes Morgenrot der Frühlingsliebe würde hier ewig dauern, das in jenem Leben nur gar zu schnell erlischt, und von dem die Menschen dann nachher als wie von einem Fabelwerke sprechen. Daß ich es euch gestehe, ich fühle nach diesen Empfindungen eine unbeschreibliche Sehnsucht.«

»Du sehnst dich also nach der Erde zurück?«

»Nimmermehr!« rief Ludwig aus; »denn schon in jener kalten Erde sehnte ich mich nach Freundschaft und Liebe, und sie kamen mir nicht näher. Der Wunsch nach diesen Gefühlen mußte mir die Gefühle selber ersetzen, und darum trachtete ich darnach, hier zu landen, um hier alles in der schönsten Vereinigung anzutreffen.«

»Tor!« sagte die ehrwürdige Frau, »so hast du dich ja auf der Erde nach der Erde gesehnt, und nicht gewußt, was du tatest, da du dich hieher wünschtest; du hast deine Wünsche überschrien und deinen menschlichen Empfindungen Phantasien untergeschoben.«

»Aber wer seid ihr?« rief Ludwig bestürzt.

»Wir sind die alten Feen«, sagten jene, »von denen du schon seit lange wirst gehört haben. Sehnst du dich heftig in die Erde zurück, so wirst du dorthin zurückkommen. Unser Reich blüht empor, wenn die Sterblichen ihre Nacht bekommen, ihr Tag ist unsre Nacht. Unsre Herrschaft ist seit lange und wird noch lange bleiben; sie steht unsichtbar unter den Menschen; nur dir ward es vergönnt, uns mit Augen zu sehn.«

Sie wandte sich um, und Ludwig erinnerte sich, daß es dieselbe Gestalt war, die ihn unwiderstehlich in der frühen Jugend nachgezogen hatte, und vor der er ein heimliches Entsetzen hegte. Er folgte ihr auch jetzt und rief: »Nein! ich will nicht zur Erde zurück! ich will hier bleiben!« – »So erriet ich also«, sagte er zu sich selber, »schon in meiner Kindheit diese hohe Gestalt? So mag die Auflösung zu manchem Rätsel noch in uns liegen, das wir zu erforschen zu träge sind.«

Er ging viel weiter, als er gewöhnlich zu tun pflegte, so daß der Feengarten schon weit hinter ihm lag. Er stand in einem romantischen Gebirge, wo Efeu wild und lockig die Felsenwände hinaufgewachsen war; Klippen waren auf Klippen getürmt und Furchtbarkeit und Größe schienen dieses Reich zu beherrschen. Da kam ein fremder Wandrer auf ihn zu und grüßte ihn freundlich und redete ihn so an: »Es ist mir lieb, daß ich dich nun doch wiedersehe.« – »Ich kenne dich nicht«, sagte Ludwig. – »Das kann wohl sein«, antwortete jener, »aber du glaubtest mich sonst einmal recht gut zu kennen. Ich bin dein krankgewesener Freund.«

»Unmöglich! Du bist mir ganz fremde!«

»Bloß deswegen«, sagte der Fremde, »weil du mich heut zum erstenmal in meiner wahren Gestalt siehst; bisher fandest du nur dich selber in mir wieder. Du tust auch darum recht, hier zu bleiben, denn es gibt keine Freundschaft, es gibt keine Liebe, hier nicht, wo alle Täuschung niederfällt.«

Ludwig setzte sich nieder und weinte.

»Was ist dir?« fragte der Fremde.

»Daß du der Freund meiner Jugend sein sollst«, antwortete Ludwig, »ist das nicht kläglich genug? O komm mit mir zu unsrer lieben, lieben Erde zurück, wo wir uns unter täuschenden Formen wiedererkennen, wo es den Aberglauben der Freundschaft gibt. Was soll ich hier?«

»Was hilft es?« antwortete der Fremde. »Du wirst doch sogleich wieder zurück wollen, die Erde ist dir nun nicht glänzend genug, die Blumen sind dir zu klein, die Gesänge zu unterdrückt. Die Farben können sich aus den Schatten nicht so hell hervorarbeiten, die Blumen gewähren nur kleinen Trost und verwelken schnell, die Singevögel denken an ihren Tod und singen bescheiden: hier aber geht alles ins Große.«

»O ich will mich zufrieden stellen«, rief Ludwig unter heftigen Tränengüssen aus, »nur komm wieder mit mir zurück und sei mein voriger Freund, laß uns diese Wüste, dieses glänzende Elend verlassen.«

Indem schlug er die Augen auf, weil ihn jemand heftig rüttelte. Neben ihn neigte sich das freundliche, aber blasse Angesicht seines kranken Freundes. – »Bist du doch gestorben?« rief Ludwig aus.

»Gesund geworden bin ich, du böser Schläfer«, antwortete jener. »Besuchst du so deine kranken Freunde? Komm mit mir, mein Wagen hält dort und es zieht ein Gewitter herauf.«

Ludwig richtete sich empor. Er war im Schlafe von dem Baumstamm heruntergesunken, der aufgeschlagene Brief seines Freundes lag neben ihm.

»So bin ich wirklich wieder auf der Erde?« rief er freudig aus; »Wirklich? und es ist kein neuer Traum?«

»Du wirst ihr nicht entgehn«, antwortete der Kranke lächelnd, und beide schlossen sich herzlich in die Arme. »Wie glücklich bin ich«, sagte Ludwig, »daß ich dich wiederhabe, daß ich empfinde wie sonst, und daß du wieder gesund bist.«

»Plötzlich«, antwortete der kranke Freund, »ward ich krank, und ebenso plötzlich wieder gesund; ich wollte daher den Schrecken, den dir mein Brief muß gemacht haben, wieder vergüten und zu dir reisen; auf dem halben Wege finde ich dich hier schlafend.«

»Ach! ich verdiene deine Liebe gar nicht«, sagte Ludwig.

»Warum?«

»Weil ich soeben an deiner Freundschaft zweifelte.«

»Doch nur im Schlafe.«

»Es wäre wunderlich genug«, sagte Ludwig, »wenn es am Ende doch wirklich Feen gäbe.«

»Sie sind gewiß«, antwortete jener, »aber das sind nur Erdichtungen, daß sie ihre Freude daran haben, die Menschen glücklich zu machen. Sie legen uns jene Wünsche ins Herz, die wir selber nicht kennen, jene übertriebene Forderungen, jene übermenschliche Lüsternheit nach übermenschlichen Gütern, daß wir nachher in einem schwermütigen Rausche die schöne Erde mit ihren herrlichen Gaben verachten.«

Ludwig antwortete mit einem Händedruck. – –








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