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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Achtes Kapitel

Eines Morgens zeitig, als ich im Begriff war mich anzukleiden, hörte ich jemanden an meiner Tür rascheln, die ausnahmsweise geschlossen war, weil der Monsun in diesen Tagen ungewöhnlich streng regiert hatte.

Ich schob mein Sprossenfenster hinunter und guckte hinaus. Dort stand Lea, der Tapa flatterte ihr bei dem starken Wind um die Hüften. Ihre runde Stirn war über den Brauen zusammengezogen, und ihre Augen erzählten mir, daß sie etwas Wichtiges auf dem Herzen habe, was eilte.

Ich öffnete die Tür und ließ sie herein.

Während ich mein Gesicht trocknete und die Jacke anzog, stand sie und zupfte an ihrem Tapa und konnte nicht mit der Sprache herauskommen.

Indem ich überlegte, was ich sagen sollte, um sie zum Sprechen zu bewegen, sah ich, daß ihr Blick durch das offene Fenster zu dem Kokoshain hinüberirrte.

Ich folgte der Richtung ihres Blicks und entdeckte einen jungen Mann, der gegen den Zaun gelehnt stand und zu meinem Haus herübersah.

Ich konnte seine Züge von weitem nicht erkennen, erriet aber gleich, wer es sei.

»Das ist ja Matofa!« sagte ich und winkte ihm zu.

Ihre Lippen wurden blau vor Überraschung und Freude, weil ich ihn kannte, – sie wußte ja nicht, wie gut ich unterrichtet war.

Sie fühlte sich augenscheinlich sehr erleichtert, und als Matofa sich zu verstecken suchte, anstatt näher zu kommen, beugte sie sich aus dem Fenster und winkte ihm mit beiden Händen.

Matofa setzte sich langsam und zögernd in Bewegung; als er aber näherkam und sah, daß Lea am Fenster stehen blieb, kam er plötzlich in vollem Lauf auf mein Haus zu.

Lea schien nicht mit der Sprache herausrücken zu wollen, bevor sie Matofa an ihrer Seite hatte, und ich beherrschte meine Neugier solange.

Matofa zögerte draußen vor dem Hause; ich mußte hinaus und ihn hereinholen.

Dann rückte Lea mit ihrem Anliegen heraus.

»Du hast gesagt, daß ich zu dir kommen solle, wenn ich über etwas weinen muß. Jetzt muß ich über etwas weinen, und darum komme ich zu dir.«

Ihre großen, gewölbten Augen bekamen einen feuchten Glanz; ich konnte sehen, daß die Tränen nicht mehr fern waren.

»Was ist geschehen?« fragte ich und nahm ihre Hand.

Sie ließ sie zutraulich in meiner und fuhr nach kurzem Besinnen fort:

»Mein Vater hat gesagt, daß ich mich nach einem Mann umsehen soll, der mich für sein Haus kaufen kann.«

Also schon, dachte ich und seufzte im stillen.

Ich streichelte ihre Hand, um sie zum Fortfahren zu ermutigen.

»Willst du denn nicht heiraten?«

Sie betrachtete mich forschend; dann richtete sie ihren Blick auf Matofa und zog ihn am Arm näher.

»Ich hab ja Matofa!«

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Sie hatte ja Matofa, dagegen ließ sich nichts einwenden.

Es entstand eine peinliche Pause, in der sie mich aufmerksam betrachtete, als ob sie sich wunderte, daß ich noch keinen Ausweg gefunden habe.

»Du bist ja erst fünfzehn Jahre,« sagte ich, »du bist viel zu jung zum heiraten.«

Ich sagte es nur, um etwas zu sagen, was sie nicht traurig stimmen würde. Die Sache selbst war mir klar genug.

Vater Talao hatte von Matofa erfahren und wollte ihr zu verstehen geben, daß er einen annehmbaren Freier erwarte; je schneller die Sache mit Matofa ein Ende nähme, desto besser. Er hatte keine Macht ihr zu verbieten, auf seiner Matte zu schlafen; das war ihr freies Recht als Mitglied des Gemeinschaftshauses. Ja, er hatte nicht einmal das Recht, zu wissen, wen sie sich erwählt; aber er wußte es nun einmal – einer ihrer Brüder mochte es verraten haben, und jetzt erwartete er also von Lea den Beweis, daß sie sein Herz habe, wie Toko es nannte.

