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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Zweites Kapitel

Zum erstenmal verließ ich den Strand und meinen Wohnplatz und suchte zusammen mit Toko die bekannten Plätze in der Stadt auf.

Ich sah das Gemeinschaftshaus und fand den Platz unter dem Strohdach, wo Ali und ich unsere Matte gehabt hatten.

Wir schlichen durch den Hain und über den für Männer verbotenen Pfad zum Frauenhaus. Ich sah den hohen Bambuszaun, hörte das Gackern der Hühner und Plaudern der Frauen dahinter, wo damals Alis Stimme an mein Ohr geklungen war. Ich suchte die schmale Öffnung im Zaun, durch die ich hineingeguckt und ihren Namen geflüstert hatte. Toko aber hielt mich erschrocken von meinem kopflosen Beginnen zurück. Wir gelangten ungesehen zur Hauptstraße mit den großen, flachen Korallensteinen, die sich vom Haus des Königs ganz bis zum Strand hinunterschlängelt, mit dem Bambuszaun der Stadt auf der einen und dem des Kokoshains auf der andern Seite.

Toko blieb vor einer der Hütten stehen. Sie war groß und gut gehalten, neu gedeckt mit schönen, blanken Pandangblättern. Die Küche war eine Hütte für sich, wie nur die Vornehmen sie sich erlauben.

Hinter dem hohen Zaun, der unten dicht gemacht war, gackerten Hühner, und ein Schwein grunzte behaglich in der milden Sonne.

Die Jampflanze schlang ihre dunklen, herzförmigen Blätter wie Efeu an den hohen Zaunstangen hinauf. Drin im Garten stand ein gutgewachsener Brotfruchtbaum und, breitete seine Arme seitwärts aus, als wolle er all das Kleinzeug beschützen, das in seinem Schatten wuchs. Hinter der Hütte stand eine Gruppe Bananen mit schlanken, kräftigen Blättern; die Früchte waren noch klein und grün.

»Das ist Talaos Haus!« sagte Toko und reckte sich, um über den Zaun zu gucken, ob jemand zu Hause sei.

Talao – Talao? – Ach richtig, das war ja der, der die hübschesten Kinder der Stadt hatte; sie waren jetzt wohl erwachsen.

Da hörten wir hinter uns im Kokoshain ein Rascheln. Als wir uns umdrehten, sahen wir zwei aufgeschossene Jungen, die sich hinter dem Zaun des Königs zu verbergen suchten; aber die Stangen standen zu weit auseinander.

»Hallo!« rief Toko, sprang herbei und steckte seinen Arm durch den Zaun.

Als die Knaben sahen, daß sie entdeckt waren, kletterten sie gutwillig über den Zaun. Der Älteste war sogar so frech, die gestohlenen Sachen mitzunehmen, zwei herrlich große Kokosnüsse, noch gelb und glatt.

Die Augen blitzten in dem jungen Spitzbubengesicht; er sah von Toko zu mir mit einem nachsichtigen Lächeln, das seine weißen Zähne zeigte, als ob er sagen wollte: »Ihr seid ja auch mal jung gewesen – und die Kokosnüsse sind so schön, und es sind so viele da.«

Toko runzelte die Brauen und sah moralisch aus, der Jüngste aber reichte ihm die Nuß, die er gestohlen hatte. Dem konnte Toko nicht widerstehen. Er warf den Kopf in den Nacken und lachte, machte dann ein Loch hinein und bot mir den kühlen, frischen Trunk, während die Knaben die Gelegenheit benutzten, mich aus nächster Nähe mit Augen, Ohren, Nase und Mund zu mustern.

Toko zeigte auf die Hütte und fragte nach ihren Bewohnern. Und jetzt erinnerte ich mich, daß Toko aus demselben Totem war wie Talao mit den hübschen Kindern.

»Ist Talao nicht der Bruder deines Vaters?«

»Nein, ihre Väter waren Brüder.«

Ich betrachtete die Knaben, die zwölf und dreizehn Jahre alt sein mochten; Talaos Jungen aber, die damals hinter dem großen Wahuja herliefen und seinen Spitznamen riefen, waren ja ebenso alt gewesen. Ich erinnerte mich auch eines kleinen Mädchens, eines scheuen, flatternden Vögelchens, mit großen, melancholischen Eichhörnchenaugen, die ungefähr zehn Jahre alt war.

»Wieviel Kinder hat Talao denn eigentlich?«

Toko starrte vor sich hin, zählte an seinen Fingern und zeigte mir das Resultat; es waren acht.

»Die beiden ältesten sind erwachsen und arbeiten im Tarofeld. Dann kommen diese beiden.«

Toko faßte sie um den Nacken, einen mit jeder Hand und rüttelte sie tüchtig, während die Knaben sich an seine starken Arme hingen und mit den Beinen nach ihm stießen, halb im Scherz und halb im Ernst.

»Und dann ist da Lea, die jetzt im Frauenhaus ist.«

»Wann werden Leas Zähne gebräunt?« fragte er den ältesten der Knaben und drehte dessen Gesicht zu sich herum.

»Sie ist schon gemalt. Morgen bekommt sie ihren Tapa, und dann feiern wir ein Fest.«

Toko schielte auf die Hütte, ließ die Jungen los und sah mißvergnügt aus.

