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Die freudlose Gasse

Hugo Bettauer: Die freudlose Gasse - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie freudlose Gasse
authorHugo Bettauer
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleDie freudlose Gasse
pages292
created20000120
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1924
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Der Prozeß.

Der Tag war gekommen, an dem der sensationellste Prozeß begann, den Wien seit Jahrzehnten erlebt hatte.

"Der Gentleman-Mörder vor Gericht" – seit Tagen sprach man von nichts anderem und seit Tagen gab es für Tausende nur eine Frage: Wie verschaffe ich mir die Möglichkeit, dem Prozeß beizuwohnen? Das Landesgerichtspräsidium gab Einlaßkarten aus, aber diese waren längst vergriffen und als mit der Auslosung der Geschworenen um neun Uhr morgens begonnen wurde, waren die Bänke der Gerichtssaalberichterstatter und der Anwälte gefüllt; während draußen vor dem Tor des Landesgerichtes Hunderte von Menschen harrten, in der Hoffnung, wenigstens durch die ein- und ausgehenden Gerichtssaaldiener hie und da ein Detail aus dem Prozeß zu erfahren.

Im Zuhörerraum sah es wie bei einer Sensationspremiere aus, die Finanz- und Bankmagnaten mit ihren Frauen, berühmte Schauspieler und Sänger, Maler und Schriftsteller, Lebedamen und Mitglieder der früheren Aristokratie saßen dicht aneinandergedrängt und harrten in fieberhafter Spannung der Dinge, die nun kommen sollten.

Es dauerte fast eine Stunde, bevor die Geschworenenbank zusammengestellt war. Sie bestand schließlich zum großen Teil aus Angehörigen intellektueller Berufe, von den zwei weiblichen Geschworenen war die eine Lehrerin, die andere Ärztin. Verteidiger war Dr. Valentin, Staatsanwalt der wegen seiner Schärfe gefürchtete Tupfer, Präsident Hofrat Schwarz.

Als der Angeklagte hereingeführt wurde, entstand ein Raunen und Wispern im Saal. Egon Stirner war tadellos gekleidet, er schien ruhig, gefaßt zu sein, hielt die flackernden Augen fast immer halb geschlossen.

Die Anklageschrift wurde verlesen. Mit knapper Logik entwickelte sie die Vergangenheit Stirners, sein Eindringen in die Wiener Gesellschaft, die Beziehungen zu Frau Lia Leid, ihren schrecklichen Tod, die Suche nach dem Mörder, die Mission der Frau Liane Christens, die Verhaftung des Mörders, der in ebenso frivoler wie feiger Weise den Diebstahl der Juwelen eingestand, den Mord aber leugnete.

Stirner wurde vor die Schranken gerufen und das Verhör durch den Präsidenten begann.

Nach Abnahme der Generalien stellte der Präsident die übliche Frage, ob sich der Angeklagte schuldig bekenne. Mit erhobener Stimme antwortete Stirner:

"Ich bin an dem Tode der Frau Lia Leid vollständig unschuldig!"

"Soll ich Sie über den Hergang der Affäre befragen oder wollen Sie eine zusammenhängende Darstellung geben?"

Stirner entschied sich für letzteres und begann:

"Als ich Beamter der Mitteleuropäischen Kreditbank wurde, war es natürlich mein Wunsch und Bestreben, dem Präsidenten der Bank, Herrn Rosenow, aufzufallen und mit ihm in Berührung zu treten. Die Gelegenheit ergab sich durch einen Zufall. Mir kam eine amerikanische Zeitung zu Gesicht, die sich in ihrer wirtschaftlichen Beilage mit den Finanzverhältnissen Österreichs befaßte und dabei gewisse Transaktionen der Mitteleuropäischen Kreditbank einer scharfen Kritik unterzog. Ich übersetzte den Artikel, ließ mich bei Herrn Rosenow melden und legte ihm Original und Übersetzung mit der Bemerkung vor, daß ich gerne dem Blatte eine sachliche Erwiderung einschicken würde. Herr Rosenow gab mir das Material, und als ich nach vier Wochen die Nummer der Zeitung mit meiner Erwiderung Zugeschickt erhielt, überreichte ich sie dem Präsidenten, der mir seinen Dank aussprach und mir versprach, mich bei nächster Gelegenheit in das Sekretariat zu transferieren. Es geschah dies auch später.

