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Die Frauen in Burgdorf, oder Entstehung der Hühnersuppe

Johann Jakob Reithard: Die Frauen in Burgdorf, oder Entstehung der Hühnersuppe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorJohann Jakob Reithard
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleDie Frauen in Burgdorf, oder Entstehung der Hühnersuppe
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Erstes Kapitel

Wie der Schneidermeister Werni von Aarburg zu Burgdorf einen Korb holt und darüber in heftigen Zorn geräth

Am Abend des ersten Pfingsttages 1399, zwischen 4 und 5 Uhr ritt eine wunderliche Gestalt durch jenes Thor der Stadt Burgdorf, von welchem aus die Heerstraße gen Winigen führt. Man hätte den Reiter, von dem hier die Rede ist, füglich für den leibhaften Tod selber in reicher, schlotternder Kleidung halten können, wenn die sichtbaren Körpertheile, nämlich der Schädel und die Hände, nicht mit gelber Haut überzogen und Nase und Kinn nicht im blühendsten Zustand gewesen wäre. Nummer Eins, die Nase nämlich hieng als ein ungeheurer Erker von der Stirn herunter, an welche sie durch zwei starke Augbraunen, gleich wie mit schwarzen Eisenklammern befestigt schien, unter denen zwei falsche Augen nach der Nasenspitze schielten, die ihrerseits, in erklecklicher Entfernung vom Gesichte, sich von diesem emanzipiren zu wollen schien, welchem Bestreben der eingefallene, schnappende Mund, so groß er war, sich vergeblich widersetzte. Nummer Zwei, nämlich das Kinn, war eigentlich nur ein großer wurstartiger Auswuchs, von welchem spärliche Haare, wie ein Ziegenbart, herunterflatterten. Das Thier, worauf der Knochenmann ritt, offenbar ein ehrsamer Ackergaul, suchte die ungewohnte Ehre, Reitpferd zu sein, durch einen gräßlich schwerfälligen Trott, der den Reiter fortwährend in die Höhe scheffelte, auf eine Herz und Nieren prüfende Art zu erkennen zu geben. Der Interimsregent des stattlichen Thieres selbst war Niemand Anderes, als der weltberühmte Schneidermeister Werni von Aarburg, welcher dato nicht nur auf Roß-, sondern auch auf Freiersfüßen gieng. Darum hatte er sich in eine funkelnagelneue Kleidung gesteckt; darum prangte auf seinem kannenförmigen Kopfe ein rothes Sammetbaret mit schneeweißen und kohlschwarzen Federn, welche ihm die Nase umfächelten; darum zierte ihn ein gelbseidenes Wamms mit blauen Schlitzen, das festlich seine schmale Brust umfluderte, darum wickelten sich rothe Hosen um seine magern, erbarmungswürdigen Beine, und graue Filzstiefel um seine ungebührlich langen Füße, welche Gottes freien Erdboden für Steigbügel ansahen; darum that sein Gesicht Etwas, das in seiner Art ein selbstgefälliges, behagliches Lächeln war, von vielen Leuten jedoch für ein lächerlich-tückisches Grinsen gehalten wurde.

Der Besuch des stattlichen Reiters galt Herrn Peter Ochsenbein, wohlbestelltem Rathsmann und Gastgeber zum Roß, oder eigentlich seiner Tochter Küngold, welche ehrengedachter Meister Werni als eheliches Gemahl heimzuführen gedachte. Zeugte schon der halsbrechende Ritt des würdigen Freiwerbers von seiner inbrünstigen Minne, so bewies er diese noch handgreiflicher durch die eiserne Ruhe, womit er den erderschütternden Lärm der Burgdorfer Jugend traversirte, die die seltsame Erscheinung mit lautem Spott umtobte – und war es für einen rechtschaffenen Schneider schon ein gewagtes Unternehmen, sich zum ersten Male in seinem Leben einem so feurigen Rosse anzuvertrauen, wie dasjenige war, auf welchem er eben seinen Einzug hielt, so schien es für einen ausgedörrten Sechsziger wohl noch viel gewagter, ein so lasches siebenzehnjähriges Ding zu freien, wie die Tochter des Roßwirthes und Rathsherrn Ochsenbein in der untern Stadt zu Burgdorf, die der geneigte Leser sogleich in Augenschein nehmen kann, wenn es ihm beliebt, den Meister Werni, nachdem er seine Rosinante vor der Hausthüre angebunden, in die Wirthsstube zu begleiten, wo es eben recht lustig hergeht.

