Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Laurids Bruun >

Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel

Toko blieb die Nacht über bei mir.

Ich zeigte ihm, was ich in meinen Kisten hatte, und erklärte ihm, daß ich diesmal nicht gekommen sei, um meine Zeit mit Vergnügungen hinzubringen. Ich sei von einem mächtigen Mann auf der andern Seite des großen Meeres geschickt worden. Er besäße so weitgestreckte Tarofelder und Kokoshaine, daß zehn Pelli-Inseln in ihrer Umzäunung liegen könnten. Er habe ein ganzes Haus voller Feuerrohre und viele, viele Dinge, von denen Toko sich gar keine Vorstellung machen könne. Alle diese Wunder habe er mir mitgegeben, damit ich die Menschen auf der Pelli-Insel glücklich machen solle, weil er soviel Gutes von ihnen gehört habe. Dafür sollten sie ihm geben, was sie an Kokosnüssen ernteten und an Fischen fingen, die sie selbst nicht essen konnten.

Toko stand mit gebeugten Knien, die Hände auf den Schenkeln, und bebte vor Bewunderung über all die wundersamen Dinge, die er in meinen Kisten sah; und als ich ihm schließlich ein Taschenmesser mit drei Klingen, Säge, Korkzieher und Pinzette schenkte, nachdem ich ihm gezeigt hatte, wozu das alles gebraucht werden konnte, warf er sich vor mir nieder und umfaßte meine Beine, wie er es zum Willkommen getan hatte.

»Was soll der arme Toko seinem Besitzer als Gegengabe schenken?« klagte er.

Ich hob ihn auf und erklärte ihm, daß ich nicht mehr sein Besitzer, sondern sein Freund sei.

Toko wurde traurig, als er verstand, was ich meinte. Seine großen, treuen Augen wurden feucht; ich konnte ihm ansehen, daß er sein Gehirn anstrengte, um herauszufinden, was er verbrochen habe, daß ich ihn nicht mehr als mein rechtmäßiges Eigentum behalten wollte.

Er betrachtete mich mit bekümmerter, gerunzelter Stirn, bis ich mich schließlich erinnerte, wo ich war und wer Toko sei.

Ich hatte ihn tief gekränkt und beeilte mich, es wieder gutzumachen, indem ich ihm erzählte, wie sehr ich ihn entbehrt hätte; aber es glückte mir nicht. Wohl zeigte er seine Zähne, aber der enttäuschte Ausdruck in seinen Augen und das bekümmerte Stirnrunzeln blieben noch lange.

Noch als er auf der Matte unter dem Schutzdach zwischen meinen Kisten lag, konnte ich ihn seufzen hören, bevor er einschlief.


Am nächsten Morgen badeten wir zusammen in der Lagune wie in früheren Zeiten. Er war wieder der alte lachlustige Toko mit dem offenen Blick, der das Leben anstrahlte.

Er hatte meine hellrote Haut ganz vergessen – erinnerte sich meiner nur in der schönen, erdbraunen Farbe.

– »Ai – ai – !« – klang es aus seinem Munde, als ich mich mehr und mehr in meiner natürlichen Nacktheit entschleierte.

Eine Wolke zog über sein Gesicht; er fand plötzlich, daß ich ein Fremder geworden sei. Dann machten wir Toilette. Ich zog einen reinen, weißen Anzug an. Toko schmierte sich mit Sesamöl ein, das er immer bei sich trug. Dann ging er ins Feld, pflückte von den langen Gräsern und machte sich einen neuen Tapa. In sein dichtes Kraushaar steckte er gelbe Kolosblumen, die neben dem Zaun wuchsen. Auch mich schmückte er damit. Und als er sah, wie dünn mein Haar geworden war, rief er »Ai!« und machte ein betrübtes Gesicht.

Toko bummelte an den Strand und schwatzte mit meinen Arbeitern. Er betrachtete mit kritischer Miene, was sie gemacht hatten, und eins, zwei, drei war er mit ihnen in einem heftigen Wortwechsel.

Die Arbeiter riefen nach mir. Als ich kam, sagten sie, daß Toko entweder mein Haus selbst fertig bauen oder seinen Mund halten solle.

Tokos Augen sprühten Blitze. Ich sah, wie es ihm in den Fingern juckte. Aber ich deutete auf die Sonne: Es war höchste Zeit für uns, wenn wir rechtzeitig zum Festmahl kommen wollten.

