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Die freudlose Gasse

Hugo Bettauer: Die freudlose Gasse - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie freudlose Gasse
authorHugo Bettauer
year1980
publisherVerlag Hannibal
addressSalzburg
titleDie freudlose Gasse
pages292
created20000120
senderkamelle@netcologne.de
firstpub1924
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Wenn die Papiere fallen.

Jan Holm, Moritz Zipperer und Joe Brownstone saßen beisammen und entwarfen einen Kriegsplan.

Jan Holm, Großindustrieller, Bankier, leitender Verwaltungsrat von einigen Dutzend Aktiengesellschaften. Moritz Zipperer aus Czernowitz hatte vor fünf Jahren noch mit Schmieröl gehandelt, galt heute als einer der führenden Börsenspekulanten. Joe Brownstone, rekte Johann Braunstein, war Amerikaner.

Eben waren die drei Herren übereingekommen, zu verkaufen, sich zu den gegenwärtig hohen Kursen eines Großteiles ihrer Effekten zu entledigen. Mister Brownstone führte das große Wort:

"Seitdem das Wort von der Überwertung der Industriepapiere in den Zeitungen aufgetaucht ist, beginnt das Publikum nervös zu werden. Wir müssen ihm zuvorkommen, es müssen wieder günstige Nachrichten auftauchen, so daß wir zu guten Kursen verkaufen können. Ich habe eine Idee: Morgen muß in den führenden Börsenblättern eine New Yorker Depesche erscheinen, nach der das Bankhaus Morgan sich für die österreichische Industrie zu interessieren beginnt und Pakete ankauft. Pierpont Morgan befindet sich nämlich auf seiner Jacht nach Grönland unterwegs und sein Generaldirektor Cunning ist schwer krank. Also werden viele Tage vergehen, bevor ein Dementi kommt. Inzwischen haben wir Zeit, bei steigenden oder stabilen Kursen zu verkaufen. Später, wenn alles um vierzig Prozent gefallen ist, können wir uns wieder eindecken."

Holm und Zipperer nickten beifällig. Zipperer schrie aufgeregt: "Lassen Sie mich die Aktion durchführen! Wir müssen vorsichtig sein, hundert Agenten in Bewegung setzen, so lange wie möglich im geheimen arbeiten."

Holm tat müde und schläfrig. in Wirklichkeit überlegte er, wie er die beiden anderen hineinlegen könnte. Jedenfalls wollte er morgen schon seine Krieglacher Holz, die einen übertrieben hohen Kurs hatten, abstoßen. Unwillkürlich lächelte er. Da war ja so ein kleiner Gernegroß, wie hieß er nur? – Stirner oder so ähnlich – aufgetaucht, der in seinem Schatten mitgelaufen war. Richtig, er war Beamter bei der Mitteleuropäischen Kreditbank. Nun, er sollte nur schön bescheiden bei seinem Beruf bleiben und sich damit begnügen, hie und da an den Früchten des Giftbaumes zu naschen. Billionär wird man nicht mehr so leicht, die Zeiten sind vorbei.

Die Details der kommenden Konterminekampagne waren festgelegt, Holm, in dessen Bureau die Unterredung stattfand, ließ schwere Upmans und schottischen Whisky kommen, und man plauderte noch ein halbes Stündchen. Der Amerikaner erzählte von einem Geschäft nach dem Umsturz, bei dem sein Freund, eine Schotte, namens O‘Reilly, mühelos Millionen verdient habe.

"Im Dezember 1918 fuhr er nach Paris und besichtigte von dort aus die französischen Schlachtfelder. Und was sah er in den Schützengräben? Sie waren mit Corned Beef-Dosen gepflastert, jawohl, direkt gepflastert! In solchen Massen hatten wir den Poilus Corned Beef geschickt, daß sie damit nichts Besseres anzufangen wußten, als sie in ihren Schützengräben und Unterständen einzulassen. Prachtvolle Idee, das! Sie hatten dadurch einen eisernen, trockenen Fußboden. Und nun lagen die Gräben und Unterstände leer da und in ihnen Hunderttausende von verrosteten Dosen, auf denen die Poilus monatelang geschlafen und – na sonst noch einiges hatten. Zur selben Zeit aber schrien die Österreicher ihren Hunger in die ganze Welt hinaus, in Wien starben die Kinder wie die Fliegen und der Präsident Renner schnorrte alle Staaten an. Also O‘Reilly machte sich sofort an eine maßgebende französische Person aus der Intendantur heran, steckte ihr ein ordentliches Stück Trinkgeld in die Hand und erhielt die Erlaubnis, gegen Bezahlung eines lächerlich kleinen Betrages die Konservendosen aus allen Schützengräben fortzutransportieren. Nun und was glauben Sie, hat er damit getan? Zu Höchstpreisen den Österreichern angehängt! Die sind darauf geflogen, wie die Fliegen auf den Honigtopf, und ordentlich dankbar sind sie auch noch gewesen. Brrr, mir hat es gegraust, wenn ich an den Schlamm, Dreck und das Blut gedacht hab‘, das wochenlang auf diesem Pflaster geschwommen ist! Aber was ißt man nicht alles, wenn man Hunger hat? Nun und O‘Reilly hat eine runde Million Dollar daran verdient."

Jan Holm bekam wieder eine seiner sentimentalen Anwandlungen, und hätte er seinem Impuls gefolgt, so würde er dem Amerikaner die Flasche Whisky an den Schädel geschlagen haben. Aber er konnte sich beherrschen und begnügte sich damit, die Sitzung aufzuheben.

Einige Tage nach dieser Konferenz begann die Börse flau zu werden. Zuerst war sie "lustlos", dann "schwach", bis die Kurse in immer rascherem Tempo abbröckelten. Plötzlich hieß es, einige Großspekulanten hätten ganze Pakete auf den Markt geworfen, und nun sausten die Papiere in die Tiefe. Am stärksten kam die Baisse bei den Holzwerten, vor allem bei Krieglacher Holz, zum Ausdruck. Dieses Papier fiel an einem Tag um hunderttausend, am nächsten um achtzigtausend, und bevor vierzehn Tage um waren, standen sie um fünfzig Prozent unter dem Kurs, zu dem sie Egon Stirner gekauft hatte.

Eines Tages konnte dieser neue Stern am Börsenhimmel mit dem Bleistift in der Hand mühelos ausrechnen, daß sein Anfangsvermögen und sein dreimal so großer Gewinn den Weg alles Irdischen gegangen seien und er wieder von den dreieinhalb Millionen Kronen im Monat, die er von der Mitteleuropäischen Kreditbank erhielt, würde leben müssen.

Dazu kam noch, daß Generaldirektor Rosenow ihn ins Gebet nahm und streng, wenn auch jüdelnd sagte:

"Ich höre von großen Verlusten, die Sie gehabt haben. Hoffentlich sind Sie gedeckt. Aber ich mach‘ Sie darauf aufmerksam, daß ich es nicht gern sehe, wenn sich die Herren aus meiner Umgebung so stark engagieren. Machloiken kann ich nix brauchen."

Am Nachmittag tanzte Stirner mit Regina Rosenow in der Bristol-Bar, und als sie sich dem brutalen Druck seiner Arme immer willenloser fügte, war sein Entschluß gefaßt: Er mußte Regina erobern und der Schwiegersohn Rosenows werden!

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