Als der Schneider im Gefühl seines prächtigen Putzes und seines mit Zosinger Silbermünzen gefüllten Beutels gravitätisch in die Gaststube trat, wurde es unter den dort anwesenden zahlreichen Gästen einen Augenblick mäuschenstill. Alle betrachteten mit Erstaunen das wandelnde, in bunte Lappen gekleidete Beinhaus und steckten, als Herr Ochsenbein dem Eingetretenen geschmeidig entgegentrat und ihn als seinen verehrten Herrn Vetter bewillkommte, flüsternd und zischend die Köpfe zusammen. Auf zwei Gesichtern war aber sogleich eine sonderliche Bewegung zu lesen. Das eine Gesicht gehörte niemand Anderem, als der Jungfrau Küngold, welche, hinter einem jungen Manne stehend, eben dessen leeren Humpen vom Tische genommen hatte, um ihn wieder zu füllen. Die erst noch purpurfarbigen Wangen waren plötzlich schneeweiß geworden; die erst noch schelmisch blitzenden schwarzen Augen starrten verglast nach der Schneidergestalt, und vom »Ah! –« einer unwillkommenen Ueberraschung war ihr kußliches Mündlein noch offen geblieben. Das andere Gesicht gehörte vorbesagtem jungen Manne, der, nachdem er den Meister Werni eine Sekunde gemustert hatte, den blondlockigen Kopf nach Küngold umwandte und sie mit den großen ehrlichen blauen Augen recht dringlich anschaute, als ob er fragen wollte: »Ist er's?« Der wehmüthig-zornige Blick, den er bald darauf zur Antwort erhielt, mochte geradezu sagen: »Er ist's!« denn eine wilde Flammenröthe ergoß sich über das kräftige jugendliche Antlitz des Jünglings, seine Augen funkelten, und die Hand auf dem Tische ballte sich krampfhaft zur Faust.

Allein der lange wunderliche Gast beachtete dieses verhängnißvolle Mienen- und Geberdenspiel nicht im Mindesten, sondern schritt, nachdem der dicke Roßwirth ihn benachrichtigt hatte, daß die Maid mit der leeren Kanne seine einzige eheleibliche Tochter Küngold sei, mit zahlreichen Verbeugungen auf das todtbleiche Mädchen zu und pflanzte sich mit seinen krummen Beinen wie ein lateinisches X vor sie hin, versichernd, dieser Tag sei einstweilen der glücklichste seines Lebens. Auf dieses »einstweilen« legte er einen näselnden Nachdruck, wovor Küngold zusammenschauderte und der vorerwähnte junge Gast den rechten Fuß fast am Stuhlbein verkrümmte. Ohne ein Wort zu erwiedern, eilte die Jungfrau fort und der alte Freiwerber fuhr erst aus seiner Verblüffung, als ein schmetterndes unauslöschliches Gelächter aller anwesenden Zecher die Schlösser der Sitte und die Riegel des Erstaunens endlich siegend durchbrochen hatte.

Meister Werni lugte mit den falschen schielenden Augen etwas verdrießlich in der Stube herum und vermerkte endlich, indem er mit zitternder Hand an den zwölf Barthaaren melkte und dabei zu lächeln suchte, gegen Vetter Ochsenbein: »Ihr Burgdorfer, Groß und Klein, seid ein absonderlich aufgeräumtes Völklein, hm! hm! wie ich schon in den zwei Minuten meines Hierseins zur Genüge erfahren habe, hm! hm! Ihr kennt hierorts ganz genau die Pflichten der Gastfreundschaft, hm! hm! und übt sie auf eine wunderliche Weise hm! hm! ...«

Herr Ochsenbein braute noch an einer entschuldigenden Antwort, als der junge Mienen- und Zeichenredner hastig vom Stuhle aufschoß und dem Schneider zurief: »Steckt euern Tadel ein, Herr Leichenhahn, oder was ihr sonst sein möget, hm! hm! Oder ich breche euch eure klappernden Knochen vollends entzwei, hm! hm! Die Burgdorfer üben die Gastfreundschaft gerne, aber nur an vernünftigen, menschlich gestalteten Kreaturen, nicht an Wechselbälgen und Vogelscheuchen, hm! hm! an denen sich, wie zum Exempel an euch, hm! hm! die schwangern Frauen versehen möchten und wodurch die ehrlichste Stadt im obern Ergäu um ihre an Leib und See! gesunde und wohlerworbene Nachkommenschaft kommen könnte – hm! hm!«

Nun erst brach das rechte Wetter los, es hatte sich durch des jungen Mannes Rede allgemein in die Hagelschauer des bittersten und entschiedensten Spottes verwandelt und der verlegene Wirth und Rathsherr wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er seinen Gast und künftigen Eidam mit möglichster Geschwindigkeit aus den Augen der Lacher in ein Nebenzimmer bugsirte, wohin noch lange das höhnende hm! hm! hinüberklang.

