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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Am nächsten Morgen begegnete mir Matofa auf seinem Weg zur Hütte.

Er war draußen beim Riff gewesen, um die Reuse zu leeren, und trug einen Pisangkorb voll kleiner lebender Fische.

Die Reuse gehörte Toko, er hatte sie Matofa aus Wohlwollen für ihn und seine Kleinen geliehen; seit er ihm damals beim Bauen seines Hauses behilflich gewesen war, hatte er sich daran gewöhnt, ihm hin und wieder eine hilfreiche Hand zu leisten.

Wie ich mich auch bemühte, konnte ich mich doch nicht mit Matofa nach dem Bruch mit Lea versöhnen.

Als ich ihn jetzt so sorglos daherkommen sah, den Korb schwingend und eines seiner heimatlichen Lieder summend, sah ich die Gestalt von gestern vor mir – die freudlose Witwe, die sich gegen den Zaun drückte, um nicht gesehen zu werden.

Der Zorn stieg in mir auf, ich mußte mein Äußerstes aufbieten, um mich nicht auf ihn zu stürzen und für den tiefen Kummer, den ich mit angesehen hatte, zur Rechenschaft zu ziehen.

Er war es, der mein Glückswerk vernichtet, der alle Lichter in Leas Leben ausgelöscht hatte.

Er sah auf und grüßte; als sein Blick aber den meinen traf, duckte er sich und wich mir in einem großen Bogen aus; ich sah den Schatten meines Zornes in seinen Augen.

In meiner gereizten Stimmung hielt ich seine Furcht für ein böses Gewissen und vertrat ihm den Weg.

Ich suchte einen Vorwand, um Streit anzufangen, und wählte den ersten besten.

»Wo hast du die Fische gefangen?« fragte ich.

Matofas Augen flackerten hilflos.

»In der Reuse,« sagte er und zeigte mit bebenden Händen auf die Lagune.

»Weißt du nicht, daß es Tokos Reuse ist?«

Matofa wußte nicht, was er antworten sollte; er stand mit niedergeschlagenen Augen da und wartete auf den Sturm, der kommen würde.

Seine Unterwürfigkeit reizte mich noch mehr.

Wenn er sich keiner Schuld bewußt ist, warum duckt er sich dann wie ein Hund, der weiß, daß er Prügel verdient hat?

Ich rückte ihm auf den Leib. Meine Finger juckten danach, ihn an den schmalen Schultern zu packen und ihm in die Ohren zu schreien:

»Was hast du aus dem Schatz gemacht, den ich dir anvertraut habe?«

Da streifte sein Blick mich noch einmal. Ich fing im Fluge den Schimmer wilden Entsetzens auf, der darin glühte, wie ich ihn einmal in den Augen eines Kindes gesehen habe, das von einem Verrückten auf der Straße in Amsterdam angeredet wurde.

Das genügte. Um meine Würde zu retten deutete ich auf Matofas Hütte.

»Was wird aus der Abgabe?« fragte ich mit gerunzelten Brauen, »wann fängst du an, deine Schulden abzuzahlen?«

Es bestand ein altes Übereinkommen, daß Matofa mit den Jahren ein freier Mann in einem freien Haus werden sollte. Ich hatte es Leas und seinetwegen so bestimmt, damit keine Schuld Schatten auf ihr Glück werfen sollte; aber wäre Lea noch hier gewesen, hätte ich ihn nie gemahnt.

Matofa begriff, daß die Gefahr für diesmal vorübergezogen sei. Ein Blitz des Verständnisses leuchtete in seinen Augen auf.

Er sah von mir zur Hütte, wo die Kleinen in der Sonne spielten, und wieder zu mir zurück.

»Muanda und ich,« sagte er stammelnd, »wollen im Felde mit den Jungen arbeiten – und du sollst ein Drittel von unserem Verdienst bekommen, bis alles bezahlt ist.«

Das war ein gutes und ehrenwertes Angebot; es bedeutete, daß Matofa und sein Weib ihr Familienleben aufgaben, um ihre Schuld zu bezahlen. Sie mußten morgens zeitig mit den Jungen, die aus dem Gemeinschaftshaus kamen, ins Feld gehen. Wer sollte indessen auf die Kinder achtgeben?

Es lag eine schwere Wolke auf Matofas Stirn, als ich zum Zeichen, daß ich sein Angebot angenommen habe, mit dem Kopf nickte.

Dann schlich er mit gebeugtem Kopf davon; das Summen und Schwingen war ihm vergangen. Er kehrte als sorgenvoller Familienvater mit dem sauer verdienten Proviant zur Hütte zurück, vom Gedanken an den morgigen Tag bedrückt.