Eines Abends zu Ende des Sommers, als die Familie des Herrn Präsidenten vom Land zurückgekehrt war, hörte ich zufällig, wie Herr Rosenow telephonisch ein Rendezvous mit dem Rechtsanwalt Dr. Leid und dessen Gattin beim Eisvogel im Prater vereinbarte. Ich begab mich abends auch dorthin, schlenderte mehrmals am Tisch des Präsidenten vorbei und suchte scheinbar vergeblich nach einem freien Platz. Ich erreichte meinen Zweck, Herr Rosenow bemerkte mich, flüsterte mit den Damen, rief mich an seinen Tisch und lud mich ein, Platz zu nehmen.

Es ist mir peinlich und schwer, über das folgende zu sprechen, aber es muß geschehen, da es sich schließlich für mich um Sein und Nichtsein handelt. Frau Lia Leid war meine Tischnachbarin und ich war von ihrer Schönheit fasziniert, obwohl mir Fräulein Rosenow, die mir gegenüber saß, ihrer ganzen Art und Erscheinung nach sympathischer war. Aber in Frau Leid sah ich das rassige, eroberungslustige Weib, sah die Möglichkeit einer intimeren Bekanntschaft, fühlte, daß sie mir vom ersten Augenblick an entgegenkam.

Ich darf es wohl unterlassen, Einzelheiten über die Entwicklung unserer Freundschaft zu erzählen. Genug damit, daß mir Lia Leid, die ich fast täglich in ihrer Wohnung anrief, wie sie auch mich täglich in der Bank antelephonierte, sehr bald ein Rendezvous gewährte. Wir trafen uns in einem entlegenen Kaffeehaus, fuhren mit dem Auto in die Umgebung Wiens und kamen fast täglich zusammen. Diese Zusammenkünfte waren für mich mit erheblichen Geldausgaben verbunden, denen ich bei meinem kleinen Einkommen nicht gewachsen war. Ich begann fast ohne Deckung an der Börse zu spielen, hatte auch Glück und kam bald zur Überzeugung, daß ich bei der herrschenden Konjunktur nur eines großen Kapitals bedürfe, um reich, sehr reich zu werden.

Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, hier in nüchternen Worten zu erklären, wie sich der Wunsch, reich zu werden, meiner mit zunehmender Heftigkeit bemächtigte, mich Tag und Nacht verfolgte, wie Pläne in mir entstanden und wieder verworfen wurden. Bis eines Tages Lia Leid mir von ihrem Schmuck erzählte und mitteilte, daß sie eine Perlenschnur besitze, deren Wert fast unschätzbar sei.

Die Situation gestaltete sich für mich, wenn ich so sagen darf, sehr günstig. Lia und ich waren einig darin, daß unser bisher platonisches Verhältnis ein intimes werden sollte und ich ging daran, ein geeignetes Absteigequartier zu suchen, da ich in dem möblierten Zimmer, das ich bewohnte, Damenbesuch nicht empfangen durfte. Gleichzeitig aber bekam ich von meinem Präsidenten eine Einladung zu einem Souper, bei dem auch Doktor Leid und seine Gattin anwesend sein würden.

Lia, immer voll von exzentrischen Launen und bizarren Einfällen, war es, die auf die Idee kam, unmittelbar vor dem Souper mit mir eine Stunde allein zu sein. Ich erinnere mich jedes ihrer Worte. Sie sagte:

‚Es wird herrlich sein, wenn wir uns nach einer tollen Stunde bei den Rosenows begegnen, als wäre nichts geschehen, wenn wir gleichgültig miteinander plaudern und tanzen werden, während unsere Blicke sich ineinander versenken und von dem, was wir erlebt, sprechen.‘

Dann erzählte sie von dem neuen Abendkleid, das eben fertig geworden, worauf ich fast mechanisch fragte, ob sie ihren kostbaren Schmuck anlegen werde.

‚Wenn es dir gefällt, werde ich mich von oben bis unten mit Diamanten und Perlen behängen,‘ erwiderte sie, und wie im Traum versicherte ich, daß dies mein Wunsch wäre.

Durch eine Annonce im ‚Tagblatt‘ fand ich am Tag vor dem Souper das Absteigequartier in der Melchiorgasse bei der Frau Merkel und arbeitete meinen Plan in allen Details aus."