Meister Werni warf sich mit unverkennbarem Unmuth in den ledernen Großvaterstuhl; die letzten Trümmer seiner Zähne klapperten vor Schreck und Verdruß zusammen, und sein Gesicht war bis an die äußerste Nasenspitze blau angelaufen. »Hätt' ich das gewußt, Vetter,« schnarrte er wild, »ich wäre hübsch daheim bei meinen Gesellen geblieben, die mich respektiren, und bei meinen Mitbürgern, die mich vergöttern – hm! hm!«

»Das hättest du thun können, Meister Werni,« entgegnete leise Herr Ochsenbein, indem er hochmüthig die Arme in die Speckseiten stemmte und die Augbraunen zusammenzog. »Dann aber hättest du meine Tochter nie bekommen. Merke dir: erst wenn ich hier den Schultheißenstuhl besteige, besteigst du das Ehebett, Schultheiß werd ich aber erst, wenn die Oesterreicher unserer Stadt Meister sind; Meister werden sie nur, wenn sie des Ortes Gelegenheit durch dich kennen; diese kannst du, zu ihren Händen, nur kennen lernen, indem ich sie dir zeige, und um sie dir zeigen zu können, war es nöthig, daß du hieher kamst. Verstanden?«

»Vollkommen, hm! hm!« näselte der Aarburger; »ich bewundre deine Weisheit, Vetter, die so gründlich, wie mein Lehrbube, einen Faden aus dem Andern herauszuhaspeln versteht. Indessen denk' ich, der Schneidermeister Werni wäre auch ohne österreichischer – Gesandter zu sein (Spion ist ein schlechtes Wort hm! hm!) mit seiner wohlgespickten Truhe ein genehmer Freiwerber gewesen hm, hm! – wenn nicht für die Tochter, doch mindestens für den Vater, der, wie ich wohl recht weiß, das Geld achtet, auch wenn es eine Schneidernadel aus gestohlenem Tuch herausgekratzt hat, hm! hm! Das Mädel scheint mir aber bedenklich heikel, und sag', wer ist der Milchbart, der mir so verdammt hitzig an die Leber fuhr? hm! hm!«

»Es ist Heini Vogelsang, des Wächters Sohn, dem meine Küngold längst ins Herz gewachsen sein mag, der arme Schlucker! Du mußt ihm schon Etwas zugut halten; denn Scheiden und Meiden thut weh! Doch jetzt muß ich in die Gaststube zurück: werde dir Essen und Trinken durch die Küngold schicken. Mach' dich mit der Maid bekannt und bereite dich dann auf die nächtliche Runde.«

Als der Alte in die Gaststube zurückkam, mußt' er die Tochter erst lange rufen; und wenn der geneigte Leser wahrgenommen, daß auch Heini Vogelsangs Platz leer ist, so wird er vermuthen, daß dringende Geschäfte die Abwesenheit des Mägdleins nothwendig und ersprießlich gemacht haben. Endlich erschien sie mit freudestrahlenden Augen und vernahm sichtbar erfreut, daß sie bestimmt sei, ein speisender Habakuk des in der Löwengrube des Nebengemachs schmachtenden Aarburgischen Daniels zu werden. Verwundert blickte Herr Ochsenbein der geschäftig Forteilenden nach. Meister Werni empfing sie in seinem Versteck mit der ganzen Abgeschmacktheit eines verliebten Greises. Er hüpfte dem Mädchen auf den Zehen entgegen, nahm ihr den Korb voll dampfender Speisen und den Humpen Reifwein unter lächerlichem Schnalzen und Grimassiren ab, stellte Beides auf den Tisch und küßte minneglühend die weißen Hände, welche die Gottesgaben getragen. Wer weiß, wozu ihn die erste Ueberraschung des süßen Besuchs noch getrieben, wenn sein bellender Magen dem flackernden Herzen keinen Einhalt gethan und seine brennende Gurgel den Fluß seiner Liebesworte für den Augenblick nicht erstickt hätte, zumal Küngold nicht sehr abwehrend zu Werke ging. Der Schneidermeister begnügte sich also einstweilen, seine zärtlichen Blicke in die Betrachtung der vor ihm sitzenden Wirthstochter und der dampfenden Speisen, die er vorweg mit großem Heißhunger verschlang, und des perlenden Weins, womit er die worgenden Bissen unablässig hinunterschwemmte, zu theilen. Endlich, nachdem die ganze Auslage vergriffen war, ging das Reich des Magens unter und aus dem Chaos des Genossenen tauchte siegend das schneiderliche Herz.

