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Die freudlose Gasse

Hugo Bettauer: Die freudlose Gasse - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie freudlose Gasse
authorHugo Bettauer
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleDie freudlose Gasse
pages292
created20000120
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1924
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Die Perlen der Liane Christens.

In den gelesensten Zeitungen von Venedig, Florenz, Mailand und Rom war in Fettdruck ein Inserat folgenden Wortlautes erschienen:

Außergewöhnlich schöne Perlenschnur aus 220 großen Perlen, tadellos in Form und Farbe bestehend, Ist unter der Hand aus ausländischem Besitz zu verkaufen. Mitteilungen unter "Diskret" an die Annoncenexpedition Fratelli Macchi in Mailand.

Den Text dieser Annonce hatte Josef Horak entworfen, wie Frau Christens überhaupt genau nach seinem Kriegsplan vorging.

Sie war ohne Aufenthalt nach Mailand gefahren, hatte dort der Annoncenexpedition das Inserat für zehn Zeitungen mit dem Auftrag übergeben, die Antworten an das Hotel Danieli in Venedig weiterzusenden, wo sie Aufenthalt nehmen würde. Nun befand sie sich schon seit acht Tagen in Venedig, das um diese winterliche Jahreszeit nicht so sehr mit Fremden gefüllt war wie sonst, besah in Ruhe alle Sehenswürdigkeiten und harrte der Entwicklung der Dinge. Die Mission, die sie übernommen, erschien ihr als Wohltat, da sie von Einsamkeit und Trauer erfüllt war und, hätte sie die Reise ohne Zweck unternommen, sie ihre Ruhelosigkeit von Ort zu Ort getrieben haben würde.

Rechtsanwalt Dr. Leid hatte ihr ausführlich über ihre Eheangelegenheit berichtet. Christens war von ihrem hinterlassenen Brief sowie von den Mitteilungen Leids schwer erschüttert gewesen, hatte aber schließlich eingesehen, daß eine reinliche und friedliche Trennung für beide Teile das Beste wäre. Natürlich war er bereit, alle Schuld auf sich zu nehmen, so daß einem raschen Verlauf des Prozesses nichts im Wege stand. Und da sie beide Protestanten waren, würde die Ehetrennung beiden Teilen Freiheit geben.

Dem mit Schreibmaschine geschriebenen nüchternen Bericht folgten eigenhändige Zeilen des Rechtsanwaltes, die warm und freundschaftlich gehalten waren. Frau Christens hatte lächeln müssen, als sie den Brief gelesen. Da schrieb ein Einsamer einer anderen Einsamen, einer mit zerfleischtem Herzen einer Frau, deren Seele blutete. Wie sich wohl das Leben noch für ihn und für sie gestalten würde?

Die Annoncen taten ihre volle Wirkung. Aus ganz Italien liefen Anfragen ein, teils von Juwelieren, teils von Privatpersonen. Aber Personen, die ihren Namen und die Adresse angaben, Juweliere, die auf ihrem Geschäftspapier schrieben, konnten kaum gewerbsmäßige Hehler sein.

Eben hatte der Portier ihr wieder ein ganzes Bündel Briefe hinaufgeschickt und Frau Christens verlor fast den Mut, während sie einen nach dem anderen in das flackernde Kaminfeuer warf, da es sich immer wieder um unverdächtige Offerte und Anfragen handelte.

Erst der letzte, den sie öffnete, erregte ihre volle Aufmerksamkeit. Er trug den Poststempel Genua und lautete in deutscher Übersetzung:

"Falls es sich wirklich um einen Gelegenheitskauf und eine diskrete Angelegenheit handelt, werden wir uns wohl verständigen können. Bitte mir umgehend mitzuteilen, wo wir uns treffen können. Schreiben Sie expreß an Giovanni Ambrosi, poste restante, Genua."

Dies schien immerhin eine Möglichkeit zu sein, und Frau Christens antwortete sofort, daß sie am nächsten Tag nach Genua fahren und dort im Hotel Britannia absteigen werde. Man möge nach Frau Anna Müller fragen.

