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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Fünftes Kapitel

Joko setzte wie gewöhnlich seinen Willen durch. Seine Stärke liegt darin, daß sein Rechtsgefühl immer mit seinen Neigungen im Einklang ist.

Er gehörte mir nun einmal, war mir vom König als rechtmäßiges Eigentum geschenkt; die Zeit, die für mich die glücklichste war, stand auch für ihn in einem rosigen Schimmer; zu ihr suchte er zurück, und er wurde mein Leibeigener wieder wie damals.

Er erzählte mit Schaudern von der ersten Zeit nach meiner Abreise, als die Geister ihn überall verfolgt hätten, sobald es dunkel wurde. Es hätte sich erst gebessert, als er nach Wattiwau zog, wo alles neu war, viele Gleichaltrige wohnten und die Geister nichts mit ihm abzurechnen hatten.

Obgleich Toko sich auf diese Weise keineswegs zum Alleinsein eignete, wollte er doch nichts vom heiraten hören. Er kam immer auf den Zankvogel auf dem Dach zurück. Wenn ich auf meine und Alis glückliche Ehe hinwies, schüttelte er seinen schwarzen Kopf, blickte in die Richtung des weißen Grabes am Strande und seufzte, als ob er sagen wollte: Hättest du sie nicht gehabt, dann hättest du auch nicht den Kummer gehabt, daß die Geister dir sie und den Jungen nahmen.

Bisweilen schien es mir, daß er recht habe.

Ein Weiberhasser war Toko darum aber doch nicht. Er hatte einen guten Geschmack und sorgte immer dafür, daß eine Frau auf seiner Matte war, wenn sich Gelegenheit dazu bot.

Er setzte es also durch, daß er wie in alten Tagen bei mir wohnen sollte; und ich hoffte, daß es mir glücken würde, einen Handelsmann aus ihm zu machen, der das Geschäft mit den Eingeborenen versorgen konnte, so daß ich etwas mehr freie Zeit für mich selbst bekäme.

Sobald er seine Hütte in Wattiwau durch Umtausch los geworden war, zog er zu mir und begann sich eine eigene Hütte zu zimmern.

Als mein Haus und Speicher endlich fertig waren, ging ich emsig daran, meine Waren auszupacken und in den Räumen zu verteilen.

Ich hatte meinen offiziellen Besuch beim König und Wahuja aufgeschoben, bis ich alles dies von der Hand hätte, aber Toko hatte in Erfahrung gebracht, daß das Gerücht meiner Wiederkehr dem König bereits zu Ohren gekommen sei, und darum ging es nicht an, länger zu zögern.

Mit einer doppelläufigen Büchse für den König versehen und einer herrlichen, bunten, römischen Seidendecke für die Königin, samt einem Paar gestreifter Pyjamas mit Schnurbesatz und Troddeln für Wahuja, der sicher mit den Jahren noch frostiger geworden war, begaben Toko und ich uns eines schönen Morgens zur Audienz beim König, dem mein Besuch schon angemeldet worden war. Im letzten Augenblick erinnerte ich mich des Jawa-Rums, der noch im besten Andenken lebte.

Mein Vorhaben war bereits bekannt geworden. Vor dem Zaun drängten sich die Leute aus der Stadt, um einen Schimmer von den seltsamen Dingen zu sehen, die ich für die Majestäten mitgebracht hatte.

Als ich die alte, ansehnliche Hütte mit dem hohen, tief herunterhängenden Blätterdach über der Veranda sah und die schmale Hühnerstiege davor, da erinnerte ich mich meines ersten Besuches mit Tongu vor fünf Jahren, als ob es gestern gewesen sei.

Wie damals wimmelte es von neugierigen Frauenköpfen im Halbdunkel der Veranda. Sie verschwanden, als wir näher kamen.

Unter dem niedrigen Dach schoß plötzlich eine lange, knochige Gestalt in die Höhe, beugte sich vor, kehrte uns den Rücken zu, tastete mit dem einen Bein vorsichtig nach der obersten Stufe der Hühnerstiege und kroch langsam rückwärts herunter.