Ei, was für zierliche, brünstige Reden flossen aus dem unzierlichen Mund! Wie geckenhaft zupfte und putzte der Ellensteckenritter an seinem bunten Kleide! Wie leichtfüßig tänzelte und scharwenzelte er um die blühende Bernerblume, während ein dumpfes Keuchen und ein sieches heftiges Händezittern, gleich einem vorlauten Nachtwächter, der die verspäteten Zecher stört, Allen vernehmlich das zurückgelegte siebenzigste Lebensjahr verkündeten.

»Jungfer Küngold!« flötete schmelzend der Schneider, indem er erschöpft in den Lehnstuhl zurücksank, »setzt euch doch ein Weilchen neben euern gehorsamsten Knecht, auf daß seine Nase euern heiligen Odem trinke, hm, hm! Seht, Königin der Engel,« fuhr er fort, indem er ihre runde Hand in seine Knochengriffe klemmte und sie sehnsüchtig anschielte, »ich bin, trotz meiner grauen Haare, ein Mann in den besten Jahren, hm, hm! noch immer stark und rüstig genug, einer so holden Himmelsrose, wie ihr, zum Lebensstecken zu dienen, auf daß der Sturm sie nicht zerknicke, hm, hm! Alles biet' ich euch, was der Frau die Erde zum Himmel, den Ehstand zum Paradiesgärtlein machen kann: Ein minneglühendes Herz und – einen wohlgespickten Beutel, aus welchem unerschöpflich schöne Kleider, feine Bissen – kurz alle Dinge herfließen werden, was eines Weibes Herz erfreuen mag, hm hm! So ihr dieses wolltet: so sprechet ja, und besiegelt euere Zusage mit einem Kuß eures unvergleichlichen Mundes, hm hm!«

»Mann Gottes,« entgegnete das sich fast krank lachende Mädchen, »wir Burgdorferinnen küssen nicht so schleunig. Ich will euch zwar keineswegs zumuthen, die Jakobsprobe zu bestehen; denn da wäre euch allerdings mit gutem Fug zu rathen, eher das Todtenhemde zuzuschneiden, denn das hochzeitliche Gewand, und euere Rahel müßte, statt am Brautbette, an euerm Sarge stehen und euch weinend betrachten, wie ihr so da läget, als eine eingerostete Scheere, die keine menschliche Kraft mehr zu öffnen vermag. Aber vor Allem fordere ich eine Probe euerer treuen Minne, und diese Probe heißt Vertrauen. Sagt, würdiger Schneidermeister, wie habt ihr's denn angefangen, so ganz und gar das Herz meines Vaters zu behexen, daß er meiner Hand selbst dem reichen jungen Pfister, Erbe an der Schmiedgasse, der eifrig um mich anhielt, verweigerte? Es muß da etwas Absonderliches dahinter stecken.«

In Meister Werni's falschen Augen und um seinen Mund spielte abwechselnd das Lächeln erstaunlicher Pfiffigkeit, vornehmer Selbstgefälligkeit und schlauer Vorsicht, die aber bald in seiner Sinnlichkeit unterging. Er rieb sich eine Weile heftig die Stirne und fragte dann schmachtenden Blickes: »Erhalt' ich meinen Lohn sogleich nach geschenktem Vertrauen, edle Jungfrau?« Worauf die listige Maid ihm recht sinn- und herzverrückend die knöchernen Backen streichelte und verschämt erwiederte: »Ihr werdet mit mir zufrieden sein, Meister Werni.«

Jetzt zog der alte Geck die Schleußen der Vorsicht weg und eröffnete der aufmerksam zuhörenden Dirne, wie er wohl begreife, daß Vater Ochsenbein ihn dem reichen Pfister und allen Burgdorferjünglingen vorziehe, sintemal keiner derselben im Fall sei, ihn zur Schultheißenwürde hiesiger Stadt zu erheben. Er aber, Meister Werni von Aarburg, habe die Ernennung von Seite Herzog Albrechts von Oesterreich selber im Sack, dafern nämlich, wozu Herr Ochsenbein sich erbötig gezeigt, besagtem Herzog die Stadt in die Hände gespielt werde. Diese »Ueberlieferung« sei Niemanden leichter möglich, als dem Besitzer des Gasthofs zum weißen Roß, weil von diesem aus nach erhaltenen Berichten ein unterirdischer Gang vor die Stadt führe, dessen Einfahrt von Außen nur dem Hausbesitzer bekannt sei. Dieser Eingang, den er, Meister Werni, nun zu besichtigen gekommen, und die süße Küngold seien der bedungene Lohn für die Schultheißenstelle.

