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Die Frau von dreißig Jahren

Honoré de Balzac: Die Frau von dreißig Jahren - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
titleDie Frau von dreißig Jahren
authorHonoré de Balzac
isbn3-458-34707-0
translatorHedwig Lachmann
senderhille@abc.de
created20040211
publisherInsel Taschenbuch
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5. Die zwei Begegnungen

Ein Ordonnanzoffizier Napoleons, den wir nur den Marquis oder den General nennen werden und der es unter der Restauration zu einem großen Vermögen gebracht hatte, war nach Versailles gekommen, um dort die schöne Jahreszeit zu verbringen. Er wohnte in einem Landhaus, das zwischen der Kirche und dem Tor von Montreuil liegt, an dem Wege, der zur Straße nach Saint-Cloud führt. Sein Dienst am Hofe erlaubte ihm nicht, sich von Paris zu entfernen.

Dieser Pavillon, einst gebaut, um den flüchtigen Liebschaften eines großen Herrn Unterschlupf zu gewähren, lag auf einem weiträumigen Grundstück. Die Gärten, die ihn umgaben, hielten ihn rechts und links in gleichem Abstand von den ersten Häusern von Montreuil und den Hütten, die um das Stadttor herum standen, fern; so genossen die Bewohner dieser Besitzung, ohne zu sehr von der Welt abgeschieden zu sein, unmittelbar vor der Stadt alle Freuden der Einsamkeit. Es war ein seltsamer Widerspruch, daß die Fassade und das Eingangstor des Gartenhauses unmittelbar am Weg lagen, der vielleicht früher wenig benutzt war. Diese Annahme erscheint wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß er an dem köstlichen Pavillon endigt, den Ludwig XV. für Mademoiselle de Romans erbaute, und daß die Besucher von Versailles, ehe sie dahin kommen, hier und da mehr als ein ›Kasino‹ sehen können, dessen innere und äußere Ausstattung von den geschmackvollen Ausschweifungen unserer Vorfahren erzählt, die bei all der Zügellosigkeit, deren man sie beschuldigt, trotzdem das Dunkel und das Geheimnis suchten.

An einem Winterabend waren der Marquis, seine Frau und seine Kinder allein in diesem einsamen Haus. Ihre Diener hatten die Erlaubnis erhalten, in Versailles die Hochzeit eines der Ihren zu begehen; und in der Annahme, daß die Weihnachtsfeier, die sie mit diesem Feste verbanden, sie bei ihrer Herrschaft genügend entschuldigen würde, machten sie sich keine Skrupel, etwas länger bei dem Fest zu verweilen, als die Hausordnung ihnen erlaubte. Da indessen der General als ein Mann bekannt war, der sein Wort mit unbeugsamer Redlichkeit hielt, waren die Säumigen nicht ohne Gewissensbisse bei ihrem Tanze, als die Stunde der Heimkehr gekommen war. Es hatte elf Uhr geschlagen, und noch war keiner der Dienstboten heimgekommen. In dem tiefen Schweigen, das auf dem Lande herrschte, hörte man den Nordwind durch die schwarzen Äste der Bäume pfeifen, um das Haus toben oder die langen Wege durchbrausen. Der Frost hatte die Luft so rein, den Boden so hart gemacht und das Straßenpflaster durchdrungen, daß alles jenen spröden klirrenden Klang hatte, der uns immer wieder überrascht. Der schwere Schritt eines verspäteten Zechers oder das Rasseln einer Kutsche, die nach Paris zurückfuhr, hallte lauter und war aus größerer Entfernung zu hören als sonst. Das welke Laub, das durch plötzliche Windstöße aufgewirbelt wurde, raschelte auf den Steinen im Hofe und lieh der Nacht, wenn sie verstummen wollte, eine Stimme. Kurz, es war eine der bitterkalten Nächte, wo unser Egoismus sich ein nutzloses Bedauern der Armen oder der zu dieser Zeit Reisenden abzwingt und die uns den Kaminwinkel so behaglich machen. In diesem Augenblick kümmerte sich die Familie, die im Salon beisammen war, weder um die Abwesenheit der Dienerschaft noch um die Obdachlosen, noch um die Poesie, die solch ein langer Winterabend in sich birgt. Ohne überflüssiges Philosophieren überließen sich Frau und Kinder, die sich in der Obhut eines alten Soldaten wohlgeborgen fühlten, der angenehmen Stimmung, die das häusliche Leben erzeugt, wenn die Gefühle nichts bedrückt und Zuneigung und Aufrichtigkeit die Reden, die Blicke und die Spiele beleben.

