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Die freudlose Gasse

Hugo Bettauer: Die freudlose Gasse - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie freudlose Gasse
authorHugo Bettauer
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleDie freudlose Gasse
pages292
created20000120
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1924
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Flucht aus der freudlosen Gasse.

Otto Demel befand sich in London, als ihm eine Vorladung in der Strafsache gegen Frau Greifer und Genossen nachgeschickt wurde. Seine journalistische Aufgabe war beendet, er wollte ohnedies zurückkehren und so konnte er es denn einrichten, daß er am Tage der Verhandlung in Wien ankam. Der Zug hatte aber erheblich Verspätung, so daß er nicht mehr Zeit fand, vom Westbahnhof nach Hause zu fahren, sondern sein Gepäck nach der Melchiorgasse schickte und sich direkt in das Landesgericht begab.

Wirklich war es seinem Einfluß gelungen, Grete von der ganzen schmutzigen Affäre fernzuhalten. Mehr als das, nach einer langen Unterredung mit dem Polizeipräsidenten hatte dieser alle bei der Razzia verhafteten Mädchen entlassen und Anklage war nur gegen Frau Greifer und Fräulein Henriette und das Hausmeisterehepaar erhoben worden. Jetzt, zum Prozeß, waren alle Mädchen mit Ausnahme Gretes, als Zeuginnen vorgeladen worden.

Die Verhandlung, die geheim geführt wurde, gewährte einen traurigen Blick hinter die Kulissen des Großstadtlebens. Da Demel als einer der ersten Zeugen über seine Beobachtungen vernommen wurde, konnte er der weiteren Verhandlung beiwohnen und schmerzlich kam es ihm zum Bewußtsein, welches Verbrechen täglich an den Opfern einer unzulänglichen Gesellschaftsordnung begangen wird.

Alle als Zeuginnen vernommenen Mädchen erzählten von Ausbeutungen durch Männer und die Kupplerin, schilderten, wie sie Schritt für Schritt in den Sumpf geraten waren, der die Verirrten nicht mehr locker läßt.

Kriminalkommissär Dr. Kellner gab eine plastische Darstellung der Vorgänge, die er mitangesehen und erzählte, daß er in dem Augenblick, da ein Mädchen gewaltsam entkleidet und auf das Podium geschleppt werden sollte, das vereinbarte Zeichen zum Eindringen der Polizisten gegeben hatte.

Der Vorsitzende fragte, ob sich das Mädchen unter den anwesenden Zeuginnen befinde, was Kellner ein wenig verlegen verneinte. Er tauschte einen Blick mit Demel und erklärte, daß dieses Mädchen im allgemeinen Trubel verschwunden sei.

Ein junges Ding mit kurzgeschnittenen schwarzen Haaren meldete sich zum Wort.

"Bitt‘ schön, Herr Präsident, ich kenn‘ sie, sie wohnt in der Nachbarschaft von der Frau Greifer.Mit dem Vornamen heißt sie Grete. Sie ist nie aufs Podium gegangen und auch nie mit einem Herrn aufs Zimmer."

Der Präsident winkte ab, die Sache interessierte ihn weiter nicht, aber Demel schoß das Blut in den Kopf. Was war das? Sollte Grete inmitten dieses Morastes rein geblieben sein? Er biß sich auf die Lippen. Schmerzhaft kam es ihm in Erinnerung, daß er Grete damals, als sie zu ihm hatte sprechen wollen, nicht zu Wort hatte kommen lassen.

Demel schloß die Augen, sah das liebe, feine Gesicht des Mädchens vor sich und die verwirrten, traurigen Augen, mit denen sie ihn in der Nacht, als er ihr statt gute tröstende Worte Geld gegeben, angesehen hatte.

Die Verhandlung endete abends mit der Verurteilung der Angeklagten zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen. Fiebernd vor Ungeduld warf sich Otto Demel in ein Autotaxi. Rasch, nur rasch vor Grete hintreten, Erklärung fordern, gut machen, was noch gut zu machen wäre!

Grete hatte, nachdem Demel fortgefahren war, die Stellung in dem Speditionsbureau angetreten. Sie war besser bezahlt, als bei Herrn Wöß, und das Mädchen brachte das Kunststück fertig, mit dem Gehalt sich und die Ihren zu ernähren, ohne das Geld Demels anzurühren. Die Hausgehilfin war unmittelbar nach der Razzia bei Frau Greifer entlassen worden, die fünf Menschen lebten wieder von Kraut und Kartoffeln, Grete verkaufte nach und nach die feinen Kleider, die sie bekommen hatte, grau, düster, freudlos verliefen ihre jungen Tage.