Frau Christens fuhr aber nicht, wie sie geschrieben, am folgenden Tag, sondern noch in dieser Nacht und traf frühmorgens in Genua ein, wo sie im Hotel Britannia abstieg und ihr Äußeres zu verändern begann. Rote Schminke, gelblicher Puder, ein Kohlenstift, Lippenrouge, Parfüm, ein auffallendes Kleid in grellen Farben, das sie sich noch in Wien eigens hatte machen lassen, und aus der vornehmen, distinguierten Frau Liane Christens war eine unzweideutige Halbweltdame geworden.

Vergnügt musterte sich Frau Christens im großen Ankleidespiegel, war sehr zufrieden und nahm dann mit Hilfe von Wasser, Seife und Alkohol ihr normales Exterieur an. Eine Rundfahrt durch das herrliche Genua, ein Besuch von Nervi mittels Auto beschlossen den Tag. Frau Christens begab sich frühzeitig zu Bett, um am nächsten Tag im Besitz Ihrer vollen geistigen und körperlichen Kräfte zu sein.

Der Zug von Venedig kam um neun Uhr in Genua an, das Hotel Britannia liegt dicht neben dem Bahnhof, also war es wahrscheinlich, daß der Signore Giovanni Ambrosi gegen zehn Uhr vorsprechen würde.

Dem war auch so. Nur daß ihr kurz nach zehn Uhr der Portier nicht den Besuch eines Herrn, sondern zweier Herren meldete.

Sie betraten gleich darauf das Zimmer der Frau Anna Müller aus Wien, wie sie sich in das Fremdenbuch eingetragen hatte. Ein kleiner, kugelrunder mit Mopsnase, fidelen, runden Augen, einem runden kleinen Mund und einem erheblichen Bäuchlein. Und ein zaundürrer mit unruhig flackernden Augen und kahlem Schädel.

"Welcher von den Herren ist Signore Giovanni Ambrosi?" fragte Frau Liane.

Der Runde gab die Antwort:

"Keiner von uns. Wir sind seine Vertrauensleute und Freunde. Herr Ambrosi ist derzeit nicht in Genua. Er ist ein großer Sammler von Juwelen und wir sind befugt, für ihn einzukaufen. Herr Ambrosi hat Ihre Annonce im ‚Corriere della Sera‘ gelesen und interessiert sich für die Perlen. Wollen Sie uns die Schnur zeigen."

Frau Christens griff nun tief in ihren Busenausschnitt und holte die in Seidenpapier gewickelte Perlenschnur hervor, nach der der Lange griff, um sie sofort mit Hilfe einer Lupe zu untersuchen.

"Sie verstehen, meine Herren, ich mußte sie unterwegs verbergen. Man durfte sie an der Grenze bei mir nicht finden."

Die beiden nickten und warfen einander einen Blick zu. Der Lange führte nun das Wort.

"Ein schönes Stück! Ihr persönliches Eigentum, wenn man fragen darf?"

Die geschminkte Halbweltdame lächelte.

"Jetzt mein Eigentum, das genügt wohl! Wenn Sie mir einen guten Preis zahlen, werde ich mich öfters an Sie wenden. In nächster Zeit schon dürfte ich in den Besitz eines prachtvollen Diadems mit zwölf Diamanten zu je fünf Karat kommen. Vielleicht, daß mein Freund mit dem Diadem aus Wien herkommen wird. Er war vor drei Monaten hier und hat viel verkauft. Möglich, daß sogar Sie die Käufer waren."

Mißtrauen funkelte in den Augen der beiden auf. Der Dicke, der nun mit seinen Wurstfingern die Perlen liebkoste, sah der Frau ins Gesicht, während der Lange sie von der Seite lauernd ansah.

"Sie müßten doch wissen, wem Ihr Freund Juwelen verkauft hat. Er wird es Ihnen doch gesagt haben. Darf man fragen, wie Ihr Freund heißt?"