Der General saß oder, besser gesagt, hatte sich in einem hohen, behaglichen Lehnstuhl vergraben, der am Kamin stand. Ein lebhaftes Feuer brannte und verbreitete jene prickelnde Hitze, welche von einer bitteren Kälte draußen kündet. Der Kopf des wackern Vaters lag, leicht zur Seite geneigt, auf der Rückenlehne des Stuhles; seine entspannte Haltung zeugte von einer völlig friedlichen Stimmung, von einer sanft erblühenden Freude. Seine Arme, die halb eingeschlafen waren und lässig über die Lehnen herabhingen, vervollständigten den Eindruck ruhigen Glücks. Er betrachtete das jüngste seiner Kinder, einen kaum fünfjährigen Knaben, der halb nackt sich von seiner Mutter nicht ausziehen lassen wollte. Der kleine Kerl rannte vor dem Nachtkittel oder der Nachtmütze, mit denen die Mutter ihm ab und zu drohte, davon; er behielt seinen gestickten Kragen an und lachte, wenn seine Mutter ihn rief, weil er merkte, daß sie selbst über diese kindliche Rebellion lachen mußte; dann fing er wieder an mit seiner Schwester zu spielen, die ebenso ausgelassen, aber mutwilliger war und schon deutlicher sprechen konnte als er, dessen Kauderwelsch und wirre Einfalle kaum seine Eltern verstehen konnten. Die kleine, zwei Jahre ältere Moina brachte ihn durch ihre schon ganz weiblichen Neckereien zu nicht enden wollendem Gelächter, das scheinbar grundlos, wie eine Salve losbrach; aber wenn die Eltern sie beide so vor dem Feuer sahen, wie sie sich herumwälzten und ohne Scheu ihre reizenden runden Körper, ihre weiße, zarte Haut zeigten, wie ihre schwarzen und blonden Locken ineinanderflossen, ihre rosigen Gesichter, in die das unschuldige Kinderlachen herzige Grübchen zeichnete, aneinanderstießen, dann verstand wohl ein Vater und vor allem eine Mutter diese Kinderseelen, die für sie schon Charakter und Leidenschaften besaßen. Diese beiden Engel stellten mit den lebhaften Farben ihrer feuchtglänzenden Augen, ihren strahlenden Wangen, ihrer weißen Haut die Blumen des weichen Teppichs, dieses Schauplatzes ihrer Lust, auf dem sie sich ungefährdet tummelten, übereinanderkullerten, sich balgten und wälzten, in den Schatten. Die Mutter saß zwischen verstreut umherliegenden Kleidungsstücken auf einem Sofa, auf der andern Seite des Kamins, ihrem Mann gegenüber; sie hielt einen roten Schuh in der Hand, ihre Haltung war völlig ungezwungen. Um ihre Lippen spielte ein sanftes Lächeln, in dem ihre unentschlossene Strenge dahinstarb. Ungefähr sechsunddreißig Jahre alt, war sie, dank der seltenen Vollendung der Linien ihres Gesichts, dem die Wärme, das Licht und das Glück in diesem Augenblick einen übernatürlichen Glanz verliehen, immer noch schön. Oft wandte sie den Blick von ihren Kindern ab, um ihre Augen zärtlich dem ernsten Gesicht ihres Mannes zuzuwenden, und oft tauschten die Blicke der beiden Gatten stille Freude und ernstes Sinnen aus. Der General hatte ein von der Sonne tief verbranntes Gesicht. Auf seine breite, klare Stirn fielen ein paar Strähnen ergrauenden Haares. Das männliche Blitzen seiner blauen Augen, die Tapferkeit, die in den Furchen seiner welken Wangen eingegraben war, bewiesen, daß er sich das rote Band, das sein Knopfloch zierte, in harten Kämpfen erworben hatte. In diesen Stunden spiegelten sich die unschuldigen Freuden der beiden Kinder auf seinem energischen, entschlossenen Gesicht und gaben ihm ein unsagbar gutmütiges, treuherziges Aussehen. Dieser alte Hauptmann war ohne große Mühe wieder zum Kind geworden. Haben die Soldaten, die die Schläge des Schicksals genügend erfahren haben, um das Elend der Kraft und das Vorrecht der Schwäche erkennen zu können, nicht immer eine besondere Liebe zur Kindheit? Weiter entfernt saß an einem runden Tisch, der von Astrallampen erhellt wurde, deren lebhaftes Leuchten mit dem blassen Schein der auf dem Kaminsims stehenden Kerzen wetteiferte, ein dreizehnjähriger Bursche und blätterte hastig in einem dicken Buche. Das Geschrei seines Bruders oder seiner Schwester konnten ihn nicht ablenken, sein Gesicht zeigte die ganze Wißbegierde der Jugend. Dieses völlige Beschäftigtsein war gerechtfertigt durch die spannenden Wundergeschichten aus ›Tausendundeine Nacht‹ sowie durch die Uniform des Gymnasiasten. Er saß unbeweglich, in Gedanken versunken, einen Ellbogen auf den Tisch und den Kopf auf die Hand gestützt, da und wühlte mit den weißen Fingern in seinem braunen Haar. Das Licht fiel hell auf sein Gesicht, sein übriger Körper blieb im Dunkel, so glich er jenen dunklen Porträts, auf denen Raffael sich selbst, aufmerksam, leicht nach vorn geneigt, in die Zukunft sinnend, gemalt hat. Zwischen diesem Tisch und der Marquise saß ein großes, schönes, junges Mädchen und arbeitete an einem Stickrahmen, über den es abwechselnd seinen Kopf hob und senkte, so daß auf dem kunstvoll glattgekämmten, tiefschwarzen Haar die Reflexe des Lichtes spielten. Schon allein Hélène war ein Schauspiel. Ihre Schönheit zeichnete sich durch die seltene Vereinigung von Kraft und Zierlichkeit aus. Obwohl ihre Haare, zum Kranz hochgesteckt, die lebendigen Züge ihres Gesichts hervorhoben, war ihre Flut so mächtig, daß sie dem Kamm entquollen und sich widerspenstig im Nacken ringelten. Ihre sehr dichten, schön geschwungenen Brauen hoben sich von ihrer reinen weißen Stirn ab. Selbst auf der Oberlippe, unter einer griechischen Nase, deren Linien vollendet waren, wies ein schwarzer Hauch auf einen entschiedenen Charakter hin. Aber die bezaubernde Rundung der Formen, der offenherzige Ausdruck in ihren sonstigen Zügen, die feine durchsichtige Haut, die weichen, sinnlichen Lippen, das vollkommene Oval ihres Gesichts und besonders ihr verklärter, unschuldiger Blick, das alles verlieh dieser kraftvollen Schönheit die weibliche Anmut, die betörende Sittsamkeit, die wir bei diesen Engeln des Friedens und der Liebe zu finden wünschen. Gebrechliches freilich war nichts an diesem jungen Mädchen, und ihr Herz mußte so zart, ihre Seele so stark sein, wie ihre Formen prachtvoll und ihr Antlitz liebreizend waren. Sie schwieg still wie ihr Bruder, der Gymnasiast, und schien sich einer der mädchenhaften Betrachtungen des menschlichen Geschicks zu überlassen, die sich oft dem prüfenden Auge eines Vaters und sogar dem Scharfblick der Mütter entziehen; und so war es unmöglich zu entscheiden, ob die eigenwilligen Schatten auf ihrem Gesicht, die wie leichtes Gewölk an einem klaren Himmel kamen und gingen, dem Spiel des Lichts oder geheimem Kummer zuzuschreiben waren.

Die beiden Ältesten waren in diesem Augenblick von den Eltern völlig vergessen. Mehrmals jedoch hatte der forschende Blick des Generals die stumme Szene gestreift, die im Hintergrund des Zimmers die Hoffnungen, wie sie sich in dem kindlichen Treiben im Vordergrund dieses Familienbildes ausdrückten, in lieblicher Erfüllung zu zeigen schienen. Wenn man das menschliche Leben als Abfolge unmerklicher Stufen erklären wollte, dann fügten sich diese Gestalten wie zu einem lebendigen Gedicht zusammen. Der Luxus aller Kleinigkeiten, die den Salon schmückten, die Verschiedenart der Haltungen, die Gegensätze der ganz verschiedenfarbigen Gewänder, die Kontraste der Gesichter, hervorgerufen durch das unterschiedliche Alter und durch die vom Licht betonten Konturen, entfalteten auf diesen Seiten aus dem Buch des menschlichen Lebens ihre reiche Mannigfaltigkeit, die man von Bildhauern, Malern oder Schriftstellern verlangt. Schließlich verliehen die Stille und der Winter, die Einsamkeit und die Nacht diesem reinen, erhabenen Bild ihre Hoheit – ein Wunderwerk der Natur. Das eheliche Leben hat viele solche heilige Stunden, deren unbeschreiblicher Reiz vielleicht der Erinnerung an eine bessere Welt entstammt. Gewiß fallen himmlische Strahlen auf diese Szenen, die dazu dienen, dem Menschen einen Teil seiner Kümmernisse aufzuwiegen, ihm das Dasein erträglich zu machen. Es scheint, als läge das ganze Universum in einer verführerischen Gestalt vor uns, als entrolle es seine gewaltigen Pläne sozialer Ordnung, als träte das gesellschaftliche Leben für seine Gesetze ein, indem es uns ein Bild der Zukunft zeigte.

Trotz des gerührten Blicks aber, den Hélène auf Abel und Moina warf, sooft ihr Lachen wieder einmal losbrach; trotz des Glücks, das auf ihrem Gesicht leuchtete, wenn sie ihren Vater verstohlen ansah, drückte sich in ihren Gebärden, ihrer Haltung und vor allem in ihren Augen, die von langen Wimpern verschleiert wurden, eine tiefe Schwermut aus. Ihre weißen kräftigen Hände, denen das Licht, das darüber hinglitt, eine durchsichtige, fast fließende Röte verlieh, nun ja, diese Hände zitterten. Ein einziges Mal trafen sich die Blicke Hélènes und der Marquise, ohne sich scheu voneinander abzuwenden. Da verstanden sich die beiden Frauen mit einem Blick, der auf Hélènes Seite ausdruckslos, kalt und achtungsvoll, auf seiten der Mutter düster und drohend war. Hélène beugte sich schnell wieder über den Stickrahmen, ließ die Nadel fliegen und hob ihren Kopf, der ihr zu schwer geworden schien, lange nicht mehr. War die Mutter gegen ihre Tochter zu streng, und hielt sie diese Strenge für notwendig? War sie eifersüchtig auf Hélènes Schönheit, der sie immer noch, aber freilich nur durch das Aufgebot aller Toilettenkünste, standhalten konnte? Oder hatte die Tochter, wie viele Mädchen, wenn sie einen schärferen Blick bekommen, Geheimnisse erraten, die diese Frau, die dem äußern Anschein nach ihren Pflichten so getreulich nachkam, in den Tiefen ihres Herzens wie in einem Grab geborgen zu haben glaubte?