»Um wessentwillen,« fuhr der alte Sünder fort, »hab' ich mich in diese gefährliche Geschichte eingelassen? Ich, ein friedlicher Schneidermeister, berühmt und gesucht im ganzen Land und gesegnet mit Glücksgütern! Nur um deinetwillen, du Thau meines Herzens, du Nußknacker meiner Qual! Seit ich dich in meiner Bude, wohin mein guter Stern vor einem Jahre dich führte, zum ersten Male schaute, bin ich nicht mehr der alte Schneidermeister und Spendvogt Werni von Aarburg, sondern ein verjüngter Adler, der sich nun eingefunden hat, wo sein Aas ist!!«

Nach dieser lieblichen Vergleichung bemühte er sich, seine Armknochen um den blühenden Leib zu schlingen, was ihm aber nicht gelingen konnte, weil sich Küngold mit einer raschen Wendung gegen die Thüre flüchtete. »Ei, ei!« lachte das liebe, schlaue Kind, »ihr seid noch viel zu ungefüg, lieber Herr, um die Minne eines Bernermädchens im Sturm zu erobern. Traun, wenn es euch mit der Ueberrumpelung der Stadt nicht besser geht, als eben jetzt mit mir, so rath' ich euch in Treuen, das halsbrechende Unternehmen bei Zeiten aufzugeben. Ueberdieß küßt man sich bei uns nicht am hellen, heitern Tage, sondern in stiller Nacht, zur Zeit des lustigen Kiltgangs. Mein Kämmerlein ist von hier eine Treppe hoch, Numero zwölf rechter Hand. Merkt euch das!« Und weg war die flinke Dirne.

Der Schneider sah ihr einen Augenblick mit freudiger Ueberraschung nach; dann wagte er ein Paar bocksteife Luftsprünge: »Von hier eine Treppe hoch, Numero zwölf rechter Hand!« murmelte er unaufhörlich und geberdete sich dabei, wie ein Wahnsinniger, bis er endlich schnaufend in den Lehnsessel zurückfiel und sich einem fieberhaften Schlummer übergab, aus welchem ihn erst um die eilfte Stunde Vetter Ochsenbein weckte.

»Komm Vetter, es ist Zeit,« flüsterte dieser; »wir haben zwei lange steinerne Treppen hinunterzusteigen und eine gute Strecke in dunkler, feuchter Erde zurückzulegen.«

»Nichts da!« entgegnete der schlaftrunkene Meister; »willst du einen Narren, so kauf einen bleiernen, hm hm! Eine Treppe hoch von hier, Numero zwölf rechter Hand. Ich weiß es besser.«

»Sei kein Narr, Werni, sperr die Augen auf und komm,« schnauzte der Roßwirth heftig, indem er ihn unsanft auf die wackelnden Beine zog. – Der Mann mit dem Ziegenbart schüttelte und streckte sich und kam endlich nach einem langen staunenden Blicke um sich her, und einem gedehnten Oh ah! insoweit zu sich selbst, daß er dem Wirthe, der mit einer Laterne vorauszündete, folgen konnte. Sie stiegen in den tiefen Gewölbkeller hinunter, welchen Herr Ochsenbeins Wirthschaftlichkeit mit vollen Fässern ausgesuchten Weines, die in dreifacher Reihe und absteigender Linie hingepflanzt waren, reichlich ausgestattet hatte. Eh' wir aber den Beiden in den unterirdischen Gang folgen, in welchem der Verrath sein Wesen treiben soll und dessen Schlund uns, nachdem der dicke Roßwirth einen beweglichen Pfeiler weggeschoben, in einer Ecke sichtbar wird, müssen wir dem geneigten Leser kürzlich bemerken, daß man von Herrn Ochsenbein, trotz seiner Wirthschaftlichkeit und seiner Rathsstelle hätte sagen können: »Er ist nicht Schuld, daß das Pulver kläpftKläpfen von Klapf; hier der plötzliche erschütternde Knall, den das entzündete Pulver hervorbringt.«, wenn damals notabene das Pulver schon erfunden gewesen wäre. Seine zwei Hauptneigungen, Geiz und Hochmuth, hielt eine gewisse Schlauheit zusammen, die man auch bei beschränkten Menschen findet, und welche meistens im Leben recht gut forthilft. Dies möge nachträglich das Benehmen des Wirthes zum Roß in einer Sache erklären, die einen verständigen, wohlüberlegenden Mann mit Schauder und Abscheu erfüllt hätte, ihm aber wie eine Wein- oder Käsespekulation vorkam, bei der sich ein Ordentliches gewinnen lasse.