Ich bereute, daß ich sein Angebot angenommen hatte; aber wenn ich meinen letzten Rest an Würde in Matofas, seiner Frau und Tokos Augen nicht einbüßen wollte, mußte es vorläufig dabei bleiben.

Toko um die Mittagszeit angesprungen kam, um die Hausarbeit bei mir zu verrichten, fand er mich in meine Arbeit vertieft.

Sein Instinkt sagte ihm gleich, daß etwas geschehen sei. Er runzelte bekümmert die Stirn, blickte mich verstohlen von der Seite an und schmatzte mit den Lippen, um mich zum Sprechen zu bewegen. Als ich mich endlich seiner erbarmte und von der Begegnung mit Matofa erzählte, war er sichtlich erleichtert, daß es nichts Schlimmeres sei.

Er hörte aufmerksam zu, das Gesicht auf Matofas Hütte gerichtet.

Von meinem Fenster konnten wir Muanda sehen, wie sie vor der Tür hockte, Bananen schälte und die Zwillinge fütterte, die sie auf dem Schoß hatte.

Er nickte beifällig, und ich konnte sehen, daß er meinen Gedankengang verstand.

Warum sollte ich das Haus, das ich bauen ließ, damit es Leas Glück beherbergen sollte, ihrer Nachfolgerin schenken?

Schon am nächsten Morgen sah ich Matofa und Muanda niedergeschlagen über den breiten Vorstrand gehen. Ich sah sie unter den Zaun des Königs kriechen, um einen verbotenen Richtweg zu den Feldern einzuschlagen.

Muanda hatte einen Pisangkorb in der Hand, denselben, in dem Matofa gestern die Fische getragen hatte; jetzt enthielt er ihren Proviant für den Tag.

Ich sah Muanda am Zaun zögern und einen bekümmerten Blick auf die Hütte zurückwerfen, während Matofa eine Stelle aussuchte, wo sie bequem durchkriechen konnten.

Als sie glücklich fort waren, ging ich zur Hütte, um nach den Kindern zu sehen.

Die Zwillinge lagen vor der Tür und schliefen in der Sonne, gegeneinandergedrängt wie zwei kleine Hunde.

Jedes hatte eine starke Pisangschnur um das linke Fußgelenk. Die Schnur war an einem Bambuspfahl festgebunden, der in das Gras gerammt war; die Schnur war so lang, daß sie bis zur Tür der Hütte reichte, wo ein Haufe abgeschälter Bananen im Schatten lag, aber nicht so lang, daß die Kinder in die Hütte kommen und dort Schaden anrichten konnten. Zwei Matten waren draußen für sie hingelegt und kleine Bambusklötze und runde Strandsteine zum Spielen.

Zur Mittagszeit sah ich Muanda vom Zaun des Königs angelaufen kommen, während der Tapa um ihre breiten Hüften flatterte.

Sie gackerte schon von weitem; die Zwillinge hoben den Kopf, rissen die Mäulchen auf und schrien vor Freude und Begehren.

Ich sah, wie sie durch den Zaun eilte und sich über die Doppelfrucht ihres Leibes stürzte.

Ich sah, wie sie mit ihrer breiten Nase über die flaumigen Köpfchen fuhr, während die kleinen Hände an ihrem dichten, schwarzen Haar zausten.

Ich sah, wie sie sie hochhob, eines in jedem Arm und sie an ihre volle Brust drückte.

Sie saß in der Sonne, den Rücken gegen die Hütte gelehnt, und kam mit offenem, träumendem Mund zur Ruhe – jener Ruhe, in der die Natur Leben von Leben aus unerschöpflichen Quellen nährt, wie eine Pflanze, die lautlos von dem Licht der Sonne und dem Atem der Luft gesäugt wird.

Es war ein schöner Anblick; dennoch konnte ich mich seiner nicht freuen; denn der Gedanke an Lea, die sich auf der Landstraße im Schatten duckte, wollte mir nicht aus dem Sinn.

Ach, warum ist nicht für uns alle Platz in der Sonne? – Warum ist das Glück der Menschen wie eine Frucht, die von der Nahrung reift, die sie einer anderen entzieht?

Sie blieb, bis die Köpfe der Kleinen schlafend gegen ihre Arme fielen.

Dann erhob sie sich und legte sie sorgsam auf die Matte, brachte die Schnüre in Ordnung, fuhr ihnen noch einmal riechend über den Kopf und eilte zu ihrer Arbeit zurück.

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