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Die freudlose Gasse

Hugo Bettauer: Die freudlose Gasse - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie freudlose Gasse
authorHugo Bettauer
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleDie freudlose Gasse
pages292
created20000120
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1924
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Das Tischtelephon.

Der Redakteur des "Wiener Herold" Otto Demel ging in der Kanzlei des Rechtsanwaltes Doktor Heinrich Leid auf und ab, während dieser vor seinem Schreibtisch saß und düster vor sich hin stierte. Die weitläufigen Bureauräume befanden sich in einem Haus an der Ecke der Goldschmiedgasse und des Stephansplatzes, und wenn Demel beim Fenster stehen blieb, sah er den majestätischen Dom vor sich, den Graben mit seinem Menschen- und Wagengewimmel unter sich.

Demel war mehr als zehn Jahre jünger als Leid, trotzdem verband innige Freundschaft die beiden, die im ersten Kriegsjahr zwischen dem Landsturmhauptmann und dem jungen Reserveleutnant entstanden war.

Leid, der seit dem schrecklichen Tode seiner Frau um Jahre gealtert war, sprang nun auch auf und rang die Hände:

"Ich hab‘ keine ruhige Minute, bevor die Bestie nicht in Ketten liegt, die Lia ermordet hat! Ich weiß, daß alle Männer mich auslachen würden, aber es ist nun einmal so: Ich liebe Lia noch im Tode, ich grolle ihr nicht, und wenn sie leben würde, könnte ich ihr nicht einmal einen Vorwurf machen. Sie war so jung und so schön und ich alt und müde! Hatte ich denn ein Recht auf ihre Treue? Mußte ich nicht glücklich sein, wenn ich in einer Wohnung mit ihr leben, mich an ihrer Jugend und Schönheit erfreuen, ihre kühle, weiche Hand streicheln, in der Nacht ihren Atem neben mir fühlen durfte? Und zu denken, daß es einen Mann gibt, der sie genommen hat, ohne an ihre Schönheit zu denken, der nicht ihre Küsse wollte, sondern nur diese elenden Perlen und Steine und die paar schmutzigen Banknoten, die sie bei sich trug! Zu denken, daß diese Bestie unter uns weilt, daß ich vielleicht seinen Gruß erwidere, mit ihm spreche, seine Hand drücke – der Gedanke macht mich rasend!"

Der Journalist war von diesem Schmerzensausbruch des verzweifelten Freundes tief erschüttert.

"Leider ist wenig Aussicht, den Kerl zu erwischen. Ich habe erst gestern mit dem Schmitz darüber gesprochen. Der Horak arbeitet Tag und Nacht an dem Fall, aber er hat noch nichts Wesentliches herausbekommen. Allerdings, es liegen jetzt neuerdings die Aussagen eines Lehrbuben vor, der den Mann mit dem Spitzbart kommen und gehen gesehen hat. Er erzählt, daß der Mann mit dem Bart unter ein Haustor getreten sei, um es nach einem Augenblick ohne Bart wieder zu verlassen. Also steht fest, daß der Spitzbart des Mörders falsch war. Außerdem, daß er einen dunkelgrauen Überrock mit einem grauen Pelzkragen getragen hat. Aber solche Röcke sind jetzt sehr modern, ich habe einen und, wenn ich nicht irre, du auch und wahrscheinlich noch einige Dutzend unserer Bekannten."

Der Kanzleidiener brachte eine Visitenkarte.

Der Rechtsanwalt zog die Augenbrauen hoch, sah seinen Freund an und flüsterte:

"Josef Horak! Der Kriminalbeamte, von dem du vorhin sprachst." Und dann zu dem Diener: "Lassen Sie ihn herein und sorgen Sie dafür, daß wir nicht gestört werden."