Stirner, der unter lautloser Stille gesprochen hatte, machte eine Pause, die vom Präsidenten unterbrochen wurde.

"Das heißt, Sie bereiteten sich darauf vor, Frau Leid zu ermorden und zu berauben."

"Durchaus nicht. An einen Mord dachte ich nicht einen Augenblick, sondern nur daran, den Schmuck an mich zu bringen. Meine Argumentation war folgende: Es war verabredet, daß ich vor Frau Lia das Absteigequartier verlassen würde. Nun, beim Fortgehen würde ich die Perlen und so viel als möglich von dem anderen Geschmeide an mich nehmen und mich unbemerkt damit entfernen.

Ich kam verabredungsgemäß einige Minuten vor Lia. Sie hatte tatsächlich ihren ganzen Schmuck an, den sie dann ablegte. Auf meinen Wunsch auch die Ringe. Sie legte alles neben ihr Täschchen auf den Tisch in der Mitte des Zimmers, worauf ich meinen Hut so auf den Tisch vor den Schmuck und den Pompadour legte, daß der Hut zwischen diesen Dingen und dem Diwan sich befand und den Blick vom Diwan auf den Schmuck verdeckte.

Die weiteren Ereignisse im Zimmer darf ich wohl mit Stillschweigen übergehen. Gegen neun Uhr kleidete ich mich rasch wieder an, wobei nur eine kleine Tischlampe auf einem Schreibtisch in der Ecke leuchtete, so daß es fast ganz dunkel im Zimmer war. Frau Lia blieb auf dem Diwan liegen und ich konnte in aller Ruhe dem offenen Täschchen eine Rolle Banknoten entnehmen und sie zusammen mit den Perlen, den Ringen, Nadeln und Armbändern und so weiter in die Taschen meines Raglans tun. Ich gab Lia einen Abschiedskuß und entfernte mich – – – dies ist die reine, lautere Wahrheit! Alles andere ist durch die beiden italienischen Händler bekannt geworden. Ich habe den Schmuck in Genua zu Geld gemacht und bin dann nach Wien zurückgekehrt."

"Davon werden wir später sprechen," sagte der Präsident. "Sie wollen uns also glauben machen, daß Frau Leid lebte, als Sie sie verließen und Sie auch gar nicht die Absicht hatten, sie zu ermorden. Wozu war dann die Verkleidung, warum legten Sie sich einen Spitzbart an und trugen einen Kneifer?"

"Das kann ich leicht erklären, Herr Präsident. Als ich Frau Leid von dem Absteigequartier in der Melchiorgasse Mitteilung machte, erzählte ich ihr, daß ich in derselben Gasse vor Jahren ein Verhältnis mit einem schönen jungen Mädchen gehabt und auch in dem Salon einer Frau Greifer, die Zusammenkünfte zwischen Lebemännern und Mädchen veranstaltete, verkehrt habe.

Nun war Frau Leid trotz ihres Leichtsinnes sehr ängstlich und sie erklärte kategorisch, die Melchiorgasse nicht betreten zu wollen, da sie fürchte, daß ich dort erkannt werde und allerlei Kombinationen entstehen könnten. Ich beruhigte sie mühsam, indem ich ihr feierlich versprach, mich durch einen Spitzbart und Zwicker unkenntlich machen und mit der Frau Merkel nur in der Dunkelheit sprechen zu wollen. Ich hielt dies schließlich auch selbst für ratsam, da es mir nicht angenehm gewesen wäre, von Leuten, die das erwähnte Mädchen kennen, erkannt zu werden."

"Angek1agter, fühlen Sie denn nicht selbst, daß Ihre ganze Verantwortung vollständig unglaubwürdig klingt? Sie geben den Diebstahl zu, besser gesagt, es blieb Ihnen nichts anderes übrig, als ihn angesichts Ihrer Identifizierung durch die italienischen Juwelenhändler zuzugeben. Wer aber sollte dann Frau Leid ermordet haben? Hätten Sie sich, ohne sie bestohlen zu haben, von ihr entfernt, so läge immerhin die Möglichkeit vor, daß die Quartiersfrau oder ein Verbündeter von ihr den Mord begangen habe, um sich in den Besitz des Geldes und Schmuckes zu setzen. Aber Geld wie Schmuck haben ja Sie genommen. Wer nun sollte ein Interesse daran haben, die Frau umzubringen?"