»Ich will Matofa heiraten!« platzte sie heraus, und dann kamen die Tränen.

Sie kamen mit einer Innerlichkeit und Gewalt, die ich nicht erwartet hatte; ahnte sie, wie die Sache stand?

Als Matofa sie weinen sah, begann es auch in seinen Mundwinkeln zu zucken. Er schlang den Arm um sie, und da es nicht helfen wollte, trocknete er ihr die Tränen mit seiner flachen Hand vom Gesicht.

Ich streichelte ihre Hand, die noch in meiner lag.

»Darüber brauchst du doch nicht zu weinen!« sagte ich, und dachte: Spare deine Tränen auf, arme Kleine, du wirst sie später noch nötig haben.

»So so so« tröstete ich sie, so gut ich es vermochte, »hör auf zu weinen. Du hast ja Matofa, dein Vater wartet gewiß noch eine Weile, oder hast du schon einen Freier?«

»Ich hab ja Matofa!« sagte sie und hörte auf zu weinen, »ich will Matofa heiraten, damit wir immer zusammen sein können. Wir wollen nicht am Tage getrennt sein. Ich kann ihn nicht vor Purmea beschützen, wenn ich nicht immer bei ihm bin. Matofa ist so unvorsichtig mit seinem Mumuth. Gestern hat er eine Bananenschale auf die Erde geworfen.«

»Und ich kann sie auch nicht vor Purmea beschützen!« sagte Matofa und sah mich flehentlich an.

»Hast du etwas zum Kaufen?«

Matofa zeigte mir mit tiefer Betrübnis im Gesicht seine leeren Hände.

Ich blickte vom einen zum andern, um zu erraten, was sie von mir erwarteten.

»Du hast gesagt, daß ich zu dir kommen solle, wenn ich über etwas weinen müßte,« wiederholte Lea mit dem Ausdruck tiefster Enttäuschung in ihrem Gesicht, jetzt muß ich über etwas weinen, und darum komme ich zu dir.«

»Das ist recht, Lea,« sagte ich und streichelte beruhigend ihre Hand. »Aber du mußt mir Zeit lassen, denn es ist nicht so leicht, wie du glaubst.«

Da hörte ich Toko draußen singen und erinnerte mich, daß ich ihn bestellt hatte, um die letzte Lieferung Kopra zu sortieren, die wir aus Wattiwau bekommen hatten.

Es war schon zu spät, um eine Begegnung zwischen ihm und Lea und ihrem armen Bewerber zu verhindern.

Toko klopfte an, wie ich es ihn gelehrt hatte. Ich rief »Herein!« und setzte meine ernsthafteste Miene auf, um ihn vorzubereiten.

Er blieb in der Tür stehen, als er sah, daß ich Gäste hatte.

Er ging um Lea herum, um zu sehen, ob sie es wirklich sei; und als er erfaßt hatte, wer es war, der neben ihr stand, runzelte er die Brauen und gab sein Mißfallen durch lautes Knurren zu erkennen.

»Toko,« sagte ich streng und zwang ihn, mich anzusehen, »dies ist Leas Freund Matofa, den ich beschütze.«

Toko sah mich vorwurfsvoll an, aber er wagte nicht zu murren. Wenn ich diese Miene aufsetzte, sah er den Wald vor sich und hörte die bösen Geister über den Sümpfen heulen, wie in jener Nacht, als ich sein Leben mit Hilfe meiner Götter rettete.