Hélène war in einem Alter angelangt, wo die Reinheit der Seele zu einer Strenge führt, die das richtige Maß, in dem die Gefühle bleiben sollen, überschreitet. In manchen Köpfen nehmen Fehler die Ausmaße eines Verbrechens an; die Phantasie wirkt dann auf das Gewissen zurück; die jungen Mädchen übertreiben die Strafe je nach der Bedeutung, die sie dem Vergehen beimessen. Hélène glaubte, daß sie keines Menschen würdig sei. Ein Geheimnis ihres vergangenen Lebens, etwas Zufälliges vielleicht, das, anfangs unverstanden, sich in ihrem eindrucksfähigen Verstand, der unter dem Einfluß religiöser Ideen stand, noch steigerte, schien sie seit kurzem in der exaltierten Art, wie Hélène es betrachtete, vor sich selbst förmlich erniedrigt zu haben. Diese Veränderung in ihrem Betragen begann an dem Tage, als sie in der neuen Übersetzung der ausländischen Theaterstücke das schöne Schauspiel ›Wilhelm Tell‹ von Schiller gelesen hatte. Das Buch war ihren Händen entfallen, und die Mutter hatte sie ob dieses Versehens gescholten; durch diesen kleinen Zwischenfall wurde die Marquise darauf aufmerksam, daß die Verheerung, die diese Lektüre in Hélènes Seele angerichtet hatte, von der Szene herrührte, wo der Dichter zwischen Wilhelm Tell, der das Blut eines Mannes vergießt, um ein ganzes Volk zu retten, und Johannes Parricida eine Art Freundschaftsbund begründet. Hélène hatte ein demütiges, frommes, in sich gekehrtes Wesen angenommen und wollte keine Bälle mehr besuchen. Niemals war sie so zärtlich gegen ihren Vater gewesen; besonders wenn ihre Mutter nicht zugegen war, überhäufte sie ihn mit ihren mädchenhaften Liebkosungen. Jedoch wenn zwischen Hélène und ihrer Mutter eine gewisse Entfremdung eingetreten war, so tat sie sich auf eine so heimliche Weise kund, daß der General, der eifersüchtig über die Eintracht in seiner Familie wachte, nichts davon gewahr wurde. Kein Mann wäre scharfsichtig genug gewesen, um die Tiefe dieser beiden weiblichen Herzen zu ergründen: das eine war jung und großmütig, das andere empfindlich und stolz; das erste voller Nachsicht, das zweite voller Hinterhältigkeit und Leidenschaft. Wenn die Mutter die Tochter durch einen geschickten weiblichen Despotismus quälte, so wurde dies einzig dem Opfer fühlbar. Im übrigen hat erst das folgende Ereignis diese rätselhaften Mutmaßungen hervorgerufen. Bis zu dieser Nacht aber war kein Strahl, dessen Licht anklagend gewesen wäre, von den beiden Seelen ausgegangen; aber zwischen ihnen und Gott waltete sicherlich ein finsteres Geheimnis.

»Komm, Abel«, rief die Marquise in einem Augenblick, als Moina und ihr Bruder, müde geworden, still dasaßen; »komm, mein Sohn, ich muß dich zu Bett bringen ...« Und mit einem gebieterischen Blick zog sie ihn entschlossen auf ihren Schoß. »Wie«, sagte der General, »es ist halb elf Uhr, und noch ist keiner von den Dienstboten nach Hause gekommen? O die liederlichen Kerle!« Zu seinem Sohn gewandt fuhr er fort: »Gustave, ich habe dir dieses Buch nur unter der Bedingung gegeben, daß du um zehn Uhr mit Lesen aufhörst; du hättest es von selber um diese Zeit schließen und, wie du mir versprochen hattest, schlafen gehen sollen. Wenn du ein tüchtiger Mann werden willst, dann mußt du aus deinem Wort eine zweite Religion machen und daran festhalten wie an deiner Ehre. Fox, einer der größten Redner Englands, zeichnete sich vor allem durch die Vortrefflichkeit seines Charakters aus. Eine seiner bemerkenswertesten Eigenschaften war die Treue gegenüber seinem Wort. In seiner Kindheit hatte ihm sein Vater, ein Engländer von altem Schrot und Korn, eine so kräftige Lektion erteilt, daß sie auf Lebenszeit in dem Gemüt des Knaben nachwirkte. Als er so alt war wie du, kam Fox in den Ferien zu seinem Vater, welcher, wie alle reichen Engländer, einen ansehnlichen Park besaß, in dem sein Schloß stand. In dem Park befand sich ein alter Pavillon, der abgerissen und an einer Stelle wieder aufgebaut werden sollte, die ein besonders schöner Aussichtspunkt war. Kinder haben eine Freude daran, zuzusehen, wie etwas niedergerissen wird. Der kleine Fox wollte noch ein paar Tage länger Ferien haben, um bei dem Abbruch des Pavillons zugegen zu sein; aber sein Vater wünschte, daß er am Tag des Unterrichtsbeginns dorthin zurückkehre; darüber entzweiten sich Vater und Sohn. Die Mutter, wie alle Mütter, stand zum kleinen Fox. Nunmehr versprach der Vater dem Sohne feierlich, daß er mit dem Abbruch des Pavillons bis zu den nächsten Ferien warten würde. Fox kehrte in die Schule zurück. Der Vater, der der Meinung war, daß ein kleiner Junge, der zu lernen hatte, diese Sache bald vergessen würde, ließ den Pavillon abbrechen und an der andern Stelle wieder aufbauen. Der eigensinnige Junge aber dachte an nichts anderes als an diesen Pavillon. Als er nach Hause kam, war sein erstes, nach dem alten Häuschen zu sehen; aber er kam ganz niedergeschlagen zum Frühstück und sagte zum Vater: ›Sie haben mich betrogen.‹ Der alte englische Edelmann erwiderte darauf beschämt, aber voll Würde: ›Es ist wahr, mein Sohn, aber ich werde meinen Fehler wiedergutmachen, man muß an seinem Wort mit mehr Beharrlichkeit festhalten als an seinem Vermögen; denn wer sein Wort hält, kommt zu Vermögen, und aller Reichtum kann den Makel nicht tilgen, den ein Wortbruch dem Gewissen aufdrückt.‹ Der Vater ließ den alten Pavillon wiederherstellen, wie er gewesen war; hernach, als er aufgebaut war, wurde er vor den Augen des Sohnes niedergerissen. Laß dir das als Lektion dienen, Gustave!«

Gustave, der seinen Vater aufmerksam angehört hatte, schloß sofort das Buch. Einen Augenblick trat Stille ein, währenddessen hob der General Moina, die sich gegen den Schlaf wehrte, hoch und setzte sie sanft auf seine Knie. Die Kleine ließ ihr schlaftrunkenes Köpfchen auf die Brust des Vaters fallen und schlief umhüllt von den goldenen Locken ihres Haarschopfes sogleich fest ein. In diesem Augenblick ertönten hastige Schritte auf der Straße, und drei Schläge an der Tür hallten im Hause wider. Diese drei langanhaltenden Schläge klangen unmißverständlich, wie der Schrei eines Menschen, der in Todesgefahr schwebt. Der Wachhund bellte wütend los. Hélène, Gustave, der General und seine Frau fuhren heftig zusammen; doch Abel, dem seine Mutter endlich die Nachtmütze aufgestülpt hatte, und Moina wachten nicht auf.

