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Die Frau von dreißig Jahren

Honoré de Balzac: Die Frau von dreißig Jahren - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
titleDie Frau von dreißig Jahren
authorHonoré de Balzac
isbn3-458-34707-0
translatorHedwig Lachmann
senderhille@abc.de
created20040211
publisherInsel Taschenbuch
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6. Das Alter einer schuldigen Mutter

An einem der ersten Junitage des Jahres 1844 erging sich eine etwa fünfzigjährige Dame, die jedoch noch älter schien, als es in der Natur ihrer Jahre lag, unter den Bäumen des Parks, der zu einer in der Rue Plumet in Paris gelegenen Villa gehörte. Sie war schon zwei- oder dreimal den leichtgewundenen Fußpfad auf und ab gewandert, den sie nicht verließ, um nicht die Fenster einer Wohnung aus dem Auge zu verlieren, die ihre ganze Aufmerksamkeit zu fesseln schien; schließlich ließ sie sich auf einem der halb ländlichen Stühle nieder, wie sie aus jungen Baumstämmen, die noch mit ihrer Rinde überzogen sind, hergestellt werden. Von dem Platz aus, wo sich dieser elegante Sitz befand, übersah die Dame durch ein Gartengitter sowohl die innern Boulevards, in deren Mitte sich der wundervolle Dome des Invalides erhebt, der mit seiner goldenen Kuppel zwischen den Kronen eines Ulmenwaldes emporragt, als auch ihren weniger großartigen Garten, den die graue Fassade eines der schönsten Häuser des Faubourg Saint-Germain abschloß. Überall war noch alles still, die benachbarten Gärten, die Boulevards, der Dom; denn in diesem vornehmen Viertel beginnt der Tag kaum vor zwölf Uhr. Falls nicht eine besondere Laune eine Ausnahme herbeiführt, eine junge Dame ausreiten will oder ein alter Diplomat ein Protokoll neu aufzusetzen hat, schläft zu dieser Stunde noch alles oder fängt erst an aufzuwachen, Diener und Herrschaften.

Die alte Dame, die schon so frühzeitig auf war, war die Marquise d'Aiglemont, die Mutter von Madame de Saint-Héreen, der dieses prächtige Haus gehörte. Die Marquise hatte zugunsten ihrer Tochter, der sie ihr ganzes Vermögen geschenkt hatte, auf das Haus verzichtet und für sich nur eine lebenslängliche Rente zurückbehalten. Comtesse Moina de Saint-Héreen war das letzte Kind von Madame d'Aiglemont.

