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Die freudlose Witwe

Laurids Bruun: Die freudlose Witwe - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDie freudlose Witwe
publisherS. Fischer Verlag
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080314
projectidd85a159f
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Erstes Kapitel

Es war gleich nach dem Frühjahrsmonsun.

Toko hatte erfahren, daß ich übers große Meer gekommen sei. Vierzehn Tage nach meiner Ankunft, bevor ich noch daran gedacht hatte, ihn aufzusuchen, kam er mit seinem Kanu aus Wattiwau, wo er sich niedergelassen hatte.

Ich war bis jetzt weder beim König noch bei Wahuja gewesen. Das Herz des Königs war sicher im Begriff, einzuschrumpfen, aber das half nichts; ich mußte meine Warenkisten erst unter Dach bringen, bevor ich etwas anderes vornehmen konnte. Sie lagen noch in dem großen Frachtboot der Kompanie mit Segeltuch zugedeckt; die, die keine Sonne vertragen konnten, hatte ich an den Strand tragen und ein Schrägdach darüber errichten lassen. Sechs Mann waren im Begriff, mir ein Haus und einen Lagerraum zu zimmern, und ich mußte sie die ganze Zeit beaufsichtigen, damit es ordentlich gemacht wurde – ach, es war nicht wie in alten Tagen, als mein ehemaliger Wirt Tongu meine Sachen besorgte.

Der Auftrag der Faktorei lautete, daß ich einen Ort ausfindig machen sollte, wo die Lagune so tief war, daß das Frachtboot zur Flutzeit ganz bis zum Strand kommen konnte, damit das kostspielige Anlandtragen der schweren Kisten oder die Umladung auf See vermieden wurde; wenn irgend möglich, sollte der Ort zwischen den beiden Städten Wattiwau und meiner eigenen alten Stadt, der Stadt des Königs, wie sie genannt wird, liegen.

Es war mir geglückt, einen günstigen Platz vor einer Rinne in der Lagune zu finden, die ganz bis an den Vorderstrand ging, der hier ziemlich schmal war und eine kleine Bucht bildete. Auf den niedrigen Höhen erkannte ich im Norden Wattiwaus gelbe Pandangdächer, meine eigene Stadt aber konnte ich wegen des Kokoshains des Königs, der sich ganz bis an die Küste erstreckte, nicht sehen.

Während der ersten Tage war es bei meiner Niederlassung voll von Menschen gewesen. Alte bekannte Gesichter scharten sich um meine Kisten unter dem Schutzdach.

Da war Kuda, der mich so oft mit meiner Haut geneckt hatte, die beim Waschen abginge. Er war noch ebenso kaneelbraun wie damals und hatte denselben schiefen Mundwinkel voller Spott; aber er hatte sich einen hübschen kleinen Leib zugelegt.

Da war der schlanke Fagoda mit dem melancholischen Blick. Jetzt war er verblüht, und sein Mund war schlaff geworden. Die Frauen hatten ihn gezeichnet.

Da war die neugierige Awa mit dem vorstehenden Leib und der festen Brust; und die stattliche Muwa mit dem schwarzen Kraushaar; und Sakalawa mit den starken Hüften und den hübsch gedrechselten Mahagonibeinen.

Die einschmeichelnde Milawa fehlte auch nicht mit der niedrigen Stirn, den hübschen, runden Schultern und den dicken, schmatzenden Lippen.

Auch Winawa mit den hastigen Augen, die wie ein Puls schlugen – auch sie kam zögernd über den Strand und blieb etwas entfernt stehen; sie war es, die bei meinem ersten Rausch Kawa für mich gekaut hatte und die von Ali aus meinem Herzen verdrängt wurde. Sie war es, die Ali haßte – und als sie sah, daß ich sie erkannte, wandte sie ihre Augen von mir ab und schlenderte über den Strand davon.