»Der hat es aber eilig!« sagte der General, indem er die Kleine in den Lehnstuhl legte. Er verließ eilig das Zimmer, ohne die Bitte seiner Frau zu beachten, die ihm zurief: »Geh nicht hinaus, Lieber ...« Der Marquis ging in sein Schlafzimmer, nahm ein paar Pistolen, zündete seine Blendlaterne an, stürzte zur Treppe, rannte schnell wie der Blitz hinunter und stand sobald an der Haustür, wohin ihm sein Sohn unerschrocken gefolgt war. »Wer ist da?« fragte er. »Öffnen Sie!« antwortete eine von keuchenden Atemzügen nahezu erstickte Stimme. »Sind Sie Freund?« – »Ja, Freund.« – »Sind Sie allein?« – »Ja ..., aber öffnen Sie, denn man kommt!« Kaum hatte der General die Tür einen Spaltbreit geöffnet, so schlüpfte mit der gespenstischen Geschwindigkeit eines Schattens ein Mann in die Halle herein; und bevor der General sich dem widersetzen konnte, zwang ihn der Unbekannte, die Tür loszulassen, stieß diese mit einem kräftigen Fußtritt zu und stemmte sich entschlossen dagegen, als wollte er verhindern, daß sie geöffnet würde. Der General, der, um ihn in Schach zu halten, im Nu seine Pistole und die Laterne gegen die Brust des Fremden hielt, sah einen Mann von mittlerem Wuchs, der in einen weiten, schleppenden Pelz, das Kleidungsstück eines alten Mannes, das nicht für ihn gemacht zu sein schien, eingehüllt war. Der Flüchtling hatte, ob aus Vorsicht oder aus Zufall, den Hut tief in die Stirn gedrückt, so daß dieser die Augen fast verdeckte.

»Monsieur«, sprach er den General an, »nehmen Sie Ihre Pistole herunter. Ich werde nicht ohne Ihre Einwilligung hierbleiben; aber wenn ich hinausgehe, erwartet mich am Stadttor der Tod. Und welch ein Tod! Sie hätten ihn vor Gott zu verantworten. Ich bitte Sie für zwei Stunden um Gastfreundschaft. Haben Sie wohl acht, mein Herr! So flehentlich ich auch bitte, so muß ich doch zugleich mit dem Zwang der Notwendigkeit fordern. Ich fordere die Gastfreundschaft Arabiens! Ich muß Ihnen heilig sein; wenn nicht, öffnen Sie, ich werde in den Tod gehen. Ich brauche Verschwiegenheit, Asyl und Wasser. Oh, Wasser!« wiederholte er mit röchelnder Stimme. »Wer sind Sie?« fragte der General, der mit höchstem Erstaunen dem fieberhaften Redeschwall des Unbekannten gefolgt war. »Ah! Wer ich bin? Nun, dann öffnen Sie, ich gehe!« versetzte der Mann mit teuflischem Hohn.

Obwohl der General geschickt das Licht seiner Laterne lenkte, konnte er doch nur den untern Teil des Gesichts sehen, und nichts darin sprach dafür, daß man eine auf so seltsame Art geforderte Gastfreundschaft hätte gewähren sollen: die Wangen zitterten, waren leichenfahl, und die Züge fürchterlich verzerrt. Unter dem Schatten des Hutrandes flackerten die Augen mit einem Glanz, vor dem der blasse Schein der Laterne verblich. Dennoch, es bedurfte einer Antwort. »Monsieur«, sagte der General, »Sie führen eine so ungewöhnliche Sprache, daß Sie an meiner Stelle ...« – »Sie haben mein Leben in Händen!« unterbrach der Fremde den Hausherrn mit schrecklicher Stimme. »Zwei Stunden?« fragte der General unentschlossen. »Zwei Stunden!« wiederholte der Mann.

Dann schob er plötzlich mit einer Gebärde der Verzweiflung seinen Hut aus der Stirn, und als wollte er einen letzten Versuch machen, schleuderte er dem General einen Blick zu, dessen Feuer ihm bis ins Mark drang. Dieser Strahl von Intelligenz und Willenskraft glich einem Blitz, und seine Wirkung war niederschmetternd wie die des Blitzes; denn in manchen Augenblicken sind die Menschen mit einer unerklärlichen Macht begabt. »Nun denn, wer Sie auch seien, Sie werden unter meinem Dache in Sicherheit sein!« versetzte der Hausherr feierlich, der einer jener instinktiven Regungen zu gehorchen glaubte, die der Mensch nicht immer zu deuten weiß. »Gott vergelte es Ihnen!« sagte der Unbekannte mit einem tiefen Seufzer. »Sind Sie bewaffnet?« fragte der General. Statt jeder Antwort öffnete der Fremde seinen Pelz und schloß ihn rasch wieder, so daß dem General kaum Zeit blieb, einen Blick auf seine Kleidung zu werfen. Er war anscheinend ohne Waffen und in dem Anzug eines jungen Mannes, der vom Ball kommt. So flüchtig diese kurze Prüfung des mißtrauischen Offiziers auch war, sie hatte genügt, um ihn zu dem Ausruf »Wo in aller Welt haben Sie sich bei dem trockenen Wetter so mit Kot bespritzen können?« zu veranlassen. »Schon wieder Fragen!« antwortete der Unbekannte hochmütig. In diesem Augenblick bemerkte der Marquis seinen Sohn und erinnerte sich der Lektion, die er ihm soeben betreffs der strengen Einhaltung des einmal gegebenen Wortes erteilt hatte. Er war so ärgerlich darüber, daß er zornig ausstieß: »Wie denn, du Schlingel, du stehst hier, anstatt in deinem Bette zu sein?« – »Weil ich glaubte, Ihnen in der Gefahr nützlich sein zu können«, antwortete Gustave. »Nun, geh in dein Zimmer hinauf«, sagte der Vater, von der Antwort des Sohnes besänftigt. »Und Sie«, wandte er sich an den Fremdling, »folgen Sie mir!«

