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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Als ich einige Tage später zeitig am Morgen über die Königsstraße ging, begegnete ich der Jugend, die aus dem Gemeinschaftshaus kam.

Dazwischen war auch Lea; aber es war nicht Matofa, an dessen Seite sie ging, sondern ein hochaufgeschossener, junger Mensch mit breiter, flacher Nase, hoher, eckiger Stirn und sehr kräftigem Haarwuchs.

Sie sprachen vergnügt zusammen. Er legte den Kopf in den Nacken und zeigte alle seine Zähne; und Lea, die ich nicht gesehen, seit sie in meiner Hütte gelegen hatte, den Kopf gegen meine Knie, die Augen noch blank von Tränen – ging dort lachend in der Sonne, als ob nie ein Matofa existiert habe.

Ich wollte meinen eigenen Augen nicht trauen; hatte Lea wirklich ihren Sinn nach dem Wunsch ihres Vaters bekehrt?

Der, neben dem sie ging, war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, Wadi hieß er. Toko hatte ihn mal mit zu meinem Kistenhaus gebracht, wo er sich einen Strohhut kaufte.

Indem ich vorbeiging, war mein erster Impuls, sie anzureden. Aber ich unterließ es, denn ich wollte ungern enttäuscht werden.

Als sie mich sah, schlug sie zum Gruß mit der Hand aus – die scheue und keusche Lea lächelte mir ohne Verlegenheit zu, ja, sie kniff sogar die Lider zusammen und blickte mich verstohlen an, als ob meine Verblüfftheit sie belustigte.

Ich sah mir den langen Burschen an, der so vertraulich neben ihr ging und mit den Armen fuchtelte. Er hatte ein plumpes und häßliches Gesicht. War es wirklich möglich?

Auch einige der Jungen wunderten sich. Einer von ihnen ging hinter Wadi her, schlenkerte mit den Beinen und schlug mit den Armen aus, ebenso wie er es tat; und zwei andere zeigten auf Lea und ihren neuen Schatz, als sie vorbeigingen, rümpften die Nase und zogen die Oberlippe hoch, als ob sie sagen wollten: Pfui Teufel, was für ein Geschmack!

Ich fühlte mich bis ins Herz getroffen. Ich hatte Lea mit Ali auf eine Stufe gestellt, und jetzt war es mir, als habe etwas Unreines Alis Andenken berührt.

Ich bedauerte den armen Matofa, der in die Dunkelheit zurückgeglitten war, aus der Leas Jungfrauaugen ihn an ihrem Festtag zum Licht emporgezogen hatten.

Und jetzt verstand ich auch, warum Toko in der letzten Zeit so verschlossen gewesen war. Er hatte dieselbe Enttäuschung in seiner schnell entzündeten Begeisterung erlebt wie ich. Wenn Lea abtrünnig geworden war, gab es für uns keine Verwendung mehr.

Die Jungen kamen über den Marktplatz daher, zwei und zwei in einer langen Kette, die in dem offenen Türloch des Gemeinschaftshauses endete. Unter den letzten war Matofa.

Ich erkannte ihn schon von weitem an seiner helleren Haarfarbe. Armer Bursche, dachte ich und näherte mich ihm, um ihm einige ermunternde Worte zu sagen.

Matofa blickte auf. Ich erwartete Verzweiflung in seinem Gesicht zu lesen; aber keineswegs. Er lächelte mir zu und schlug mit der Hand zum Gruß aus, als ob er sagen wollte: Du bist also auch draußen in dem herrlichen Wetter.

Ich war erstaunt, ärgerlich, beschämt. Bist du selbst alt und sentimental geworden, dachte ich, oder ist alle Liebe von Alis Insel verschwunden?

Du hast dich ordentlich zum Narren halten lassen; wie wird Talao sich über dich lustig machen!

Ich nickte kurz und bog vom Weg ab.

