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Die Freiherren von Gemperlein

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die Freiherren von Gemperlein - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDie Freiherren von Gemperlein
pages183-260
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zehn Minuten später trabte Ludwigs Reitknecht nach Rendezvous, einen Brief seines Herrn an Fräulein Klara von Siebert in der Tasche. Ludwig blieb zu Hause. Er schritt rastlos in seinen Gemächern auf und ab; in seinem Kopfe ging es zu wie in einem Pochwerk. Jede Ader schlug fieberhaft, jeder Gedanke, den das siedende Hirn gebar, war Wirrsal, Qual und Pein! Ein Gedanke – der schlimmste erdrückte alle anderen: Du hast das Leben deines Bruders gefährdet!... Wieviel hat gefehlt, und du wärst jetzt ein Mörder!...

Die Glocke rief zum Souper. Er ging in den Speisesaal, wo ihn Friedrich bereits erwartete. Dieser aß mit gutem Appetit; man sprach, rauchte, disputierte sogar – aber das alles ohne rechte Freude... Das Herz war nicht dabei.

Viel früher als gewöhnlich stand Ludwig auf und sagte: «Gute Nacht – !» Er hätte so gern hinzugefügt: «Schlaf gut!» oder noch einmal gefragt: «Ist dir nichts?» Aber Friedrich würde sich geärgert oder ihn ausgelacht haben; so ließ er's bleiben und ging schweigend aus dem Saale.

Friedrich sah ihm lange wehmütig nach. Seine Augen füllten sich mit Tränen. «Armer Kerl!» murmelte er leise. Er stützte gedankenvoll den Kopf in die Hände und verharrte so eine geraume Zeit.

Als er sich endlich erhob und mit entschlossenen Schritten sein Zimmer betrat, leuchtete auf seinem Antlitze der Strahl einer hohen und stolzen Freude über einen großen Sieg – einen Sieg der edelsten Selbstverleugnung und des reinsten Opfermutes. So spät es auch war, sandte Friedrich noch an diesem Abend durch einen reitenden Boten ein Schreiben an Ihre Exzellenz, Frau von Siebert, nach Perkowitz.

Indessen saß Ludwig an seinem Schreibtische und schrieb in schwungvollen Zügen, langsam und feierlich, sein Testament. Er ernannte darin seinen Bruder, den Freiherrn Friedrich von Gemperlein, zum Erben seines gesamten Hab und Gutes, falls er (Ludwig) unvermählt und kinderlos bleiben sollte, was, fügte er hinzu, vermutlich geschehen dürfte. Den Schluß des Aktenstückes bildeten die Worte: «Ich wünsche, wo immer ich sterbe, in Wlastowitz begraben zu werden.»

Nach getanem Werke fühlte Ludwig sich etwas ruhiger. Dennoch duldete es ihn nicht länger in der stillen Stube; es trieb ihn hinaus in die atmende Natur, in die freie, kalte Luft. Die Nacht war dunkel, nur einzelne Sterne glitzerten am Himmel, der Wind rauschte in den Bäumen und trieb die dürren Blätter über den weißlich schimmernden Sand der Wege und knisterte in den tiefschwarzen Massen der Gebüsche.

Ludwig ging mit festen Schritten vorwärts. Noch einmal wollte er jeden Weg im Garten betreten und jeden Lieblingsbaum begrüßt haben, bevor er, schweren Herzens, Abschied nahm.

Dich zuerst, alte Edeltanne auf der Wiese, die letzte von zehn aus dem Walde verpflanzten Schwestern. Hattest lange gekränkelt und ragst jetzt so stolz in der Fülle der Gesundheit. Dich, du edler Walnußbaum, an dem Friedrich nie vorübergeht, ohne zu sagen: «Das ist ein Baum!...» Dann die Araucaria in der Nähe des Lärchenwäldchens – Respekt vor der! Ein Nadelbaum mit Palmennatur – nordische Kraft, vereint mit südlicher Schöne – es ist ein Wunder!... Und du, Zeder vom Libanon, junges, schönstes Fräulein, hast einen grünsamtnen Reifrock an, und die neuen zarten Triebe schmücken deinen Wipfel wie Federn das anmutigste Haupt. Endlich der Zürgelbaum. Ein Nichtkenner geht wohl an ihm vorbei und meint, der gehöre zu der Gattung, die Äpfel trägt – aber der Kenner, ja, der reißt die Augen auf. Der bewundert den moosbedeckten eisengrauen Stamm, die schlanken Zweige mit den Ästchen so fein wie Draht, die kleinen, seidenweichen Blätter. «Im Botanischen Garten in Schönbrunn gibt's schönere Zürgelbäume, sonst nirgends!» sagt Friedrich.