Der junge Beamte mit dem intelligenten, beweglichen Gesicht nahm, nachdem er auch den von ihm sehr verehrten Journalisten begrüßt hatte, Platz und erwiderte auf die hastige Frage, was er Neues bringe:

"Keine großen Neuigkeiten, nur Kombinationen und Möglichkeiten. Zunächst einmal: Die Zimmervermieterin Frau Merkel sowohl wie der Lehrling des Schusters Wisloschill behaupten, daß der Mann mit dem falschen Spitzbart Lackschuhe getragen habe. Frau Merkel spricht von Lackhalbschuhen, der Lehrling, der für solche Dinge geübte Augen hat, von Lackpumps. Also: zweifellos hatte er Frack oder Smocking an. Ferner: Es ist anzunehmen, daß er mit Ihrer Frau Gemahlin gesellschaftlich bekannt war. Er hat sich nach vollbrachter Tat um neun Uhr entfernt. Liegt da die Vermutung nicht nahe, daß auch er bei dem Herrn Generaldirektor Rosenow geladen war und sich direkt von der Melchiorgasse dorthin nach Pötzleinsdorf begeben hat?"

Die beiden Herren schwiegen betroffen, An diese Möglichkeit hatten sie wahrhaftig nicht gedacht. Der Mörder nach der Tat unter ihnen, Zeuge, wie der Gatte voll Qual und Unruhe auf seine Frau wartete, Zeuge, wie er unter der Schreckensnachricht zusammenbrach – teuflischeres Spiel konnte die wüsteste Phantasie nicht ausdenken!

"Ich habe mir eine Liste sämtlicher Herren beschafft, die damals bei Herrn Kommerzialrat Rosenow geladen waren. Vorläufig finde ich keinen, der auch nur im entferntesten des Mordes verdächtigt werden könnte. Mindestens zwanzig der Gäste sind mit Ihnen, Herr Doktor, also auch mit der Verstorbenen, bekannt gewesen. Der Zufall will es, daß unter diesen zwanzig neun große, schlanke Herren sich befinden und alle in einwandfreier Stellung. Bitte, Herr Redakteur, auch Sie sind groß, schlank, haben einen Raglan mit Pelzkragen, gehören zu den gut Bekannten, sind nach neun Uhr bei Rosenow erschienen und außerdem sind Sie Junggeselle, der, wie man sagt, schönen Frauen durchaus nicht abhold ist."

Demel lachte, nicht gerade angenehm berührt, auf, während Leid das Gesicht zu einem gequälten Lächeln verzog.

"Aber nun, Herr Doktor, muß ich Sie um etwas bitten. Während wir das Absteigequartier der Frau Merkel zehnmal von oben bis unten durchsucht haben, ohne die geringste Spur zu finden, ist es dem Herrn Hofrat Schmitz bisher noch nicht eingefallen, in Ihrer Wohnung, die seit dem Ereignis versperrt ist, Haussuchung vorzunehmen. Ich halte das aber für sehr wichtig. Es ist leicht möglich, daß wir unter den Papieren der Verstorbenen irgendwelche Visitenkarten, Aufzeichnungen, Briefe oder dergleichen finden, aus denen hervorgeht, mit wem die Dame in der letzten Zeit intim verkehrt hat. Dürfte ich also Herrn Doktor bitten, sich vielleicht jetzt gleich mit mir nach dem Arenbergring zu begeben, damit ich mich umschauen kann?"

Der Rechtsanwalt wechselte mit Demel einen Blick. Da dieser lebhaft nickte, stand Leid auf und sagte, während er sich nervös über die Stirn fuhr:

"Sie haben ganz recht, es wird das wohl notwendig sein. Ich habe die Wohnung seither nicht betreten, werde ohnedies Auftrag geben müssen, das Mobiliar nach einem Möbellager zu schaffen und die Wohnung dem Mietamt zu übergeben. Es wird schon das beste sein, wenn wir gleich gehen."

"Darf ich mitgehen?" fragte Demel.

"Sicher, wenn der Herr Doktor nichts dagegen hat? Die Herren von der Presse haben ja überall Zutritt."

Das Auto des Rechtsanwaltes stand unten bereit und schweigend legten die drei Herren die Fahrt nach dem Arenbergring zurück. Im zweiten Stockwerk eines modernen Mietpalastes lag die große, mit Erker und Balkon versehene Wohnung, die nun, seit Wochen zum erstenmal, wieder betreten wurde. Das Dienstpersonal war unmittelbar nach dem Mord entlassen worden, die Jalousien und Vorhänge waren zugezogen, kalt, dunkel, düster lagen die schönen, mit distinguiertem Geschmack ausgestatteten Zimmer da, an deren Wänden kostbare Gemälde, seltene Stiche und Aquarelle hingen.