Ich erkannte meine alten Unterhosen wieder. Es war Wahuja in eigener hoher Person. Wundervolle Flicken von Pisangblättern gaben dem Galakostüm ein phantastisches Gepräge, das es in alten Tagen nicht gehabt hatte.

Als er glücklich unten angelangt war, drehte er sich um und betrachtete mich aufmerksam.

Ach, er war noch ganz derselbe. Die langen, weißen Ohren, die zitternden Knochenhände, die Kiefer, die sich unaufhörlich bewegten, und die kleinen stechenden Augen, die mich gründlich musterten.

Die Zeit hatte nicht sonderlich an ihm gezehrt. Er war vielleicht etwas weißer, etwas zitternder, etwas magerer geworden, das war alles; die Lebhaftigkeit der Augen war unverändert.

Welches Resultat die Musterung meiner Person bei ihm ergeben hatte, weiß ich nicht. Er tat, als ob er mich nicht kannte, und erwartete erst meinen Gruß, bevor er sich rührte.

Ich schlug mir auf Art der Eingeborenen auf die Brust, bewahrte aber meine Würde. Ich kam ja diesmal nicht als ein Eingeborener, der um Obdach auf der besten aller Inseln bat. Ich kam als Sendling von einem fremden, mächtigen Stamm, dem der König und sein Volk wohlgefiel, von denen er soviel gehört hatte; ich kam mit reichen Geschenken und wunderbaren Dingen und wollte von meinem Überfluß geben, vorausgesetzt, daß man mir eine freundliche Gesinnung bewies, indem man mir als Gegengabe spendete, was die Insel vermochte.

Die Augen des alten Weisen musterten den Umfang dessen, was Toko auf seinem Rücken trug. Dann ging er mir aus Höflichkeit ein paar Schritte entgegen und sagte auf seine alte schnarrende Weise:

»Die Augen des Königs sind sehr groß

»Sie werden bald klein werden!« sagte ich voller Ernst und Würde.

Über meine Sicherheit verblüfft, zögerte er und kratzte sein weißes Ohr.

Dann versuchte er noch einmal.

»Das Herz des Königs ist sehr eingeschrumpft.«

»Es wird sich bald wieder ausweiten!« sagte ich mit unzerstörbarer Ruhe.

Er stand eine Weile und trippelte auf seinen wunden Füßen, dann wurde er von der Spannung seines Gemüts überwältigt. Er trat einige Schritte näher und sagte mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte:

»Hat der reiche Geber etwas Feuerwasser für den armen, alten, schwachen Wahuja?«

»Feuerwasser hab ich,« sagte ich und zeigte ihm meine üppig geschwellte Tasche, »aber es ist dazu da, das Herz des Königs auszuweiten. Er wird sich's gewiß schmecken lassen.«

Wahujas Augen liefen voll Wasser, sei es in Erinnerung an das so lange Entbehrte, sei es nur sein hohes Alter.

Er seufzte tief auf und begann mit seinen Knochenfingern Trost in seinen Nasenlöchern zu suchen.

Ich ging an ihm vorbei, fest entschlossen, meine Würde zu behaupten; Toko aber wagte mir nicht zu folgen. Wahuja murmelte etwas, was niemand von uns verstand. Dann betrat ich die Hühnerstiege, hoch aufgerichtet und würdig, wie es sich für einen Gesandten geziemt, der die Schloßtreppe Seiner Majestät betritt. Sie ächzte unter meinem Gewicht; ich griff vor mir durch die Luft, aber sie hielt.

Ich schritt rasch über die Veranda, von Wahuja begleitet, der auf allen Vieren hinaufgekrochen war, und Toko kam in ehrerbietiger Entfernung hinterdrein. Ich stand in der offenen Tür und sah in den langen Raum hinein, der sein Licht von den breiten Fensteröffnungen in der Seitenwand bekam.

An der Wand hing noch, wie damals, »Scha Quvin«, in der Ecke stand die alte verrostete Schiffskanone, nur die Klistierspritze fehlte.

Längs der Bambuswand im Hintergrund saßen, wie ehedem, die Männer des Königs mit ihren Paradespeeren.