Um ihr die Heirat mit dem Erben eines der erlauchtesten Hauser Frankreichs zu ermöglichen, hatte die Marquise alles geopfert. Nichts war natürlicher, sie hatte nacheinander zwei Söhne verloren: der eine, Gustave Marquis d'Aiglemont, war an der Cholera gestorben, der andere, Abel, war vor Constantine gefallen. Gustave hatte eine Witwe nebst Kindern hinterlassen. Aber die geringe Zuneigung, die Madame d'Aiglemont ihren beiden Söhnen entgegenbrachte, war noch schwächer geworden, da sie auf die Enkelkinder überging. Sie stand auf gutem Fuß mit der jungen Madame d'Aiglemont; aber sie ließ es bei dem oberflächlichen Gefühl bewenden, das man seinen nächsten Angehörigen zum mindesten bezeigen muß, wenn man nicht den guten Ton und die Schicklichkeit verletzen will. Da die Vermögensangelegenheiten ihrer verstorbenen Kinder vollkommen geregelt waren, hatte sie für ihre geliebte Moina ihre Ersparnisse und ihr persönliches Eigentum bestimmt. Madame d'Aiglemont hatte für Moina, die von Kindheit an entzückend schön war, von jeher die unwillkürliche innere Vorliebe gehegt, wie sie bei Müttern häufig vorkommt: eine oft verhängnisvolle Sympathie, die unerklärlich scheint oder über die die Eingeweihten hinreichenden Aufschluß geben könnten. Die reizende Gestalt Moinas, der Klang der geliebten Stimme, ihre Manieren, ihr Gang, ihr Gesichtsausdruck, ihre Gebärden, alles weckte in der Marquise die tiefsten Empfindungen, die ein Mutterherz erfreuen, ängstigen oder entzücken können. Der Ursprung ihres gegenwärtigen, zukünftigen und vergangenen Lebens ruhte in dem Herzen dieser jungen Frau, der sie alle ihre Schätze in den Schoß geworfen hatte. Moina hatte ihre vier ältesten Geschwister zu ihrem Glück überlebt. Madame d'Aiglemont hatte in der Tat auf unglückseligste Art und Weise – wie die Leute der Gesellschaft munkelten – eine schöne Tochter, deren Schicksal beinahe unbekannt war, und einen Knaben, der mit fünf Jahren durch einen schrecklichen Unfall ums Leben kam, verloren. Die Marquise erblickte zweifelsohne eine Fügung des Himmels darin, daß das Schicksal ihr am meisten geliebtes Kind verschont hatte, und sie widmete ihren der Willkür des Todes zum Opfer gefallenen Kindern nur ein schwaches Andenken, das so von andern Gefühlen verdeckt war, wie die Gräber auf einem ehemaligen Schlachtfelde allmählich verschwinden und von Gras und Blumen überwuchert werden. Die Welt hätte von der Marquise vielleicht strenge Rechenschaft für diese Gleichgültigkeit und diese Vorliebe verlangen können; aber in Paris stürzt das Leben in einem solchen Strom von Ereignissen, Moden, neuen Ideen vorwärts, daß die Vergangenheit Madame d'Aiglemonts dort schon der Vergessenheit angehörte. Niemand dachte daran, ihr eine Kälte der Empfindung zum Verbrechen zu stempeln, die niemand interessierte, während ihre ungewöhnliche Zärtlichkeit gegen Moina für viele Leute von Interesse war und wie alle Vorurteile etwas Unantastbares an sich hatte. Im übrigen ging die Marquise nur noch wenig in Gesellschaft, und den meisten Familien, die sie kannten, erschien sie gut, sanft, fromm, nachsichtig. Gehört nicht schon ein sehr lebhaftes Interesse dazu, um über diesen Anschein, mit dem sich die Gesellschaft begnügt, hinauszugehen. Im übrigen, was verzeiht man nicht alles den alten Leuten, wenn sie wie die Schatten hinschwinden und nur noch eine Erinnerung sein wollen! Madame d'Aiglemont wurde also den Vätern von den Kindern, den Schwiegermüttern von ihren Schwiegersöhnen als Muster hingestellt. Sie hatte vor der Zeit Moina ihren Besitz abgetreten und lebte nur noch in dem Glück der jungen Comtesse, durch sie und für sie. Wenn vorsichtige Greise, grämliche Onkel dieses Vorgehen tadelten und sagten: »Madame d'Aiglemont wird es vielleicht eines Tages bereuen, ihr Vermögen aus den Händen gegeben zu haben; denn mag sie auch das Herz ihrer Tochter kennen, kann sie sich ebenso sicher auf ihren Schwiegersohn verlassen?« ... dann erhob sich gegen diese Propheten ein Gezeter, und von allen Seiten regnete es Lobreden auf Moina. »Man muß es anerkennen, daß Madame de Saint-Héreen dafür gesorgt hat, die Gewohnheiten ihrer Mutter in nichts zu beeinträchtigen«, meinte eine junge Frau. »Madame d'Aiglemont hat eine wundervolle Wohnung, einen Wagen zu ihrer Verfügung und kann ganz wie früher in Gesellschaft gehen ...« – »Nur nicht in die Italienische Oper«, versetzte ganz leise ein alter Schmarotzer, einer von denen, die das Recht zu haben glauben, ihre Freunde mit Bosheiten zu überhäufen, um damit Proben von Unabhängigkeit abzulegen; »die alte Dame liebt nur noch die Musik, woraus sich vermutlich ihre angebetete Tochter nichts macht. Sie war seinerzeit so ausnehmend musikalisch! Aber da die Loge der Comtesse immer von jungen Schmetterlingen umflattert ist, und sich die Kleine, die schon für eine recht kokette Person gehalten wird, mit ihrer Gegenwart genieren würde, geht die arme Mutter nie mehr in die Oper.« – »Madame de Saint-Héreen gibt für ihre Mutter entzückende Abende, hält einen Salon, wo ganz Paris hingeht«, sagte ein heiratsfähiges junges Mädchen. »Einen Salon, wo sich niemand um die Marquise kümmert«, gab der Schmarotzer zur Antwort. »Immerhin ist Madame d'Aiglemont niemals allein«, ließ sich ein junger Geck vernehmen, der die Meinung der jungen Dame unterstützen wollte. »Am Morgen«, sagte der alte Beobachter wieder leise, »schläft die teure Moina. Um vier Uhr befindet sich die teure Moina im Bois. Am Abend geht die teure Moina zum Ball oder in die Italienische ... Aber es ist wahr, daß Madame d'Aiglemont die Möglichkeit hat, ihre geliebte Tochter zu sehen, während sie sich ankleidet oder beim Diner, wenn die liebe Moina zufällig einmal mit ihrer Mutter diniert. Es sind noch nicht acht Tage her, Monsieur«, sagte der Schmarotzer und nahm einen schüchternen jungen Hauslehrer, der in dem Hause, in dem er sich befand, neu angekommen war, beim Arm, »daß ich diese arme Mutter traurig und allein am Kamin sitzen sah. ›Was ist Ihnen?‹ fragte ich sie. Sie sah mich mit einem Lächeln an, aber sie hatte sicherlich geweint. ›Ich dachte‹, gab sie mir zur Antwort, ›wie sonderbar es ist, daß ich so allein bin, da ich doch fünf Kinder geboren habe; aber das liegt in unserm Schicksal! Und im übrigen bin ich glücklich, wenn ich weiß, daß Moina sich amüsiert.‹ Mir konnte sie sich anvertrauen, ich habe vormals ihren Mann gekannt. Er war ein armer Kerl, der von Glück sagen konnte, sie zur Frau gehabt zu haben; er verdankte ihr sicherlich seine Pairswürde und sein Amt am Hofe Karls X.«