Wir gingen schnellen Schrittes über den Königsweg. Schon von weitem hörten wir Gelächter und frohe Stimmen. Wir sahen Verwandte und Freunde aus ihren Hütten kommen und sich eilen.

Ich mußte an das erstemal denken, als ich zu einer Jungfraueinweihung war – Ali in ihrer neugierigen Freude, blank von Öl und frischer Tätowierung auf Rücken und Brust. Wie stolz zeigte sie ihren neuen Jungfrauschmuck, die herrlich gebräunten Zähne! Wie lachten wir, als sie Miene machte, das ungewohnte lästige Lendentuch von sich abzustreifen, und ihre Mutter ihr auf die Finger schlug, wie einem kleinen Mädchen! Wie war sie strahlend froh an jenem Tage – die Kehle voll Lachen und die Augen voller Freudenblitze!

Da plötzlich entdeckte sie mich und fragte: »Bist du der rote Mann, der mir beim König zugenickt hat?«

Und sie setzte sich zu mir und lehnte sich vertraulich an meine Schulter.

Später, auf dem Weg zum Gemeinschaftshaus, als sie zum erstenmal bei den Jungen schlafen sollte, da blieb sie stehen – war es nicht hier auf demselben Weg? – und zeigte mir voller Stolz ihren neuen Schmuck: Die flammende Sonne auf ihrem Leib und das prachtvolle Zickzackmuster, das in einem Zirkel auf ihrem Hinterteil zusammenlief.

Und dann die Nacht, die folgte – unsere Hochzeitsnacht – die unbeschreibliche Nacht.

Ich war so in Erinnerungsträume versunken gewesen, daß ich Toko ganz vergessen hatte. Jetzt faßte er mich am Arm und sah mich bekümmert an.

Da erwachte ich und merkte, daß wir vor Talaos Zaun standen.

Ich sah, wie hellbraune Gesichter sich reckten, um durch die Stangen den zu betrachten, den sie alle kannten und der ihnen doch nicht mehr recht vertraut war. Es war ein anderer in der alten Haut.

Hatte ich mich wirklich so verändert?

Meine Gedanken kehrten von neuem zu meiner glücklichen Zeit zurück. – Wär es nicht besser gewesen, ich wäre nie zurückgekehrt?

Ich empfand plötzlich solch tiefen Schmerz, daß ich meinte, ich könnte unmöglich an dem Fest teilnehmen. Lieber wollte ich zu dem weißen Viereck am Strand gehen, wo ich hingehörte.

Toko aber hatte schon die Zauntür geöffnet. Talao stand davor und schlug sich auf die Brust zum Empfang. Hinter ihm glänzte das fette, gutmütige Gesicht seiner Frau vor Lächeln und Öl.

Wie waren die beiden Ältesten lang geworden! Die hübschen, frechen Knabengesichter waren nicht wiederzuerkennen vor all der ernsten Totemwürde, die jetzt ihre Züge prägte. Oder war es vielleicht nur eine Maske, die sie bei der feierlichen Veranlassung des Tages angelegt hatten?

Die beiden, die die Kokosnüsse des Königs gestohlen hatten, guckten hinter den Brüdern hervor. Der Jüngste blinzelte Toko als Mitschuldigem dreist zu. Und zwischen den Beinen von Talao und seinen großen Söhnen lugten die drei Kleinsten hervor, mit Augen so blank wie reife Trauben vor Erstaunen über meine wunderbare Herrlichkeit; es waren lauter kleine Mädchen, nackt, wie Gott sie erschaffen hatte.

Der Garten war voll von Gästen. Männer und Frauen durcheinander, alle von frischem Öl glänzend, mit neuen Tapas und mit duftenden Blumen im Kraushaar.

Die Hühner drückten sich gegen den Zaun, mißvergnügt über den ungewohnten Lärm. Von dem Schuppen in der Ecke ertönte das Grunzen der Schweine mit dem Geschwätz der Frauen um die Wette.

Aus der Küchenhütte drang dicker Rauch durch das kleine runde Türloch mit der meterhohen Schwelle. Die Gäste drängten sich davor, um den herrlichen Duft der Fruchttauben einzuatmen, die eine alte Frau, drinnen im Halbdunkel auf den Knien hockend, an einem Spieß über dem Feuer röstete.

Draußen standen drei große Kübel mit Palmenwein, und in jedem schwamm eine Kokosschale zum Schöpfen.