Schon beim Eintritt in den Keller ließ sich ein äußerst bedenkliches Schlottern an Meister Werni verspüren und erst als er sich mit einem tüchtigen Schluck von »dem unter der Steige»Der unter der Steige«, sprichwörtliche Bezeichnung für den besten Wein im Keller, welcher gewöhnlich unter die Treppe versorgt wurde.« gestärkt hatte, konnte er sich entschließen, dem Gastwirth in den unterirdischen Gang zu folgen. Das Gewölbe war eng und senkte sich erst tief hinunter. Endlich erreichten die beiden Nachtwandler, nach Beschreitung vieler zerfallener Stufen, festen Grund, auf dem sie eine Zeit lang vorwärts schritten. Plötzlich blieb der Schneider erstarrt stehen; seine zwölf Haare sträubten sich empor: hörst du Nichts, Vetter? flüsterte er und schmiegte sich eng an seinen Führer.

Wir befinden uns gerade unter der Kirche der Barfüßer, erwiederte dieser, und was du hörst, ist das nächtliche Gebet der Mönche, denen vor alten Zeiten mein Haus gehörte und die sich auch diesen Gang bauen ließen, der sie hierhin in die Arme der Liebe, dorthin ins Freie führte. Ei, so bohr dich doch nicht ganz in meinen Leib wie ein Holzbock, Werni! wir sind ja hier so sicher, wie in meiner Stube.

Ich habe sonst Muth wie ein Löwe, zähnklapperte der Nadelheld – aber in unterirdischen Gängen wird mir immer etwas unwohl. Das kömmt ohne Zweifel von meiner Urgroßmutter her, welche zwei Wochen lang in einem unterirdischen Kerker zu Roggwyl gefangen saß, als sie eben mit meiner Großmutter schwanger ging. – Damit schritten sie fürbas.

Nach halbviertelstündigem Gang ging es wieder eine Treppe aufwärts. Herr Ochsenbein zog zu seinen Füßen einen Nagel aus; die Wand sank nieder. Es war das Altargemälde einer kleinen offenen Waldkapelle vor der Stadt. Sie stiegen die Stufen hinunter und waren im Freien unter'm Sternenhimmel.

Das ist gut, sehr gut! zischelte eilig der Schneidermeister; ich weiß jetzt ganz genau Steg und Weg und danke dir, Vetter Schultheiß! Aber jetzt wollen wir wieder zurück; ich fühle mich herzlich müde. Denn obgleich ich ein vortrefflicher Reiter bin, lieg' ich doch zehnmal lieber in weichem Flaum, als ich zu Gaul sitze – hm hm! Damit stieß er den dicken Mann in die Kapelle zurück; dieser aber stand bedächtlich still und meinte, von den Altarstufen herunterflüsternd: er habe nun gezeigt, was zu zeigen sei; nun aber wünsche er seinerseits auch die Handschrift zu sehen, welche ihn mit dem Schultheißenstuhl belehne, falls er den Oesterreichern auf diesem sichern Wege in die Stadt helfe.

Ei, so komm nur, langweiliger Speckwurm! drängte Werni, das Pergament liegt ja in meinem Mantelsack und dieser in der Nebenstube, wo deine Tochter – hm hm! – – »Eine Treppe hoch Numero zwölf rechter Hand«, rekapitulirte er halblaut für sich und schoß, wie eine Bremse, in den geheimnißvollen Gang zurück, so daß Herr Ochsenbein, infolge seiner Dickleibigkeit, alle Mühe hatte, dem Spindelbein nachzukommen. Hundert Schritte waren sie fortgeeilt, als plötzlich der Rathsmann stehen blieb und den neben ihm wandernden Schneider mit nerviger Faust zurückhielt: Halt! keuchte er; eben jetzt glaubt' ich eilende Fußtritte vernommen zu haben; doch ist es wohl nur eine Kellerratte oder Sinnentrug gewesen, fuhr er, sich und seinen Gefährten beruhigend, fort und wanderte beschleunigten Schrittes weiter, indem er den erschrockenen Werni, der sich mit rollenden Augen an seines Vetters Wams festhielt, hinter sich drein zog. Wohlbehalten kamen sie von ihrer nächtlichen Fahrt in die trauliche Nebenstube zurück. Bald klangen die Becher; denn der Wirth hatte mit großer Hast im Keller noch einen Humpen vom Besten aus dem Steigenfasse geklopft.

