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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
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Vierzehntes Kapitel

Der Dampfer kam. Toko und ich hatten alle Hände voll zu tun, Waren empfangen, registrieren und abliefern.

Acht Tage – solange blieb der Dampfer – glitt ich in die Zivilisation zurück. Ich aß an Bord, und der Kapitän war abends mein Gast.

Das Wetter war ungewöhnlich milde. An den warmen Abenden lagen wir in bequemen Faulenzern vor meinem Haus und starrten zu dem strahlenden Himmel über der Lagune hinauf, während wir rauchten und Whisky tranken und von frohen Tagen in Batavia sprachen, als wir beide jung waren.

Er mußte mir alles erzählen, was es im Büro der Faktorei an Klatsch und Streitigkeiten gab, von neuen Angestellten, die aus dem alten Land gekommen waren. Wir waren beide im Dienst ergraut, und nichts belustigte uns mehr, als wenn so ein junger Kontordachs mit einer patenten Tropenausrüstung aus Europa kam, um neuen Wein auf unsere alten Lederflaschen zu füllen, und dann im Handumdrehen mit Whisky und Old Tom bei 30°R im Schatten matt gemacht wurde, so daß er spornstreichs ins Sanatorium in die Berge hinaufgeschickt werden mußte.

Als wir es schließlich satt hatten, alte Erinnerungen aufzufrischen und es nichts Neues mehr zu erzählen gab, spielten wir etwas Hasard und rasselten mit Würfeln, die jeder anständige Seemann in diesen Gegenden an Bord hat. Wir gingen auf Jagd in die Dschungeln, aber wir wurden es bald müde, Fruchttauben und grüne Papageien zu schießen; auch die fliegenden Hunde sind nichts für einen Jäger. Sie hängen wie aufgereihte Schinken unter den Ästen und warten darauf, daß man sie herunterknallt; das ist keine ordentliche Jagd.

Toko begleitete uns überallhin; auch abends, wenn wir tranken, saß er auf seiner Matte zu unseren Füßen und lauschte mit großen, weit aufgerissenen Augen unserer seltsamen Sprache, lachte, wenn wir lachten, und runzelte die Stirn, wenn wir schwiegen und traurigen Erinnerungen nachhingen.

Der Kapitän gab ihm Whisky zu schmecken, den er aber gleich wieder ausspuckte. Dagegen fand er großen Gefallen an den frischen, grünen Zigarren, die sehr stark sind; er rauchte zwei, klagte aber am nächsten Morgen, daß Zauberei in ihnen gewesen sei, denn die Geister der Insel wären in der Nacht bei ihm gewesen und hätten furchtbar in seinem Kopf rumstiert. Was sie getan hatten, wußte er nicht mehr; aber der Kopf täte ihm noch weh von ihrem Spektakel; und er war nicht zu bewegen, wieder zu rauchen, obgleich es ihm so gut geschmeckt hatte, daß er noch mit den Lippen schmatzte, wenn er daran dachte.

Am Tage vor der Abreise gab der Kapitän ein splendides Mittagessen. Das war die letzte Erinnerung an die Zivilisation, von der ich in den nächsten drei Monaten zehren sollte. Ich muß sagen, sie erinnerte mich während der ersten beiden Tage kräftiger als mir lieb war.

Es ist eine eigene Sache, aber wenn man sich von ordentlichen Fleischspeisen und Butter und all dem entwöhnt hat, was man auf der Insel entbehren muß und was man eigentlich erst mit Bewußtsein entbehrt, wenn der Dampfer in der Lagune vor Anker geht, dann hüpft einem das Herz im Leibe, und man meint, daß man jetzt wieder auflebt; kaum aber sind acht Tags vergangen, dann sieht man ein, daß es im Grunde eine Enttäuschung war, und freut sich diebisch, obgleich man es sich nicht recht eingestehen will, wenn der Dampfer die Anker lichtet und man wieder in Ruhe und Frieden auf seiner Insel zurückbleibt.

So ist es mir jedenfalls immer ergangen; aber ich weiß auch, daß es andere gibt, die während der ersten acht Tage nach Abfahrt des Dampfers mit Selbstmordgedanken herumgehen und erst Frieden bekommen, wenn die Hoffnung auf den nächsten Besuch wieder in ihrem Gemüt Einzug hält; drei Monate nehmen ja doch schließlich mal ein Ende.

