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Die freudlose Gasse

Hugo Bettauer: Die freudlose Gasse - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie freudlose Gasse
authorHugo Bettauer
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleDie freudlose Gasse
pages292
created20000120
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1924
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Lösungen.

Otto Demel verließ am nächsten Tag Wien, um in Paris und London für sein Blatt politische und soziale Studien zu betreiben. Von Grete nahm er nur schriftlich Abschied, legte dem Brief einen größeren Betrag bei und teilte ihr mit, daß sie am kommenden Monatsersten bei einer Speditionsfirma in der Kantgasse als Stenotypistin eintreten könne.

Grete weinte bitterlich, nachdem sie den Brief gelesen hatte. Sie fühlte sich unsagbar gedemütigt, mußte von dem Mann, der sie verachtete, Geld nehmen, dankte ihm ihre Rettung aus Sumpf und Schmutz, bekam durch ihn auch noch Verdienst und Arbeit, und doch wäre sie am liebsten vor ihm hingetreten, um ihm mit zornigen Worten zu sagen, wie hart und ungerecht er gegen sie sei.

Sie wußte ja nicht, daß auch ihm recht erbärmlich zumute war und seine Gedanken immer wieder zu ihr zurückeilten, zu ihr, die ihm vor so kurzer Zeit noch mehr gewesen war, als er selbst gewußt hatte.

Dr. Karl Leid war nach dem unerwarteten Ende des Prozesses mit Frau Liane Christens fortgegangen. Schweigend, tief erschüttert, jeder in seine Gedanken versunken, gingen sie in der milden Frühlingsluft die Währingerstraße aufwärts gegen den Türkenschanzpark zu, in dessen Nähe die Villa Christens lag.

Die Scheidung war längst auch in zweiter Instanz vollzogen und vor wenigen Tagen hatte der Künstler zusammen mit seiner jungen Geliebten Wien verlassen, um für immer nach Rom zu übersiedeln. Die Villa mit ihrer kostbaren Einrichtung war seiner Frau verblieben.

Die Dämmerung war hereingebrochen, als die beiden das Haus erreicht hatten. Frau Liane zögerte einen Augenblick, dann bat sie Doktor Leid mit hineinzukommen und den Tee bei ihr zu nehmen.

"Wir sind ja beide einsame Spatzen und mir graut heute vor dem Alleinsein."

Karl Leid nahm die Einladung gerne an, folgte voll Behagen den weichen, fraulichen Bewegungen Lianes, die im Speisezimmer den Tee selbst bereitete, Brötchen zurechtschnitt, den kleinen Tisch mit den Likörflasclien herbeizog und ihn bediente.

"Wie stellen Sie sich nun Ihre Zukunft vor, Frau Liane?" fragte nach langer Pause Doktor Leid?

Sie lächelte müde. "Zukunft? Habe ich denn eine? Besteht mein Leben nicht nur mehr aus Vergangenheiten? Ich weiß, was Sie sagen wollen:

ich bin noch jung, habe noch Jahre des Genießens vor mir! Zahlenmäßig stimmt das wohl. Aber in Wirklichkeit? Ich bin unabhängig, wohlhabend, habe keine Kinder, keine Eltern, keine Verwandten, für die ich zu sorgen hätte. Nicht einmal Freunde habe ich, wenn ich Sie, der Sie so viel beschäftigt sind, ausnehme. Die Künstler und Schriftsteller, die bei uns verkehrten, waren seine Freunde und an Frauen konnte ich mich nur selten anschließen. Ich werde wohl oft ins Ausland reisen, aber auch das ist für eine alleinstehende Frau ein zweifelhafter Genuß. Sie sind ja auch einsam, aber Sie sind ein Mann, haben Ihren Beruf, kommen ohnedies kaum zur Besinnung Ihrer selbst, die Arbeit ersetzt Ihnen die Frau und die Freunde."

Dr. Leid schüttelte den Kopf.

"Mir graut jetzt vor meiner Arbeit! Mein ganzes Leben war nichts als Arbeit. Und was habe ich von ihr gehabt? Das Leben habe ich ihrethalben versäumt, statt glanzvoller Erinnerungen, Abenteuer und jauchzender Freude besitze ich nichts als den Rückblick auf gewonnene und verlorene Prozesse. Werden Sie es mir glauben, daß ich noch nie in Paris, London, Italien gewesen bin, noch nie die Grenzen der früheren Monarchie verließ?"