Matofa war für mich erledigt; und es dauerte eine Weile, bevor es mir glückte, einzusehen, daß es ja nur erfreulich sei, daß man keinen Gebrauch mehr für meinen Trost habe; aber es blieb doch wie ein Stachel der Enttäuschung in mir zurück, daß diese beiden jungen, starken Seelen auseinandergerissen waren, ohne daß eine einzige Saite dadurch gesprungen schien.

Es ist das letztemal, daß ich mich in anderer Liebesangelegenheiten mische, gelobte ich mir selbst und kehrte zu meiner Einsamkeit zurück, um eine schöne Illusion ärmer.

Nachmittags hörte ich Toko nach Hause kommen.

Er hatte sich ein kleines Tarofeld oben hinterm Hain gekauft. Das gab ihm allerhand zu tun; außerdem hatte er seine Schildkröten zu versorgen, sein kleines schwarzes Kanu lag immer bereit, um ihn überzusetzen, wenn er glaubte, daß Strom und Brandung dem Schildkrötenfang günstig seien.

Außerdem waren da noch die Reusen auf meinem alten Fischplatz hinter den weißen Korallenpfählen. Sie gehörten mir, aber er versorgte sie, und dafür teilten wir den Fang.

In der letzten Zeit hatte ich ihn sehr wenig gesehen. Wenn ich des Morgens mein Kistenhaus öffnete, war er schon fort, und er kam erst abends nach Hause, wenn ich bei meinen Büchern saß und Kasse machte.

Es war gegen Schluß des Quartals, und der Dampfer war in einer Woche fällig.

Dann würde Toko noch mehr zu tun bekommen, da er Warenkisten in Empfang nehmen und den Vorrat von Kopra, Bananen, rohem Öl, Schildkrötenschalen und Trepang, die wir als Bezahlung ausgeliefert bekommen hatten, abliefern mußte.

Wenn Toko guter Laune ist, stößt er alle möglichen Naturlaute aus; er muß sich Luft verschaffen.

Ich hörte ihn schon von weitem jauchzen. Als er herangekommen war, erhob ich mich und rief ihm durch das offene Fenster zu.

Ich gab ihm Aufträge für den nächsten Tag und erinnerte ihn daran, daß wir das Schiff demnächst erwarten könnten; er müsse sich bereithalten.

Ich erwartete, daß er mir von dem Ereignis mit Lea und Matofa erzählen würde; dadurch war ja der Aufgabe, die ihm anvertraut war, ein Ende gemacht worden; aber nichts dergleichen geschah. Er saß auf seiner Matte, spreizte seine Zehen und reinigte sie von Gras und Sand, die sich im Laufe des Tages dazwischen festgesetzt hatten.

»Na,« sagte ich schließlich, »jetzt hat Lea sich also anscheinend dem Willen ihres Vaters gefügt und Matofa den Laufpaß gegeben.«

Er blickte von der Seite auf und wartete, ob ich fortfahren würde.

Ich erzählte, was ich gesehen hatte, indem ich mich bemühte, meine Enttäuschung zu verbergen, und bemerkte ruhig, ohne ihn anzusehen:

»Du hast also doch recht bekommen: Lea hat Talaos Herz.«

Da konnte Toko nicht länger an sich halten. Er warf den Kopf in den Nacken und schlug sich auf die Schenkel, während das Lachen ihm aus der Kehle brodelte.

Es war respektwidrig und ungezogen, sich über seinen Herrn lustig zu machen; aber ich verzieh es ihm, als ich die Ursache erfuhr.

Die Komödie war bereits im vollen Gange. Toko hatte es mir nur hinterlistig verschwiegen. Es ist seine größte Freude, mit einer vollbrachten Tat herauszurücken und meine Überraschung zu genießen. Und gleichzeitig ist es weltklug, weil die Erfahrung ihn gelehrt hat, daß die Belohnung größer ausfällt, wenn man jemanden überrumpelt.

