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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Sechzehntes Kapitel

Nur war nicht recht wohl beim Gedanken, zum drittenmal bei Talao anzutreten, und noch dazu mit einem Krüppel. Das vertrug sich nicht sonderlich mit meinem warmen Interesse für Lea, von dem Gesichtspunkt ihres Vaters aus betrachtet; nein, das tat es entschieden nicht. Ich bin nicht furchtsam; aber ich meinte, wenn es zu einem körperlichen Gedankenaustausch käme, so wäre es besser, daß Toko den Anprall entgegennähme; er gehörte zur Familie und hatte nicht soviel zu verlieren; wogegen es für mein Ansehen, ja, für meine ganze Stellung auf der Insel schicksalsschwanger werden konnte, wenn mir etwas Menschliches passierte.

Ich versuchte also Toko zu überreden, den Gang für mich zu machen; ich begegnete aber einem Widerstand, wie ich ihn von einem treuen und gehorsamen Diener nicht erwartet hatte.

Er flehte mich mit Augen, Stirn und Mund an, ja, mit allem, was ihm zur Verfügung stand, dieses, nur dieses nicht von ihm zu verlangen. Seine Augen flackerten wie Flammen im Zugwind, und er war drauf und dran, sich vor mir niederzuwerfen und meine Knie zu umfassen.

Ich sah ein, daß ich es nicht durchsetzen konnte, ohne ein Band in ihm zu sprengen, das stärker war, als ich geglaubt hatte.

Ich überlegte hin und her, und ein Tag nach dem anderen verging; die Sache mit Lea und Palulu war bald eine alte Geschichte, und das falsche Spiel griff ihr trotz ihrer Seelenstärke ans Herz. Es fiel ihr schwer, bei all der Geringschätzung, die ihr von den anderen Mädchen gezeigt wurde, den Kopf hochzutragen; denn keine von den anderen hatte den Krüppel jemals als Mann in Betracht gezogen.

Toko und ich gingen in beständiger Angst, daß die Wahrheit Talao zu Ohren kommen könnte. Wir glaubten nicht recht an die Gleichgültigkeit, die er für Lea an den Tag legte, die doch früher sein Lieblingskind gewesen war. Wir fürchteten, daß er vor der Zeit explodieren und in der Heftigkeit irgendein Unheil anrichten würde. Schließlich kam mir der Zufall zu Hilfe.


Eines Tages nach dem Mittagessen – ich war gerade mit meiner Mahlzeit fertig, hatte meine Pfeife angezündet und mich in meinen Faulenzer gestreckt – das einzig wirklich zivilisierte Stück Möbel, das ich mir auf die Insel mitgenommen habe – als ich durch die tiefe Stille Schritte auf dem Korallenkies meines Gartens hörte.

Vor meiner Tür stockten sie.

Wer kommt zu dieser Zeit, dachte ich. Alle wissen doch, daß das Kistenhaus in der Mittagsstunde geschlossen ist?

Ich wartete, daß mit der flachen Hand über die Tür gestrichen würde, wie die Eingeborenen zu tun pflegen; aber nichts dergleichen geschah.

Da erhob ich mich, ärgerlich über die Störung, ging hin und öffnete die Tür.

Es war Talao.

Dort stand er mit gerunzelter Stirn, düsteren Blickes und mit einem verlegenen Lächeln in seinem struppigen Backenbart.

Ich sah ihm gleich an, daß er in einer Angelegenheit kam, die unter seiner Würde war.

Er tat mir leid, und ich empfing ihn, wie ich Wahuja empfangen haben würde, als Zeichen, daß meine Achtung für ihn nicht geringer geworden sei.

Als wir Betel gekaut hatten, bot ich ihm einen Rum an; das war meine höchste Auszeichnung; er aber schlug ihn mit einer Handbewegung aus, als ob er sagen wollte: Ach, solche Ehre kommt mir nicht mehr zu.

Seiner vornehmen Natur gemäß verschmähte er Umwege. Nach einer Pause atmete er tief auf und ging gleich zur Sache.

»Du hast kein Weib auf deiner Matte,« sagte er und sah sich in der Stube um, als ob er sie zum Zeugen aufrufen wolle, daß ihr eine weibliche Hand fehle, »und du sagst, daß du an meine Tochter Lea denkst.«

Wieder atmete er tief auf, heftete die gewölbten Augen fest auf mich, um die Wirkung seiner Worte zu verfolgen, und sagte:

»Du weißt selbst, was mir für sie geboten worden ist. Seit jenem Tage hat sich kein Freier wieder gezeigt. Sie wirft Schatten über meinen Weg – sie, die früher ein Licht vor meinem Angesicht war.«

Ein feuchter Glanz trat in seine Augen, während sein Blick sich auf alte Erinnerungen richtete; aber er beherrschte sich schnell, und die Augen bekamen wieder ihren harten Ausdruck.