Ja, verschwinde lieber, dachte ich; ein Funke von Alis Haß flammte in mir auf. Die Zeit heilt alle Wunden, meine hatte sie noch nicht geheilt; die Narbe sprang bei jeder neuen Erinnerung auf und blutete.

Ich wandte mich von den jungen Mädchen ab, zu denen sie gehört hatte. An Alis glücklichstem, stolzestem Tag, als sie Oasu zur Welt gebracht und sie mit Geschenken zu ihrem Haus kamen, hatte ich sie zuletzt gesehen.

Die meisten waren nun selbst Mütter und trugen voller Stolz ihre Kleinen auf der Hüfte oder der Schulter, damit ich sehen konnte, wie reich sie geworden waren. Nur Winawa war allein.

Wo aber war Nanuki mit der breiten Nase und dem Blick, der sich nicht losreißen konnte? – Nanuki mit dem schiefen Rücken und dem leidenschaftlichen Gemüt?

Fagoda zeigte auf die Erde, als ich ihren Namen nannte. Ach, sie war es ja gewesen, die er damals auf seiner Matte gehabt hatte – und jetzt war sie tot.

Selbst »der große Jäger«, der so sehr auf seine Würde hielt und anfangs eine Pike auf mich gehabt hatte, war zum Strand gekommen, um mir die beiden kleinen Jungen zu zeigen, die er sich in den fünf vergangenen Jahren zugelegt hatte.

Und der alte Kabua-Kenka, der Geisterbeschwörer und Medizinmann stand in einiger Entfernung und starrte mich an, während die Schildpattplatten von seinen Nasenflügeln hingen und die steifen Knochenfinger an den drei langen Bartflechten tasteten, die bis an den Nabel gingen und jetzt grau geworden waren. Seinen Fächer, sein Messer und seine zusammengerollte Matte hatte er zu Hause gelassen.

Wie damals schrien die Kinder an der Hand ihrer Mutter, als sie ihn sahen und drückten sich gegen das Bein ihrer Beschützerin; und die Mütter blickten scheu zur Seite, damit sein Auge sie nicht treffen solle.

Ach, das war alles noch wie damals – in der guten, alten Zeit. Nur ich war ein anderer geworden, älter, bittrer, vielleicht weltklüger, aber nicht lebensweiser.

Ob sie das wohl verstanden?

Ich lächelte jedem einzelnen zu, hob den Deckel von einer meiner Kisten und schenkte jedem einen kleinen Gegenstand. Aber es war nicht die plötzliche Freude in ihrem Blick wie damals, wenn ich an sie herantrat und sie für einen Augenblick vergaßen, daß ich ein Fremder sei.

Jetzt vergaßen sie es nicht. Sie schlichen still davon, der eine nach dem andern, wandten sich noch einmal um und blickten verstohlen zurück, ob sie sich auch nicht geirrt hätten. Dann gingen sie weiter, und mich dünkte, daß ich ein Lächeln auf ihren nackten Rücken lesen konnte.

Ich merkte, daß sie über den Alten sprachen, während sie über den Strand gingen; abends im Gemeinschaftshaus war ich gewiß Gesprächsthema zwischen denen, die damals noch Kinder waren und sich der strahlenden Ali erinnern konnten; die Älteren erzählten dann wohl den Jüngeren, die nichts wußten, von der Königstochter und ihrem kurzen Glück.

Ach die glücklichen, glücklichen Zeiten!


Also Toko kam von Wattiwau in seinem schwarzen Kanu über die Lagune gerudert.

Es war ein Morgen, so klar und blau wie an dem Unglückstag, als wir hinausfuhren, um Schildkröten auf dem Riff zu fangen – jenem Morgen, als Ali ihre Arme um meinen Hals schlang und mich zurückzuhalten versuchte, weil sie einen bösen Traum gehabt hatte.

Ich war am Strand entlang auf die Stadt des Königs zugegangen, bis dorthin, wo ich die Stelle sehen konnte, wo mein Haus damals gestanden hatte.

