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Die freudlose Gasse

Hugo Bettauer: Die freudlose Gasse - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie freudlose Gasse
authorHugo Bettauer
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleDie freudlose Gasse
pages292
created20000120
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1924
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Eine Enttäuschung und ihre Folgen.

Grete Rumfort verbrachte die bittersten Tage ihres jungen Lebens. Nach dem Gesetz der Serie ereigneten sich Schlag auf Schlag Dinge, die ihr den Rest von Lebensmut nehmen wollten, sie niederprügelten, wie ein Hagelschauer die junge Saat.

Am Tag nach dem Fest bei Frau Greifer, bei dem Grete als Nymphe mitgewirkt und die Bekanntschaft des Dr. Wurm gemacht hatte, kam es ihr erst ganz zum Bewußtsein, was damit geschehen war. Sie hatte ihren Leib den Blicken gieriger Männer preisgegeben und stillschweigend eingewilligt, die Maitresse dieses Mannes zu werden. Jawohl, bei ruhiger Überlegung mußte sie sich eingestehen, daß dieser Wurm, der ihr im Rückblick unsagbar widerwärtig zu sein schien, schon ein Anrecht auf sie besaß. Sie hatte ja Geld von ihm genommen, viel Geld, eine Million, und wußte genau, daß dies nur eine Anzahlung, eine Hypothek auf ihren Körper war.

Die zwei Banknoten flößten ihr Grauen ein, sie wagte nicht, sie zu berühren, war fest entschlossen, sie beim nächsten Wiedersehen zurückzugeben und nur zu diesem Zweck einen Augenblick im Hause der Kupplerin zu verweilen. Schließlich – es gab ja noch ein paar Gegenstände aus dem Haushalt zu verkaufen und dann würde Otto Demel bald zurückkommen und sie konnte diesen lieben, gütigen Menschen um einen Vorschuß bitten.

Der Mensch denkt, kleine Ereignisse lenken. Während Grete in Gedanken versunken im Zimmer des Journalisten Ordnung machte, geschah es, daß sie ausglitt und mit der Besenstange beide Scheiben des einen Fensters zerbrach. Fassungslos vor Entsetzen stand sie vor den Scherben und Splittern. Es war Winter, die Schneeflocken fanden sofort ihren Weg durch die leeren Fensterrahmen, die Scheiben mußten ersetzt werden, heute noch, denn sie wußte ja nicht, wann Demel zurückkehren würde.

Der Glaser kam, besah den Schaden, erklärte, nachdem er Maß genommen und in seiner Tabelle nachgesehen, daß die beiden großen Scheiben vierhunderttausend Kronen kosten würden.

Erich kam aus der Schule nach Hause, hatte glühende Wangen, leuchtende Augen, weinte und klagte über Hals- und Kopfschmerzen. Der Arzt mußte geholt werden, er konstatierte eine arge Halsentzündung, verordnete allerlei teuere Medikamente. Erich fieberte und sprach von nassen Füßen, von Schnee, der ihm in die Schuhe komme.

Grete, die, so lange es anging, ihren Schuhen und denen der Geschwister gegenüber Vogel-Strauß-Politik trieb, untersuchte die Schuhe des Bruders und stellte fest, daß die Sohlen total zerfetzt waren.

Ein Überschlag und es stellte sich heraus, daß die Million des Dr. Wurm gerade ausreichen würde, um die Scheiben, den Arzt, die Medizinen und den Schuster zu zahlen.

Und es war ihr, als würde ein boshaftes, heimtückisches Schicksal ihr den Weg ins Verderben als den einzig gangbaren weisen. – – – –

Es kam noch ärger. Seit einigen Wochen war mit ihrer Schwester Else irgendwie eine Veränderung vorgegangen. Sie hatte plötzlich angeblich an eine reiche Schulfreundin Anschluß gefunden, bei der sie die Nachmittage und die Abende verbrachte. Die reiche Freundin schien sehr noble Eltern zu haben, denn sie beschenkten Else mit allerlei hübschen Sachen, einem neuen Täschchen, seidenen Strümpfen, ja, eines Tages sogar mit einem ganz neuen Winterkleid und den dazugehörigen Hut.

Grete kam das verdächtig und unwahrscheinlich vor, aber sie war von eigenen Sorgen so belastet, von schweren Gedanken so bedrückt, daß sie die Augen schloß. Bis eines Abends knapp vor der Torsperre Else, das dreizehnjährige Kind, mit einem veritablen Rausch nach Hause kam. Grete, zu Tode erschrocken, brachte, ohne daß ihre in letzter Zeit ohnedies leidende Mutter etwas merkte Else rasch zu Bett, und fand bei dieser Gelegenheit in ihrem Täschchen eine Flasche kostbaren französischen Parfüms und einige hunderttausend Kronen.

Grete begann in ihrer Verzweiflung zu weinen, so heftig und krampfhaft, daß das Kind aus dem Halbschlummer erwachte, nüchtern wurde und unter herzzerreißendem Schluchzen ein Geständnis ablegte.