"Ich habe einen tüchtigen, hochbegabten Konzipienten, der jetzt heiratet. Am liebsten würde ich ihm meine Kanzlei übergeben, mich ins Privatleben zurückziehen und versuchen, das nachzuholen, was ich versäumt habe."

Es war dunkel und ganz still geworden. Durch das geöffnete Fenster drang der betäubende süße Geruch von Jasmin herein, die beiden einsamen Menschen hörten das Rauschen ihres eigenen Blutes.

Frau Liane stand auf und ließ das Zimmer von dem milden bläulichen Licht des verhängten Lusters erhellen. Auch Doktor Leid hatte sich erhoben, die beiden standen einander dicht gegenüber, ihre Augen versenkten sich ineinander, ein schalkhaftes Lächeln ließ ihr Gesicht mädchenhaft jung erscheinen, während er in knabenhafter Verlegenheit ihr die Hände entgegenstreckte.

Und als er leise, flüsternd fragte: "Liane, wollen wir den Weg, der noch vor uns liegt, gemeinsam wandern?" Da neigte sie den Kopf und schlang ihre Arme um seinen Hals. – – –

Ende Mai fand die neuerliche Verhandlung gegen Egon Stirner statt, der diesmal nur wegen des Verbrechens des Diebstahls angeklagt war. Die Öffentlichkeit brachte auch diesem Prozeß reges Interesse entgegen und der kleine Saal war von Neugierigen dicht gefüllt.

Sonderliche Sensationen gab es nicht. Stirner wiederholte seine früheren Aussagen, die Aussagen der beiden italienischen Händler und Hehler wurden diesmal verlesen, Josef Horak, der außertourlich zum Kriminalkommissär avanciert war, erschien als einziger Zeuge. Stirner aber und sein Verteidiger legten das Schwergewicht der Verteidigung darauf, daß er den Schmuck der Lia Leid mit ihrem Einverständnis genommen, aber die feste Absicht gehabt habe, ihn nur zu verpfänden und mit seinem ersten Börsengewinn auszulösen und zurückzugeben. Tatsächlich erschien dies auch sehr glaubhaft, um so mehr, als ja Stirner unmittelbar nach der Veräußerung des Schmuckes große Gewinne erzielt hatte.

Der Staatsanwalt ging denn auch sehr glimpflich mit dem Angeklagten um und legte dem Gerichtshof in seinem Schlußwort sogar nahe, unter das gesetzliche Strafausmaß von einem bis zu fünf Jahren Kerker herunterzugehen. Um so leichteres Spiel hatte der Verteidiger, der auf die furchtbaren Qualen hinwies, die Stirner hatte erdulden müssen, als er durch Monate des Mordes verdächtigt worden war.

Der Gerichtshof nahm einen Diebstahl als erwiesen an, da Stirner den Schmuck verkauft hatte, ließ aber außerordentliche Milderungsumstände gelten und verurteilte ihn nur zu sechs Monaten Gefängnis, von denen vier Monate als durch die Untersuchungshaft verbüßt in Abrechnung kamen. Für die restlichen zwei Monate wurde ihm eine einjährige Bewährungsfrist zugebilligt, so daß er als freier Mann das Gebäude des Landesgerichtes verlassen konnte.

Nach Erledigung aller Formalitäten war es spät abends geworden, und Stirner stand, den kleinen Koffer in der Hand, in der Brieftasche nicht viel mehr Geld, als für einige Tage reichen würde, unschlüssig auf der Alserstraße. Die warme Frühlingsluft berauschte ihn fast, er taumelte einige Schritte vorwärts, empfand jetzt erst voll und ganz die Höhe des Sturzes, den er getan.

Was nun? Seine Junggesellenwohnung war längst weiter vermietet und überhaupt konnte seines Bleibens in Wien nicht sein. Er mußte wieder hinaus in die Welt, nochmals den Kampf beginnen. Die Gestalt Stirners straffte sich. Jawohl, er wollte kämpfen! Aber mit ehrlichen Waffen, mit den geistigen und körperlichen Kräften, die ihm die Natur gegeben. Noch war er jung, gesund, stark, das Leben lag vor ihm, er mußte nur wollen, zäh sein und – vergessen!