Sie wurden schweigsam wie zwei Spieler, die einander mißtrauen. Finstere Ahnungen bemächtigten sich des Generals. Der Unbekannte lag ihm schon wie ein Alpdruck auf dem Herzen; aber von seiner Eidespflicht gebunden, führte er ihn durch die Korridore, über die Treppen seines Hauses und ließ ihn in ein im zweiten Stockwerk gerade über dem Salon gelegenes großes Zimmer eintreten. Dieser unbewohnte Raum diente im Winter als Trockenkammer, stieß an keinen Wohnraum und hatte an seinen vier vergilbten Wänden keinen andern Schmuck als über dem Kamin einen schlechten Spiegel, den der vorige Mieter dagelassen hatte, und dem Kamin gegenüber einen weiteren großen Spiegel, der, da man bei der Einrichtung keine Verwendung dafür gehabt hatte, provisorisch dort angebracht worden war. Der Fußboden dieser geräumigen Mansarde war nie gefegt worden, die Luft darin war eisig, und zwei Rohrstühle mit ausgerissenem Sitz bildeten das ganze Mobiliar. Nachdem der General seine Laterne auf den Kaminsims gestellt hatte, sagte er zu dem Unbekannten: »Ihre Sicherheit fordert, daß Sie diese elende Mansarde als Zufluchtsort nehmen. Und da ich Ihnen mein Wort gegeben habe, Stillschweigen zu wahren, so werden Sie mir erlauben, daß ich Sie hier einschließe.« Der Mann nickte zum Zeichen der Zustimmung. »Ich habe nur Obdach, Verschwiegenheit und Wasser verlangt«, bemerkte er. »Ich werde Ihnen welches bringen«, erwiderte der Marquis. Er schloß sorgfältig die Tür und tappte im Dunkeln in den Salon hinunter, ergriff dort einen Leuchter, damit er selbst aus der Anrichtekammer eine Wasserkaraffe holen könne. »Nun, was gibt es?« fragte die Marquise lebhaft ihren Gatten. »Nichts, meine Liebe«, antwortete er kühl. »Aber wir haben es doch gehört, du hast eben jemanden nach oben gebracht...?« – »Hélène«, versetzte der General mit einem Blick auf seine Tochter, die den Kopf zu ihm erhob, »denke daran, daß die Ehre deines Vaters auf deiner Verschwiegenheit beruht. Du darfst nichts gehört haben.« Das junge Mädchen antwortete mit einem verstehenden Nicken. Die Marquise war völlig sprachlos und innerlich empört über die Art und Weise, wie ihr Mann es anstellte, sie zum Schweigen zu nötigen. Der General holte eine Karaffe, ein Glas und ging wieder in das Zimmer hinauf, wo sein Gefangener war; er fand ihn stehend, mit bloßem Kopf, neben dem Kamin an die Wand gelehnt; seinen Hut hatte er auf einen der beiden Stühle geworfen. Der Fremde war sicher nicht darauf gefaßt gewesen, so hell beleuchtet zu werden. Er runzelte die Stirn, und sein Gesicht zeigte Besorgnis, als seine Augen den durchbohrenden Blicken des Generals begegneten; aber er besänftigte sich und nahm eine freundliche Miene an, um seinem Beschützer zu danken. Nachdem dieser das Glas und die Karaffe auf den Kaminsims niedergesetzt hatte, warf ihm der Unbekannte noch einen flammenden Blick zu und brach dann das Schweigen. »Monsieur«, sagte er mit einer sanften Stimme, die nicht mehr die krampfhaften Kehllaute wie vorher hatte, aber noch von starker innerer Erregung zeugte, »ich muß Ihnen seltsam vorkommen. Entschuldigen Sie, was als Schrulle erscheint, aber notwendig ist. Wenn Sie dableiben, muß ich Sie bitten, mich nicht anzusehen, während ich trinke.«

Der General, dem es höchst widerwärtig war, dauernd einem Mann zu gehorchen, der ihm mißfiel, wandte sich brüsk um. Der Fremde zog aus seiner Tasche ein weißes Taschentuch, umwickelte sich damit die rechte Hand, ergriff dann die Karaffe und trank sie mit einem Zug aus. Ohne daß der Marquis daran gedacht hätte, seinen stillschweigenden Eid zu brechen, blickte er mechanisch in den Spiegel; nun aber, da die sich gegenüberhängenden Spiegel ihm das Bild des Unbekannten vollkommen wiedergaben, konnte er sehen, wie sieh das Taschentuch plötzlich durch die Berührung mit den beiden Händen, die voll Blut waren, rot färbte.

»Ah! Sie haben mich angesehen!« schrie der Mann, als er, nachdem er getrunken und sich in seinen Mantel gehüllt hatte, den General mit argwöhnischem Blick durchforschte; »ich bin verloren. Sie kommen, da sind sie!« – »Ich höre nichts«, sagte der Marquis. »Sie haben kein Interesse daran, wie ich, ins Dunkel hinauszuhorchen.« – »Haben Sie sich denn im Duell geschlagen, da Sie so mit Blut bedeckt sind?« fragte der General, der in heftige Erregung geriet, als er die Farbe der großen Flecken ausmachen konnte, von denen die Kleider des Gastes ganz durchtränkt waren. »Ja, Sie haben es erraten, ein Duell«, wiederholte der fremde Mann, und ein bitteres Lächeln glitt über seine Lippen.

In diesem Augenblick ertönte in der Ferne der Hufschlag mehrerer in scharfem Galopp heranjagender Pferde; doch das Geräusch war schwach wie das erste Heraufdämmern des Morgens. Das geübte Ohr des Generals erkannte an der Gangart, daß alle Pferde an die Zucht der Schwadron gewöhnt waren. »Das ist die Gendarmerie«, sagte er.

Er sah seinen Gefangenen in einer Weise an, die angetan war, die Zweifel, die seine ungewollte Indiskretion in jenem hatte wachrufen müssen, zu zerstreuen, ergriff das Licht und kehrte in den Salon zurück. Kaum hatte er den Schlüssel von dem oberen Zimmer auf den Kaminsims niedergelegt, als das Pferdegetrappel stärker wurde und sich mit einer Schnelligkeit, die den General erbeben ließ, dem Landhaus näherte. In der Tat hielten die Pferde vor der Haustür. Ein Reiter stieg ab, nachdem er einige Worte mit seinen Kameraden gewechselt hatte, klopfte ungestüm und zwang den General zu öffnen. Beim Anblick von sechs Gendarmen, deren silberbetreßte Hüte im Mondschein glänzten, konnte dieser die innere Erregung nicht meistern.

»Haben Monseigneur nicht eben einen Mann in Richtung Stadttor laufen hören?« – »In Richtung Stadttor? Nein.« – »Sie haben Ihre Tür niemandem geöffnet?« – »Sehe ich denn wie jemand aus, der selbst das Haustor aufschließt?« – »Aber Verzeihung, General, in diesem Augenblick scheint es mir, daß ...« – »Alle Wetter!« rief der Marquis zornig, »wollen Sie mich zum besten haben? Haben Sie das Recht ... « – »Nein, durchaus nicht, Euer Gnaden«, begütigte der Brigadier; »Sie werden unsern Eifer entschuldigen. Wir wissen wohl, daß ein Pair von Frankreich sich nicht der Gefahr aussetzt, zu dieser Stunde der Nacht einen Mörder in seinem Haus aufzunehmen, jedoch der Wunsch, eine Auskunft zu erhalten...« – »Einen Mörder!« rief der General; »und wer ist denn ...?« – »Der Baron de Mauny wurde gerade eben mit einem Beil erschlagen«, erwiderte der Gendarm; »doch wir sind dem Mörder auf den Fersen. Wir sind sicher, daß er hier in der Gegend ist, und werden ihn aufspüren. Verzeihen Sie, General!«

Der Gendarm sagte dies, während er sein Pferd wieder bestieg, so daß es ihm glücklicherweise nicht möglich war, das Gesicht des Generals zu sehen. Sonst hätte der Brigadier, der gewöhnt war, alles mögliche zu mutmaßen, leicht beim Anblick dieser unverstellten Miene, in der sich alle Regungen der Seele spiegelten, Verdacht schöpfen können. »Weiß man den Namen des Mörders?« fragte der General. »Nein«, antwortete der Reiter; »er hat das Gold und die Banknoten, die in großer Menge im Schreibtisch lagen, nicht berührt.« – »Es wird ein Racheakt sein«, meinte der Marquis. »Ach was! Gegen einen Greis... Nein, nein, der Geselle wird nicht Zeit gehabt haben, den Streich auszuführen.«

Und der Gendarm folgte seinen Gefährten, die schon weitergeritten waren. Der General war eine Weile begreiflicherweise der größten Bestürzung preisgegeben. Da hörte er seine Dienstboten nach Hause kommen, die in einen hitzigen Disput geraten waren, ihre Stimmen schallten vom Kreuzweg nach Montreuil her herüber. Als er sie vor sich hatte, brach sein Zorn, der einen Vorwand brauchte, um sich zu entladen, wie ein Gewitter los. Seine Stimme hallte bis in alle Winkel des Hauses. Als jedoch der dreisteste und pfiffigste von ihnen, sein Kammerdiener, vortrat und die Verspätung damit entschuldigte, daß sie vor Montreuil von Gendarmen und Polizeibeamten aufgehalten worden waren, die sich auf der Suche nach einem Mörder befanden, beruhigte sich der General. Plötzlich schwieg er. Gleich darauf aber erinnerte ihn das Wort ›Mörder‹ an die Pflichten seiner merkwürdigen Lage, und er befahl seinen Leuten kurz, sofort schlafen zu gehen, und versetzte diese in großes Erstaunen damit, daß er die Lüge des Kammerdieners so leicht gelten ließ.