An Otto Demel dachte sie mit einem Gemisch von Schmerz und Erbitterung. Sicher, er hatte sie aus dem Unrat, in dem sie sonst erstickt wäre, gerissen, aber er war ungerecht und hart gegen sie gewesen, hatte sie mehr verletzt, als es die gemeinen, brutalen Besucher der Frau Greifer hatten tun können.

Die Erlebnisse der letzten Zeit hatten Grete den Rest von Illusion und Naivität geraubt. Sie sah jetzt, wenn sie von Kopfschmerzen geplagt, in der Nacht schlaflos dalag, ihren weiteren Weg klar und deutlich vor sich: sie würde weiter hungern, frühzeitig welken und alt werden, mitansehen, wie ihre kleine Schwester in der freudlosen Gasse verkam, Erich, dieser brave, talentierte Junge, statt zu studieren mit vierzehn Jahren aus dem Gymnasium austreten mußte, um Geld zu verdienen, bis sie eines Tages, des Hungers und Elends überdrüssig, doch dem Erstbesten ihren Leib verkaufen würde, wenn es dann nicht zu spät war, ihr magerer Körper, ihr verfallenes Gesicht den Männern noch gefallen sollte.

Müde und abgespannt kam Grete abends an dem Tag, an dem die Verhandlung gegen Frau Greifer stattgefunden, nach Hause. Sie hatte diesen Tag voll Angst erwartet, immer gefürchtet, doch noch in die Sache hineingezerrt zu werden und aufgeatmet, als sie aus den Spätabendblättern ersah, daß ihr Name nicht genannt worden war. Die kurzen Prozeßberichte enthielten nicht, daß Otto Demel als Zeuge erschienen war.

Erich sprang ihr im Vorzimmer entgegen und rief freudig:

"Gretl, der Herr Demel ist wieder da!"

Jäh schoß ihr das Blut in die Wangen, so daß ihr Else schnippisch riet, sich zu beherrschen, weil Herr Demel ohnedies schon einigemal nach ihr gefragt habe. Und schon erklang die Glocke aus seinem Zimmer, Erich lief hinein und überbrachte Grete die Bitte, auf einen Augenblick zu Demel zu kommen.

Frau Rumfort, die in letzter Zeit noch magerer und kränklicher geworden war, sagte weinerlich, daß er sicher kündigen werde, der alte Herr aber gab polternd seiner Empörung darüber Ausdruck, daß die Enkeltochter eines Generals einen "hergelaufenen" Journalisten, den er noch dazu im Verdacht sozialistischer Gesinnung hatte, in seinem Zimmer aufsuchen müsse.

Grete blieb an der Türschwelle stehen und tat, als würde sie die Hände, die ihr Otto entgegenstreckte, nicht sehen.

Ganz leise sagte sie:

"Es freut mich, daß Sie wieder hier sind, Herr Demel. Womit kann ich Ihnen dienen?"

Demel starrte das Mädchen fassungslos an. Wie hatte sie sich in wenigen Wochen verändert, wie sehr drückte sich das Leid, das ihr widerfahren, in ihrem Gesicht aus! Wohl war sie noch immer lieblich und schön, aber Bleichsucht und Unterernährung drückten den eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen ihre Insignien auf, ihre ganze Haltung sprach von hoffnungsloser Müdigkeit.

Demel atmete tief auf.

"Fräulein Grete, ich war damals, in jener schrecklichen Nacht, sehr hart und vielleicht ungerecht gegen Sie. Sie wollten mir etwas sagen und ich weigerte mich, Sie anzuhören. Die ganzen Wochen hat mich die Erinnerung an meine Ungüte gequält und ich habe eine Aussprache herbeigesehnt."

Um Gretes Mund zuckte es.

"Es hat keinen Zweck mehr, Herr Demel! Sie hatten ja ganz recht, wenn Sie mich verachteten, konnten gar nicht anders. Nun, das ist ja vorbei, ich bin wieder ein armes, ehrlich arbeitendes Mädel, und es ist am besten, wenn wir von diesen abscheulichen Dingen nicht mehr sprechen. Ich möchte Sie nur bitten, das Geld, das Sie mir vor Ihrer Abreise zurückließen, wieder zu nehmen. Ich weiß jetzt, daß ein armes Mädel sich sehr viel vergibt, wenn es von fremden Männern Geld nimmt."

Demel hatte das Gefühl, daß ihn ein Peitschenhieb traf. Er trat dicht an Grete heran und sagte mit warmer, bewegter Stimme:

"Grete, so darf es nicht zwischen uns bleiben! Ich war damals abscheulich, ich weiß es! Aber Sie ahnen ja nicht, was in mir vorgegangen ist, als ich Sie dort sah. Sie können es nicht ahnen, weil Sie nicht wissen, wie teuer und lieb Sie mir geworden waren. Ich selbst wußte es, als mich der Schmerz und die Wut über das, was ich glauben mußte, jäh aus einem schönen Traum weckten."