Die Kinder schlichen sich dorthin, steckten die Finger hinein und lutschten sie ab, um den Wein zu probieren.

Auf einen Wink von Talao gingen die Söhne, die erwachsenen und die Jungen, in die Hütte hinein und holten Matten aus Pisangbast, die ebenso fein waren wie die des Königs – bei Talao ging es immer vornehm zu – und breiteten sie im Halbkreis vor dem Hause aus, indem eine Öffnung vor der Küchenhütte blieb.

Nachdem wir alle Platz genommen hatten – ich saß an Talaos Herzseite, dem Ehrenplatz – suchten die jungen Mädchen der Familie die warmen Tarobrote aus der Asche und den glühenden Steinen hervor.

Jeder Gast bekam eins; und während wir warteten, daß sie abkühlten, erhob Talaos Frau sich von ihrer Matte, legte ihr fettes Gesicht in feierliche Falten und ging ins Haus.

Das Gespräch verstummte. Aller Köpfe wandten sich –

Die Türmatte wurde zur Seite gezogen und dort stand der Mittelpunkt des Festes – die neugebackene Jungfrau – Lea, die vor Aufregung zitterte, während die Sonne ihre nackte, zarte Brust beschien.

Das schwarze Haar war in der Mitte gescheitelt und fiel in ölblanken Lockenwellen über die kleinen Ohren bis auf die Schulter.

Sie hatte den Kopf schamhaft auf die eine Seite gelegt, während die reine Kinderstirn sich bei den vielen Blicken scheu über den runden Brauen zusammenzog.

Die Augenlider hoben und senkten sich über den feuchten Augen, die Talaos glichen, sie waren braun, groß, gewölbt und in beständiger Bewegung.

Der Kopf, die Schultern, der ganze kleine geschmeidige Körper bewegte sich und gab ihr jenen »sprungbereiten« Ausdruck, den ich noch aus ihrer Kinderzeit kannte. Jetzt wie damals erinnerte sie mich an ein Eichhörnchen.

Auf einen Wink ihrer Mutter, die hinter ihr stand mit den Händen um ihre Taille, riß sie den Mund bis an beide Ohren auf und zeigte uns ihre gebräunten Zähne.

Die Alte schob den hübschen, gelben Tapa hinunter, so daß wir das kunstfertige Muster bewundern konnten, womit ihr ganzer Unterleib tätowiert war.

Es war keine Sonne wie bei Ali, sondern ein Schild mit einem Krieger in voller Rüstung, wie man ihn auf dem Giebel des Gemeinschaftshause« und des neuen Kanuhauses abgebildet findet. Es war Talaos eigene Idee, eine poetische Anspielung auf seinen Namen; denn Talao bedeutet Schild.

Toko war der erste der Gäste, der die Anspielung verstand. Er sprang auf und verkündete seine Entdeckung mit lautem Geschrei. Talao nahm mit erhobenem Kopf und stolzem Lächeln die starken Beifallsrufe entgegen.

Dann drehte die Mutter Lea herum, damit wir auch ihren Rücken bewundern konnten.

Die lange, feine Rückgratshöhle war zu dem schlanken Stamm einer Kokospalme gemacht worden. Die Mutter hob das Haar und zeigte uns, daß die Krone sich ganz bis zu ihrem runden, weichen Nacken hinauf erstreckte. Palmenblätter rundeten sich vom Stamm bis auf ihre Schultern, und darunter saßen zwei mächtige Fruchtdolden, eine auf jedem Schulterblatt.

Die Mutter schob den Tapa so weit hinunter, wie die Wohlanständigkeit es erlaubte, damit wir sehen konnten, daß am Fuße des schlanken Stammes auf jeder Seite eine herrliche, reife Kokosnuß lag, die vom Baum heruntergefallen war.

Dann drehte sie sie wieder mit dem Gesicht zu uns um.

Der Beifall brach los, und er kam von Herzen. »Ai – ai!« klang es von Mund zu Mund.

Talao hockte mit gekreuzten Armen und hocherhobenem Haupt auf der Erde und nahm entgegen, was ihm und seiner Tochter mit Recht zukam, während Lea sich nach der Vorstellung wie ein junges Huhn schüttelte, wenn es ein Ei gelegt hat.

So schnell die ungewohnte Lendenbekleidung es erlaubte, machte sie sich von den bewundernden Blicken frei und versteckte sich zwischen den jungen Mädchen, deren Kreis sie von jetzt ab angehörte.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.