Aber es schleichen sich in die Unterhaltungen der Gesellschaft so viele Irrtümer ein, es werden dort leichten Sinnes so viele Wunden geschlagen, daß der Sittenschilderer genötigt ist, die von so vielen Sorglosen sorglos hingeworfenen Behauptungen weise abzuwägen. Vielleicht läßt es sich niemals feststellen, wer recht oder unrecht hat: das Kind oder die Mutter. Zwischen diesen beiden Herzen gibt es nur einen Richter. Dieser Richter ist Gott. Gott, der seine Rache oft im Schoß der Familie übt, der sich ewig der Kinder gegen die Mütter, der Väter gegen die Söhne, der Völker gegen die Könige, der Fürsten gegen die Nationen, aller gegen alle bedient; der in der moralischen Welt die Gefühle von andern Gefühlen ablösen läßt, wie die jungen Blätter im Frühling die alten abstoßen; der nach einem unwandelbaren Gesetz und einem Zweck, den er allein kennt, handelt. Kein Zweifel, jedes Ding geht schließlich in seinen Schoß oder vielmehr kehrt zu ihm zurück.

Diese religiösen Gedanken, die den Herzen der alten Leute so natürlich sind, keimten in der Seele Madame d'Aiglemonts; sie dämmerten dort, bald ruhten sie in der Tiefe, bald entfalteten sie sich vollendet, Blumen gleich, die vom Sturm auf die Oberfläche des Wassers getrieben werden. Von langem Nachdenken erschöpft, von einer jener Träumereien, in denen vor den Augen derjenigen, die den Tod herannahen fühlen, das ganze Leben aufersteht und sich wieder abspielt, hatte sie sich müde auf diese Bank gesetzt.

Diese Frau, die vor der Zeit gealtert war, wäre für einen Dichter, der auf dem Boulevard vorübergegangen wäre, ein seltenes Bild gewesen. Wie sie so in dem spärlichen Mittagsschatten einer Akazie saß, hätte man tausenderlei Dinge von diesem Antlitz ablesen können, das selbst bei den heißen Sonnenstrahlen kalt und bleich war. Ihr ausdrucksvolles Gesicht enthüllte noch etwas Ernsteres als ein zur Neige gehendes Leben, noch etwas Tiefergehendes als eine von schweren Erlebnissen entkräftete Seele. Es war eines von der Art, welches euch – unter tausend Physiognomien, die man übersieht, weil sie ohne Charakter sind, – zum Stillstehen, zum Nachdenken zwingt; so wie man unter tausend Bildern eines Museums gepackt wird von dem herrlichen Kopf, in dem Murillo den Mutterschmerz zum Ausdruck bringt, oder von dem Antlitz Beatrice Cencis, in welchem Guido Reni die rührendste Unschuld inmitten des entsetzlichsten Verbrechens darstellt, oder von dem finstern Gesicht Philipps II., in dem Velazquez ein für allemal die schreckliche Majestät der Herrschermacht verkörpert hat. Manche menschlichen Gesichter sind herrische Mahner, die zu euch reden, euch befragen, euch auf geheime Gedanken Antwort geben und ganze Tragödien auszudrücken scheinen. Das eisige Antlitz Madame d'Aiglemonts war eine solche schreckliche Dichtung, ein Gesicht, wie man es zu Tausenden in der ›Göttlichen Komödie‹ von Dante Alighieri auftauchen sieht.

Während der kurzen Blütezeit der Frau dienen die Ausdrucksmittel ihrer Schönheit vortrefflich der Verstellung, zu der ihre natürliche Schwäche und unsere sozialen Gesetze sie verdammen. Unter dem reichen Kolorit ihres frischen Gesichts, unter dem Feuer ihrer Augen, unter dem lieblichen Netz ihrer feinen Züge, so vieler gebogenen oder geraden, aber stets vollkommen reinen und festen Linien können ihre Empfindungen verborgen bleiben: die Röte, die ihre schon so lebhaften Farben noch kräftiger hervortreten läßt, enthüllt nichts; alle inneren Feuer verschmelzen so innig mit dem Glanz, der aus ihren vor Leben blitzenden Augen strahlt, daß auch die vorübergehende Flamme des Leidens dort nur als ein Reiz mehr erscheint. Nichts ist so verschwiegen wie ein junges Gesicht, weil nichts unbeweglicher ist. Das Antlitz einer jungen Frau hat die Ruhe, die Glätte, die Frische eines hellen Wasserspiegels. Das Gesicht einer Frau fängt erst mit dreißig Jahren an ausdrucksvoll zu werden. Bis dahin findet der Maler auf ihren Gesichtern nur Rot und Weiß, nur ein Lächeln und einen Ausdruck, die einen einzigen Gedanken wiederholen, Jugend und Liebe, einen einförmigen Gedanken ohne Tiefe; aber im Alter sind alle Saiten der Frau zum Klingen gekommen: die Leidenschaften haben sich auf ihrem Gesicht eingegraben; sie ist Geliebte, Gattin, Mutter gewesen; die heftigsten Empfindungen der Freude und des Schmerzes haben sie gepeinigt, ihre Züge verzerrt und sie mit tausend Fältchen durchzogen, die alle eine Sprache reden; ein Frauenkopf wird dann erhaben von Grauen, schön von Trauer oder herrlich von Ruhe – wenn es erlaubt ist, das seltsame Bild fortzusetzen: der ausgetrocknete See weist noch alle Spuren der wilden Bäche auf, die ihn angefüllt haben; der Kopf einer alten Frau gehört nicht mehr der Gesellschaft, die leichtfertig ist und davor zurückschreckt, die Zerstörung aller ihrer Begriffe von Eleganz darin zu gewahren, an die sie gewöhnt ist, und ebensowenig gehört er den gewöhnlichen Künstlern, die nichts darin zu entdecken vermögen, sondern den wirklichen Dichtern, denjenigen, die ein Gefühl für das Schöne haben, das von allen Konventionen, auf welchen so viele Vorurteile in der Kunst und der Schönheit beruhen, unabhängig ist.