Wadi war ein junger Mann mit Humor und Geschäftstalent. Toko hatte ihn ausfindig gemacht und das Notwendige mit ihm verabredet. Wadi fand, daß es ein herrlicher Spaß sei, daß er aber noch besser gewesen wäre, wenn man ihm erlaubt hätte, die Rolle gründlich zu spielen; er hätte Lea gern wirklich auf seiner Matte gehabt und machte geltend, daß das der Sache nur nützen würde; Toko war nicht abgeneigt, ihm recht zu geben; aber es scheiterte an Leas und Matofas energischem Widerstand.

Wadi mußte sich damit begnügen, daß Lea sich eines Abends, wie verabredet, von ihrem Platz an Matofas Seite erhob und vor aller Augen ums Feuer ging, sich dicht neben ihn setzte und ihr Abendbrot verzehrte, während Matofa niedergeschlagen seine Finger leckte und wie ein Held Mitleid und lauten Spott der Zunächstsitzenden einsteckte.

Lea ging vor aller Augen mit Wadi ins Gemeinschaftshaus. Es war noch nicht ganz dunkel; und alle konnten sehen, daß Lea auf Wadis Matte Platz nahm, während Matofa sich traurig und einsam auf seine eigene, in der entgegengesetzten Ecke, streckte.

Als aber die Dunkelheit sich still und schwer auf den Raum gesenkt hatte und es in allen Tonarten des Einschlummerns ringsherum zu stöhnen und seufzen und prusten begann, da erhob. Lea sich still und schritt zur Wand, als ob sie einem dringenden Naturgebot gehorchte; und längs der Wand schlich sie zu ihrer alten Matte in Matofas Arme. Vor Tagesgrauen ging sie denselben Weg zurück. In der Dämmerung sah man, wie sie ihre Glieder auf Wadis Matte reckte; man sah, wie sie sich erhob und an seiner Seite aus der Tür des Gemeinschaftshauses ging.

Toko gestand, daß er, um dies zu erreichen, einen Wechsel auf meine Kisten gezogen, von deren Inhalt Wadi sich überzeugt hatte, als er damals seinen Strohhut kaufte.

Ein herrliches Sirzence-Messer aus Sheffield hatte ihm in die Augen gestochen; er sah es im Wachen und Träumen vor sich. Jedesmal, wenn Lea sich in der Dunkelheit der Nacht erhob und seine Matte verließ, stellte er es sich recht lebhaft vor; und die beiden Klingen, die so klar wie Wasser waren, daß man sich darin spiegeln konnte, verdunkelten Lea und erstickten den Seufzer in seinem Herzen.

Toko hatte dafür gesorgt, daß das Gerücht von Leas Wankelmut Talao zu Ohren kam; er hatte den ältesten von Talaos Jungen, die noch zu Hause waren, als Spion geworben. Von ihm erfuhr er, daß Talao sich nach Wadi erkundigt und gute Auskunft bekommen hatte. Sein Totem war gut, das Vermögen seines Vaters nicht zu verachten, und wenn Talao Leas beklagenswerte Halsstarrigkeit in Betracht zog, so war es immerhin eine noch bessere Partie, als er erhofft hatte; denn es konnte leider nicht in Abrede gestellt werden,, daß Lea durch die ärgerliche Geschichte mit Matofa, die sich herumgesprochen hatte, an Wert gesunken war. Gute Freunde hatten Gelegenheit gefunden, sich mit unschuldiger Miene zu erkundigen, wann Leas Hochzeitsbananen gegessen und wo sie und Matofa wohnen würden.

Wir ließen eine passende Zeit verstreichen, damit Talao sich noch eine Weile in Geduld üben könne. Dann traten wir der Sache mit Wadi näher.

Eines Morgens führte Toko ihn zu mir. Er durfte das Messer betrachten und sich in den Klingen desselben spiegeln; und nachdem wir genau überlegt hatten, was wir sagen wollten, ging ich mit ihm zu Talao; wir wollten um Lea anhalten.