»Wenn sie dir noch leuchtet, dann will ich sie dir für nichts schenken. Es würde ein Glück für sie sein, einen Mann wie dich zu bekommen, und es wäre eine Ehre für meinen Totem. Sie ist es freilich nicht wert, so wie sie sich benommen hat; darum sollst du sie umsonst haben, damit sie dein Haus versorgt und dir Söhne gebiert.«

Ich konnte ihm ansehen, daß er in Gedanken fortfuhr: So wie deine erste Frau es getan hat und es weiter getan hätte, wenn sie am Leben geblieben wäre. Ein natürlicher Takt aber hielt ihn davon zurück, Lea, die auf Abwege geraten war, mit der pflichtgetreuen und fehlerfreien Ali zu vergleichen.

Er wußte ja nicht, daß Lea dafür kämpfte, dasselbe für Matofa zu tun, was Ali für mich getan hatte. Unser falsches Spiel war schuld daran, daß er es nicht wußte und glaubte, daß Lea ihrem armen Freier schon längst den Laufpaß gegeben hatte.

Ich bekam Gewissensbisse, und in diesem Augenblick war ich im Zweifel, ob ich recht gehandelt hatte, als ich mich zwischen Vater und Tochter stellte.

Die ganze Zeit hatte ich hin und her überlegt, wie ich etwas von dem neuen Freier sagen konnte, ohne seinen Namen zu nennen. Jetzt aber schien es mir ganz unmöglich.

»Talao,« sagte ich und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Es ist wahr, daß Lea mir noch leuchtet, obgleich ich sie fast nie mehr zu Gesicht bekomme; aber ich möchte gern, daß sie auch ihrem Vater wie ehemals leuchtet.«

Talaos Augen bekamen wieder jenen feuchten Glanz; aber sie ließen die meinen nicht los und der Tau verschwand schnell daraus.

»In meinen Gedanken ist Lea kein schlechtes Weib. Vielleicht ist sie jung und unvernünftig; ihr Herz aber ist weit.«

Ich machte eine Pause, um zu überlegen, wie ich, ohne ihn zu verletzen, sein Angebot abschlagen könne, das ihn so viel Überwindung gekostet hatte, obgleich es klug und vornehm gemeint war.

»Siehst du, Talao,« sagte ich ernst und sah ihm fest in die ehrlichen Augen. Ich konnte es, denn was ich ihm jetzt sagen wollte, war die volle Wahrheit – »wenn ich mich von neuem verheiraten wollte, dann würde ich deine Tochter Lea nehmen. Ich würde zu dir kommen und sagen: Lea leuchtet mir; wieviel kostet es dich, dich von ihr zu trennen? – Und die Summe, die du fordertest, würde ich bezahlen.«

Talao hob die Brauen voller Verwunderung und Freude. Es linderte die Wunde in seinem Vaterherzen, daß ich Lea trotz allem für voll rechnete. Ich hatte es mir wohl gedacht: seine Gleichgültigkeit war nur eine Maske; er hatte sie noch immer lieb. Und im selben Augenblick fühlte ich die feste Überzeugung, daß ich dennoch richtig gehandelt hatte, denn auch um seinetwillen mußte Lea den bekommen, dem sie angehörte. Er sollte es erleben, sie glücklich zu sehen; sie sollte ihm von neuem leuchten; sie hatten es beide verdient.

»Aber siehst du, Talao, – wie ich dir bereits früher gesagt habe, ich kann Ali nicht vergessen. Seit sie tot ist, habe ich keine Frauen auf meiner Matte gehabt, außer denen, die kommen und gehen. Keine andere soll mein Haus versorgen und mir Söhne schenken.«

Er runzelte die Stirn und gab sich Mühe, den Sinn meiner Worte zu verstehen; aber es glückte ihm nicht.

Ich muß es ihm auf eine andere Weise begreiflich machen, dachte ich und fuhr mit geheimnisvoller Miene fort:

»Wenn ich eine andere Frau in mein Haus nähme und sie mir einen Sohn schenkte, dann würde Alis Geist in der Nacht zu mir kommen und weinen, weil ich sie vergessen habe; und sie würde Purmea über das junge Weib, das ihren Platz eingenommen hat, und über ihre Kinder üben.«

Das konnte Talao verstehen.

Sein Blick wurde dunkel und schwer, und die Lider senkten sich über die gewölbten Augen, während er das Schicksal in seinem ganzen drohenden Umfang erfaßte.

Er seufzte tief auf und legte seine Hand auf meine Schulter als Zeichen seiner Freundschaft und zum Dank für meine Rede.