Nachdem die beiden würdigen Herren ihren Schrecken in ein Paar Bechern Reifwein ersäuft hatten, verlangte der Roßwirth wiederholt das Pergament zu sehen, worauf der Lohn seines Verraths nach der Versicherung Meister Werni's mit bunten, reich verzierten Buchstaben zu lesen sein sollte. Unverzüglich machte sich der Ueberbringer des Aktenstücks an die Oeffnung seines daliegenden Mantelsacks und zog nach langem Suchen eine in Leinwand gewickelte Rolle hervor, die er dem ungeduldig Harrenden mit dem Vermerken überreichte, er möge sich im Durchlesen sputen, sintemal der Schlaf jetzt seine Schneiderseele übermanne, nachdem dies der vielfachen Gefahr nicht gelungen sei, welche ihm den heutigen Tag zum merkwürdigsten seines Lebens mache.

Mit zitternder Hand wickelte der eitle Gastgeber die Rolle auf. Von bunten, reichverzierten Buchstaben sah er Nichts, wohl aber stand mit zierlicher Mönchsschrift auf dem Pergament geschrieben:

»– – Du tuost als diu kint,
die da gäbes muotes sint:
Swaz den kumet in den muot,
ez si übel oder guot,
darzuo ist in alles gach,
und geriuwet si sere dar nach.«Stelle aus dem »armen Heinrich« von Hartmann von Aue, Minnesänger des dreizehnten Jahrhunderts

Wie versteinert starrte der Leser bald den verhängnißvollen Spruch, bald den Schneider an, der gähnend und scheinbar unbefangen seine tückischen Blicke erhoben hatte, um die freudige Wirkung in Augenschein zu nehmen, welche die vermeintliche Urkunde bei dem Rathsmann hervorbrächte. Wie erstaunte er aber, als Herr Ochsenbein ihm das Pergament sichtbar erschüttert und mit den Worten zurückgab: Vetter, du hast dich vergriffen. Was hier geschrieben steht, kömmt mir vor, wie eine Stimme vom Himmel. Ich will die Urkunde diese Nacht nicht mehr sehen. Morgen ist auch ein Tag und da läßt sich mehr von der Sache reden. Komm, daß ich dir ins Bett zünde.

Meister Werni schwur bei allen Heiligen, daß er durchaus nicht begreifen könne, wie diese Reime sich in seinen ungereimten Mantelsack und sogar in die leinenen Fetzen verirrt hätten, worein die Ernennungsurkunde, als er sie vom Freiherrn von Wildegk, dem österreichischen Kämmerling, empfangen, eigenhändig von ihm gewickelt worden sei; eben so wenig vermöge er zu ergründen, was aus dem documento quæstionis geworden. Ohne Zweifel müsse das Alles sich Morgen aufklären und er trage darum ebenfalls auf Vertagung der Session und Eingang ins stille Kämmerlein an. Sie gingen.

