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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Neunzehntes Kapitel

Als ich zurückkam, gab es so viel zu tun, daß ich während der ersten Tage keinen Augenblick Zeit hatte.

Ich ging mit Toko das ganze Lager durch. Es fehlte nichts, aber es war trotzdem eine sehr weitläufige Geschichte; denn Toko kann weder schreiben noch rechnen. Die Abrechnung lag nach seinem eigenen, selbsterfundenen System vor; für jeden Pokon, für den verkauft worden war, hatte er einen hübsch geschnitzten Bambusstab deponiert und für jeden Para einen kleinen runden Stein. Die Abrechnung war beschwerlich, aber sie stimmte bis aufs Haar, und Toko war nicht wenig stolz auf sein Werk.

In dem Hauptbuch, das für Toko ein Tempel ist, wo ein allwissender und allüberschauender Gott wohnt, und das er nie wagen würde anzurühren, hatte der Kapitän des Faktoreidampfers einen Saldo eingeführt, wie es nach Tokos System vorgetragen war, und eine Quittierung über die vierteljährliche Ablieferung und eine vorläufige Bescheinigung über die Richtigkeit der Abrechnung gegeben.

Alles dies mußte ich jetzt durchsehen und endgültig bestätigen.


Eines Morgens, als das Schlimmste überstanden war, machten Toko und ich einen Spaziergang am Strand.

Es wehte ein frischer Wind, und die Brandung jagte den weißen Schaum quer übers Riff in die Lagune.

Tokos Augen hingen an dem tiefblauen Meerstreifen jenseit der weißen Schaumlinie. Er hörte nur mit einem Ohr zu und antwortete einsilbig; denn er witterte Schildkröten, und dann weiß ich, daß nichts mit ihm anzufangen ist; darum ließ ich ihn in Ruh.

Da fiel mein Auge auf Matofas Hütte; Lea und ihr glücklich zu Ende geführter Liebesroman standen lebendig vor meiner Erinnerung.

Ich ging gerade auf die Hütte zu.

Vor der Tür sah ich, wie etwas Lebendiges sich in der Sonne bewegte. Ich ging näher und sah zwei kleine nackte, hellbraune Wesen, die nach Sonnenstrahlen im Sand haschten, mit weitgeöffneten Mäulchen lallten und auf allen vieren krochen.

»Also Zwillinge!«

Ich eilte näher, um Leas Mutterglück zu genießen und ihre Stimme zu hören. Ich war stolz über meinen Anteil an ihrem Schicksal und fühlte mich als Großvater der beiden Kleinen.

Toko war stehen geblieben und blickte, mit beiden Händen die Augen beschattend, zum Riff hinüber.

Ich rief ihn; er kam langsam und zögernd auf mich zu.

»Wo mag Matofa sein?« fragte ich.

Er antwortete nicht, zeigte nur schweigend auf die Tarofelder.

Dann muß Lea doch zu Hause sein, dachte ich und wunderte mich, daß sie die Kleinen hier so allein draußen liegen ließ; das hätte Ali nie getan.

Als ich den Bambuszaun erreichte – den hatte Matofa sich während meiner Abwesenheit zugelegt – sah ich, daß die Kinder nicht allein waren. Jemand lag in dem hohen Gras und gab auf sie acht.

Mein Herz schlug stärker. Ich wollte ihren Namen rufen – und Lea würde aufspringen, die Kleinen ergreifen, eines mit jedem Arm, und ihre Augen würden mir vor Stolz und Mutterfreude entgegenfunkeln.

Im selben Augenblick entdeckte einer der Zwillinge mich und erstarrte vor Verwunderung.

Die Mutter sprang wie eine Hindin im Walde auf, um ihre Kleinen zu schützen.

Aber es war nicht Lea.

Es war ein junges, schwarzhaariges Weib mit einem gewöhnlichen Mund und großen Nasenlöchern, die Augen glichen Leas; aber sie war größer und älter; ich erinnerte mich nicht, sie jemals gesehen zu haben.

Als sie sah, wer es war, der die Kleinen erschreckt hatte, legte sich ein glückliches Lächeln um ihren Mund, und sie zeigte eine Reihe starker, glänzend weißer Zähne.

»Ai!« sagte sie zum Willkommen und nahm dann, wie ich es vorausgesehen hatte, eines der Kleinen in jeden Arm und hob sie stolz in die Höhe.

Es waren Prachtexemplare; aber ich konnte mich nicht über sie freuen. Denn im selben Augenblick ahnte mir, daß Lea, wenn sie noch am Leben war, von einem unsagbar traurigen Geschick getroffen worden sei.

Ein plötzlicher Zorn gegen Matofa packte mich – nein, kein Zorn, Raserei. Hätte er vor mir gestanden, ich glaube, ich würde ihn geschlagen haben.

Das Haus gehörte mir. Ich hatte es ihm Leas wegen geschenkt. Ihr Glück hatte ich begründen wollen, Matofa existierte für mich nur durch sie. Und dieser Knabe hatte das kostbare Kleinod, das ich ihm verschafft, zerbrochen. Er hatte Lea – Alis Ebenbild – aus ihrem Heim, aus ihrem Glück vertrieben!

In diesem Augenblick bereute ich, daß ich nicht Talaos Rat gefolgt war und sie selbst genommen hatte.

»Toko!« rief ich und stampfte vor Wut auf die Erde, wählend das Lächeln von dem Mund der fremden Frau verschwand und sie sich ängstlich gegen die Wand der Hütte drückte.

Toko kam wie ein Hund, der ein schlechtes Gewissen hat.

»Was ist hier geschehen?«

Er fing an zu zittern und schielte zur Seite, als ob er mitschuldig sei.

Dann kehrte ich der Frau den Rücken und eilte nach Hause, von Toko begleitet.

Ich ließ ihn nicht fort, bevor ich alles wußte, was sich während meiner Abwesenheit zugetragen hatte.

Und ich will es hier mit meinen eigenen Worten und in dem Zusammenhang, den ich mir aus seiner bruchstückweisen Erklärung bildete, erzählen.

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