Bei jedem Schritt, den ich näher kam, stieg eine neue kleine Erinnerung in mir auf; es war, als ob sie durch die funkelnde Luft auf mich zugeflattert kämen und flüsterten: »Weißt du noch?« und »Erinnerst du dich noch an damals?«

Dort lagen noch die großen Korallenblöcke, die ich in das flache Wasser gesenkt hatte, um eine Brücke zum Kanu hinauszubauen. Der größte davon, am weitesten draußen, war mein Badehaus gewesen.

Von der Brücke aus folgte ich in Gedanken dem Pfad, der nicht mehr da war – der quer über den weißen Vorstrand zu meinem hübschen neuen Haus geführt hatte.

Das Steinfundament, auf dem die Balkenlage meines Hauses gebaut war, lag noch da und diente als Einfriedigung um das Grab.

Dort unten, tief in dem ausgehauenen Korallengrund, lag sie selbst mit ihrem Knaben im Arm. Auf dem weißen flachen Stein, der die Stelle bedeckte, stand »Ali und Dasu« noch deutlich lesbar.

Tongu hatte den Korallengrund ausgehauen, die Inschrift »Ali und Oasu« hatte ich selbst mit großer Mühe in den harten Block geritzt. Es war meine letzte Arbeit auf Alis Inseln gewesen.

Ach, fünf lange Jahre in der Welt – mit wechselnden Gegenden und wechselnden Schicksalen – Tage im Überfluß und Tage in Not, bald in Frieden und bald in Gefahr – in der großen schlaffen Stadt Batavia und auf den blanken Inseln mit ihren lebenden, lachenden Menschenkindern – das alles verblaßte hier wie ein Traum, vor der einzigen großen Wirklichkeit meines Lebens: Ali, die mein Herz mit ihrer braunen, starken Hand nahm und mir ihr eigenes klopfendes Leben und ihre strahlende Seele dafür gab – und mich von neuem in Oasu gebar:

»Kannst du sehen, daß du es bist?«

Ali, geht dein Geist unsichtbar hier am Strande um? Warst du es, die mich zurückrief? Steckst du hinter dem Auftrag der Faktorei?

Ich wandte mich um und sah zu dem Frachtboot und den Leuten hinüber, die mein Haus zimmerten; und da, als mein Auge die Lagune streifte, sah ich Toko draußen kommen.

Dort saß er in dem schmalen, schwarzen Kanu, die Knie bis an seine Brust hinaufgeschoben, während das blitzende Ruder durch die Luft fuchtelte.

Ich erkannte ihn gleich – es war wie gestern – und ich streckte die Arme nach ihm aus und rief seinen Namen. Er hielt mit einem Ruck inne, hob den Kopf und sein Arm erstarrte mitten im Rudern, als ob ein Tier im Walde erschreckt wird.

Dann erklang sein Freudenschrei; er sprang ins Wasser, es ging ihm bis an die Brust, und zog sein Kanu hinter sich her, um schneller an Land zu kommen.

Er sprang über die spitzen Steine, die Augen starr auf mich wie auf eine Geistererscheinung gerichtet, den Mund weit aufgerissen, so daß alle seine weißen Zähne zu sehen waren.

Ja – es war Toko – stärker und brauner und ein Mann vom Scheitel bis zur Sohle – es war Tokos weit aufgerissener Mund und seine großen, funkelnden Augen.

Er warf sich vor mir nieder und umfaßte meine Füße, so daß ich fast umgefallen wäre, und als ich ihn aufhob und er sah, daß mein Blick dunkel und meine Backen noch feucht waren, da verstand er mich gleich.