Die angebliche Frau Anna Müller schlug die Beine herausfordernd übereinander und paffte mit den Manieren einer Kokotte den Rauch ihrer Zigarette vor sich hin. Sie wußte, daß von ihrer Antwort viel abhing.

"Welchen Namen mein Freund hier geführt hat, weiß ich nicht, auch nicht, wer die Käufer sind. Es waren Umstände eingetreten, die eine Zusammenkunft mit ihm seit seiner Rückkehr aus Italien unmöglich oder wenigstens nicht ratsam machten. Diese Perlenschnur hat er mir durch einen Boten zustellen lassen und mich telephonisch aufgefordert, in den Zeitungen zu inserieren, worauf sich wahrscheinlich zwei Käufer melden würden, die in Betracht kämen, das heißt, nicht viel fragen würden. Sie, meine Herren, scheinen dies nicht zu sein, denn Sie sind sehr neugierig." Die beiden sahen einander wieder vielsagend an, traten zurück, tuschelten miteinander, und dann sagte der Lange:

"Wir sind nicht neugierig, wollen gar nichts wissen. Dies sind schöne Perlen und das genügt eigentlich. Immerhin, man muß vorsichtig sein, wir möchten wissen, ob wir mit Ihrem Freund vor drei Monaten das große Geschäft gemacht haben. Wie sieht er aus?"

Frau Christens jubelte Innerlich. Halb und halb hatten die zwei Italiener ja schon zugestanden, daß sie vor drei Monaten ein großes Geschäft gemacht hatten.

"Nun, er ist ein hübscher, brünetter Mann, sehr schlank und, in Wien wenigstens, immer elegant gekleidet. übrigens, ich habe ja eine kleine Photographie von ihm bei mir."

Bei diesen Worten öffnete sie ein Medaillon, das sie an einer dünnen Goldkette um den Hals trug und zeigte eine kleine, aber scharfe Photographie Egon Stirners den beiden Herren. Es war eine Photographie, die ein Beauftragter Josef Horaks auf dem Semmering aufgenommen hatte. Er war, als Egon Stirner acht tolle Tage in Gesellschaft Regina Rosenows im Hotel Panhans verbrachte, in der Maske eines umherziehenden Photographen gefolgt und hatte am Sportplatz beim Hotel Erzherzog Johann zuerst Regina und Egon gemeinsam, dann Egon allein aufgenommen.

Die Italiener betrachteten lange das kleine Bild, das nur den Kopf zeigte, flüsterten wieder miteinander und schließlich sagte der Lange:

"Wir kennen den Herrn, wir haben Geschäfte mit ihm gemacht. Wir werden nun offen miteinander sprechen können."

Liana Christens atmete tief auf. Das Spiel verlief günstig. Nun hieß es aber erst recht vorsichtig sein.

"Ich mache die Herren darauf aufmerksam, daß die Perlen einzelweise verkauft werden müssen und keineswegs hier in Italien. Sie müssen womöglich nach Amerika wandern. Hier wäre immer die Gefahr vorhanden, daß man sie durch Glanz und Größe erkennt. Sie sind nicht so fabelhaft schön, wie die vor drei Monaten, aber immerhin erlesene Stücke."

Der Dicke nickte:

"Dorthin, wo sich die damaligen Perlen befinden, werden auch diese gehen. Verlassen Sie sich auf uns, wir sind keine Neulinge."

"Und nun nennen Sie mir den Preis. Ich muß das Geld rasch bekommen, weil ich so schnell wie möglich nach Wien zurück will."