Hast recht! – Schöneres mag es geben draußen in der Welt, aber nichts Lieberes, als was hier gedeiht, lebt, blüht und welkt. Schade, schade, daß man es verlassen muß. Aber unter den Umständen, die jetzt – wie bald! – eintreten werden, kann Ludwig in Wlastowitz nicht mehr leben.

Er ersteigt noch die Anhöhe am Ende des Gartens, von der aus man hinüberblicken kann auf die Gruftkapelle, die sein Vater errichten ließ. Durch das Gitter des Fensters glänzt ein kleiner, feuriger Punkt, das Licht der Lampe, die über dem Sarge des Vaters brennt – des ersten, der hier ruht.

Ein trauriges Lächeln tritt auf die Lippen Ludwigs; er freut sich, daß er in seinem Testamente den Wunsch ausgesprochen hat, in Wlastowitz begraben zu werden. Friedrich wird schon verstehen, was das heißt... Ich kehre zurück, heißt es, zu dir, dem ich so oft wehgetan, dessen Leben ich sogar einmal in Gefahr gebracht – den ich aber doch innigst geliebt habe.

Ganz ruhig, beinahe heiter kam Ludwig nach Hause. Die Fenster von Friedrichs Schlafzimmer waren noch erleuchtet, und an den Gardinen glitt in unregelmäßigen Zwischenräumen ein hoher, dunkler Schatten vorüber. «Auch du wachst – von Sorgen und bangen Zweifeln gequält. Warte! warte! – Nur noch ein paar Stunden, und du wirst glücklich sein!»

Um elf Uhr morgens stieg am folgenden Tage Ludwig vor dem Tore des Schlosses Perkowitz vom Pferde. Ein Diener, der ihn erwartet zu haben schien, führte ihn sogleich durch die Salle à terrain zu der Tür des Gastzimmers, aus dem vorgestern Fräulein Klara wie eine himmlische Erscheinung getreten war. Der Diener pochte; eine teuere Stimme fragte: «Wer ist's?» und rief, als der Name des Besuchers genannt worden: «Ist willkommen!»

Ludwig stand vor der schönen Klara so beklommen und bewegt, daß es ihm unmöglich war, ein Wort hervorzubringen. Auch sie blieb nicht unbefangen. Der muntere Ton, in dem sie Ludwig gebeten hatte, Platz zu nehmen, verwandelte sich nach dem ersten Blicke in das Angesicht des Freiherrn in einen sehr gedrückten.

Sie senkte die Augen, eine leichte Blässe flog über ihre Wangen, und sie sprach stockend: «Herr Baron – es ist – ich bitte...»

Ihre Verlegenheit rührte und ergriff ihn auf das tiefste. Ach, die grausame Sitte! Daß sie unerlaubten Empfindungen verbietet, sich zu äußern, das wäre schon recht; daß aber die reinsten, die ein Mensch haben kann, unausgesprochen bleiben müssen, das ist jammervoll! Hätte Ludwig in diesem Augenblick seinem Gefühle folgen dürfen, er würde die Arme ausgebreitet und gesprochen haben: «Komm an mein Herz – liebe Schwester!»

Aber das schickte sich nun einmal nicht, und so reichte er ihr nur die Hand und sagte: «Ich habe mir die Freiheit genommen, Sie um ein Gespräch unter vier Augen zu bitten...»

«Ja, ja», unterbrach sie ihn hastig, «in einem Briefe, den ich eröffnete, obwohl er eigentlich nicht an mich gerichtet war.»

«Wie?»

«Ich heiße nämlich nicht Fräulein –.»

«O», rief er, «es handelt sich nicht darum, wie Sie heißen. Heißen Sie, wie Sie wollen. Sie sind die Nichte unserer verehrten Freundin und das liebenswürdigste Wesen, das uns je vorgekommen ist. Sie sind gewiß auch edel und gut und werden das Vertrauen nicht mißbrauchen, das mich zu Ihnen führt und mit dem ich Ihnen sage: Sie haben auf den besten Menschen, den es gibt, einen großen Eindruck gemacht – auf meinen Bruder, Fräulein. – Ich komme hierher ohne sein Vorwissen, in der Absicht, Sie günstig für ihn zu stimmen. Ich meine es mit Ihnen nicht minder ehrlich als mit ihm und beschwöre Sie in Ihrem eigenen Interesse: Lassen Sie sich seine Werbung gefallen...»

Er sprach mit solchem Eifer, daß es ihr, wie oft sie es auch versuchte, nicht gelang, ihn zu unterbrechen. Als er nun schloß: «Versäumen Sie die Gelegenheit nicht, die glücklichste Frau der Welt zu werden!», gab ihre Ungeduld ihr den Mut, mit Entschlossenheit zu sagen: «Diese Gelegenheit ist aber schon versäumt, Herr Baron: ich bin verheiratet!»

Er fuhr von seinem Sessel auf mit einem Entsetzen, das sich nicht schildern läßt. «Sie scherzen», stammelte er; «das kann nicht sein – das ist ja unmöglich!»