Obwohl Madame d'Aiglemont einen modernen Kapotthut trug, konnte man doch sehen, daß ihr ehemals schwarzes Haar von schmerzlichen Gemütserregungen vollkommen gebleicht war; aber die Art, wie sie es glatt gescheitelt herabfallen ließ, verriet ihren guten Geschmack, offenbarte die anmutigen Gewohnheiten der eleganten Frau und ließ die welke, runzlige Stirn, auf der sich noch Spuren ihres einstigen Glanzes fanden, vollendet hervortreten. Der Schnitt ihres Gesichts, die Regelmäßigkeit ihrer Züge gaben einen wenn auch schwachen Begriff von ihrer früheren Schönheit, auf die sie hatte stolz sein dürfen; aber noch mehr zeugten diese Zeichen von dem Leid, das grausam genug gewesen war, ihr Antlitz auszumergeln, die Schläfen eintrocknen, die Wangen einfallen zu lassen, die Augenlider wund zu machen und sie der Wimpern, die den Blick so anmutig zieren, zu berauben. Alles war still geworden in dieser Frau: ihr Gang und ihre Bewegungen hatten jene schwere, gemessene Langsamkeit, die Ehrfurcht einflößt. Die Bescheidenheit ihres Wesens hatte sich infolge der seit mehreren Jahren angenommenen Gewohnheit, vor ihrer Tochter in den Hintergrund zu treten, in Schüchternheit verwandelt. Dann sprach sie wenig, und ihre Rede war sanft, wie die Sprache all derer, die gezwungen sind nachzudenken, sich zu sammeln und in sich selbst zu leben. Diese Haltung und dieses Verhalten flößten ein unbestimmbares Gefühl ein, das weder Furcht noch Mitleid war, in dem jedoch auf geheimnisvolle Weise alle die Gedanken ineinanderflossen, die diese verschiedenartigen Gefühle wecken. Schließlich zeugten die Eigenart und Anordnung ihrer Falten und Runzeln, ihr erloschener, wehmutsvoller Blick beredt von Tränen, die vom Herzen aufgesogen werden und nie über den Rand der Lider treten. Die Unglücklichen, die es gewohnt sind, den Himmel in ihren Leiden anzurufen, hätten sofort in den Augen dieser Mutter die schmerzliche Gewohnheit unablässigen Betens erkannt und die leisen Spuren jener heimlichen Wunden, die schließlich die Blüten der Seele, sogar das Muttergefühl, zerstören. Die Maler haben Farben für solche Bildnisse; aber die Gedanken und die Worte vermögen nicht, sie getreulich wiederzugeben. In den Tönen der Haut, den Mienen des Gesichts bergen sich Eigentümlichkeiten, die die Seele nur mit dem Auge erfaßt, aber der Dichter hat kein anderes Mittel, solche entsetzlichen Veränderungen des Gesichtsausdrucks zu schildern, als die Erzählung der Begebenheiten, die dazu geführt haben. Dieses Antlitz, sprach von einem stillen kalten Orkan, von einem verzweifelten Kampf zwischen dem Heroismus des Mutterschmerzes und der Schwäche unserer Empfindungen, die endlich sind wie wir und in denen es nichts Unendliches gibt. Diese unablässig zurückgedrängten Qualen hatten mit der Zeit dieser Frau etwas irgendwie Krankhaftes, Zerbrechliches verliehen. Gewiß, Erregungen, die zu heftig waren, hatten dieses Mutterherz physisch verändert, und eine Krankheit, vielleicht eine Herzerweiterung, zehrte an Julie, ohne daß sie es wußte. Die wirklichen Qualen sind scheinbar sehr still in dem tiefen Bett, das sie sich ausgewühlt haben und in dem sie zu schlafen scheinen, während sie in Wahrheit immerzu an der Seele nagen, wie die schreckliche Säure, die das Kristall ätzt. Zwei Tränen liefen der Marquise in diesem Augenblick die Wange herab, und sie stand auf, als hätte ein Gedanke, noch bohrender als alle anderen, sie heftig getroffen. Sie hatte sicherlich an Moinas Zukunft gedacht, und indem sie die Schmerzen voraussah, die ihre Tochter erwarteten, waren ihr wieder alle Schicksalsschläge ihres eigenen Lebens schwer aufs Herz gefallen.