Das erste Jungfraufest in Talaos Haus – und er hatte nichts darüber erfahren! Das kam davon, wenn man aus seiner Vaterstadt fortzog. Er leckte sich die Lippen beim Gedanken an all das gute Essen.

»Wo sind Vater und Mutter?«

»Vater holt Fisch für morgen, und Mutter lädt die Gäste ein.«

Toko überlegte einen Augenblick. Dann sah er nach der Sonne, was die Uhr sei. In einer halben Stunde war Mittag, dann würde Talao nach Hause kommen, um zu essen.

»Komm!« sagte er, streckte die Hand nach mir aus und sagte tröstend:

»Wenn wir zum Marktplatz eilen (das ist der Platz vor dem Gemeinschaftshaus), werden wir ihm wohl begegnen.«

Er drehte den Kopf und sagte über die Schulter zu den Knaben zurück:

»Grüßt euren Vater und sagt ihm, daß das Gerücht von der Jungfraueinweihung bis nach Wattiwau gelangt und daß Toko zur Stadt des Königs gekommen sei, um Talaos Tochter zu ehren.«

Ich kannte Tokos empfindliches Selbstgefühl und lächelte; Toko aber mißverstand mein Lächeln und zeigte alle seine Zähne, als ob er sagen wollte: den Schmaus hätten wir also gerettet!

Wo der Weg zum Strand umbiegt, trafen wir Talao, er kam über den Hügel, einen Pisangkorb auf der Brust und einen auf dem Rücken, voll von blitzenden Tatloi, fliegenden Fischen und hellroten Muamua Toko lief das Wasser im Munde zusammen; und der Anblick der Muamua erinnerte mich an jenen Tag, als Winawa mich zur Liebe verführen wollte, indem sie mir Muamua zu essen gab, die sie verhext hatte, – und als Ali sich in den Sand warf und schrie, daß wir beide sterben sollten.

Jetzt erkannte ich Talao wieder, seine breite, viereckige Stirn unter dem Kraushaar, die kurze Stumpfnase. Wir hatten damals wenig miteinander zu tun gehabt. Er hielt als einer der größten Männer der Stadt auf seine Würde, war er doch aus dem Totem, das mit Wahujas wetteiferte. Er fand, daß zuviel Staat aus mir gemacht würde. Es war ihm auch nicht recht gewesen, daß ein Verwandter von ihm mir vom König geschenkt wurde. Wir kamen uns erst näher, als ich die Tochter des Königs heimführte – Talao war ein Streber. Und außerdem schmeichelte es ihm, daß ich seine Kinder die hübschesten in der Stadt genannt hatte. Das war ihm von Toko hinterbracht worden; nur hatte er vergessen hinzuzufügen, daß ich auch gesagt hatte: die unartigsten.

Talao war stolz auf sich selbst, auf sein Haus, auf seine Frau, am meisten aber auf seine Kinder, und das mit Recht.

Talao wußte natürlich schon, daß ich zurückgekehrt sei; aber er war zu vornehm gewesen, um mit den andern Neugierigen zum Strand hinunterzukommen. Seine Jungen waren natürlich dagewesen. Daß seine Frau aber auch dagewesen war – seht, das wußte er nicht.

Als Talao jetzt sah, mit wem Toko kam, ärgerte er sich, daß er wie eine Frau, Körbe schleppend, angetroffen wurde. »Die braune Erde« konnte ja nicht wissen, daß er den Fisch bis heute morgen vergessen hatte, als all die Jungen im Tarofeld gewesen und seine Frau bereits auf der Runde mit dem Einladungsbetel war, und für die Knaben waren die Körbe zu schwer.

Er setzte die Körbe auf die Erde, wischte sich den Schweiß vom Gesicht, während seine hervortretenden Augen scharf von mir zu Toko blickten, ob eine Geringschätzung zu spüren sei.

Toko bot ihm seinen herzlichsten Familiengruß:

»Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich,« wiederholte Talao und schlug sich zeremoniell auf die Brust.

Toko sprach von dem großen Familienfest; Talao nickte würdevoll und sagte, daß er sich wohl gedacht habe, daß das Gerücht Toko erreichen und er von selbst wie ein guter Verwandter kommen würde.

Toko nickte. Der Vogel sei über die ganze Insel geflogen mit der großen Neuigkeit in seinem Schnabel, und er sei gleich zu der Stadt des Königs herübergerudert.

»Aber es ist ja erst morgen.«

»Ich weiß es,« log Toko mit Haltung (es war mir aufgefallen, wie viel Lebensart Toko sich in den wenigen Jahren zugelegt hatte), »aber der Vogel hat mir auch gemeldet, daß mein Besitzer zurückgekehrt sei, und da dachte ich gleich, daß ich ihn überreden wollte, seine Augen an dem Ehrentag deiner Tochter über dein Haus leuchten zu lassen.«

Jetzt war die Reihe an mir. Ich zeigte meine Zähne und sagte, daß mein Herz sich sehr ausgeweitet habe, seit ich die gute Neuigkeit erfahren hätte.

Talaos harte Züge glätteten sich. Der Vaterstolz flammte in seinen hervortretenden Augen auf, und die Zähne blitzten über seinem struppigen Backenbart, während er in schöngewählten Worten seine Freude darüber äußerte, mich morgen beim Fest zu sehen.

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