«Warum?» fragte sie. «So gut wie Ihr Herr Bruder kann auch ein anderer mich annehmbar gefunden haben, zum Beispiel mein Vetter Karl Siebert, der mich vor etlichen Jahren heimgeführt. Warum glauben Sie, daß ich bis jetzt sitzengeblieben sei? Denn, erlauben Sie mir, für ein Fräulein wäre ich doch etwas bejahrt.»

Ludwig blickte sie wehmütig an und sprach: «So schön, so liebenswürdig, so geistvoll und schon verheiratet!»

«Und wenn Sie wüßten, wie lange!» versetzte sie, und all ihre Munterkeit und ihr guter Humor hatten sich wieder eingefunden.

«Entschuldigen Sie, gnädige Frau», sagte Ludwig; «es wäre besser gewesen, wenn Sie die Gewogenheit gehabt hätten, uns das früher mitzuteilen.»

«Haben Sie danach gefragt? Mit welchem Rechte durfte ich Sie mit meinen Familienangelegenheiten behelligen?» war ihre schlagfertige Entgegnung.

Er sagte nur noch: «O gnädige Frau!» und empfahl sich ehrerbietig; ihr aber – seltsam! -, ihr verging dabei ganz und gar die Lust, über den sonderbaren Herrn zu lachen.

Sie eilte ihm nach, erreichte ihn, als er eben die Schwelle betrat, und sagte herzlich und warm: «Leben Sie wohl, Herr von Gemperlein!» Sie bot ihm zum Abschied die Hand. Ludwig wandte den Kopf und tat, als ob er es nicht sähe; er grüßte nur noch einmal tief, und die Tür schloß sich hinter ihm.

Im Vestibül kam, aus ihrem zu ebener Erde gelegenen Schreibzimmer tretend, Frau von Siebert dem Freiherrn entgegen.

«Ja, was machen Sie denn hier?» fragte die Exzellenz. «Warum kommen Sie denn selbst? Ihr Abgesandter hat schon Bescheid erhalten.»

«Wen meinen Euer Exzellenz?»

«Den Fritz mein ich. Er war da vor einer halben Stunde – als Freiwerber für Sie.»

«Für mich?»

«Und was für einer! Wenn Sie einmal wieder heiraten wollen – sprechen Sie ja nicht selbst – lassen Sie den Fritz für Sie sprechen. Ich war ganz erschüttert – bedauerte nicht wenig, sagen zu müssen: Es ist zu spät!»

Ludwig faßte sich mit beiden Händen an den Kopf: «Dieser Friedrich! Das ist ein Mensch!» rief er.

Aus seiner Stimme klang eine so mächtige Rührung, daß die Exzellenz förmlich davon ergriffen wurde; sie suchte sich der ihr unangenehmen Empfindung rasch zu entziehen, trat dicht vor Ludwig hin, zupfte ihn am Ohr und sagte: «Nichts für ungut! Fast tut's mir leid, daß wir euch den Streich spielten. Die Klara wollte ohnehin nicht dran; aber ich habe sie gezwungen, ich mußte Rache haben für meine Geiß.»

«Euer Exzellenz!» entgegnete Ludwig, «ich kann ihnen die Versicherung geben: es war ein Bock.»

«Mag es gewesen sein, was immer – das Jagdvergnügen an meiner Grenze will ich eurem Förster versalzen.»

Damit schieden sie.

 

Ein paar Monate nach diesem Ereignisse begannen die Brüder abermals allerlei Heiratsprojekte zu schmieden.

«Du solltest doch endlich heiraten!» sagte von Zeit zu Zeit einer zu dem andern. Sie stellten manchmal Betrachtungen über ihr Schicksal an.

«Es ist wirklich sonderbar», meinte Ludwig. «Als ich mit der Äpelblüh Ernst machen wollte, trat sie gerade an den Traualtar, und als wir daran dachten, jene Nichte zu unserer Hausfrau zu machen, war sie bereits seit zehn oder wieviel Jahren verheiratet, und ich müßte mich sehr irren», fügte er geheimnisvoll hinzu, «wenn sie nicht auch schon Nachkommenschaft besaß.»

Friedrich bemerkte, daß sich im Leben, mit mehr oder weniger Unterschied, doch alles wiederhole. Sie seien einmal bestimmt, die erstaunlichsten Liebesabenteuer zu haben; unter den vielen, die ihnen noch bevorständen, werde sich schon dasjenige finden, das in den Hafen der Ehe führt.

Trotz dieser Voraussicht und trotz des guten Vorsatzes, ihren Stamm in Ehren zu erhalten, hat keiner der Brüder sich vermählt. Sie sind hinübergegangen, ohne einen Erben ihres Namens zu hinterlassen, und so ist denn, wie so vieles Schöne auf dieser Erde, auch das alte Geschlecht derer von Gemperlein – erloschen.

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