Schweigend wurden die Perlen abermals durch die Lupe betrachtet, gezählt, betastet. Die namenloaen Italiener begannen auf einem Stück Papier Berechnungen anzustellen, zu multiplizieren und addieren. Schließlich verkündete der Lange das Resultat:

"Wir sind bereit, Ihnen morgen achtzigtausend Lire auszuzahlen. Halt, ich weiß, was Sie sagen wollen, sie sind dreimal so viel wert. Stimmt, Falotti in Venedig gibt Ihnen ohneweiters eine Viertelmillion Lire für die Perlen. Nur, daß Sie sich ihm gegenüber legitimieren, den Nachweis erbringen müssen, daß die Perlen Ihr rechtmäßiges Eigentum sind. Wir fragen nicht, wollen nichts wissen. Auch Ihren Freund haben wir nicht gefragt, obwohl wir gerade damals allen Grund dazu gehabt hätten. Wir wußten auch ohne zu fragen – –"

Liane Christen tat, als würde sie intensiv überlegen. Dann:

"Ich werde Ihr Angebot meinem Freund telegraphisch mitteilen, so daß ich spätestens morgen früh Antwort habe. Bitte mich morgen im Laufe des Vormittags zu besuchen, wir werden dann, falls die Antwort bejahend sein sollte, die Sache perfekt machen."

Die Herren gingen und Frau Liane sprang vergnügt wie ein Backfisch im Zimmer umher. Das war herrlich gegangen, übertraf ihre und des Detektivs kühnsten Erwartungen! Und nun hieß es klug handeln, klug und vorsichtig!

Frau Christens verließ bald nach den Italienern das Hotel und ging die Via Balbi entlang. Getreu den Instruktionen des Wiener Polizeibeamten blieb sie plötzlich mitten im Gedränge stehen, entnahm ihrem Täschchen einen Spiegel und tat, als würde sie an der Frisur etwas in Ordnung bringen. In Wirklichkeit aber sollte der Spiegel, der für Toilettezwecke äußerst groß war, sagen, ob sie von jemandem verfolgt werde. Tatsächlich sah sie, wie ein etwa fünf Schritte hinter ihr hergehender junger Mann plötzlich stehen blieb, um sich scheinbar einer Auslage zuzuwenden.

In Genua rollen die Taxameterdroschken unaufhörlich durch die Straßen, um nach Passagieren zu angeln. Frau Liane überlegte rasch. Sie hatte den beiden Hehlern gesagt, daß sie nach Wien telegraphieren werde. Also mußte das auch geschehen. Sie winkte einer leeren Droschke, stieg ein, gab dem Kutscher den Auftrag, nach der Galleria Mazzini zu fahren, wo sich das Hauptpostamt befindet. Während der Fahrt trat wieder der Spiegel in Aktion. Der junge Mann hatte tatsächlich auch eine Droschke genommen und folgte ihr.

Im Postamt verlangte Liane zunächst ein Depeschenformular. Ihr Verfolger desgleichen. In aller Ruhe füllte sie das Blankett mit folgenden Worten aus:

"Karl Schulz, Hauptpostlagernd, Wien. Kann achtzigtausend Meter kaufen. Rückdrahte ob zu wenig. Anna."

Unauffällig sah ihr der Bursche, während auch er ein Blankett vollkritzelte, über die Schulter. Frau Liane hatte mit Absicht viel Tinte gebraucht, so daß jetzt, als sie ein Blatt Löschpapier über die Schrift legte, diese im Negativ deutlich auf dem Löschpapier sichtbar wurde. Dann gab sie die Depesche auf, der junge Mann aber steckte das Löschpapier zu sich und verschwand mit ihm.

Ihre Depesche würde natürlich nach etwa vierzehn Tagen als nicht behoben zurückkommen, aber ihre volle Wirkung tun. Die beiden Hehler bekamen durch ihren Spion Kenntnis von dem Inhalt, mußten annehmen, daß es sich um eine vereinbarte Formel handelte und Frau Müller wirklich ihrem Freund von dem Angebot Kenntnis gegeben habe. Nunmehr würde sie als absolut unverdächtig betrachtet werden.

Liane wollte sich jetzt mit der genuesischen Polizei in Verbindung setzen. Das konnte aber unmöglich direkt geschehen, da der Vertrauensmann der Hehler sie zweifellos weiter beobachten würde. Also zurück ins Hotel.