Während diese Ereignisse sich im Hof zutrugen, hatte ein scheinbar unbedeutender Zwischenfall die Lage der andern Personen, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen, sehr verändert. Sobald der Marquis das Zimmer verlassen hatte, neigte sich seine Frau zu ihrer Tochter, und indem sie abwechselnd Hélène und den Mansardenschlüssel anblickte, flüsterte sie ihr schließlich zu: »Hélène, dein Vater hat den Schlüssel auf dem Kamin liegen lassen.« Das junge Mädchen hob erstaunt den Kopf und sah die Mutter furchtsam an, deren Augen vor Neugierde funkelten. »Ja und ... Mutter?« fragte sie verstört. »Ich möchte gern wissen, was da oben vorgeht. Wenn ein Mensch da oben ist, so hat er sich noch nicht vom Fleck gerührt. Geh doch hinauf...« – »Ich?« rief das junge Mädchen entsetzt aus. »Hast du Furcht?« – »Nein, Mutter, aber mir war, als ob ich den Schritt eines Mannes gehört hätte.« – »Wenn ich selbst hinaufgehen könnte, würde ich dich nicht bitten, es zu tun, Hélène«, versetzte die Mutter kühl und würdevoll; »wenn dein Vater hereinkäme und mich nicht fände, würde er mich vielleicht suchen, während er deine Abwesenheit gar nicht bemerken wird.« – »Mutter«, antwortete Hélène, »wenn du es mir befiehlst, werde ich gehen, aber es wird mich die Achtung meines Vaters kosten...« – »Wie denn!« sagte die Marquise ironisch; »da du ernst nimmst, was nur als Scherz gemeint war, befehle ich dir nun, nachzusehen, wer da oben ist. Hier ist der Schlüssel; meine Tochter! Als dir dein Vater Schweigen gebot über das, was sich heute in seinem Hause zuträgt, hat er dir nicht untersagt, in dieses Zimmer hinaufzugehen. Geh nun und wisse, daß es einer Tochter niemals zusteht, über ihre Mutter zu richten ...«

Nachdem die Marquise diese letzten Worte mit der ganzen Strenge einer beleidigten Mutter hervorgebracht hatte, nahm sie den Schlüssel und reichte ihn Hélène, die sich, ohne ein Wort zu sagen, erhob und den Salon verließ.

›Meine Mutter wird immer seine Verzeihung zu erlangen wissen, aber ich werde in seinen Augen gesunken sein! Will sie mir denn das Herz meines Vaters rauben, mich aus seinem Hause jagen?‹

Diese Gedanken wirbelten ihr im Kopf herum, während sie im Dunkeln den langen Korridor durchschritt, an dessen Ende sich die Tür zu dem geheimnisvollen Zimmer befand. Als sie dort angelangt war, hatte der Wirrwarr in ihrem Kopf etwas unheilvoll Drohendes angenommen. Tausend bisher unterdrückte Gefühle drangen während dieser dunklen Überlegung aus ihrem Innern hervor. Wenn sie vielleicht schon nicht mehr an eine glückliche Zukunft glaubte, so verzweifelte sie in diesem schrecklichen Augenblick vollends am Leben. Sie zitterte krampfhaft, als sie den Schlüssel dem Schlosse näherte, und ihre Erregung steigerte sich derartig, daß sie einen Augenblick innehielt und die Hand auf das Herz preßte, als könne sie dadurch seine heftigen tiefen Schläge besänftigen. Endlich öffnete sie. Der Mörder schien das Kreischen der Türangeln überhört zu haben. Trotz seiner geschärften Sinne blieb er reglos und wie in Gedanken verloren fest an die Wand gedrückt stehen. Der Lichtkreis, der von der Laterne ausging, beleuchtete ihn schwach, und in dem Halbdunkel glich er jenen finstern Ritterstatuen, die in gotischen Kapellen immer in den Nischen auf einer schwarzen Gruft stehen. Auf seiner breiten, gelben Stirn perlte kalter Schweiß. Eine unerhörte Kühnheit strahlte von seinem qualvoll verzogenen Gesicht aus. Seine feurigen Augen schienen trocken und starr einem Kampf zuzusehen, der sich vor ihm im Dunkeln abspielte. Rebellische Gedanken jagten über sein Angesicht, dessen entschlossener, tapferer Ausdruck eine überlegene Natur verriet. Wuchs und Haltung seines Körpers standen im Einklang mit seinem wilden Wesen. Dieser Mann war ganz Macht und Kraft, und er faßte die Finsternis wie ein sichtbares Bild seiner Zukunft ins Auge. Der General, der an die willensstarken Riesengestalten gewöhnt war, die Napoleon umdrängt hatten, und der ganz von geistiger Neugierde befangen war, hatte den körperlichen Besonderheiten dieses außergewöhnlichen Mannes keine Beachtung geschenkt; aber Hélène, die, wie alle Frauen, für äußere Eindrücke empfänglich war, wurde gepackt von der Mischung aus Licht und Schatten, aus Großartigem und Leidenschaft, von einem poetischen Chaos, das dem Unbekannten das Aussehen Luzifers, der sich nach seinem Fall wieder erhebt, verlieh. Plötzlich legte sich wie durch einen Zauber der Sturm, der sich auf seinem Gesichte widergespiegelt hatte, und die unerklärliche Macht, deren Ursache und Wirkung vielleicht unbewußt der Fremde war, breitete sich um ihn herum mit der Gewalt einer reißend anwachsenden Überschwemmung aus. In dem Augenblick, da seine Züge sich glätteten, strömte seine Stirn eine Fülle geistigen Lebens aus. Teils von der seltsamen Begegnung, teils von dem Geheimnis, in das es eindrang, gefesselt, konnte das junge Mädchen nun ein sanftes, empfindsames Antlitz bewundern. Sie verharrte einige Zeit in einem wundersamen Schweigen, unter einem Ansturm von Gefühlen, die ihrer jungen Seele bislang unbekannt waren. Bald aber, sei es, daß eine Bewegung oder ein unwillkürlicher Ausruf Hélènes, sei es, daß die fremden Atemzüge den Mörder aus seiner Gedankenwelt in die Wirklichkeit zurückriefen, wandte er den Kopf der Tochter seines Gastgebers zu und bemerkte undeutlich im Schatten das himmlische Gesicht und die hoheitsvolle Gestalt eines Wesens, das er, da er es so starr und nebelhaft wie eine Erscheinung stehen sah, für einen Engel halten mußte. »Monsieur!« sagte Hélène mit zitternder Stimme. Der Mörder erbebte. »Eine Frau!« rief er leise; »ist es möglich? Entfernen Sie sich! Ich erkenne niemandem das Recht zu, mich zu beklagen, mich freizusprechen oder zu verdammen! Ich muß allein leben! Gehen Sie, mein Kind«, fügte er mir einer Herrschergebärde hinzu, »ich würde den Dienst, den mir der Herr dieses Hauses erweist, schlecht lohnen, wenn ich einen einzigen seiner Bewohner die gleiche Luft mit mir atmen ließe! Ich muß mich den Gesetzen der Welt unterwerfen.«

Dieser letzte Satz wurde mit leiser Stimme gesprochen. Aus einer tiefen innern Erkenntnis heraus schien er mit einem Blicke das ganze fürchterliche Elend zu übersehen, das dieser düstere Gedanke hervorrief: er warf Hélène einen Schlangenblick zu und rührte in dem Herzen dieses seltsamen Mädchens eine Welt noch schlummernder Gefühle auf. Es war, als hätte ein Lichtstrahl unbekannte Reiche vor ihr aufgetan. Ihre Seele wurde überwältigt, niedergezwungen, ohne daß sie vermocht hätte, sich der magnetischen Macht dieses Blickes, so unwillkürlich er sein mochte, zu entziehen. Beschämt und zitternd ging sie hinaus und kehrte erst unmittelbar vor ihrem Vater in den Salon zurück, so daß sie ihrer Mutter nichts berichten konnte.