"Verzeihen, Herr Präsident, aber zur Beantwortung dieser sicher sehr berechtigten Frage ist doch wohl die Polizei da! Ich kann nichts sagen, als daß Frau Leid unversehrt und lebendig war, als ich sie verließ."

"Sie haben also das Absteigequartier verlassen, sich in ein benachbartes Haus begeben und dort den Spitzbart abgenommen. Was haben Sie mit ihm, wie mit dem Kneifer getan?"

"Beides in die Tasche gesteckt."

"Dann sind Sie mit einem Autotaxi nach Pötzleinsdorf gefahren, um an dem Souper bei Rosenows teilzuehmen. Da muß es Ihnen doch aufgefallen sein, daß Frau Leid so lange nicht kam?"

"Jawohl, aber ich brachte das in Zusammenhang mit meiner Entwendung des Schmuckes. Ich dachte, Frau Leid würde lange suchen und schließlich, vollkommen verwirrt, nochmals nach Hause gefahren sein, um nachzusehen, ob sie den Schmuck wirklich angelegt habe. Übrigens war ich über ihr Nichterscheinen sehr froh, denn der Gedanke, ihr, deren Vertrauen ich so schnöde mißbraucht, in die Augen zu sehen, vor ihr als Dieb dazustehen, war mir unerträglich. Allerdings auf die Gefahr hin, daß mir dies niemand glaubt, versichere ich, daß ich den Schmuck nur versetzen wollte. Ich war ganz sicher, das Geld an der Börse rasch vervielfachen zu können und hätte dann den Schmuck ausgelöst und Frau Lia zurückgestellt."

Ein höhnisches Auflachen im Zuhörerraum, die skeptischen Mienen der Geschworenen, ein "Na, na!" des Staatsanwaltes bewiesen, daß wirklich niemand im Saale den Worten Stirners Glauben schenkte.

"Was taten Sie nun, als Herr Otto Demel vom Telephon mit der Nachricht kam, daß in der Melchiorgasse eine schöne, junge, elegante Frau ermordet aufgefunden worden sei und Doktor Leid ohnmächtig zusammenbrach?"

"Ich war sofort davon überzeugt, daß dies Frau Lia sei. Einen Augenblick war ich nur über das Geschehnis entsetzt, dann aber sagte ich mir, daß der Verdacht, der Mörder zu sein, logischerweise auf mich fallen müsse. Ich begab mich mit dem Redakteur nach der Melchiorgasse, ging aber nicht mit in das Haus hinein, sondern nach dem Café Payr, wo ich Herrn Demel erwartete. Auf dem Weg in das Kaffeehaus erinnerte ich mich, daß mir jetzt der Besitz des falschen Bartes verhängnisvoll werden könnte und ich warf ihn wie auch den Zwicker durch die Lücken eines Kanalgitters. Nun konnte ich natürlich auch meinen Vorsatz, den Schmuck in Wien zu versetzen, nicht ausführen, sondern benützte eine noch rückständige Urlaubswoche, um nach Genua zu fahren, wo, wie ich wußte, genug Händler, die auch verdächtigen Schmuck kaufen, leben. Ich erhielt eine Million Lire von den Herren Fosci und Barga, kehrte nach Wien zurück, spekulierte an der Börse und führte eine starke Hausse in Holzwerten herbei. Ich verabsäumte es, meine Engagements rechtzeitig zu lösen, die Kontermine kam mir zuvor und so büßte ich alles ein, was mir dieser unselige Diebstahl gebracht hatte."

Der Staatsanwalt stand auf.

"Worauf Sie die Tochter Ihres Chefs in Ihre Netze lockten. Es gelang Ihnen tatsächlich, die junge, sehr reiche Dame zu einer Verlobung mit Ihnen zu bestimmen. Allerdings wenige Stunden vor Ihrer Verhaftung, so daß aus diesem großzügigen Fischzug nichts wurde."

Stirner wurde dunkelrot im Gesicht und richtete sich hoch auf:

"Herr Staatsanwalt, ich spreche Ihnen das Recht ab, über meine Empfindungen und Absichten Fräulein Rosenow gegenüber zu sprechen. Dieses Thema steht hier nicht zur Diskussion."