»Lea will heiraten,« fuhr ich langsam und mit Nachdruck fort, während ich seinen Blick mit dem meinen festhielt, »und Matofa will heiraten; aber er hat nichts, womit er sie kaufen kann. Wie können wir das ordnen?«

Toko sah von mir zu Lea und von Lea zu Matofa und wieder zu mir zurück. Es begann in seinem Gehirn zu arbeiten. Seine Brust wogte bei der tiefen Enttäuschung und dem Zorn, den er Talaos und des ganzen vornehmen Totems wegen fühlte. Es kochte in ihm; seine Augen funkelten; aber ich ließ seinen Blick nicht los, und schließlich mußte er sich ergeben.

Er seufzte tief, beugte den Kopf, zuckte die Achseln und sagte:

»Talao ist Leas Vater.«

Sein Blick lichtete sich auf Lea, und ich sah, daß er inwendig hinzufügte: Aber du bist nicht wert, seine Tochter zu sein.

Ich sah ihn noch einmal fest an; aber sein Blick war leer; er kehrte mir die Handflächen zu und zog die Schultern hoch. Ich wußte, was es bedeuten sollte: das ist alles; mehr habe ich nicht zu sagen.

Ich überlegte eine Weile. Dann sagte ich:

»Matofa, es handelt sich hier nicht allein darum, daß du nichts hast, womit du sie kaufen kannst; selbst wenn du genug hättest, würde es doch eine sehr schwierige Sache sein, denn Lea ist aus einem vornehmen Totem, dein Geschlecht aber ist niedrig und arm wie du selbst.«

Matofa sah schweigend und niedergeschlagen vor sich hin, während Lea ihren großen Blick mit derselben tiefen Enttäuschung auf mich heftete wie vorhin, und ihre Augen wurden feucht, als ob sie wieder anfangen wollte zu weinen.

Es galt mein Ansehen und ihre Freundschaft. Das fühlte ich wohl. Sie sah in mir ein Wesen von übernatürlichen Gaben; es half nichts, ich mußte ihren Erwartungen entsprechen.

Schließlich, dachte ich, wissen wir ja gar nicht, ob Talao so hart ist, wie man sagt. Vielleicht läßt er sich rühren. Er ist ja ein ausgezeichneter Vater; wenn er erst richtig erfaßt hat, daß es Leas Glück gilt, dann wird er gewiß nachgeben.

»Lea,« sagte ich und faßte ihre Hand, »ich will mit meinen Geistern beratschlagen; sie haben die Macht, nicht ich. Wenn sie mir beistehen wollen, dann kann ich dir helfen, sonst nicht.«

Das mit den Geistern war ein alter Kniff. Den hatte ich schon in Batavia gelernt, bevor ich das erstemal zur Insel kam. Dadurch behält man einen Ausweg, so daß man eine Niederlage erleiden kann, ohne sein Ansehen zu verlieren.

Denn das versteht jeder Eingeborene, daß man ohne Hilfe der Geister nichts ausrichten kann; gegen sie zu kämpfen ist aussichtslos.

»Geht nun nach Hause und laßt niemanden in der Stadt wissen, daß ihr hier gewesen seid, und du, Matofa, komm morgen um die Mittagszeit zu mir, dann will ich mit dir zu Talao gehen und dir beim Freien helfen.

Toko warf mir einen langen, betrübten und vorwurfsvollen Blick zu.

Warum willst du eine so üble Sache verteidigen, fragte dieser Blick. Warum willst du gegen einen Ehrenmann wie Talao auftreten, der noch dazu zu meiner Familie gehört?

Über Matofas hellbraune Wange aber glitt ein helles Lächeln; seine seinen Nasenflügel bebten vor Hoffnung; er sah Lea mit einem strahlenden Blick an, als sei er bereits sicher, sie heimzuführen.

Auch Leas Gesicht klärte sich auf, und ihre großen Augen füllten sich von neuem mit dem stillen, tiefen Flammenmeer, das die Liebe in ihnen entzündet hatte.

Ich zweifelte stark an einem günstigen Ausfall meiner Mission; aber ich wagte es nicht zu zeigen. Damit ihre Hoffnung aber nicht zu groß und die Enttäuschung dementsprechend würde, wiederholte ich, was ich schon einmal gesagt hatte:

»Nur wenn die Geister es wollen, kann ich Talaos Herz rühren.«

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