Der General ging mit gleichförmigen Schritten stumm zwischen den Fenstern, die auf die Straße blickten, und jenen, die nach dem Garten gerichtet waren, auf und ab. Er hatte die Arme über der Brust gekreuzt und war in tiefe Gedanken versunken. Seine Frau behütete Abels Schlaf. Moina, die in dem großen Lehnstuhl wie ein Vogel in seinem Neste hockte, schlummerte sorglos. Die älteste Schwester hielt in der einen Hand einen Seidenknäuel, in der ändern eine Nadel und starrte ins Feuer. Die tiefe Stille, die in dem Salon, draußen und im ganzen Haus herrschte, wurde nur von den schlurfenden Schritten der Dienstboten, die einer nach dem anderen schlafen gingen, oder von ihrem erstickten Gekicher, dem Nachhall ihres Hochzeitsjubels, unterbrochen; dann hörte man noch, wie die miteinander flüsternden Dienstboten ihre Zimmertüren erst öffneten und dann schlossen, auch von ihren Betten her kam noch hie und da ein dumpfer Laut. Ein Stuhl fiel um, man vernahm das schwache Husten eines alten Kutschers, das gleich wieder verstummte. Bald aber herrschte überall die finstere Majestät, welche um Mitternacht von der schlafenden Natur ausgeht. Nur die Sterne glänzten. Der Frost hatte die Erde ergriffen. Kein Wesen sprach noch regte sich. Nur am Knistern des Feuers konnte man die Tiefe der Stille wahrnehmen. Die Kirchenuhr von Montreuil schlug ein Uhr. In diesem Augenblick war im obern Stockwerk der leise Hall von außerordentlich leichten Schritten zu vernehmen. Der Marquis und seine Tochter, die sicher waren, den Mörder Monsieur de Maunys eingeschlossen zu haben, glaubten, daß diese Schritte von einem der weiblichen Dienstboten herrührten, und waren nicht erstaunt, als sie die Türen des vor dem Salon gelegenen Zimmers sich öffnen hörten. Mit einemmal erschien der Mörder unter ihnen. Die Bestürzung, in die der General geriet, die Neugierde der Marquise und das Erstaunen der Tochter waren so groß, daß er bis in die Mitte des Zimmers gelangen konnte. Er sagte zum General mit einer seltsam ruhigen, melodischen Stimme: »Monseigneur, die zwei Stunden gehen zu Ende.« – »Sie hier!« rief der General, »durch welche Macht...?« Und mit einem fürchterlichen Blick befragte er seine Frau und seine Kinder. Hélène wurde feuerrot. »Sie«, fuhr der General im scharfen Ton fort, »Sie in unserer Mitte! Ein blutbesudelter Mörder hier! Sie schänden dieses Bild! Gehen Sie! Gehen Sie!« schloß er in höchstem Zorn.

Bei dem Wort ›Mörder‹ stieß die Marquise einen Schrei aus.

Was Hélène betraf, so war es, als ob dies Wort über ihr Leben entschiede; ihr Gesicht verriet nicht das mindeste Erstaunen. Es war, als hätte sie diesen Mann erwartet. Ihre unklaren Gedanken bekamen einen Sinn. Die Strafe, die der Himmel wegen ihrer Verfehlungen über sie verhängt hatte, offenbarte sich. In dem Glauben, daß sie ebenso schuldig sei, wie es dieser Mann war, sah sie ihn mit ruhigem Auge an: sie war seine Gefährtin, seine Schwester. Ein Gebot Gottes tat sich für sie in diesem Ereignis kund. Einige Jahre später hätte die Vernunft ihre Gewissensqualen eingedämmt; in diesem Moment brachten sie sie von Sinnen. Der Fremde blieb unbeweglich und kalt. Ein verächtliches Lächeln trat auf seine Züge und die vollen, roten Lippen. »Sie danken mir die Vornehmheit meines Verhaltens gegen Sie schlecht«, sagte er langsam; »ich habe das Glas, in welchem Sie mir Wasser gegeben haben, um meinen Durst zu stillen, nicht mit meinen Händen berühren wollen. Ich habe nicht einmal daran gedacht, meine blutigen Hände unter Ihrem Dache zu waschen, und nichts bleibt in Ihrem Hause von meinem ›Verbrechen‹« – bei diesen Worten preßte er die Lippen zusammen – »zurück als die Idee. Ich wollte von hier fortgehen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ich habe Ihrer Tochter nicht einmal erlaubt, zu ...« – »Meine Tochter!« schrie der General mit einem entsetzten Blick auf Hélène; »ah! Unglücklicher, geh, oder ich bringe dich um ....« – »Die zwei Stunden sind noch nicht vorüber. Sie können mich weder töten noch ausliefern, ohne Ihre eigene Achtung einzubüßen ... und die meinige.« Bei diesem letzten Wort versuchte der verblüffte General den Verbrecher anzusehen; aber er mußte die Augen niederschlagen, er fühlte sich außerstande, die unerträgliche Gewalt eines Blickes auszuhalten, der seine Seele zum zweitenmal ganz aus der Fassung brachte. Er fürchtete erneut nachgeben zu müssen, zumal er merkte, daß sein Wille schon schwächer wurde. »Einen Greis ermorden! Haben Sie denn nie eine Familie gesehen?« sagte er und deutete mit einer väterlichen Gebärde auf seine Frau und seine Kinder. »Ja, einen Greis«, wiederholte der Unbekannte und furchte leicht die Stirn. »Fliehen Sie!« rief der General, ohne daß er es wagte, seinen Gast anzusehen; »unser Pakt ist gebrochen. Ich werde Sie nicht töten. Nein, ich werde mich nicht zum Kuppler des Schafotts machen. Aber gehen Sie, uns graut vor Ihnen!« – »Ich weiß es«, antwortete der Verbrecher gefaßt; »es gibt keinen Landstrich in Frankreich, wo ich meinen Fuß gefahrlos hinsetzen könnte; aber wenn die Justiz, wie Gott, einen Unterschied zu machen verstünde, wenn sie geruhen würde, zu erforschen, welcher von den beiden, der Mörder oder das Opfer, das Ungeheuer ist, dann würde ich stolzen Mutes unter den Menschen bleiben. Begreifen Sie denn nicht, daß ein Mann früher Verbrechen begangen hat, um derentwillen man ihn erschlägt? Ich habe mich zum Richter und Henker gemacht, ich habe die Stelle der ohnmächtigen menschlichen Justiz vertreten. Das ist mein Verbrechen. Gott befohlen, Monsieur. Obwohl Sie Bitterkeit in Ihre Gastfreundschaft gemischt haben, werde ich doch dankbar an Sie denken. Ich werde noch für einen Menschen in der Welt ein Gefühl des Dankes in der Brust haben, und dieser Mann sind Sie. Aber ich hätte Sie großmütiger gewünscht.« Er ging auf die Tür zu. In diesem Augenblick neigte sich das junge Mädchen zur Mutter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. »Ah!« ... Dieser Schrei, der der Marquise entfuhr, ließ den General erbeben, als hätte er plötzlich Moina tot vor sich gesehen. Hélène stand aufrecht, der Mörder hatte sich instinktiv umgedreht; sein Gesicht drückte eine gewisse Besorgnis für diese Familie aus. »Was hast du, meine Liebe?« fragte der Marquis. »Hélène will ihm folgen«, sagte sie. Der Mörder errötete. »Da meine Mutter eine fast unwillkürliche Äußerung so schlecht auslegt«, sagte Hélène leise, »so werde ich ihre Wünsche erfüllen.« Das junge Mädchen warf einen stolzen, beinahe wilden Blick um sich und blieb in einer Haltung von bewunderungswürdiger Sittsamkeit stehen. »Hélène«, sagte der General, »du bist in das Zimmer hinaufgegangen, wo ...« – »Ja, Vater.« – »Hélène«, fragte er mit einer Stimme, die von einem krampfhaften Zittern bebte, »ist es das erstemal, daß du diesen Mann gesehen hast?« – »Ja, Vater.« – »Dann ist es aber nicht natürlich, daß du die Absicht hast, ihm ...« – »Wenn es nicht natürlich ist, so ist es wenigstens wahr, Vater.« – »Ah, meine Tochter!...« sagte die Marquise leise, aber so, daß ihr Mann es hören konnte; »Hélène, du sprichst allen Begriffen von Ehre, Bescheidenheit und Tugend, die ich in deinem Herzen zu entfalten gestrebt habe, hohn. Wenn du bis zu dieser verhängnisvollen Stunde nur Lüge warst, dann brauchen wir dich nicht zu bedauern. Lockt dich die moralische Vollkommenheit dieses Unbekannten? Oder die Art Macht, welche denjenigen eigen ist, die ein Verbrechen begehen? Ich habe zu viel Achtung vor dir, um zu glauben...« – »Oh, glauben Sie alles!« sagte Hélène kalt.