Kurze Zeit, nachdem der Gastwirth zum weißen Roß den Vetter von Aarburg in Numero Eins, seinem besten Gastzimmer, untergebracht hatte, öffnete sich die Thüre dieses letzten und heraus trat – das Licht mit der Linken sogleich verdeckend – eine lange, klappernde Gestalt im Hemde, mit bloßen Füßen, wie ein Pönitenzier. Auf den Zehen schlich sie sich über die Laube, keuchte die Treppe hinauf und schritt, eifrig die Zahlen musternd, die über den Thürpfosten gemahlt standen, an der Zimmerreihe rechter Hand hin, immerfort murmelnd: »Eine Treppe hoch, Numero zwölf, rechter Hand!« Plötzlich stand sie festgewurzelt. Keine eifrige Beterin betrachtet ein wunderthätiges Marienbild andächtiger und feuriger; kein müder Wanderer wirft einen freundlichern Blick auf das Schild der ersehnten Herberge; kein Senn begrüßt seine lang entbehrte Alpenhütte zärtlicher – als Meister Werni, den der geneigte Leser ohne Zweifel schon erkannt haben wird, die Zahl zwölf über der Kammerthüre rechter Hand, welche weit abgelegen und kaum zu finden war, begrüßte. Ein süßer Schauer fuhr ihm sichtbar durch Seel und Leib und seine bebende Hand war fast unvermögend, den ungefügen Schlüssel zu drehen und die verhängnißvolle Thüre zu öffnen, durch welche er eingehen sollte in den Himmel der KiltDer Kiltgang war ein im Kanton Bern allverbreiteter Gebrauch, der darin bestand, daß die jungen Bursche Nachts zu ihren Mädchen in die Kammer stiegen und dort bis am Morgen verweilten. So unanständig diese scheinbare Anticipation ehelicher Rechte manchem Leser vorkommen mag: so darf dennoch zur Ehre beider Geschlechter gesagt werden, daß das Lockende dieses Gebrauchs, der jetzt noch in gewissen Theilen des Kantons fortdauert, höchst selten zu entehrenden Folgen führt..

Wir sind durchaus nicht befugt von dem was da drinnen, im vermuthlichen Heiligthum der Liebe vorgeht, Zeugen zu sein und das zarte Geheimniß einer sich still entwickelnden, wenn auch seltsamen Neigung, mit frechen Blicken zu entschleiern. Wir entfernen uns daher leise und glückwünschend von der wieder verschlossenen Himmelspforte ... Aber halt! was ist das?

Ein fürchterlicher Krach, wie wenn etwa ein Sack voll Haselnüsse zu Boden geworfen wird, ertönte aus dem Innern der Numero zwölf; hierauf ergab sich ein erbärmliches herzbrechendes Stöhnen, worauf die rührende Klage folgte: Aber verehrteste Jungfer Küngold, wie könnt ihr denn euern treuen Freund und Vetter also mißhandeln, nachdem ihr ihn selbst eingeladen, hm hm?

Was eingeladen! entgegnete, wie ein gedämpfter Donner, die kräftigste Männerstimme, die es damals zwischen der Emme und Aare gab. Ich habe dich weder eingeladen, noch bin ich die Küngold, wie du leicht aus meinen Fäusten entnehmen magst, alter Bock! Ich werde dich auf dem Platze erwürgen; drum bete, wenn du beten kannst, verruchter, österreichischer Spürhund! Oder bist du etwa draußen in der Waldkapelle andächtig gewesen, von welcher du herkommst? hm hm!

Auau! Ihr – er – würgt mich, unbekannter, hochachtbarster Herr! krächzte der unglückselige Werni und peitschte hörbar mit den Füßen den Boden, auf welchem er, nach Allem zu schließen, unter der Faust seines Widersachers ausgestreckt lag.

Dir gebührt das Ende des Judas, war die Antwort des Andern; doch weder ich, noch du selbst sind berufen, dem Henker ins Amt zu greifen; ich werde dich knebeln und sammt deinem Helfershelfer, dem Schultheißen in spe, dessen Ernennungsurkunde mir der Zufall in die Hände gespielt, dort hinauf ins Schloß, und dem Bernerschultheißen in re in die gnädigen Hände befördern. Ei, wie freundlich wird er die beiden hohen Häupter empfangen, wie reichlich wird er sie bewirthen, in seiner stattlichsten Besuchstube tief unten im Marterthurm, wo Heulen und Zähnklappern ist! Damit erhob sich der Redner hörbar und ging, während der angstvolle Werni in einen Strom von Gnadenflehen ausbrach, mit starken Schritten auf und nieder.

Es sei! ertönte endlich die Stimme des Schrecklichen: es sei; aber du mußt dich sogleich auf deinen Klepper setzen und das Weite gewinnen. Nicht deinem Flehen hast du dein Leben zu danken, alter Galgenvogel! Deine Beschützer sind Mädchenseufzer und Mädchenthränen, die aber nicht dir, sondern einem schwachen Vater gelten, den du verführt und betrogen hast!

Eine Viertelstunde nachher öffnete Heini Vogelsang, des Wächters Sohn, dem seltsamen Reiter von gestern Abend, auf den er lächelnd den vollen Strahl seiner Laterne fallen ließ, das Stadtthor gen Winigen. Draußen aber im Zwielicht erhob Meister Werni seine drohende Faust gegen die Stadt und murmelte: ich komme wieder!

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