Glücklicherweise hatte sie ein Zimmer mit telephonischem Anschluß bekommen und so ließ sie sich denn, um nicht die Vermittlung des Portiers zu benötigen, das Telephonbuch auf ihr Zimmer bringen, suchte die Nummer der Polizeipräfektur und rief an. Die Verbindung war rasch hergestellt und sie verlangte in dringlicher Angelegenheit den Polizeipräfekten persönlich zu sprechen. Nicht ohne Schwierigkeiten wurde ihr dies gestattet und sie sagte nun langsam auf italienisch, um jedes Wort verständlich zu machen:

"Hier Frau Liane Christens aus Wien, die unter dem Namen Anna Müller im Hotel Britannia abgestiegen ist. Herr Präfekt werden sich vielleicht erinnern, daß vor drei Monaten in Wien die Frau des Advokaten Doktor Leid ermordet wurde. Der Mörder ist unter Mitnahme ihres enorm kostbaren Schmuckes spurlos verschwunden. Herr Präfekt entsinnen sich und haben dem Fall besondere Aufmerksamkeit geschenkt? Um so besser. Nun, ich bin eine gute Freundin des Gatten der Ermordeten und fahnde im Einverständnis mit der Wiener Polizei nach dem Mörder. Ich glaube hier in Genua die beiden Hehler entdeckt zu haben, die die Perlen und den übrigen Schmuck dem Mörder abkauften. Die beiden werden morgen bei mir im Hotel vorsprechen. Da ich beobachtet werde, kann ich mich nicht direkt mit Ihren Behörden in Verbindung setzen. Was soll geschehen, um Ihnen alles genau erzählen zu können und die weiteren Maßnahmen zu beraten?

Aha! Sehr gut! Ich werde mich also in einer Stunde im Modewarenhaus Morpurgo in der Via Orefici einfinden, wo ein Polizeibeamter die Rolle eines bedienenden Kommis spielen wird. In einer Ankleidekabine werde ich ihm alles genau erzählen."

Eine Stunde später schlenderte die geschminkte Dame langsam durch die Via Orefici, musterte durch ihr Lorgnon die Auslagen und betrat dann das große Modehaus Morpurgo, in dem der Polizeibeamte schon wartete. Der junge Mann aber, der ihr wieder auf den Fersen war, zog sich in ein Café zurück, das gegenüber dem Modehaus liegt. Frau Liane machte tatsächlich rasch einige Bestellungen, dann führte sie der Chef, der unterrichtet war, in sein Privatkontor, wo sie der Leiter der genuesischen Detektivabteilung, Signore Philippo Bellini, erwartete. Da dieser Herr in Wien studiert hatte und vollkommen deutsch sprach, konnte sich auch Frau Christens zum erstenmal seit Tagen wieder ihrer Muttersprache bedienen. In fliegender Hast erzählte sie von dem Verdacht des Wiener Polizeibeamten Josef Horak gegen den Bankbeamten Egon Stirner, von dessen Reise nach Italien unmittelbar nach dem Morde, von ihrem Kriegsplan und dessen Ausführung in Genua.

Herr Bellini streckte ihr die Hand entgegen:

"Sie haben das vortrefflich gemacht, gnädige Frau, besser, als es irgendein Berufspolizist hätte tun können. Nun heißt es aber, die Sache zum Abschluß bringen. Ihnen handelt es sich nur darum, den Mörder dingfest zu machen, nicht aber auch, den geraubten Schmuck zu bekommen?"

"Jawohl, Herr Bellini. Der Gatte der Ermordeten ist übrigens ein so sensitiver und feinfühliger Mensch, daß er diesen Schmuck ohnedies nie berühren oder auch nur ansehen würde."