Man wird die Lage dieser Mutter verstehen, wenn wir die der Tochter schildern.

Der Comte de Saint-Héreen war seit etwa einem halben Jahr verreist, um sich einer politischen Mission zu entledigen. Während dieser Abwesenheit hatte sich Moina, die alle Eitelkeiten eines Modepüppchens mit den kapriziösen Launen eines verzogenen Kindes verband, damit vergnügt – aus Leichtsinn oder aus einer der tausend Koketterien des Weibes, vielleicht um ihre Macht zu erproben –, mit der Leidenschaft eines geschickten, aber herzlosen Mannes zu spielen, der vorgab, er sei trunken vor Liebe, nur daß sich mit dieser Liebe der ganze eitle Ehrgeiz des Gecken verband, der in der Gesellschaft hochkommen wollte. Madame d'Aiglemont, deren lange Erfahrung sie gelehrt hatte, das Leben zu kennen, die Menschen zu beurteilen und die Gesellschaft zu fürchten, hatte die Fortschritte dieser Affäre beobachtet und ahnte voraus, daß ihre Tochter zugrunde gehen werde, da sie sie in die Hände eines Mannes gefallen sah, dem nichts heilig war. Mußte es nicht entsetzlich für sie sein, in dem Manne, den Moina mit Vergnügen erhörte, einen Roué zu finden? Ihr geliebtes Kind befand sich also am Rand eines Abgrundes. Das war ihr zu furchtbarer Gewißheit geworden, und sie wagte sie doch nicht zurückzurufen, denn sie zitterte vor der Comtesse. Sie wußte im voraus, daß Moina auf keine ihrer weisen Warnungen hören würde; sie hatte keine Macht über dieses Herz, das für sie aus Eisen, für andere aus Wachs zu sein schien. Ihre zärtliche Liebe hätte sie dazu gebracht, Anteil an einer unglücklichen Liebe zu bekunden, die von den edlen Eigenschaften des Verführers gerechtfertigt worden wäre; aber ihre Tochter ließ sich lediglich von ihrer Koketterie lenken, und die Marquise verachtete den Comte Alfred de Vandenesse, da sie wußte, daß dieser Mann seinen Kampf mit Moina als eine Art Schachspiel ansah. Obwohl Alfred de Vandenesse der unglücklichen Mutter Grauen einflößte, mußte sie die wahren Gründe ihrer Abneigung in den tiefsten Tiefen ihres Herzens verbergen. Sie war mit dem Marquis de Vandenesse, Alfreds Vater, intim befreundet gewesen, und diese Freundschaft, die in den Augen der Welt ehrbar war, hatte dem jungen Mann das Recht gegeben, bei Madame de Saint-Héreen zwanglos ein und aus zu gehen, wobei er heuchlerisch vorgab, sie schon seit ihrer Kinderzeit zu verehren. Überdies wäre es ein ganz vergeblicher Entschluß gewesen, wenn Madame d'Aiglemont zwischen ihre Tochter und Alfred de Vandenesse ein furchtbares Wort hätte werfen wollen, das sie getrennt hätte; sie war sicher, trotz der Gewalt dieses Wortes, das sie in den Augen ihrer Tochter entehrt hätte, damit keinen Erfolg zu haben. Alfred war zu verdorben und Moina zu klug, um an diese Enthüllung zu glauben; die junge Comtesse wäre ihr ausgewichen, hätte sie als mütterliche List hingestellt. Madame d'Aiglemont hatte ihren Kerker mit ihren eigenen Händen gebaut und sich selbst darin eingemauert, um hier zu sterben; während sie zusehen mußte, wie das schöne Leben Moinas, dieses Leben, das ihr Ruhm, ihr Glück und ihr Trost geworden war und an dem sie tausendmal mehr hing als an ihrem eigenen, zerstört wurde. Furchtbares, unglaubliches, unaussprechliches Leid! Bodenloser Abgrund!