Sie schmecken das Abschiedsmittagessen des Kapitäns noch einen ganzen Monat lang und wenden und drehen jedes Wort, das in den milden Abenden beim Whisky gesprochen worden ist, bis der biedere Kapitän mit einer Glorie dasteht, als ob sein Besuch ein märchenhafter Traum gewesen sei.

Ach ja, der Mensch ist ein seltsam Ding. Wird ihm die Erinnerung zu schwer, dann legt er Hoffnung in die andere Wagschale, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist.

Na, für diesmal war es also vorbei. Ich hatte zu Tokos Besorgnis zwei Tage einen großen Kater; er meinte, daß es Zauberei sei, und schlug mir einen Besuch bei Kabua-Kenka vor; aber es ging von selbst über, und ich fühlte mich bald wieder zu Hause auf meiner lieben Insel.

Während der ganzen Zeit hatte ich keine andere Verbindung mit der Stadt des Königs und dem Leben in derselben gehabt, als den offiziellen Besuch, den der Kapitän dem König und Wahuja machte und bei dem ich als Dolmetscher fungierte.

Ich ahnte nicht, was aus Lea oder Matofa geworden war, aus Talao oder Wadi. Toko, der sozusagen Tag und Nacht mit uns gewesen war, wußte auch nicht mehr als ich.

Wir hatten die Bewohner der Stadt gesehen, wenn sie vormittags zum Strande strömten, um den Dampfer draußen in der Lagune zu bewundern und das kleine weiße Kanu des Kapitäns mit seinem Javaboy, der auf der Ruderbank saß und grinste; zu den neuen Warenkisten bekamen sie keinen Zutritt; sie wurden dem Publikum erst nach Abgang des Schiffes geöffnet. Ich war zu beschäftigt gewesen, um darauf zu achten, ob einige meiner näheren Bekannten zwischen den Neugierigen gewesen waren.

Toko hatte, bereits bevor der Dampfer kam, sowohl von mir wie von Talao alles Nähere über die unglückselige Freierei erfahren. Es war ihm schwer gefallen, sich als Mitglied der Familie mit den fünf Pokon zu versöhnen; er konnte sich nur zu gut in Talaos Lage hineinversetzen; anderseits aber: die Sache ging ja nach Wunsch; er war mein Eigentum und mußte mir gehorchen; darüber herrschte kein Zweifel in seinem Herzen.

Einige Wochen mochten vergangen sein. Lea hatte ich nur ein einziges Mal gesehen. Sie war allein vom Felde gekommen mit einem Korb frischer Tarozwiebeln auf dem Kopf. Die anderen Mädchen folgten in einiger Entfernung, indem sie ihr einförmiges Lied sangen, das in dem beständig wiederkehrenden Takt auf und nieder wogt.

Sie sah mich nicht; ich aber sah die große Veränderung, die mit ihr vorgegangen war.

Das kindlich Träumende war aus ihrem Gesicht verschwunden. Die Stirn war zu einer tiefen Falte zwischen den Brauen zusammengezogen, die ihren schönen, keuschen Bogen verloren hatten; sie lagen jetzt schwer in einer harten, geraden Linie über den Lidern. Man konnte deutlich sehen, daß sie Talaos Tochter war. Sein harter, fester Sinn war es, der das Kind aus ihrem Herzen verdrängt hatte. Der Mund war fest geschlossen; aber er war noch schön, ja, fast noch schöner als sonst; und unter seinem Schmerz barg sich eine unsagbar feste Entschlossenheit.

Sie war magerer geworden, nur die Hüften hatten sich gerundet, und ihr Gang trug dasselbe Gepräge von starkem Willen wie ihr Gesicht. Trotz dieser inneren Festigkeit aber lag ein rührender Ausdruck von versagendem Verständnis in ihrem Blick, der einen seltsam leuchtenden Glanz hatte, wie man ihn bei Brustkranken findet.

Der Anblick ging mir zu Herzen. Ich meinte, daß ich zu ihr gehen und sie trösten müßte. Was aber sollte ich sagen, und was hatte sich in ihrer Häuslichkeit zugetragen?

Ich wich ihr aus; als ich aber nach Hause kam, befahl ich Toko, mir Bescheid zu verschaffen.


Einige Tage darauf kam Toko und erzählte, daß Lea noch immer auf Matofas Matte schliefe, daß aber Talao sie nach der Freierei in scharfes Verhör genommen habe, um zu erfahren, was zwischen ihr und Wadi vorgegangen sei, da er sie so niedrig eingeschätzt hatte.