Während sich diese Worte in seinem Hirn zu Gedanken prägten, kam ihm jäh und schmerzhaft die Erinnerung an Regina Rosenow und an Marie Lechner. Zwei Opfer seiner Gewissenlosigkeit, seiner wilden, ungehemmten Gier nach Geld, Karriere, Luxus! Die eine war tot, war an ihm zugrunde gegangen, wie tausend andere arme kleine Mädchen an dem Mann zugrunde gehen, der sie im ewigen Kampf der Geschlechter erobern will, nicht um sie zu behalten, sondern nur um sie zu besitzen.

Marie hatte, fast sterbend schon, ihm verziehen. Aber die andere, Regina, dieses stolze, verwöhnte junge Weib! War nicht auch sie von ihm zu Tode getroffen worden, war er nicht auch an ihr zum Mörder ihrer Seele geworden?

Sehnsucht nach Regina, das Bewußtsein, sie verloren zu haben, Scham und Reue schnürten dem Mann, dessen Wangen von der Haft bleich und eingefallen waren, die Kehle zu.

Dicht vor ihm stand ein großes, geschlossenes Privatauto, das er bisher nicht beachtet hatte. Plötzlich ging der Wagenschlag auf, und eine weiche Stimme, die nach verhaltenem Schluchzen klang, rief ihn bei seinem Namen. Überrascht blickte er auf. Und wußte nicht, ob er wachte oder träumte, als Regina ihm die Hand entgegenstreckte und zurief:

"Komm schnell herein zu mir, nur fort von hier!"

Geräuschlos sauste der Wagen dahin, ein weicher, heißer Mund preßte sich auf seine Lippen, zärtliche Hände streichelten seine Haare, und wie im Traume hörte er Regina sprechen:

"Du Armer, du! Was hast du durchmachen müssen! Was haben wir beide gelitten! Aber nun ist alles gut, nun bleiben wir beisammen, nichts mehr darf uns trennen! Ich habe dir ein Zimmer im Hotel Klomser bestellt, dort ist es still und ruhig, niemand wird dich belästigen und erkennen. Wir fahren jetzt dorthin und besprechen alles!"

Im Hotelzimmer saßen sie dicht aneinander geschmiegt und Regina erzählte. Von den inneren Wandlungen, die sie durchgemacht, sprach sie nur mit wenigen Worten.

"Wir waren beide auf falschen Wegen, Egon! Glaubten beide, daß wir uns über alles das hinwegsetzen können, was jahrtausendalte Überlieferung zum Gesetz erhoben hat. Und sind beide auf recht brutale Weise zur Besinnung gebracht worden. Aber laß uns nie mehr von der Vergangenheit reden! Sie soll hinter uns liegen wie eine häßliche, tödliche Krankheit, an die man nicht erinnert werden will. Und nie dürfen wir uns gegenseitig Vorwürfe machen. Daß ich nicht mehr rein und unberührt war, als ich mich dir am Semmering gab, wiegt schließlich genau so schwer wie das, was dich belastet."

Stirner preßte das junge Weib leidenschaftlich an sich, um es plötzlich freizugeben und mit gepreßter Stimme zu sagen:

"Was aber nun, Regina? Ich bin ein existenzloser, gestrandeter Mensch, der sich mühsam durchs Leben schlagen wird müssen. Und du, du bist nicht das Mädchen, das Not und Entbehrungen wird ertragen können.‘

Regina lachte wieder ihr helles, überlegenes Lachen.

"Nein, mein Lieber, das Leben kann je, wie man sieht, reichlich abenteuerlich sein, aber ein Familienblattroman ist es doch nicht. Ich habe alles geordnet. Mein armer Papa, der mich so gerne mit einem Prinzen vermählt hätte, tat mir wirklich leid, aber ich konnte ihm nicht helfen. Es blieb ihm nach recht bewegten Szenen, bei denen sich die gute, liebe Mama tapfer auf meine Seite gestellt hat, nichts übrig, als nachzugeben. Bevor vier Wochen um sind, wird dein Name geändert sein, dann heiraten wir und fahren nach Buenos Aires. Papa hat die Majorität der Argentinischen Bodenbank erworben und du übernimmst eine leitende Stellung. Unromantisch, aber praktisch! Und mir ist gar nicht bange vor dir, trotzdem du ein rechter Lump bist! Was geht es mich an! Ich weiß ja doch, daß du mich lieb hast!"

Das war wieder die alte, frivole Regina, aber ihr Herz schlug warm und ehrlich dem Manne entgegen, der sie jetzt an sich riß und mit seinen Küssen bedeckte. – – – –

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