"Was Sie glauben mußten? Glauben Sie es denn jetzt nicht mehr?"

"Nein, Grete, ich glaube es nicht mehr! Nicht nur deshalb, weil in der Verhandlung heute aufklärende Worte über die Rolle, die Sie gespielt haben, laut wurden, sondern ich glaube es auch darum nicht, weil ich es im Tiefinnersten, im Unterbewußtsein immer für unmöglich gehalten habe, daß Sie schlecht geworden sind."

Grete richtete sich hoch auf.

"Schlecht? Das Wort klingt seltsam aus dem Munde eines Mannes, der sich einbildet, die Welt zu kennen und über den Dingen zu stehen! Wäre ich schlechter als ich es heute bin, wenn ich, in Not und Elend verstrickt, um meine Geschwister zu schützen, um meine arme Mutter und den alten Großvater nicht hungern zu lassen, meinen Körper verkauft hätte? Vielleicht, daß die Männer, die für schmutziges, elendes Geld Seelen kaufen, schlecht sind, die armen, dummen, törichten Mädeln, die sich kaufen lassen, sind es sicher nicht. Nach und nach erst werden sie schlecht durch die Schlechtigkeit der anderen Menschen.

Nun aber, da es jetzt doch zu der Aussprache gekommen ist: Ich habe mehr Willenskraft bewiesen, als ich mir selbst zugetraut hätte. Ich bin rein geblieben, wenn man es mir auch nicht leicht gemacht hat. Jawohl, ich habe Geld genommen, aber nichts dafür gegeben, nicht einmal einen Kuß! Ich habe die Begierde dieser abscheulichen Männer benützt, habe sie zum Narren gehalten, sie hoffen lassen, ohne jemals mich zu verlieren. Das ist sicher auch nicht schön, ist gemein und erbärmlich, aber einem, der um sein Leben kämpft, ist wohl manches erlaubt. Auch den Szenen, die sich im Salon abspielten, habe ich nie beigewohnt, bin immer im Nebenzimmer gesessen, habe mir die Ohren zugehalten, um nicht einmal etwas hören zu müssen.

So, Herr Demel, nun haben wir uns ja ausgesprochen und ich bitte Sie, sich um mich und mein armseliges Schicksal nicht mehr zu kümmern. Ich weiß, Sie waren immer gut und lieb zu mir, ich verdanke es Ihnen allein, wenn ich heute nicht vor der ganzen Welt gebrandmarkt dastehe, aber den Schmerz, den Sie mir damals zugefügt haben, kann ich nicht verwinden."

Mit der mühsamen Beherrschung war es vorbei. Grete lehnte sich an die Wand, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte leise. So sehr war sie in ihrem Schmerz versunken, daß sie es kaum fühlte, wie Demel sie sanft an sich zog und seinen Arm um sie schlang.

"Grete, das alles ist ja Unsinn! Ich war grausam gegen dich, weil ich dich so sehr liebte und du zürnst mir nur darum so, weil du mich liebst! Und jetzt ist alles klar zwischen uns und du bist mein und bleibst mein!"

Und schon war der Zorn und die Erbitterung des Mädchens wie weggeweht und schon lachte sie unter Tränen und schmiegte ihren Kopf an seine breite Schultern und hatte alles vergessen, was hinter ihr lag. – – –

Otto zog das Mädchen auf seine Knie.

"Bevor wir zu deiner Mutter gehen, wollen wir unser künftiges Leben in großen Strichen skizzieren: Ich bin kein Milliardär, aber ich verdiene mehr als ich brauche, bin vermögend genug, um dir und den Deinen ein sorgloses Leben zu bereiten. Ein alter Onkel von mir hat in Hietzing ein kleines Häuschen mit einem großen Garten. Er will ohnedies nach seiner Heimat in Tirol übersiedeln und ich werde ihm das Haus abkaufen. Und dann fort von hier mit dir und euch allen aus dieser abscheulichen, freudlosen Gasse! So rasch als möglich fort, denn hier in dieser Gasse würde sich immer ein dunkler Schatten auf unser Glück senken. Wenn alles gut geht, können wir in drei, vier Wochen heiraten und übersiedeln. Und werden diese Gasse nie wieder betreten."

Grete lehnte ihre heiße Wange an sein Gesicht und sah gedankenvoll vor sich hin:

"Und doch, ich werde die häßliche, freudlose Melchiorgasse nie vergessen! Not, Elend, Gemeinheit, Mord und düstere Verbrechen birgt sie in sich, und doch auch Menschlichkeit und Liebe! Sie ist mir zum Symbol geworden für eine ganze Stadt, die ganze Welt und das ganze Leben!"

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