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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Ich war im Innern der Insel zur Jagd gewesen.

Die Sonne war bereits untergegangen und die Dunkelheit rückte von dem großen, dunklen Meer jenseit des Riffs heran.

Sie kommt schnell in der Südsee; ich beeilte mich, die Hauptstraße zwischen Wattiwau und der Stadt des Königs zu erreichen, bevor es ganz dunkel wurde.

Als ich in die Nähe des Kokoshains kam, waren die langen Schatten, die sich noch eben über die Tarofelder gestreckt hatten, bereits von der Dunkelheit verschlungen; nur eine schwache Dämmerung atmete noch vom westlichen Horizont über die Erde.

Ein tiefer Mißmut überfiel mich – jener Mißmut, den wir Leute aus den nördlichen Ländern der alten Welt stets in uns tragen, wo wir auch sind, weil er tief in unserer Seele versenkt ist.

Dort liegt er wie ein Druck, der niedergehalten wird, solange das Gemüt von Gedanken und Eindrücken erfüllt ist, oder wenn die Wogen des Lebens in unserem Herzen hochgehen. Wenn das Meer sich aber glättet und der Sinn zur Ruhe kommt, dann steigt der Druck wie eine Blase auf, die alles, was sich auf dem Boden verbirgt, ins Bewußtsein hinaufsaugt.

Und das Herz schnürt sich zusammen in einer Angst, deren Ursache wir selbst nicht kennen, die Seele löst sich vom Körper und reckt sich seufzend nach einem fernen und eingebildeten Glück – irgendwohin, weit fort – nur nicht dort, wo du bist. Das bedeutet, daß der Augenblick leer ist.

Da bemerkte ich, wie sich an der dunklen Mauer von Kokosstämmen eine Gestalt entlangschlich, die nicht gesehen werden wollte.

Etwas seltsam Gebrochenes lag über dem lautlos gleitenden Körper, dessen Umrisse ich mit knapper Not unterscheiden konnte.

Ich begriff, daß die Gestalt mich gesehen und gehört hatte, lange bevor ich auf sie aufmerksam geworden war. So sind die Sinne dieser Inselkinder, denen der wilden Tiere im Walde gleich. War es die scheue Aufmerksamkeit, die mir im Verborgenen folgte, die den Mißmut in meiner Seele hervorgerufen hatte?

Es war unverkennbar, daß die geheimnisvolle Gestalt mich um jeden Preis vermeiden wollte. Als ich schneller ging, beschleunigte auch sie ihre Schritte.

Mitten im Hain ist eine Lichtung, die sich ganz bis zum Zaun hinzieht. Sie stammt von vor zwei Jahren, als der König die ältesten Bäume fällen und als Zimmerholz verkaufen ließ.

Die Gestalt verweilte beim Zaun, als ob sie sich scheute, in die offene Dämmerung hinauszugehen.

Eine Ahnung durchfuhr mich; es war der schlanke Rückenbogen, dessen Linien ich durch die Zaunstäbe erkennen konnte – –

Ich zögerte – von derselben unerklärlichen Angst ergriffen, die mir wie ein Geisterhauch durch die stille Abendluft von der dunklen Gestalt entgegenzitterte.

Ich konnte nicht weitergehen.

Ihr Wille – denn ich wußte, wer es war – hielt mich mit flehentlicher Macht zurück.

Etwas sprach durch die lauschende Stille lautlos zu meinem Herzen, hielt mich zurück, als sei es ein gebrechlich Ding von kostbarem Kristall, das wußte, daß es zerbrechen würde, wenn meine: Hand es berührte.

Ich begriff, was in ihrem Herzen vorging; ich erfaßte es mehr mit meiner Seele als mit dem Verstand; und ich wandte mich von der freudlosen Witwe ab, die in der Dämmerungsstunde über die Landstraße schlich.

Nie hat die Ohnmacht mich schwerer bedrückt als in jenem Augenblick – die bittere Ohnmacht, die uns zu Boden drückt, wenn eine Seele uns entgegenstöhnt und keine Brücke zu ihr hinüberführt, keine Hand über die ungeheuere Entfernung reicht, die Körper und Leben zwischen uns legt. Obgleich wir aus der Tiefe unseres Ursprungs doch eins sind, eins waren und eins sein werden bis in alle Ewigkeit.

Ich ging über die Lichtung, ohne mich umzudrehen. Ich fühlte ihre Augen auf meinem Rücken; ich sah sie durch Dunkelheit und Entfernung, sah sie wieder mit ihrem seltsamen Glanz, den das Glück jener ersten Tage in ihrer Wölbung entzündet und der Kummer jetzt ausgelöscht hatte.

Ich war ihr Gott gewesen. Wie eine Vorsehung hatte ich ihrem Glück den Weg gebahnt, hatte sie mit vollem Herzen auf dem Gipfel weilen sehen, die Hände dem blendenden Licht entgegengebreitet.

Plötzlich bekam der Gedanke Form, der sich seit dem Tage, wo ich ihr Unglück erfuhr, in der Tiefe meines Herzens wie eine Angst und Unruhe gerührt hatte:

Ich fragte mich, mit welchem Recht ich in ihr Leben eingegriffen hatte?

Wäre es nicht besser für sie gewesen, wenn ich ihr Leben nie berührt und es in der Bahn gelassen hätte, die Rasse und Verhältnisse ihm vorschrieben?

War ich es, der die Rache der Geister, die Rache der Verstorbenen auf ihr Haupt herabbeschwor, als ich die Fäden ihres Lebens in Unordnung brachte und das heilige Band zwischen Vater und Tochter zerriß?

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