Talao war, wie es sich bei besseren Leuten auf der Insel gehört, von unserm Kommen unterrichtet; und wie die Sitte es erfordert, beobachtete er eine entsprechende Zurückhaltung bei unserm Empfang. Obgleich seine kleinen Mädchen, die auf dem Wege vor dem Zaun gespielt hatten, ganz weiß von Staub, vorangelaufen waren und unser Kommen laut angekündigt hatten, war der Garten vorm Hause doch leer und die Türmatte zugezogen.

Wir schoben sie beiseite und traten in die Hütte.

Talao begrüßte uns zeremoniell und tat sehr erstaunt bei Wadis Anblick. Er runzelte die Stirn und riß die Augen auf, als ob er vergeblich in seinem Gedächtnis forschte, wer der junge Mann sei und wo er ihn bereits früher getroffen habe.

Ich nannte Wadis Vater und sagte, welchem Totem er angehörte.

Damit war der Form Genüge getan, und Talao schob uns Matten hin. Ich bekam die feinste an der linken, der Herzseite, während Wadi die rechte angewiesen wurde.

Dann zog Talao sein Messer hervor, suchte Betelnüsse aus und bereitete sie unter dem erwartungsvollen Schweigen, das nur ungebildete Menschen unterbrechen.

Ich bekam zuerst eine, und Wadis Betel wurde etwas kleiner als der meine.

Wenn Talao, der noch der alten Schule angehörte, sorgfältig vermied, Wadi mehr zu geben, als ihm zukam, so tat er das, um ihm zu verstehen zu geben, daß er länger auf sein Kommen hatte warten lassen, als ein Mann von Talaos Rang und Bedeutung beanspruchen konnte.

Talao betrachtete es als einen wenig seinen Versuch, den Preis zu drücken, was Wadi niemals gewagt hätte, wenn nicht die ärgerliche Geschichte mit Matofa dazwischengekommen wäre. Und das wollte Talao sich natürlich nicht ohne weiteres bieten lassen.

Wir machten es uns bequem, kauten und spuckten die vorgeschriebene Zeit unter Stillschweigen. Wadi zeigte sich trotz seiner Jugend im Besitz einer ungewöhnlichen Fertigkeit im Fernspucken, worauf er mit Recht stolz war; denn es ist eine vornehme und hochgeschätzte Kunst.

Talao aber blickte standhaft vor sich nieder, ohne Wadis Ferntreffern Beachtung zu schenken. Das soll abermals Wichtigmacherei sein, dachte er, aber der Preis wird darum doch nicht geringer.

Mein Betel war fertig gekaut, und ich war der Vornehmste; mir kam es zu, das Schweigen zu brechen.

Ich begann, ebenso wie es in Europa Sitte ist, vom Wetter zu sprechen. Wie der Monsunwechsel in diesem Jahr werden würde und wie er voriges Jahr gewesen war.

Dann sprachen wir von der Krankheit des Königs, ein beliebtes Thema in den feineren Kreisen der Insel. Der Monsunwechsel war immer gefährlich für Seine Majestät.

Mit einem Seufzer begann ich von den Bürden des Alters im allgemeinen zu sprechen und wie schön es wäre, wenn man jung sei, wie z. B. mein Freund Wadi.

Jetzt wußte Wadi, daß er an die Reihe käme. Er richtete sich auf, legte den Kopf zurück, zeigte alle seine Zähne und ließ ein übermütiges Gelächter hören.

Talao drehte langsam den Kopf zu ihm um und runzelte mißvergnügt die Brauen.

Der junge Mann schien die ernste Angelegenheit reichlich leicht zu nehmen.

»Nur müsse man seine Jugend zu schätzen wissen,« fuhr ich fort.

Ich warf Wadi einen ernsten Blick zu, um Talao zu verstehen zu geben, daß auch ich diese unpassende Heiterkeit mißbilligte.

Wadi schlug die Augen nieder und sah ein, daß er zu weit gegangen sei; aber er war geladen von Munterkeit über die köstliche Komödie, die er spielen sollte, und es kostete ihn die größte Anstrengung, sein Gesicht zu beherrschen.

Ich fürchtete, daß er zur Unzeit explodieren würde, und ging darum schnell zur Sache über.