Er wandte den Kopf dorthin, wo die Erinnerung lebte; sein Gesicht verzog sich; er weinte wie ein Hund, der auf dem Grab seines Herrn heult, und lief von mir bis zu der Stelle und wieder zurück, hin und her – wie ein Hund, der den Weg tatsächlich zurücklegt, den sein Herr nur in Gedanken wandert. Und Toko erzählte. Nach dem Wirbelsturm, der Ali und Oasu tötete und sein und Tongus Haus vernichtete, hatte er einen solchen Schreck bekommen, daß er sich nicht in seiner Vaterstadt niederzulassen wagte, die so nahe an dem flachen Strande gelegen war, sondern nach Wattiwau auswanderte.

Dort wurde er gut empfangen, weil er »der braunen Erde« gedient, der die jüngste Tochter des Königs heimgeführt hatte, dessen Ruhm über die ganze Insel gedrungen war. Man erinnerte sich dort noch unseres Besuches und wurde nicht müde, sich erzählen zu lassen, wie meine Götter in jener furchtbaren Nacht am »Stein unserer Väter« zu mir gekommen waren und mit den Geistern der Insel gekämpft hatten, die aus dem Mangrovesumpf aufstiegen und mit dem Sturm um die Wette heulten.

Während er erzählte, schweifte sein Blick beständig zu der Stelle, von wo die Hammerschläge klangen. Da erbarmte ich mich seiner, erhob mich aus dem Gras und ging mit ihm dorthin. Ich wußte ja, daß er die ganze Zeit bei sich dachte, daß es ja auch sein Heim sei, was dort gezimmert wurde. Er gehörte ja mir. Hatte der König ihn mir nicht selbst geschenkt? Ich war gewiß zurückgekommen, um zu holen, was mir mit Recht gehörte.

Während wir am Strand entlang auf unser neues Haus zugingen, erfuhr ich alles, was sich zugetragen hatte, seit ich fortgewesen war.

Ich brauchte nicht zu fragen. Er erzählte es, glücklich, meinen Hunger stillen zu können, mit tiefem Mitgefühl in seinen treuen Augen; denn was mußte ich, der ich solange von ihm, der Insel und meinem Heim fern gewesen war, gelitten haben.

Wahuja »das weiße Langohr« war noch weißer geworden, noch weiser und noch reicher; meine gestreiften Unterhosen und die Goldbrille aber waren noch immer sein höchster Staat.

Der König war alt und unförmig geworden. Er saß den ganzen Tag auf seiner Matte, kaute Betel und seufzte. Das kostbare Kleinod, die Klistierspritze, hatte eine seiner Frauen entzweigeschlagen, was ihr fast das Leben gekostet hätte.

Auch den Regenschirm, den ich dem König an jenem denkwürdigen Tag geschenkt hatte, als das Einweihungsfest für den neuen Bambuszaun um den Kokoshain stattfand – an demselben Tag, als Wahuja meine rote Haut mißbilligte und mir den unschätzbaren Rat gab, mir eine neue aus brauner Erde anzuschaffen – auch dieses Krongut hatte die Zeit gezeichnet, seine Haut hatte einen Riß bekommen. Nach Beratung mit Wahuja und andern klugen Männern des Königs war der Schaden mit einem gefärbten Pisangblatt ausgebessert und die Verwaltung des seltenen Stückes einem dazu ernannten Beamten anvertraut worden, der für die Wohlfahrt desselben mit seinem Leben haftete.

Ferner erzählte Toko von wichtigen Begebenheiten in dem öffentlichen Leben: daß der stattliche Bambuszaun wieder errichtet worden sei, nachdem der Wirbelsturm einige der ältesten Kokosbäume geknickt hatte. Neue Hütten waren an Stelle der alten gebaut worden, aber nicht wie sonst auf dem flachen Strand. Der König habe auf Wahujas Rat Bauplätze oben hinter dem Kokoshain abgegeben, die dem Sturm widerstanden hatten. Der König wäre dadurch ärmer, Wahuja aber reicher geworden; ihn konnte nur der Tod treffen.

Der Fischfang hatte gute Jahre gehabt, es war Frieden auf der Insel und das Leben blühte wie in meiner glücklichsten Zeit.

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