Ich bot ihm noch einmal meinen Rum an, aber er schlug ihn wie vorhin aus und erhob sich, um zu gehen.

Da bekam ich eine gute Idee.

Ich begleitete ihn ein Stück, und während wir von dem bevorstehenden Tatloifang sprachen und mit Strom und Wind zu Rate gingen, führte ich ihn am Strand entlang, bis wir die Stelle erreichten, wo Matofa mit Tokos Hilfe seine Hütte baute.

Ich wußte, daß keiner von den beiden da war; denn Toko litt in diesen Tagen an seiner Schildkrötenkrankheit und behauptete fest und steif, daß, wenn der Tatloi erwartet würde, auch die Schildkröte sich einfände, um ihren Anteil am Fang zu bekommen. Ich hatte sie heute morgen zusammen flüstern hören und Toko vom Bauplatz zu seinem kleinen schwarzen Kanu schleichen sehen, von Matofa begleitet. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn er wußte, daß ich es nicht leiden konnte, wenn er von seiner Arbeit fortging.

Ich führte Talao dicht an der Stelle vorbei und blieb wie in Gedanken stehen.

Die Grundbalken waren gelegt. Sie lagen in einem hübschen Viereck, sauber und akkurat, wie alles, was Tolo sich vornahm. Da war sogar ein Fundament von weißen Korallensteinen, ebenso wie das, welches jetzt die Einfriedigung um Alis Grab bildete.

Ich sah, wie Talaos Augen voller Wohlbehagen auf der hübschen Arbeit ruhten. Es war offenbar, daß er noch nichts davon gehört hatte; er war ein viel zu angesehener Mann, um auf Klatsch zu hören.

Er war nicht wie Wahuja, der sich trotz seiner Vornehmheit durch heimliche Verbindungen von allem unterrichten ließ, was passierte, nicht nur in der Stadt, sondern auf der ganzen Insel.

Ich tat ganz unbefangen und blickte über das Riff nach dem Stromwechsel aus, während Talao sich den Kopf zerbrach, um herauszufinden, wem diese Hütte gehöre, die so weit von der Stadt entfernt lag. Es war unter seiner Würde, zu fragen, schließlich aber mußte er sich doch dazu entschließen.

»Wer baut sich eine Hütte so weit von der Stadt entfernt?« fragte er.

»Ach,« sagte ich gleichgültig und wandte meinen Blick vom Riff ab, »es ist nur Matofa, du weißt, der Sohn der Wasserträgerin. Er hat sich ein wenig Tabu verdient, und ich habe Toko erlaubt, ihm beim Bauen einer Hütte behilflich zu sein.«

Wenn ein junger Mann eine Hütte baut, bedeute es, daß er heiraten will.

Talao schlug die Augen nieder und wandte sich zum Gehen.

Ich konnte ihm ansehen, daß es Eindruck auf ihn gemacht hatte. Indem wir auf den Kokoshain zugingen, drehte er den Kopf nach der Lagune um; diesmal aber nicht, um die Stromverhältnisse zu prüfen, sondern seine Augen weilten auf dem hübschen kleinen Viereck, das in der Sonne leuchtete.

Talao sagte noch immer nichts; plötzlich aber richtete er sich auf und schritt schneller aus.

Ich dankte ihm für seinen Besuch, und wir schieden als die besten Freunde.

Als ich nach Hause kam, hatte ich das Gefühl, daß ich eine günstige Gelegenheit verpaßt hätte.

Talao mußte ja glauben, daß Matofa bereits eine andere gewählt habe. Hätte ich ihm nicht rein heraus sagen müssen, daß Matofa Lea nicht vergessen könne und das Haus für sie baute?

Ich hatte mich überhaupt wie ein Esel benommen. War es nicht eine Dummheit, daß ich Lea nach ihrem vollen ursprünglichen Wert geschätzt hatte, ohne Rücksicht auf unseren Plan, nur um sein Vaterherz zu erfreuen?

Ich wußte ja, daß meine Wertschätzung in Talaos Augen mehr galt als die der Mahuramänner.

Dadurch daß ich Lea in seinen Augen hob, hatte ich die Sache nur noch schwieriger gemacht. Das Mädchen, das ich geheiratet haben würde, wenn Ali nicht gewesen wäre, konnte Talao doch unmöglich einem armen Burschen wie Matofa geben.

Wahuja hatte recht wie immer: wenn man auf sein Herz hört, macht man gewöhnlich Dummheiten.

Ich sah ein, daß ich Talao nicht schonen könne. Jetzt mußte der Krüppel ins Treffen geführt werden. Und da Toko es nicht wagte, mußte ich die Exekution selbst vornehmen.

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