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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Einundzwanzigstes Kapitel

Als Toko zu Ende berichtet hatte, heftete er seine treuen Augen scheu und betrübt auf die meinen. Ich begriff, daß mein Zorn umsonst war, daß auch ich an dem Gang der Sache nichts hätte ändern können, der von Ursachen bestimmt wurde, die so tief in den Eigentümlichkeiten der Rasse, in jedem Mahuramann und Mahuraweib wurzeln, daß kein Vernunftschluß daran rütteln kann. Ich begriff, daß Matofa unschuldig sei und daß Tolo ebenso gehandelt haben würde.

Ich sah den Instinkt der Rasse in seinen Augen, als er mit tiefer Stimme davon sprach, daß die Geister Leas Schoß verzaubert hätten; und ich sah, daß er wie Hiobs Freunde dachte, Lea müsse sich schwer vergangen haben.

Mir, der ich ihre Hilfe und Stütze auf dem gefährlichen Weg gewesen war, wagte Toko es nicht offen zu sagen, aber es brach sich verstohlen aus seinen Augenwinkeln Bahn, daß sich all dies nicht ereignet haben würde, wenn Lea eine gute Tochter gewesen wäre und das Herz ihres Vaters gehabt hätte.

In seinem energischen Kopfnicken und nachdrücklichen Verweilen auf den Worten lag eine tiefe moralische Erbauung. Ich konnte ihm ansehen, daß er bei sich dachte: Die Alten haben doch recht!

Als ich ihn fragte, wo Lea sei, runzelte er die Brauen und zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte: Was kann es nützen, daß man sich um sie kümmert; es läßt sich ja doch nichts mehr ändern.

Da übermannte mich der Zorn noch einmal. Ich donnerte ihm entgegen, warum er nicht in meinem Namen eingegriffen habe.

Ich verfluchte Matofa und drohte ihm mit Prügeln. Ich sagte, daß ich zu Talao gehen und ihn für das, was er seiner Tochter angetan, zur Rechenschaft ziehen wolle.

Toko starrte mich in höchster Verwunderung an. Nie hatte er mich so gesehen, er zitterte vor Angst.

Er glaubte, daß ich von den bösen Geistern meines Landes besessen sei, das konnte ich ihm ansehen; es war nicht ein Schimmer von Verständnis in seiner Seele.

Dann war der Anfall vorbei. Ich hatte ausgerast und setzte mich müde und traurig nieder, unzufrieden mit dem Leben, mit dem traurigen Los der Menschen, vor allen Dingen aber mit mir selbst.

Ich schämte mich vor Toko. Ein Glück, daß nur er mich so gesehen hatte und nicht Talao oder einer von den anderen. Ein weißer Mann darf sich nicht in grundlosem Zorn vergessen. Dann macht er sich lächerlich in den Augen der Eingeborenen, oder sie glauben, daß er besessen ist; und er wird wie einer der Ihren, sein Glanz ist dahin.

Toko aber liebt mich wie ein Vater; er wird es niemandem sagen, selbst wenn er sich ein wenig über mich schämt.

Ich schob die ganze Angelegenheit von mir, so gut ich es vermochte.

Vielerlei Arbeit wartete auf mich, ich hatte alle Hände voll zu tun und griff tüchtig zu.

Jedesmal wenn der Gedanke an Lea zurückkehrte, schob ich Alis Bild dazwischen.

Das half. Ich vergaß und fand wie Toko Frieden in dem Bewußtsein, daß Menschen nicht an dem rühren sollen, was die Geister bestimmt haben.

Später im Leben, als ich von neuem zwischen Leuten meiner eigenen Rasse in Europa lebte, wo alles Zweifel und Forschen und wieder Zweifel ist, hab ich mich oft auf einer Sehnsucht nach dem Frieden der Mahuramänner ertappt, nach ihrer unerschütterlichen Überzeugung, daß an dem Willen der Geister nicht zu rütteln sei.

Das ist Glück, weil darin ein Abschluß liegt und das Leben von neuem anfangen kann.

Wir Europäer, die trotz der Warnung unserer Philosophen im tiefsten Innern an die Allmacht unserer Kultur glauben, können uns des nagenden Gedankens nie ganz erwehren: Hätte es nicht anders sein können, wenn du mehr Voraussicht, mehr Klugheit – und mehr Geld gehabt hättest?

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