"Das erleichtert die Angelegenheit wesentlich, da es sich sonach nur um ein Geständnis der Hehler handelt. Es wird also morgen früh eine unserer Beamtinnen den Dienst als Stubenmädchen im Hotel Britannia antreten und sich in Ihrem Zimmer im Schrank verborgen halten, während Sie mit den Hehlern unterhandeln. Sie geben den Leuten wirklich die Perlenschnur, nehmen dafür achtzigtausend Lire entgegen und sowie die beiden Ihr Zimmer verlassen haben, springt die Beamtin aus dem Schrank, eilt zum Fenster, gibt ein Zeichen und die Hehler werden von unten postierten Beamten verhaftet."

"Und meine Perlenschnur?" fragte ein wenig erschrocken Frau Liane.

"Die bekommen Sie sofort auf der Präfektur, nach der Sie sich hinter den Verhafteten begeben, zurück. Die achtzigtausend Lire aber übergeben Sie uns. Etwas will ja die Polizei auch bei der Sache profitieren."

Frau Christens verließ das Modehaus reichlich mit Paketen beladen und begab sich in das Hotel zuruck. Ihr Verfolger, dem die Sache ersichtlich auf die Nerven ging, eilte der Droschke zu Fuß nach. Den Abend verbrachte die Amateurdetektivin im Teatro Carlo Felice, wo eine Oper von Verdi mehr schlecht als recht aufgeführt wurde, und nach einer unruhig verbrachten Nacht war sie sofort im Bilde, als ein nettes, kleines Stubenmädchen bei ihr erschien und sich wortlos neben dem großen Kleiderschrank aufstellte, bereit, jeden Augenblick in ihm zu verschwinden.

Um halb elf Uhr wurden die beiden Herren von gestern gemeldet, worauf das Mädchen sich in den Schrank zurückzog.

Frau Liane begrüßte die Hehler mit der Mitteilung, daß sie nach der vor einer Stunde erhaltenen telegraphischen Order bereit sei, auf den Betrag von achtzigtausend Lire einzugehen. Sie übergab nunmehr die Perlenschnur, die der Dünne nochmals einer Prüfung unterzog, und nahm die Geldscheine in Empfang.

"Noch etwas, meine Herren," sagte Frau Christens, indem sie die beiden einlud, Platz zu nehmen. "Wie Sie wissen – es hat ja keinen Zweck, daß wir miteinander Verstecken spielen – befand sich unter den Schmucksachen, die Ihnen mein Freund vor drei Monaten verkauft hat, ein Armreif mit einem herrlichen Smaragd von zehn Karat."

Der Dicke nickte zögernd, als wäre es ihm peinlich, daran erinnert zu werden.

"Nun, Doktor Leid, aus dessen Familienbesitz dieser Smaragd stammt, hat den Tod seiner Frau verschmerzt und auch den Verlust der Perlenschnur und der übrigen Juwelen, nicht aber den des Smaragdes. Wir haben erfahren, daß er bereit wäre, doppelt so viel als der Smaragd wert ist, zu zahlen, wenn er ihn wieder bekommen könnte. Es spielt dabei natürlich Familientradition und Aberglauben mit. Halten Sie es für möglich, dieses Geschäft zu machen, indem der Smaragd dem Advokaten von Paris oder London oder sonst woher zum Rückkauf angeboten wird?"

Der Lange erhob beschwörend die Hände.

"Ausgeschlossen! Das hieße mit dem Feuer spielen! Abgesehen davon befindet sich der Smaragd, der allerdings von einziger Schönheit ist, längst in Amerika und wahrscheinlich in Händen eines reichen Mannes, der ihn um keinen Preis wieder hergeben würde."

"Nun, dann lassen wir die Sache sein. Meine Herren, ich hoffe, daß wir noch mancherlei Geschäfte miteinander machen werden."

"Wird auch uns nur angenehm sein. Wir beheben täglich unter Giovanni Ambrosi die einlaufende Post auf dem Postamt."