»Mein Freund Wadi,« sagte ich, »hat die Absicht, sich zu verheiraten, obgleich er noch so jung ist.«

Talao hob die Brauen und starrte mit seinen gewölbten Augen vor sich hin, als könne er nicht begreifen, was ihn das angehe.

Wadi nickte energisch mit dem Kopf und war drauf und dran loszuplatzen; da aber fiel ihm das Messer ein, und er wurde plötzlich ernst.

Ich rückte etwas näher an Talao heran und legte meine Hand auf seinen Arm, um seine Aufmerksamkeit zu wecken, die ganz erloschen zu sein schien.

»Wadi, der hier sitzt, hat mich gebeten, ihn herzubegleiten und dich zu fragen, ob er Lea als Frau erwerben kann.«

Talao zog die Füße an sich, als ob jemand ihm aus die Zehe getreten habe. Er sah in Wahrheit bedenklich aus. Die flache Stirn füllte sich mit bekümmerten Runzeln, während er seine Augen auf Wadi richtete und ihn vom Haarschopf bis zu den langen, beweglichen Zehen maß, die ebenso unruhig waren wie seine Finger.

Es war, als ob er sich genau einprägen wollte, wie so ein kecker, junger Mann in der Nähe aussähe.

Wadi senkte den Kopf, blickte vor sich nieder und dachte an das Messer, um den Mut nicht zu verlieren. Die Munterkeit war ihm plötzlich vergangen.

»Hast du Lea auf deiner Matte gehabt?« fragte Talao schließlich.

Jetzt kam es drauf an; indem ich mich vorbeugte, als ob ich meinen Fuß kratzen wollte, gab ich Wadi einen Puff.

Wadi richtete sich auf, machte eine nachlässige Handbewegung und nickte gleichgültig, als ob er sagen wollte: Natürlich hab ich sie auf meiner Matte gehabt; aber es war nicht viel daran – und was weiter?

Er machte es ausgezeichnet. Ich konnte sehen, wie verblüfft Talao war.

Eine peinliche Pause entstand.

In Talao begann es zu kochen. Seine Brust hob sich drohend; sein Backenbart sträubte sich, und er warf mir einen unheilverkündenden Blick zu.

Ich bekam Gewissensbisse, wie ich hier saß und das Vertrauen des Mannes mißbrauchte. Fast war ich drauf und dran, es zu bereuen. Aber wer A gesagt hat, muß auch B sagen; und hatte Talao nicht seine Vatergewalt über die arme, wehrlose Lea mißbraucht?

Ich zuckte die Achseln und sagte:

»Ich kenne Wadi nicht näher; aber wenn der Sohn eines reichen Mannes aus einem guten Totem zu mir kommt –«

Mehr sagte ich nicht; aber ich erinnerte Talao durch einen Blick an das, was ich ihm versprochen hatte, und versuchte ihm verständlich zu machen, daß mir keine Wahl geblieben sei.

An dem plötzlichen Schatten, der über Talaos Stirn zog, sah ich, daß er meine Anspielung auf den Skandal mit Matofa begriffen hatte und daß er sich in seiner Vaterwürde getroffen fühlte.

Wadi verhielt sich tadellos. Er zupfte die harte Haut von seiner Fußsohle, als ob die ganze Sache ihn nicht im geringsten interessierte.

Schließlich ließ er den Fuß los, legte den Kopf auf die Seite und blickte zu Talao auf.

»Wieviel soll sie kosten?« fragte er.

Das war ein Fehlgriff.

Wadi hätte wissen müssen, daß es heißt: Wie weh tut es dir, dich von deiner Tochter zu trennen?

Das ist die übliche Formel zwischen gebildeten Menschen.

Wieder ging es Talao durch und durch. Er ballte die Hände um seinen Tapagürtel und sah den jungen Mann streng an; Wadi aber hütete seine Augen wohl und blickte zur Seite.