Sie wartete ungeduldig, bis ihre Tochter aufstand, und trotzdem fürchtete sie sich davor; sie glich dem unseligen zum Tode Verurteilten, der mit dem Leben fertig sein will und den es trotzdem kalt überläuft, wenn er an den Henker denkt. Die Marquise war entschlossen, einen letzten Versuch zu wagen; aber sie fürchtete vielleicht weniger, bei diesem Versuch zu scheitern, als noch eine der Wunden zu empfangen, die für ihr Herz so schmerzlich waren, daß ihr aller Mut genommen war. So weit war ihre Mutterliebe nun gekommen. Sie liebte ihre Tochter, aber fürchtete sie, bangte, einen Dolchstoß zu erhalten, und ging ihm entgegen. Die Mutterliebe ist in zärtlichen Herzen so groß, daß eine Mutter, ehe sie bei der Gleichgültigkeit angekommen ist, den Tod oder irgendeine der großen Mächte, die Religion oder die Liebe, gefunden haben muß, auf die sie sich stützen kann. Seit sie aufgestanden war, hatte das unselige Gedächtnis der Marquise ihr mehrere Geschehnisse von der Art zurückzurufen, die anscheinend belanglos und doch im seelischen Leben so bedeutungsschwer sind. In der Tat enthüllt eine Gebärde manchmal eine ganze Tragödie, der Tonfall eines Wortes zerreißt ein ganzes Leben, ein gleichgültiger Blick tötet die glücklichste Liebe. Die Marquise d'Aiglemont hatte zu ihrem Unglück zu viele solcher Gebärden gesehen, zu viele solcher Worte gehört, zu viele solcher Blicke, die der Seele so gräßlich sind, ausgestanden, als daß ihre Erinnerungen ihr hätten Hoffnung geben können. Alles bewies ihr, daß Alfred sie in dem Herzen ihrer Tochter verdrängt hatte, so daß sie, die Mutter, darin weniger ein Gegenstand der Freude als ein Gegenstand schuldiger Pflichtübungen war. Tausend Dinge, selbst Nichtigkeiten, waren ihr Zeugen für das schmähliche Benehmen der Comtesse ihr gegenüber, für diese Undankbarkeit, die die Marquise vielleicht als Strafe betrachtete. Sie suchte ihre Tochter mit den Plänen der Vorsehung zu entschuldigen, um noch die Hand küssen zu können, die sie schlug. An diesem Morgen dachte sie an das alles, und alles stach ihr noch einmal so scharf ins Herz, daß der volle Kelch ihrer Qualen überfließen mußte, wenn noch der leiseste Schmerz dazukam. Ein kalter Blick konnte die Marquise töten. Es ist schwer, diese häuslichen Vorkommnisse zu schildern, aber vielleicht genügen einige, damit wir sie alle verstehen. So hatte es zum Beispiel die Marquise, die etwas schwerhörig geworden war, nie erreichen können, daß Moina für sie etwas lauter sprach; und als sie einmal mit der Arglosigkeit eines leidenden Wesens ihre Tochter gebeten hatte, einen Satz zu wiederholen, von dem sie nichts verstanden hatte, hatte die Comtesse zwar gehorcht, aber mit einem so verärgerten Gesicht, daß Madame d'Aiglemont nicht den Mut hatte, ihre bescheidene Bitte noch einmal auszusprechen. Von diesem Tage an suchte die Marquise, wenn Moina eine Begebenheit erzählte oder über etwas sprach, sich immer möglichst in ihre Nähe zu setzen; aber oft schien die Comtesse das Leiden ihrer Mutter zu verdrießen, das sie ihr in ihrem Leichtsinn zum Vorwurf machte. Dieses Vorkommnis, das unter tausend ähnlichen Beispielen herausgegriffen ist, konnte nur das Herz einer Mutter verletzen. Alle diese Dinge hätte ein Beobachter vielleicht gar nicht bemerkt, denn es handelte sich um Feinheiten, wie sie nur den Augen einer Frau auffallen. So hatte zum Beispiel Madame d'Aiglemont einmal ihrer Tochter erzählt, die Princesse de Cadignan wäre zu ihr zu Besuch gekommen, und Moina rief nur: »Wie, um Ihretwillen ist sie hergekommen?« Die Miene, mit der diese Worte gesagt wurden, der Ton, den die Comtesse hineinlegte, enthielten ungeheuchelte Verwunderung und eine leichte Verachtung, die doch so stark waren, daß ein zartfühlendes junges Herz im Vergleich damit den Brauch der Wilden, ihre Greise zu töten, wenn sie sich nicht mehr an dem Ast eines Baumes, der stark geschüttelt wird, festhalten können, menschenfreundlich gefunden hätte.

Madame d'Aiglemont stand auf, lächelte und ging hinaus, um still vor sich hin zu weinen. Gebildete Menschen, und besonders Frauen, verraten ihre Gefühle nur durch kaum wahrnehmbare Zeichen, an denen aber alle die, die Ähnliches erlitten haben wie diese unglückliche Mutter, nichtsdestoweniger die Zuckungen ihrer Herzen erkennen werden. Von ihren Erinnerungen überwältigt, mußte Madame d'Aiglemont wieder an eins dieser so verletzenden winzigen Vorkommnisse denken, das ihr wie kein anderes die grausame Geringschätzung, die sich unter einem Lächeln verbarg, zu Bewußtsein brachte. Aber ihre Tränen trockneten, als die Läden zum Schlafzimmer ihrer Tochter geöffnet wurden. Sie eilte auf dem Fußweg, der an dem Gitter entlang lief, durch das sie von ihrem Sitz aus geblickt hatte, auf die Fenster zu. Dabei bemerkte sie, mit welcher besondern Sorgfalt der Gärtner diesen Weg, der seit einiger Zeit vernachlässigt gewesen war, geharkt hatte. Als Madame d'Aiglemont unter den Fenstern ihrer Tochter angelangt war, wurden die Läden brüsk zugeschlagen.