Sie empfahlen sich und gingen, das Mädchen flog aus dem Schrank zum Fenster und beutelte heftig ein rotes Tuch aus. Alles andere spielte sich blitzschnell ab. Die beiden Männer erschienen vor dem Hotel, vier in Zivil gekleidete Beamte warfen sieh auf sie, legten ihnen Handfesseln an, hoben sie in ein bereit stehendes Auto und sausten nach der Polizeipräfektur. Frau Liane folgte unmittelbar.

Das Verhör fand in Anwesenheit des Polizeipräfekten, des Chefs der Detektivabteilung, der Beamtin, die die Rolle des Stubenmädchens gespielt hatte, und Liane Christens statt. Herr Bellini nahm den beiden Sündern die Handfesseln ab und begrüßte sie höchst jovial.

"Also, meine Herren Pietro Fosci und Ludo Barga, haben wir euch endlich einmal bei frischer Tut ertappt. Kennen tun wir nämlich die beiden ehrenwerten Herren, die bei jedem verdächtigen Juwelengeschäft ihre Hände im Spiel haben, längst. War aber verdammt schwer, ihnen das Handwerk zu legen. Nun ist es uns dank der Klugheit dieser deutschen Signora gelungen."

Der Dicke und der Lange warfen wütende Blicke auf Frau Christens, die eben ihre Perlenschnur wieder in Empfang genommen hatte.

Herr Bellini fuhr fort:

"Sie brauchen kein so erbärmliches Jammergesicht zu schneiden, meine Herren! Diesmal kommen Sie noch mit einem blauen Auge davon und die achtzigtausend Lire, die uns die Signora zurückgibt, sind ja nur ein winziger Teil dessen, was Sie bei dem anderen großen Geschäft vor drei Monaten verdient haben. Die Sache liegt nämlich so: es handelt sich uns allen nicht um den Schmuck, den der Mörder der armen Wiener Dame euch verkauft hat, sondern um den Mörder selbst. Wenn Ihr bereit seid, rückhaltlos zu seiner Überführung beizutragen, so geschieht euch diesmal nichts. Macht Ihr aber Faxen, so kommt Ihr sofort ins Loch und so ein bis zwei Jährchen sind jedem von euch sicher."

Es begann ein wüstes Gejammer, ein Geschnatter in rasendem Tempo, von lebhaftem Händespiel begleitet, und die Szene endete damit, daß die beiden Hehler, die sahen, daß man ihnen wirklich nichts tun wollte, folgende Erklärung zu Protokoll gaben:

"Vor drei Monaten machte uns ein Geschäftsfreund, der ein Antiquitätengeschäft besitzt, mit einem Herrn aus Wien bekannt. Dieser Wiener, der unsere Sprache vortrefflich beherrschte, hatte sich bei dem Antiquitätenhändler aufs geratewohl erkundigt, ob er in diskreter Weise einen großen Juwelenverkauf machen könne, worauf er mit uns in Verbindung gebracht wurde. Der Herr wohnte im Hotel Miramare und war als Erwin Reiner gemeldet. Wir erkennen ihn in der kleinen Photographie, die Signora Müller uns gezeigt hat. Signor Reiner verkaufte uns eine große, sehr wertvolle Perlenschnur, einen Armreif mit einem großen Smaragd, andere Armbänder, Nadeln, Broschen, Ringe mit Diamanten und Rubinen, für zusammen eine Million Lire. Wir haben die Perlen und Juwelen teils in ihrer Fassung, teils einzeln in Paris verkauft, von wo sie an Amerikaner und Engländer weiterverkauft wurden. Wir erklären uns gegen Ersatz der Reisespesen und Honorierung unserer Bemühungen bereit, mit Signora Müller nach Wien zu fahren und dort vor den Behörden den Herrn, der uns den Schmuck verkauft hat, zu identifizieren."

Am selben Abend noch fuhr Liane Christens mit dem Expreßzug in Begleitung der beiden Herren Fosci und Barga nach Wien. Es herrschte zwischen ihnen das beste Einvernehmen und besonders der dicke Herr Barga gab allerlei Anekdoten aus seinem Hehlerdasein zum besten.

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