Mitten im Zimmer lag der König allein auf einer Doppelmatte, auf seinen rechten Ellenbogen gestützt; etwas davon entfernt saß die Königin in der Hucke.

Wie hatte er sich verändert; er war ganz unförmig, der Leib hing über den Tapa. Das Haar saß in Büscheln auf der kugelförmigen, blanken Gehirnschale und war ganz weiß geworden. Es war zu spärlich, um mit einem Kamm über der Stirn hochgekämmt zu werden, wie seine Würde es verlangte. Statt dessen waren kleine, blanke Schildpattkämme hineingesteckt, und die Augen, die Wahuja groß genannt hatte, waren zwei matte, dunkle Kugeln, in Fett begraben.

Um den Arm trug er das Knochenband und auf der linken Schulter seine kleine weiße Paradeart aus der Schale der Riesenmuschel, das Abzeichen seiner Würde.

Sein Gesicht war rot und schlaff, und die Unterlippe hing an der einen Seite herab, als ob er einen Schlaganfall gehabt habe.

Als er den Kopf hob, sprangen zwei seiner Leute herbei und richteten ihn in eine sitzende Stellung auf, indem sie eine Matte hinter seine Lenden schoben, um ihn zu stützen.

Er starrte mich lange an, ohne meinen Gruß zu erwidern. Dann dämmerte ein schwaches Licht in seinen Augen auf. Er hob die fette Hand zur Brust, als Zeichen, daß er mich erkannt habe, und machte einen mißglückten Versuch zu lächeln. Dann schüttelte er den Kopf und sah mich mit einer Miene an, als ob er sagen wollte: Sieh, das ist alles, was von deinem alten König übriggeblieben ist!

Es war ein trauriger Anblick, der mich rührte. Ich mußte an jenen Tag denken, als wir in diesem selben Saal die Kaufsumme für seine Tochter bezahlten und Ali die Meine wurde. Diese kaum noch beseelten Fleischreste waren Alis Vater!

Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, begannen seine nackten Schultern plötzlich zu zittern; die fette, hängende, behaarte Brust hob und senkte sich im Schluchzen, aber es kam kein Laut, und der schlaffe Ausdruck seines Gesichts veränderte sich nicht. Ich tat, als ob ich es nicht sähe, und beeilte mich, meine Geschenke abzuliefern.

Als der König die Flasche sah, glitt zum erstenmal der Schimmer eines Lächelns über sein Gesicht.

Er streckte die Hand aus und bewegte die Beine vor Ungeduld auf der Matte, während ich die Flasche entkorkte.

Ich schenkte meinen Taschenbecher voll. Er leerte ihn in einem Zuge und hielt ihn wieder hin; ich aber tat, als ob ich es nicht verstehe, schenkte noch einmal ein und reichte das Glas Wahuja, der am ganzen Körper vor Erregung zitterte.

Er genoß den Schnaps in kleinen Schlucken und leckte den Becher von innen und außen ab, bevor er ihn wieder hergab, obgleich sein König vor Ungeduld grunzte und ein grimmiges Gemurmel über den furchtbaren Etikettenbruch durch den ganzen Hof längs der Bambuswand ging; Wahuja aber kannte seinen Wert: er war der eigentliche König der Insel.

Ich hielt meine Rede von dem mächtigen, weißen Stamm, von dessen Reichtum und besonderer Vorliebe für alle Mahuramänner und ihre schöne Insel. Ich deutete bescheiden, aber doch deutlich an, daß diese Freundschaft mit der Gastfreundschaft in Verbindung stände, die ich seinerzeit auf der Insel Pelli genossen hätte. Und der Beifall des Hofes längs der Bambuswand war so lebhaft, daß der weise Wahuja im Namen des Königs den Kopf hob und seinen Blick warnend über die Reihe gleiten ließ.

Dann zog ich die Büchse hervor.

Der König betrachtete sie, betastete den Hahn und ließ seine Hand über den blanken Stahl gleiten, während alles die Hälse reckte und »Ai!« rief.

Sie machte keinen Eindruck auf das schlaffe Gehirn des Königs. Seine Gedanken waren noch bei der Flasche, die zu weit entfernt stand, als daß er sie erreichen konnte.