Der Staatsanwalt fuhr auf und wollte scharf erwidern, aber der Präsident winkte ab und stellte an Stirner noch eine Frage:

"In Ihren Personalakten liegt eine militärische Information, die den Verdacht ausdrückt, daß Sie, während Sie in der Schweiz vom Generalstab infolge Ihrer Sprachenkenntnisse zu Informationsdiensten verwendet wurden, gleichzeitig für Frankreich und England Spionagedienste leisteten. Sie sollen auch einigemal Deutsche von Genf aus auf französischen Boden gelockt und dort den Behörden überliefert haben."

"Ich bestreite das auf das entschiedenste. Um die Wahrheit zu gestehen, habe ich sowohl die österreichischen Militärbehörden wie die französischen und englischen zum Narren gehalten. Ich habe weder uns noch den anderen Spionagedienst geleistet, sondern mich von beiden Seiten zahlen lassen, ohne auch nur das geringste dafür zu tun. Wenn ich Geld brauchte, begab ich mich zum französischen Konsul in Genf und erzählte ihm eine erfundene Geschichte von einem Deutschen, den ich über die Grenze gelockt habe. Der Konsul konnte sich schwer erkundigen, ob ich die Wahrheit gesprochen, und zog es vor, mir ohneweiters zu glauben."

Die Ausführungen Stirners erregten im Auditorium eine gewisse Heiterkeit, wie denn überhaupt das Grauen, das man vor Stirner empfunden hatte, langsam zu weichen begann.

Als nächste Zeugen wurden mit Hilfe eines Dolmetschers die beiden Italiener aus Genua, dann der Schusterjunge, der Stirner mit und ohne Spitzbart gesehen hatte, vernommen. Ihre Aussagen waren uninteressant, da sie ja nur Dinge bestätigen konnten, die Stirner ohnedies zugab.

Die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich erst wieder Frau Merkel, der Vermieterin des Absteigequartiers in der Melchiorgasse 55, zu.

Zuerst zitterte Frau Merkel am ganzen Leib und konnte kein Wort herausbringen, dann, als sie sich beruhigt hatte, wurde sie so weitschweifig, daß sie den Präsidenten zur Verzweiflung brachte. Nachdem sie lang und breit erzählt hatte, wie und warum sie ein Zimmer vermietete, wie diskret sie sei und daß sie, als der spitzbärtige Herr mit seiner Dame sich im Zimmer eingeschlossen, zwar einigemal an der Türe gehorcht, aber nichts weiter gehört habe als das, was man bei solchen Affären zu hören pflegt, schilderte sie aufgeregt, wie sie, nachdem der Herr gegangen war, bis kurz vor zehn Uhr auf den Fortgang der Dame gewartet, dann geklopft, aber keine Antwort bekommen und schließlich die Polizei alarmiert habe, die von einem in der Nachbarschaft wohnenden Schlosser die Zimmertüre öffnen ließ, worauf man die schöne, elegante Frau auf dem Diwan als Leiche fand.

Der Präsident: "Frau Merkel, passen Sie gut auf und beantworten Sie meine Frage mit größter Gewissenhaftigkeit. Der Angeklagte behauptet, daß Frau Lia Leid am Leben war, als er sie verließ, sie also zwischen neun und zehn Uhr ermordet worden sein müsse. Nach dem gerichtsärztlichen Befund ist Frau Leid zwischen neun und halb zehn Uhr ermordet worden, eher gegen neun Uhr als gegen halb zehn. Wenn der Angeklagte die Wahrheit sprechen würde, müßte sich unmittelbar nach seiner Entfernung jemand in das Zimmer geschlichen und Frau Leid erwürgt haben. Auf Sie selbst, Frau Merkel, fällt keinerlei Verdacht, schon deshalb nicht, weil ja Stirner erwiesener- und eingestandenermaßen das Geld und die Juwelen gestohlen hat, so daß, wenn er nicht der Täter wäre, von einem Raubmord keine Rede sein könnte. Halten Sie es nun für möglich, daß jemand, nachdem Stirner fortgegangen ist, die Wohnung betreten hat?"

"Ganz ausgeschlossen, Herr Gerichtshof! Das könnte nur geschehen, wenn die Wohnungstüre offen geblieben wäre. Aber sofort, wie der Herr weggegangen ist, bin ich aus der Küche ins Vorzimmer getreten, habe das Licht aufgeknipst und die Sicherheitskette an der Wohnungstüre angelegt."