»Moina!« rief sie. Keine Antwort. »Madame la Comtesse befindet sich in dem kleinen Salon«, sagte die Kammerzofe Moinas, als die Marquise die Wohnung betreten und sich erkundigt hatte, ob ihre Tochter aufgestanden sei.

Madame d'Aiglemont war zu bekümmert und zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, um in diesem Augenblick diese kleinen Umstände auffällig zu finden. Sie trat rasch in den Salon ein, wo sie die Comtesse im Negligé fand, mit nachlässig unter einem Häubchen geordneten Haaren, die Füße in Pantöffelchen. Den Schlüssel zu ihrem Zimmer hatte sie im Gürtel stecken, auf ihrem lebhaft geröteten Gesicht prägten sich stürmische Gedanken. Sie saß auf einem Diwan und schien nachzudenken.

»Was gibt es?« fragte sie unfreundlich. »Ach, Sie sind es, Mutter«, fuhr sie dann mit zerstreuter Miene fort, nachdem sie sich selbst unterbrochen hatte. »Ja, mein Kind, ich bin es – deine Mutter ...«

Der Ton, mit dem Madame d‘Aiglemont diese Worte sprach, war von solch schmerzlicher, innerster Bewegung durchzittert, daß es schwer wäre, einen Begriff davon zu geben, ohne das Wort ›heilig‹ anzuwenden. Über ihrem ganzen Wesen lag in diesem Augenblick in der Tat so sehr der heilige Charakter einer Mutter, daß ihre Tochter davon betroffen war und sich mit einer Bewegung zu ihr wandte, die zugleich Achtung, Scheu und Gewissensbisse ausdrückte. Die Marquise schloß die Tür dieses Salons, in den niemand eintreten konnte, ohne daß er schon von weitem gehört wurde. Diese Entfernung schützte vor jeder Indiskretion.

»Liebe Tochter«, sagte die Marquise, »es ist meine Pflicht, dich über eine der wichtigsten Krisen in unserm Frauenleben aufzuklären, in der du dich, vielleicht ohne es zu wissen, befindest, aber von der ich, weniger als Mutter denn als Freundin, mit dir sprechen muß. Du bist verheiratet und also Herrin deiner Handlungen geworden; du bist nur deinem Manne dafür Rechenschaft schuldig; aber ich habe dich die mütterliche Autorität so wenig fühlen lassen – es war vielleicht Unrecht –, daß ich mich im Recht glaube, wenn ich dich nötige, mich in der schwierigen Situation, in der du der Ratschläge bedarfst, anzuhören. Denke daran, Moina, daß ich dich mit einem Manne von großen Fähigkeiten verheiratet habe, auf den du stolz sein kannst, daß ...« – »Ach, Mutter«, unterbrach Moina sie unwillig, »ich weiß schon, was Sie mir sagen wollen ... Sie wollen mir wegen Alfred eine Moralpredigt halten...« – »Sie würden das nicht so gut erraten, Moina«, versetzte die Marquise, die ihre Tränen zurückzuhalten strebte, »wenn Sie nicht fühlten ...« – »Was?« gab sie hochmütig zurück; »wirklich, Mutter, ich weiß nicht...« – »Moina!« rief Madame d'Aiglemont mit äußerster Kraftanspannung, »Sie müssen aufmerksam anhören, was ich Ihnen zu sagen habe ...« – »Ich höre«, sagte die Comtesse und kreuzte die Arme in höhnischer Unterwürfigkeit; »gestatten Sie«, fügte sie dann mit unglaublicher Kaltblütigkeit hinzu, »daß ich zuerst mal Pauline rufe, um sie wegzuschicken...« Sie klingelte. »Mein liebes Kind, Pauline kann nicht hören ...« – »Mama«, erwiderte darauf die Comtesse mit einem besonderen Ton, der der Mutter hätte auffallen müssen, »ich muß ...« Sie verstummte, das Kammermädchen trat herein. »Pauline, gehen ›Sie selbst‹ zu Baudran, um zu hören, warum ich meinen Hut noch nicht habe.«

Sie setzte sich wieder und sah ihre Mutter aufmerksam an. Das Herz der Marquise schlug so heftig, als wolle es zerspringen. Sie empfand eine jener heftigen Erregungen, deren Schmerz nur von Müttern verstanden werden kann. Ihr Auge blieb ohne Tränen, als sie das Wort ergriff, um Moina die Gefahr, in die sie lief, vorzustellen. Aber sei es, daß Moina sich wegen des Verdachts, den ihre Mutter in bezug auf den Sohn des Marquis de Vandenesse hegte, gekränkt fühlte oder daß sie sich einer jener tollen Anwandlungen, wie sie manchmal über junge, unerfahrene Menschen kommen, nicht erwehren konnte, kurz, sie benutzte eine Pause, die ihre Mutter eintreten ließ, um ihr mit einem gezwungenen Lachen die Worte ins Gesicht zu schleudern: »Aber Mama, ich dachte, du seist nur auf den Vater eifersüchtig ...«

