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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Fünfzehntes Kapitel

Zwischen den jungen Leuten war einer, dessen eines Bein kürzer war als das anders. Sein Name war Palulu, aber er wurde nie anders als »der Krüppel« genannt. Nicht um ihn zu verhöhnen oder zu betrüben, sondern weil es nun einmal sein Name geworden war, und er nannte sich selbst auch so.

Von Kind an war er gewöhnt, von den anderen über die Achsel angesehen zu werden und abseits zu stehen. Er konnte ja nicht recht an ihren Spielen teilnehmen, und bei der Arbeit war er immer der letzte; aber trotzdem war er froh und guter Dinge.

Eigentlich arm war er nicht, und sein Vater war ein geachteter Mann; aber selbst seine Eigenen rechneten ihn nicht für voll.

Ich begegnete ihm eines Morgens, als er aus dem Gemeinschaftshaus kam und über den Strand ging, um sein Morgenbad zu nehmen, und sofort kam mir der Gedanke: er soll um Lea anhalten.

Toko wurde verständigt. Er sah mich zuerst verblüfft an, als ob er sagen wollte: Nein, weißt du, dazu ist Lea wirklich zu gut; dann aber erinnerte er sich, daß sie es ja auch gerade sein sollte.

Es bestand die Gefahr, daß Talao sich bei einem zweiten niedrigen Angebot so ärgern würde, daß er gleich zuschlug; das durfte aber erst geschehen, wenn wir mit Matofa kamen, sonst wäre ja unser ganzer Plan ins Wasser gefallen. Bei dem Krüppel aber meinte Toko dafür einstehen zu können, daß wir kein Jawort von Talao riskierten.

Toko machte sich also an den Krüppel heran, der sich unendlich beehrt fühlte und nicht wußte, auf welchem Bein er stehen sollte, auf dem kurzen oder dem langen.

Toko weihte ihn in das Notwendige ein; und er fand, daß ihm eine große Ehre zuteil würde. Der Gedanke, daß Lea auf seiner Matte ruhen solle, in des Wortes eigenster Bedeutung – bei ihm, einem armen Krüppel, den alle Mädchen auslachten –, erschien ihm so fern, ja geradezu lächerlich, daß es diesmal nicht schwer fiel, Lea zu überreden.

Ich selbst schlug es ihr vor. Toko hatte keinen rechten Mut dazu; denn schließlich war Talao doch sein Verwandter, und Lea war zu gut, als daß die Leute auch nur glauben sollten, daß sie auf der Matte des Krüppels schliefe.

Es war lange her, seit Lea offenkundig neben Matofa gesessen hatte; das wagte sie nicht; und nachts suchte sie seine Matte erst auf, wenn es ganz dunkel geworden war und niemand mehr darauf achtete, was andere vornahmen.

Auch bei Wadi wagte sie nicht mehr zu sitzen; das hätte Talao ihr niemals verziehen.

Darum pflegte sie am Feuer allein zu sitzen, etwas von den anderen entfernt; und abends, solange es im Gemeinschaftshaus noch dämmerig war, drückte sie sich unter dem Dach gegen die Wand.

Ihre Brüder hörten weder, noch sahen sie, was sie vornahm; sie hatten sie schon lange aufgegeben; und außerdem hatten sie Angst vor Toko.

Eines Abends bei der gemeinsamen Mahlzeit sahen die Jungen, wie Lea sich von ihrem einsamen Platz erhob. Sie sahen, wie sie ums Feuer ging, bis sie den Krüppel erreichte.

Sie verdrehten sich die Köpfe, um zu sehen, ob es wirklich möglich sei.

Wahrhaftig, es war so. Mit großen, runden Augen, mit lautem »Ai! Ai!« sahen sie, wie die Tochter des angesehenen Talao jetzt so tief gesunken war, daß sie sich neben einen Krüppel setzte.

Sie sahen, wie er heranrückte, die Lippen blau vor Gemütsbewegung, um ihr ganz nahe zu kommen und vorsichtig, unendlich vorsichtig mit seinem mageren Arm über ihren weichen, daunigen Rücken zu streichen.

Man sah, wie sie sich erhoben, als sie mit Essen fertig waren; und die Jungen gingen in einem großen Bogen um sie herum, um den Anblick zu genießen, wie der Krüppel mit Talaos Tochter davonhumpelte, auf die Tür des Gemeinschaftshauses zu, wo sie verschwanden, erst sie und dann er.

Es dauerte lange, bis an jenem Abend Ruhe im Gemeinschaftshause eintrat. Solange noch ein Lichtschimmer da war, reckten alle die Hälse von ihren Matten nach dem Krüppel und Lea hinüber. Von ihnen glitten die Blicke zu Matofa, der sich wie in tiefer Beschämung auf seiner einsamen Matte duckte, und von ihm zu Wadi, der sich auf seiner Matte zusammenrollte und die Hände übers Gesicht legte, ja, sie ganz in den Hals hineinstopfte, um nicht in Lachen auszubrechen.

Wadi hatte es ja selbst einmal erlebt und wußte, was es bedeuten sollte. Er hatte sein Messer dabei verdient und würde sich schön hüten, etwas zu verraten; denn da war ein anderes blankes Ding mit zwei langen, spitzen Beinen und zwei Löchern im Kopf, und wenn man einen Finger in jedes Loch steckte und sie zusammenklemmte, dann schlug das Tier die Beine zusammen und schnitt alles in zwei Stücke, was ihm in den Weg kam, kurz gesagt, eine Schere. Und dieses Tier hatte noch kein Mahuramann bisher gesehen. Es war ein neues Wunder, das mit dem letzten Schiff von dem großen, edlen Stamm gekommen war, dem ich angehörte und der sich so lebhaft für die lieben Freunde auf der Insel Pelli interessierte.

Dieses merkwürdige Tier hatte Toko Wadi auf eigene Faust versprochen, wenn er schweigen würde.

Wadi hätte auch für weniger geschwiegen – ja, rein heraus, um das Vergnügen zu haben, Talao zu ärgern, dem er noch etwas für den Fußtritt schuldig war, den er damals für die fünf Pokon bekommen hatte.

Ach, diese Freierei war eine köstliche Geschichte. Die beste, in die er seine Nase während seines mit Spitzbubenstreichen reich versehenen Lebens bisher gesteckt hatte. Sie war den Fußtritt wohl wert. Und außerdem hatte er noch das Messer als Zugabe bekommen.

O, Wadi würde sich hüten, etwas zu verraten.

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