"Wozu haben Sie das getan?" fragte der Verteidiger. "Sie mußten doch annehmen, daß einige Minuten später die Dame die Wohnung verlassen würde."

Frau Merkel kicherte verlegen.

"Um die Wahrheit zu sagen, Herr kaiserlicher Rat, ich hab‘ halt doch sehen wollen, wie die Dame ausschaut und dachte mir, sie wird in der Dunkelheit die Kette nicht so schnell abnehmen können, so daß ich sie mir durch die Türspalte anschauen kann."

Der Präsident, der Staatsanwalt und der Verteidiger lächelten über dieses Muster einer diskreten Vermieterin.

Der Verteidiger: "Frau Merkel, Sie werden jedes Wort, das Sie hier sagen, beschwören müssen. Ich frage Sie: Sind Sie ganz sicher, daß sich zur kritischen Zeit außer Ihnen und dem Paar im Absteigequartier niemand in der Wohnung befunden hat?"

"Ausgeschlossen, gnä‘ Herr! Die Wohnung besteht ja nur aus zwei Zimmern, Küche, Vorzimmer und einer Dienstbotenkammer, die als Badezimmer benützt wird und in die Küche führt, weil ich mir kein Mädel nicht leisten kann. Der große Salon ist das Zimmer, in dem die Herrschaften waren, und in das andere Zimmer bin ich alle Augenblick gegangen, weil das mein Schlafzimmer ist, in dem die Nähsachen liegen."

"Nochmals: Sie halten es also für absolut unmöglich, daß an diesem verhängnisvollen Abend jemand ohne Ihr Wissen die Wohnung betreten oder verlassen hat?"

Frau Merkel dachte nach: "Betreten hätt‘ die Wohnung unmöglich jemand können, schon deshalb nicht, weil ich ja die Sicherheitsketten vorgelegt habe. Aber fortgehen – das wär‘ schon eher möglich gewesen. Wie die Dame so lange geblieben ist, hab‘ ich mir eh‘ gedacht, daß das eine ganz Schlaue ist, die sich auf den Fußspitzen entfernt und leise die Sicherheitsketten herunter gemacht hat. Das wär‘ schon möglich, wenn einer vorsichtig sein tut. Aber, wie ich dann zuerst geklopft und dann gesehen hab‘, daß die Zimmertüre versperrt ist, da hab‘ ich gewußt, daß etwas nicht in der Ordnung ist und hab‘ eine Angst gekriegt und – –"

"Schon gut, das wissen wir bereits! Hat noch jemand an die Zeugin eine Frage? Nein, dann wird Herr Doktor Leid vorgerufen."

Ein Raunen und Flüstern ging durch den Schwurgerichtssaal, als der berühmte Rechtsanwalt Doktor Leid, der so oft in diesem Raum eine hervorragende Rolle gespielt hatte, nun als Zeuge, um gegen den Mörder seiner Frau auszusagen, vor Gericht stand. Seinen vielen Bekannten, die den Saal füllten, schien es, daß Dr. Leid nicht mehr so zusammengebrochen war, wie vor wenigen Wochen noch, er hatte sich scheinbar wiedergefunden, auch das nervöse Gesichtszucken, das seine Freunde mit Besorgnis an ihm beobachtet hatten, war geschwunden.

Der Präsident fragte nach Erledigung der üblichen Formalitäten:

"Herr Doktor, hatten Sie irgendwelchen Verdacht, daß zwischen Ihrer Frau und Egon Stirner unerlaubte Beziehungen bestehen könnten?"

"Nein, durchaus nicht. Ich wußte, daß er zu den zahlreichen Hofmachern meiner Frau gehöre, nahm auch als selbstverständlich an, daß sie ihn wie andere Bekannte bei den jetzt üblichen Tanztees am Nachmittag treffen würde, hatte aber sonst keinerlei Mißtrauen, wie es mir überhaupt ferne lag, meine Frau auch nur in Gedanken der Untreue zu verdächtigen."

"Haben Sie späterhin jemals die Möglichkeit erwogen, daß Stirner der Mörder Ihrer Frau sein könnte?"

"Nicht im entferntesten! Erst als mir Frau Liane Christens nach ihrer Rückkehr aus Italien von der seltsamen Mission erzählte, die sie freiwillig unternommen, zweifelte ich nicht daran, in diesem Manne den Mörder zu wissen."