Die Königin bekam ihre seidene Decke. Die prachtvollen Farben weckten einen Sturm von Begeisterung, als sie sich darin einwickelte und sich zur Bambuswand umdrehte, um bewundert zu werden.

Selbst in Wahujas gierigen Augen leuchtete es auf, und seine Finger bewegten sich, als ob er wünschte, daß die Gabe für ihn gewesen wäre.

Meine Pyjamas waren dennoch gut gewählt. Ich rollte sie in ihrer ganzen gestreiften und schnurverzierten Herrlichkeit auf.

Der alte Weise entledigte sich mit bebenden Händen seiner Hosenträger und der alten Unterhosen und zog sich mit Tokos und meiner Hilfe seine neue Gala an, bis er, von Kopf bis Fuß mit einer neuen Haut bekleidet, vor Erregung zitternd dastand.

Seine steifen Finger tasteten über den weichen Stoff, während der Hof sich voller Ehrfurcht und Bewunderung vor dieser neuen Zauberei beugte.

Der Rum wirkte. Der König bewegte sich und fing an zu sprechen.

Mit dicker Zunge murmelte er, daß ich seine Tochter auf meiner Matte gehabt hätte, worauf er durch eine rätselhafte Gedankenverbindung auf die Flasche zurückkam, die er zu sich heranwinkte und mit einem Zuge geleert haben würde, wenn ich sie ihm nicht mit allen Zeichen des höchsten Schreckens weggenommen und erklärt hätte, daß die Feuergeister der Flasche sich über ihn stürzen und ihn erdrosseln würden, wenn er sie nicht vorsichtig Stück für Stück herausließe.

Ich schenkte ihm wieder einen Schnaps ein, und Wahuja bekam auch noch einen. Dann korkte ich die Flasche zu und steckte sie in meine geräumige Tasche. Ein einstimmiger Seufzer ging durch den Saal. Es war, als ob die Sonne plötzlich untergehe.

Dann tastete der König nach seinem Armkorb. Ich begriff, daß er mir die Ehre erweisen wollte, mir selbst ein Betelpriemchen zurechtzumachen. Er suchte Betelnüsse aus und versuchte die weiße Schale zu knacken, aber es glückte ihm nicht.

Die Königin rückte auf ihrer Matte heran, knackte die Schalen, schnitt die Nüsse mit der Paradeart durch, streute Kalk aus der durchlöcherten Kürbisbüchse darauf, suchte ein saftiges Pfefferblatt aus und reichte mir den leckeren Bissen.

Die Augen des Königs folgten jeder ihrer Bewegungen kritisch und seine Finger machten tastend die Bewegungen mit, bis Schulter und Brust plötzlich von demselben lautlosen, unheimlichen Schluchzen wie vorhin geschüttelt wurden, dem Kummer über das unwiderrufliche Versagen des Körpers.

Ich wurde nicht zu Mittag eingeladen wie vor fünf Jahren. Bei Schluß der Audienz sah der König sich unruhig nach Wahuja um, worauf der unumschränkte Minister sich erhob und sagte, daß der König nicht stark genug sei, um mit mir zu essen, daß sein Herz sich jetzt aber bedeutend zugunsten des »reichen Gebers« – Wahujas Gedächtnis ist ebenso groß wie seine Gier – ausgeweitet habe. Ich solle nur zu ihm kommen, wenn ich etwas wünsche, und vorläufig dürfe ich so viele von des Königs berühmten Kokosnüssen mit nach Hause nehmen, wie mein Mann tragen könne.

Wahuja begleitete uns auf die Veranda, ja, ganz bis zur Hühnerstiege hinaus, und hörte nicht eher mit seinen Ehrenbezeugungen auf, als bis er noch ein kleines Glas des brennenden Wassers bekommen hatte, für welches jeder Mahuramann bereitwillig seine Seele verkauft hätte.

Den letzten Schluck behielt er im Mund, weshalb der Abschied stumm wurde. Als wir uns ein kleines Stück entfernt hatten, hörten wir einen gurgelnden Laut. Es war der weise Mann, der sich den Hals mit dem köstlichen Trunk spülte, bevor er ihn hinunterschluckte.

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