Lea war stumm gewesen. Sie konnte nichts von Wadi erzählen, denn sie wußte ja nichts; und sie wollte nicht eingestehen, daß Matofa sie noch auf seiner Matte habe.

Talao hatte sie wieder geschlagen. Darauf sei sie fortgelaufen und nicht wieder zu Hause erschienen, bevor ihre Brüder sie auf dem Felde aufsuchten und ihr sagten, daß Talao sie nicht mehr schlagen würde.

Da kehrte sie nach Hause zurück; Talao sprach kein Wort mit ihr, aber ließ sie gewähren.

Das geht nicht so weiter, dachte ich. Entweder muß sie von Matofa lassen und sich ernsthaft zu einem anderen entschließen, oder aber wir müssen unsern Plan zu Ende führen und Talao so tief demütigen, daß es keinen anderen Ausweg mehr für ihn gibt, als Matofa als Freier anzuerkennen.

Ich beauftragte Toko, mir Matofa zuzuführen, und hielt ein Verhör über ihn ab, bis er wie ein Hund zu meinen Füßen heulte.

Er könne und wolle nicht von Lea lassen; wenn sie von seiner Matte ginge, würde er sich zu den Geistern in die Sümpfe stürzen.

Ich fragte ihn aus, was er für ihre gemeinsame Zukunft zu tun gedächte.

Er schüttelte hilflos den Kopf.

Ich gab ihm Arbeit bei meinem Hause; er sollte mir einen Zaun nach Tokos Anweisung bauen.

Zwei Tage hielt er es aus; am dritten war er verschwunden.

Ich fragte Toko; er zuckte die Achseln und blickte zur Seite. Ich konnte ihm ansehen, daß er mehr wußte, als er sagen wollte.

Ich schickte ihn fort, um Matofa zu suchen; Toko würde schon wissen, wo er zu finden sei. Und richtig erschien er bald darauf mit dem Burschen.

Ich hatte mir vorgenommen, Matofa ordentlich den Kopf zu waschen; als er aber zitternd und bebend vor mir stand, während seine Lider sich heftig über seinen scheuen Hundeaugen hoben und senkten, da begriff ich plötzlich, was der Grund zu seiner Flucht gewesen war.

Meine Absicht war gewesen, Matofa so gut zu lohnen, daß er etwas zurücklegen konnte. Ich hatte bestimmt, daß er bei Toko schlafen sollte, solange er bei mir Arbeit bekam; denn ich hatte mir gedacht, daß es gut sein würde, ihn eine Weile von Lea zu trennen. Ich wollte sie durch diese Trennung prüfen.

Wenn er etwas taugt, hatte ich bei mir gedacht, dann wird die Trennung ihn lehren, an die Zukunft zu denken, und er wird sich ins Zeug legen, um etwas für ihre gemeinsame Häuslichkeit zu verdienen.

Aber ich hatte meine Rechnung ohne Lea gemacht. Sie hatte eine andere Meinung von der Sache. Sie fand nicht, daß eine Liebesprobe notwendig sei; keine einzige Nacht wollte sie ihn entbehren.

Je mehr sie seinetwegen leiden mußte, desto mehr ging sie in ihrer Liebe auf, die ihr Vater, Mutter, Geschwister und Freunde ersetzte.

Wenn ich nicht in der Nähe war, hatte sie hinterm Zaun des königlichen Kokoshains gestanden und Matofa Zeichen zugemacht, bis er nicht länger widerstehen konnte und verschwand. Toko wollte nicht eingestehen, daß er etwas gesehen hatte; sein Gemüt war noch so jung, daß er ein Auge zugedrückt hatte.

Da schmolz mein Herz, und ich versprach Matofa, ihm Material zu leihen, damit er sich eine Hütte bauen könne.

Toko sollte ihm helfen, und er mochte bis auf bessere Zeiten im Gemeinschaftshause schlafen.

Matofa machte einen Luftsprung. Ich hatte nicht geglaubt, daß er so lachen könne; er sah sonst immer so blaß und betrübt aus.

Er warf sich vor mir nieder und umfaßte meine Knie, und schließlich strich er mir mit seinen flachen, schmutzigen Händen übers Gesicht; das ist der höchste Ausdruck für Dankbarkeit auf der Insel Pelli.

Matofa arbeitete wie ein Pferd, und indessen fuhren Toko und ich fort, für die gute Sache zu wirken.

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