"Stellen Sie Schadenersatzansprüche?"

"Nein, ich will von diesem unseligen Schmuck, der meiner armen Frau das Leben gekostet hat, nichts mehr wissen, würde ihn nicht bei mir dulden, auch wenn ich ihn zurückbekommen könnte."

Das Verhör mit Dr. Leid war beendet, er blieb im Saal und folgte mit Interesse der Vernehmung der nächsten Zeugin, Frau Liane Christens. Ihre schöne, vornehme Erscheinung fand im Saal Bewunderung, mehr noch ihr eigenartiger italienischer Reisebericht, und mehr als einmal mußte der Präsident das Auditorium energisch um Ruhe ermahnen. Frau Liane nahm dann neben dem Rechtsanwalt Platz.

Als nächster Zeuge kam der Generaldirektor der Mitteleuropäischen Kreditbank, Herr Jonas Rosenow, an die Reihe. Für das Publikum war sein Erscheinen eine pikante Sensation, man erwartete einen Wutausbruch des großen Finanzmannes gegen den Gentleman-Raubmörder, der beinahe sein Schwiegersohn geworden wäre. Aber diese Erwartung wurde getäuscht. Herr Rosenow beherrschte sich vollständig, blieb gelassen und kühl und beantwortete die Frage des Verteidigers, ob er den Angeklagten eines Raubmordes fähig gehalten hätte, folgendermaßen:

"Keine Idee! Oder glauben Sie, daß ich die Verlobung meiner Tochter mit einem Mann, den ich für einen Verbrecher halte, geduldet hätte?"

Nachdem der Polizeibeamte Horak die Geschichte der Verhaftung Stirners erzählt hatte, trat als letzter Zeuge der Journalist Otto Demel vor die Schranken. Auf die Einvernahme Regina Rosenows hatte der Vorsitzende taktvollerweise verzichtet.

Auf Befragen des Vorsitzenden erzählte Demel von seiner flüchtigen Bekanntschaft mit Stirner, die eigentlich erst am Abend des Mordes ein wenig intimer geworden sei.

"Fiel Ihnen, als Sie den Gästen der Familie Rosenow von dem Mord in der Melchiorgasse erzählten, an Herrn Stirner eine Veränderung auf?"

"Schon deshalb nicht, weil ich ihn nicht weiter beachtete, sondern meine ganze Aufmerksamkeit meinem Freund Doktor Leid schenkte. Als ich mich mittels Auto nach dem Tatort begab, schloß sich Stirner mir an und nun erst erinnerte ich mich, irgendwelches Getratsch über Beziehungen zwischen ihm und Frau Lia gehört zu haben. Ich fragte ihn, ob er nicht zu den sehr gut Bekannten der Leids gehöre, und er verneinte dies, ohne irgendwelche sonderliche Verlegenheit."

"Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß Stirner mit Ihnen nicht das Mordhaus betreten wollte, sondern in einem Kaffeehaus auf Sie wartete?"

"Das erschien mir durchaus nicht auffällig, da er schließlich dort nichts zu suchen hatte und es nicht jedermanns Sache ist, die Leiche einer ermordeten Frau zu besichtigen."

"Und im Café Payr, in dem Sie später Stirner trafen – wie hat er sich da benommen?"

"Absolut nicht auffällig. Er schien sehr erschüttert zu sein und zeigte plötzlich Zeichen von Abspannung und Müdigkeit, was mir nur selbstverständlich erschien."

Der Verteidiger erhob sich:

"Herr Redakteur, Ihr Beruf hat Sie ja wohl zum Menschenkenner gemacht. Nun, würden Sie, ohne weitere Kenntnis belastender Tatsachen, meinen Klienten für einen Raubmörder halten?"

Der Staatsanwalt protestierte gegen diese Suggestivf rage, der Präsident aber beschloß, ihre Beantwortung zuzulassen. Demel sagte:

"Ich muß gestehen, daß mir Herr Stirner nicht eben sympathisch war. Er machte auf mich den Eindruck eines skrupellosen Strebers und seine flackernden, unruhigen Augen sind nicht die eines ehrlichen, aufrichtigen Menschen. Den Typus des gewalttätigen Menschen oder gar des Mörders kann ich in ihm aber wirklich nicht erblicken. Dazu fehlen ihm vor allem die Degenerationsmerkmale bei der Ohren- und Schädelbildung."