Talao atmete schwer bei dieser Prüfung. Ich konnte ihm ansehen, was er bei sich dachte: Der Bursche hat keine Manieren. Aber so ist die Jugend heutzutage, dabei ist nichts zu machen, und das ist ja auch nicht das Entscheidende; einen fehlerlosen Freier kann Lea nicht mehr erwarten.

Talao hatte sich natürlich im voraus überlegt, was er für seine Tochter haben wollte. Es war nicht nur eine Geldfrage, es galt auch das Ansehen des Totems.

»Zwanzig Pokon!« sagte er hart und geschäftsmäßig. Er war es müde, seinen Anstand an einen unmanierlichen Burschen zu verschwenden, der ihn doch nicht zu würdigen verstand.

Zwanzig Pokon waren keineswegs zuviel.

Wahuja hatte vor fünf Jahren hundert von mir für Ali verlangt; und wäre die Geschichte mit Matofa nicht gewesen, hätte Talao sicher vierzig gefordert.

»Zwanzig Pokon?« fragte Wadi und richtete seine eckige Stirn und seine flache Nase auf Talao.

Talao hielt seinen Blick fest und wiederholte:

»Zwanzig Pokon!«

Wadi hob die Brauen in tiefem Erstaunen.

»Zwanzig Pokon!« wiederholte er wie zu sich selbst und beugte sich vor, als ob er es seinen gespreizten Zehen anvertrauen und ihre Meinung hören wolle.

Dann warf er den Kopf zurück, verzog den Mund bis an beide Ohren, so daß seine Nasenspitze weiß wurde, und erlaubte sich ein herzliches Gelächter aus tiefer Kehle.

Als er fertig war, sagte er in die Luft hinein wie in Gedanken:

»Fünf Pokon!« und schlug mit den flachen Händen seitwärts aus, als ob er hinzufügen wollte: Und keinen Pfennig mehr.

Das war zu stark.

Talao explodierte so plötzlich, daß ich keine Zeit hatte, mich dazwischen zu legen.

Er zitterte, die Augen traten ihm aus dem Kopf, und ein Fußtritt traf Wadi in die Seite, so daß er über die Matte rollte, und bevor er Zeit hatte, sich zu besinnen, hatte Talao ihn bei den Schultern gepackt und ihn durch das Türloch hinausgeworfen, so daß er über die hohe Schwelle stolperte und längelang im Garten hinfiel, wo die Hühner saßen und sich sonnten.

Sie stoben schreiend nach allen Seiten auseinander, und die Schweine grunzten laut in ihrem Schuppen, wo sie aus ihrem Mittagsschlaf geweckt worden waren.

Ich sah, wie Wadi sich draußen erhob und verblüfft über die Schulter zurücksah; als er aber Tulaos drohenden Augen in der Tür begegnete, machte er, daß er durch den Zaun davonkam. Dabei rannte er Talaos kleine Mädchen über den Haufen, die laut brüllten. Erst als er ein Stück entfernt war, kam er wieder zur Besinnung. Da sandte er eine Lachsalve zu Talao zurück, der noch in der Tür stand, bleich und stöhnend.

Ich wartete, bis Talaos Zorn sich gelegt hatte.

Er schien mich ganz vergessen zu haben. Er sammelte seine kleinen Mädchen auf und trug sie ins Haus. Als ich mich erhob, um zu gehen, fiel sein Blick auf mich. Er runzelte die Stirn und sah mich lange an.

Es war schwer, seinen Blick auszuhalten; ich hatte ja ein schlechtes Gewissen, und seine Augen glichen Leas so sehr.

Da machte sein Zorn sich in einem tiefen Seufzer Luft. »Fünf Pokon!« sagte er in einem Ton vor sich hin, der mir ins Herz schnitt.

Ich zuckte bedauernd die Achseln, aber ich hütete mich wohl, etwas zu sagen, denn ich durfte ihn ja nicht trösten.

Armer Talao, dachte ich, du mußt noch tiefer steigen. Es fehlt noch ein gutes Ende, bis wir bei Matofa angelangt sind.


Wadi bekam sein Messer; er hatte es ehrlich verdient.

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