Dr. Leid, der am ganzen Körper zitterte und totenbleich war, öffnete die Tür zu dem Erkerzimmer und flüsterte gepreßt, als wollte er ein Schluchzen unterdrücken:

"Hier, das ist das Zimmer meiner Frau. In diesem Schreibtisch pflegte sie ihre Briefe aufzubewahren."

Ein entzückender, koketter Rokokosalon, jedes Stück aus der Zeit, ein echter Watteau, ein Fragonard an den Wänden, die mit Seidentapeten ausgeschlagen waren. In dem erhöhten Erker ein breiter, niedriger Diwan mit einem köstlichen, alten Seidenteppich bedeckt. Neben ihm auf einem ganz niedrigen Ebenholztischchen das Tischtelephon.

"In der letzten Zeit hat Lia hier geschlafen." Und mit einem bitteren Lächeln, nur für den Freund hörbar: "Sie erklärte, daß sie das gemeinsame Schlafzimmer nervös mache. Auch hatte sie hier den Apparat dicht neben sich, während das andere Telephon sich im Bibliothekzimmer befindet."

Mit sachlicher Ruhe begann Horak den Inhalt des Schreibtisches zu untersuchen. In jedem Fach ein Durcheinander von Briefen, Lichtbildern, Visitenkarten, quittierten Rechnungen und Ansichtspostkarten aus aller Herren Ländern. Leid und Demel ließen den Beamten bei seiner Arbeit allein und saßen unterdessen einander schweigend im Herrenzimmer gegenüber, dessen Wände von Bücherschränken ausgefüllt waren.

Der junge Polizeibeamte sortierte sorgfältig alle Papiere. Hier lagen getrocknete, verdorrte Rosen, da ein kleines Seidentuch, das ein intensives Parfüm ausströmte, Hunderte von Visiten karten waren zwischen die Briefe und Rechnungen zerstreut.

Ein höhnisches Lächeln zog über das Gesicht des Detektivs, der trotz seiner Jugend seinem Beruf eine gehörige Dosis Skepsis verdankte. Friedlich nebeneinander lagen da zwei mit Seidenbändern zusammengehaltene Briefbündel: die leidenschaftlichen Ergüsse des Rechtsanwaltes an seine um zwanzig Jahre jüngere Braut, und ihre kühleren, immerhin aber zärtlichen Erwiderungen. Nur einen las der Detektiv ganz durch und dieser schloß mit den Worten:

"An Dir werde ich mich emporranken, treu und beharrlich, wie sich der Efeu um den starken Baum schlingt. Immer werde ich Dich lieben und ich kann es mir gar nicht vorstellen, daß jemals ein anderer Mann für mich existieren sollte."

Auf einem Notfzblock schrieb der Beamte mehrere Namen auf, die Visitenkarten steckte er zu sich, dann war, nach reichlich einer Stunde, die Durchsicht des Schreibtisches ohne wesentliches Resultat beendigt.

Sinnend blieb Horak stehen und sah sich nochmals im Zimmer um.

Hier, auf diesem Diwan hatte die schöne Frau auch tagsüber müßige Stunden verbracht, und wenn die Kissen reden könnten, würden sie wohl allerlei von sündhaften Gedanken erzählen können. Und wie viel diskrete Gespräche dieser kleine Telephonapparat aufgenommen und wiedergegeben haben mag!

Einer plötzlichen Eingebung folgend, schritt Horak auf den Apparat zu, beugte sich über ihn, betrachtete lange und eingehend die weiße Steinplatte, auf die man Telephonnummern und Adressen zu kritzeln pflegt. Wirr durcheinander liefen die Ziffern, einige waren verwischt, andere durchgestrichen, etliche wiederholten sich.

Horak pfiff vor sich hin, nahm ein Vergrößerungsglas aus der Tasche, musterte immer wieder die Zahlen und Ziffern.

Hier, diese Zahl war wohl die frischeste, stand zehnmal oder öfters, gedankenlos hingekritzelt, um das Warten zu überbrücken, auf der Platte. Und der Detektiv notierte diese Zahl und alle anderen, die er ablesen konnte.

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