Der Staatsanwalt lachte laut.

"Ich erinnere an den fünf- oder sechsfachen Frauenmörder Hugo Schenk, der ein bildschöner Mensch mit sanften Augen war und keinerlei Verbrechermerkmale besaß."

Nochmals rief der Präsident den Angeklagten vor:

"Angeklagter, Sie sind doch ein intelligenter Mensch und müssen selbst fühlen, daß niemand im Gerichtssaal Ihrer Verantwortung Glauben schenken kann. Wollen Sie nicht doch lieber ein Geständnis ablegen, das schließlich auf die Strafbemessung mildernden Einfluß nehmen könnte?"

Um Stirners Lippen zuckte es und seine Antwort kam stockend und leise:

"Ich weiß ganz genau, daß ich ein verlorener Mann bin und mein Leben im Gefängnis beschließen werde. Ich weiß auch, daß, wenn ich den Mord zugeben würde, ich vielleicht mit fünfzehn Jahren Gefängnis davonkäme.

Einen Mord habe ich aber nicht begangen, ja, nicht einmal einen Diebstahl. Vorhin hatte ich zugegeben, daß ich den Schmuck der Fräu Lia Leid gestohlen hatte. Jetzt, wo Sie, Herr Präsident, mich so eindringlich fragen und ich vielleicht nie wieder Gelegenheit haben werde, öffentlich zu sprechen, erkläre ich, daß mein Geständnis weit über die Wahrheit hinausgeht. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Halb scherzhaft, halb im Ernst fragte ich Frau Leid am Tage vorher, ob sie mir ein paar hundert Millionen für eine große Börsentransaktion leihen würde, bei der ich sicher sei, gewaltige Beträge zu verdienen. Sie erklärte, über keine größeren Beträge zu verfügen, ließ sich aber dann von mir genau auseinandersetzen, welche Börsentransaktionen ich vorhabe. Was ich ihr sagte, leuchtete ihr ein und sie war es, die mir ihren ganzen Schmuck zum Versetzen anbot. Und dein Mann? fragte ich. ‚Ach was,‘ erwiderte sie, ‚der, wenn ihm auffällt, daß Ich keinen Schmuck mehr trage, so sage ich ihm, ich sei jetzt nicht für Juwelen gestimmt. Und nach ein paar Tagen oder Wochen würdest du mir ja den Schmuck zurückgeben können.‘

Ich ging auf ihr Anerbieten nicht näher ein, war aber fest entschlossen, den Schmuck zu versetzen. Ich kam nicht mehr dazu, mit ihr darüber zu sprechen, in der Stunde, da ich sie im Zimmer der Frau Merkel in meinen Armen hielt, wollte ich es nicht tun, und so nahm ich denn, als ich fortging, alles mit, auch den Barbetrag von etwa zwanzig Millionen, den sie mir, um mich aus meiner damaligen Geldklemme zu befreien, dringend angeboten hatte. Ich dachte mir, daß sie, wenn sie beim Ankleiden das Fehlen des Schmuckes bemerkt, ohnedies den Sachverhalt erkennen wird. Später, bei Rosenows, hatte ich doch ein recht peinliches Gefühl, dachte, daß Lia besorgt und verstimmt sein könnte, es bangte mir ordentlich vor dem Augenblick, da sie mir gegenübertreten würde. Dann, als ich die ganze furchtbare Wahrheit erfuhr, blieb mir logischerweise nichts mehr übrig, als den Schmuck, dessen ich mich in Wien nicht entäußern konnte, im Ausland zu Geld zu machen.

Warum ich das nicht dem Untersuchungsrichter gegenüber, warum nicht im vorangegangenen Verhör gesagt habe? Weil ich genau wußte, daß man mir kein Wort glauben, ich durch eine so märchenhaft klingende Geschichte meine Lage nur noch verschlechtern würde. Ich habe mich jetzt‚ in letzter Minute, doch dazu entschlossen, weil ich sehe, daß ich so und so verloren bin." Die Mienen der Richter, das Murmeln und Lachen im Auditorium bewiesen, daß man Egon Stirner wirklich kein Wort glaubte.

Damit war das Beweisverfahren beendet und der Präsident erteilte dem Staatsanwalt das Wort.

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