Vor einigen Wochen war, als sie aus der Schule nach Hause ging, ein alter, sehr vornehm aussehender Herr im Auto an ihr vorbeigefahren, hatte, als sie seinen freundlichen Blick lachend erwiderte, den Chauffeur halten lassen, war ausgestiegen, und sprach sie väterlich an. Er hatte sie dann aufgefordert, mit ihm eine in der Nähe gelegene Konditorei zu besuchen. Dort hatte sie erfahren, daß der alte Herr ebenfalls in der Melchiorgasse, allerdings in dem feudalen modernen Zinspalast Nummer 4, wohne und sie vom Sehen längst kenne. Er habe ihr Geld und allerlei schöne Sachen versprochen, wenn sie ihn besuchen und seine Einsamkeit hie und da mit ihm teilen wolle. Nach anfänglichem Sträuben habe sie dies getan und nun. – – –

Krampfhaft schluchzend, zitternd vor Scham und Reue flüsterte Else der Schwester ihre Beichte ins Ohr. Die Beichte eines armen kleinen Mädchens, das immer Hunger hat, sich nach Schlagobers und ganzen Strümpfen sehnt, genäschig und lüstern, aber wahrhaft nicht schlimmer ist, als es andere kleine Mädchen sind, und langsam, aber sicher, Schritt für Schritt den Verführungen eines alten Wüstlings erliegt. – – –

Noch war das Äußerste nicht geschehen, aber das, was geschehen war, war furchtbar genug, genügte, um ein zartes, kaum noch körperlich gereiftes Kind in alle erotische Verworfenheit einzuführen. – – –

Weinend streichelte und küßte Grete die kleine Schwester, ließ sich von ihr schwören, niemals wieder die Schwelle des alten Schurken zu betreten und sagte dann plötzlich mit harter, kalter Stimme:

"Dir wird es an nichts mehr fehlen, Elserl! Du wirst alles, was du brauchst, von mir bekommen!"

In schlafloser Nacht rang sich Grete den Entschluß ab, einen letzten Versuch zu unternehmen. Sie wollte warten, bis Otto Demel nach Wien zurückkam, ihm offen und frei erzählen, wie schlecht es ihr und den Ihrigen ging, ihn um Rat und Hilfe bitten. Er war Journalist von Rang und Ansehen, hatte vielerlei Verbindungen, sicher konnte er ihr eine halbwegs einträgliche Stellung verschaffen, vielleicht auch ein Darlehen gewähren, groß genug, um sich von der Frau Greifer loszukaufen, diesem Dr. Wurm die Million zurückzugeben.

Den Namen Otto flüsternd, schlief Grete, mit dem Optimismus ihrer siebzehn Jahre an Wunder glaubend, frühmorgens ein.

Am nächsten Morgen kam Otto Demel wirklich zurück. Erfüllt von interessanten Eindrücken und Erlebnissen begrüßte er Grete nur flüchtig, nahm ein Bad, packte rasch seinen Koffer aus, riß Schubladen und Schreibtischfächer auf, kleidete sich um und begab sich hastig fort, um in seinem Redaktionsbureau den ersten Artikel zum Druck zu bringen.

Grete brachte sein Zimmer in Ordnung, ihre Wangen glühten vor Freude über die Rückkehr Ottos, ihr Herz schlug heftig in dem Gedanken an die bevorstehende Unterredung mit ihm.

Die mittlere Lade des Schreibtisches stand weit offen und war mit Briefen und Papieren so gefüllt, daß Grete sie nicht ohneweiters zuschieben konnte. Bei dem Versuch, die Papiere zu schlichten, fiel ihr Blick auf einen auseinandergefalteten Brief mit der Anschrift: "Mein geliebter Otto!"

Weibliche Neugierde besiegte angeborenes Taktgefühl. Sie las diesen leidenschaftlichen Liebesbrief einer Frau, sie las einen zweiten Brief einer anderen Frau, sie durchwühlte die ganze Vergangenheit eines Mannes, der ein reiches Leben führte, Frauen sonder Zahl geliebt hatte, von ihnen geliebt worden war. Immer neue Namen tauchten vor ihr auf, Namen von jungen Mädchen, verheirateten Frauen, Künstlerinnen, von heißblütigen Jungfrauen und männertollen Messalinnen.

Grete wankte zurück. Es war ihr, als würde eine kalte Hand an ihr Herz greifen. Also auch er nur ein Wüstling, ein Frauenjäger, Mädchenverführer! Auch er einer, dem sie sich nicht anvertrauen konnte, weil er sonst nach ihr greifen würde, wie der Löhner, der Wurm und alle anderen!

Jäh erwachte sie aus ihrem ersten zarten Jugendtraum, nackt und brutal starrte das Leben ihr entgegen, in einer Viertelstunde war sie um Jahre gealtert.

Sie glaubte nun das Leben ganz zu kennen und stand in Wirklichkeit ihm fremder als je gegenüber. Weil sie mit ihren siebzehn Mädchenjahren nicht wußte und nicht wissen konnte, wie vielfältig ein Mann ist, wie er gut und rein bleiben kann, auch wenn er in hundert Frauenarmen Liebe erfahren. Weil ihr der große, tiefe Unterschied zwischen Mann und Weib nicht bewußt war, zwischen dem Mann, der sich auf jeder Sinneslust wieder zu sich selbst erheben kann und dem Weib, das die Lust des Mannes in ihr Blut und ihre Seele nimmt. – – –

Gretes Gestalt straffte sich, ein höhnisches Lächeln verzog ihren Mund.

Jawohl, nun würde sie das nächste Fest bei Frau Greifer mitmachen und Geld von jedem nehmen, der es ihr geben wollte. – – –

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