Bei diesen Worten schloß Madame d'Aiglemont die Augen, neigte den Kopf und stieß einen unhörbar leisen Seufzer aus. Sie richtete den Blick nach oben, als folge sie dem unwiderstehlichen Gefühl, das einen zwingt, in den schweren Krisen des Lebens Gott anzurufen. Dann heftete sie ihre Augen, aus denen furchtgebietende Hoheit und unermeßliches Leid sprachen, auf ihre Tochter und sagte tieferschüttert: »Du bist gegen deine Mutter unbarmherziger gewesen, meine Tochter, als der Mann, der von ihr beleidigt wurde, unbarmherziger, als es vielleicht Gott sein wird!«

Sie stand auf; an der Tür drehte sie sich noch einmal um, sah in den Augen ihrer Tochter nur Erstaunen, ging hinaus und konnte noch den Garten erreichen. Da verließen sie ihre Kräfte. Sie fühlte einen heftigen Schmerz am Herzen und fiel auf eine Bank. Ihre Augen, die über den Sand irrten, entdeckten den frischen Abdruck der Fußtritte eines Mannes, dessen Stiefelspuren sich deutlich sichtbar eingedrückt hatten. Ohne Zweifel, ihre Tochter war verloren, sie glaubte nun auch zu wissen, warum sie Pauline jenen Auftrag erteilt hatte. Diesem grausamen Gedanken folgte eine Entdeckung, die ihr widerwärtiger war als alles, was sie bisher erfahren hatte. Sie mußte annehmen, daß der Sohn des Marquis de Vandenesse in Moinas Herzen die Achtung zerstört hatte, die eine Tochter ihrer Mutter schuldet. Ihre Schmerzen wuchsen, nach und nach verlor sie die Besinnung und lag da, als sei sie eingeschlafen. Die junge Comtesse fand, daß ihre Mutter sich zuviel herausgenommen hätte, dachte aber, eine Liebkosung und ein paar Aufmerksamkeiten am Abend würden sie schon versöhnlich stimmen. Als sie einen Aufschrei im Garten hörte, beugte sie sich nachlässig aus dem Fenster, gerade als Pauline, die noch nicht weggegangen war, um Hilfe rief und die Marquise in den Armen hielt. »Erschreckt meine Tochter nicht!« war das letzte Wort, das diese Mutter sprach.

Moina sah, wie ihre Mutter hereingetragen wurde, die, bleich und leblos, mühsam nach Atem rang, jedoch mit den Armen fuchtelte, als wolle sie sich zur Wehr setzen oder reden. Von diesem Anblick niedergeschmettert, folgte Moina ihrer Mutter, half schweigend, sie auf ihr Bett niederzulegen und sie zu entkleiden. Ihre Schuld drückte sie nieder. In diesem letzten Augenblick, wo sich nichts mehr gutmachen ließ, enthüllte sich ihr die Seele ihrer Mutter. Sie wollte mit ihr allein sein; und als niemand mehr im Zimmer war, als sie die Kälte dieser Hand fühlte, die für sie stets so zärtlich gewesen war, zerfloß sie in Tränen. Von diesen Tränen geweckt, konnte die Marquise Moina noch einmal anschauen; und während des heftigen Schluchzens, das die zarte Brust der Tochter fast zu sprengen drohte, glitt ein Lächeln über die Züge der Sterbenden. Dieses Lächeln war für die junge Muttermörderin das Zeichen, daß das Herz einer Mutter ein Abgrund ist, dessen Tiefe immer ein Verzeihen birgt.

Sowie man den Zustand der Marquise erkannt hatte, wurden Diener zu Pferde nach dem Arzt, dem Wundarzt und den Enkelkindern Madame d'Aiglemonts geschickt. Die junge Marquise und ihre Kinder trafen zur gleichen Zeit mit den Männern der Wissenschaft ein und bildeten eine recht beachtliche, schweigsame und aufgeregte Versammlung, unter die sich die Dienstboten mischten. Da die junge Marquise keinen Laut hörte, klopfte sie leise an die Tür. Auf dieses Zeichen stieß Moina, die wahrscheinlich aus ihrem Schmerz geweckt worden war, die beiden Flügel der Tür heftig zurück, warf auf die Familienversammlung einen verstörten Blick und bot ein Bild tiefster Bestürzung, so daß es keiner Worte mehr bedurfte. Beim Anblick dieser verkörperten Reue blieb jeder stumm. Man konnte die Beine der Marquise erkennen, die starr und zusammengekrampft auf dem Totenbett lagen. Moina lehnte sich an die Tür, blickte ihre Verwandten an und sagte mit hohler Stimme: »Ich habe meine Mutter verloren!«

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