Aber trotz der Charakterstärke, die sie in diesem Augenblick bewies, konnte das Feuer ihrer Augen nur schwer die Tränen verbergen, die ihre Wangen herabrollten. An den Tränen der Tochter erriet der Fremde die Worte der Mutter und sandte der Marquise seinen Adlerblick, diese konnte sich der unwiderstehlichen Macht, die sie zwang, den schrecklichen Verführer anzusehen, nicht entziehen. Als die Augen dieser Frau den klaren, leuchtenden Augen des Mannes begegneten, schauderte sie wie beim Anblick eines Reptils oder wie vom elektrischen Schlag beim Berühren einer Leidener Flasche zurück. »Mein Freund«, rief sie ihrem Manne zu, »das ist der Teufel! Er errät alles ...« Der General erhob sich, um an einer Klingelschnur zu ziehen. »Er stürzt Sie ins Verderben«, rief Hélène dem Mörder zu. Der Unbekannte lächelte. Er trat einen Schritt vor, griff nach dem Arm des Marquis und zwang ihn, einen Blick auszuhalten, der ihm die Fassung raubte und ihn wehrlos machte. »Ich werde Ihnen Ihre Gastfreundschaft vergelten«, sagte er, »und wir werden quitt sein. Ich erspare Ihnen den Wortbruch und liefere mich selbst aus. Was soll ich schließlich noch mit dem Leben anfangen?« – »Sie können bereuen!« antwortete Hélène mit einem Blick, in dem eine Hoffnung zu lesen war, wie sie nur in den Augen eines jungen Mädchens aufleuchtet. »Ich werde niemals bereuen!« sagte der Mörder mit klangvoller Stimme und hob stolz den Kopf. »Seine Hände sind blutbefleckt!« sagte der Vater zur Tochter. »Ich werde sie reinwaschen«, erwiderte sie. »Aber«, fiel der General ein, der es nicht wagte, auf den Unbekannten zu deuten, »weißt du denn überhaupt, ob er dich haben will?«

Der Unbekannte trat auf Hélène zu, deren keusche, in sich geschlossene Schönheit gleichsam von einem Innern Licht durchstrahlt wurde, dessen Widerschein die feinsten Züge und zartesten Linien ihres Gesichts hervorhob und verklärte. Er sah das reizende Geschöpf sanft und voller Glut an und sagte tiefbewegt: »Heißt es nicht, Sie um Ihrer selbst willen lieben und Ihrem Vater die zwei Stunden Leben, die er mir verkauft hat, vergelten, wenn ich jetzt Ihr Opfer nicht annehme?« – »So stoßen Sie mich also auch zurück!« rief Hélène mit herzzerreißendem Ton. »So lebt denn alle wohl, ich will sterben!« – »Was hat das zu bedeuten?« stießen Vater und Mutter gleichzeitig hervor.

Sie schwieg und schlug die Augen nieder, nachdem sie der Marquise einen vielsagenden Blick zugeworfen hatte. Seit dem Augenblick, da der General und seine Frau bestrebt waren, durch Wort und Tat das seltsame Recht zu bekämpfen, das der Fremde sich angemaßt hatte, indem er in ihrer Mitte blieb und sie unter dem Banne seines sinnverwirrenden Auges hielt, waren sie einer unerklärlichen Benommenheit verfallen, und ihr betäubter Verstand leistete ihnen schlechte Dienste, die übernatürliche Macht zurückzustoßen, der sie zu erliegen drohten. Die Luft schien ihnen schwer geworden, sie atmeten mühsam und vermochten nicht, den, der sie so bedrückte, anzuklagen, obwohl eine innere Stimme sie nicht im Zweifel darüber ließ, daß die magischen Kräfte dieses Mannes die Ursache ihrer Ohnmacht waren. Inmitten dieses seelischen Todeskampfes wurde es dem General klar, daß er seine ganze Kraft darauf verwenden müsse, auf die ins Wanken geratene Vernunft seiner Tochter einzuwirken; er faßte sie um die Taille und zog sie vom Mörder weg in eine Fensternische. »Mein geliebtes Kind«, sagte er zu ihr mit leiser Stimme, »wenn eine seltsame Liebe plötzlich in deinem Herzen Wurzel geschlagen hat, so haben dein unschuldvolles Leben, dein reines frommes Herz mir so viele Beweise deiner Charakterstärke erbracht, daß ich nicht glauben kann, daß du nicht die nötige Kraft aufbringst, um eine Regung des Wahnsinns zu bezwingen. Hinter deinem Betragen steckt also ein Geheimnis. Sieh, mein Herz ist voller Nachsicht, du kannst dich ihm vertrauen; wenn du es auch zerreißen solltest, so würde ich meinen Schmerzen doch Schweigen gebieten und dein Geständnis in mir verschließen. Sag, bist du eifersüchtig auf unsere Liebe für deine Brüder und dein Schwesterchen? Hast du einen Liebeskummer in deinem Herzen? Fühlst du dich hier unglücklich? Sprich, erkläre mir die Gründe, die dich treiben, deine Familie zu verlassen, ihr das Lieblichste zu rauben, von deiner Mutter, deinen Brüdern, deiner kleinen Schwester wegzugehen!« – »Lieber Vater«, entgegnete sie, »ich bin weder eifersüchtig noch in irgend jemand verliebt, nicht einmal in Ihren Freund, den Diplomaten Monsieur de Vandenesse.« Die Marquise erbleichte, und ihre Tochter, die sie beobachtete, hielt inne. »Werde ich nicht früher oder später unter dem Schutz eines Mannes leben müssen?« – »Das ist wahr.« – »Wissen wir jemals«, fuhr sie fort, »welcher Art der Mensch ist, mit dem wir unser Geschick verknüpfen? Ich glaube an diesen Mann.« – »Kind«, beschwor sie der General, »du denkst nicht an alle Leiden, die deiner harren.« – »Ich denke an die seinen.« – »Was für ein Leben!« sagte der Vater. »Ein Frauenleben!« murmelte die Tochter. »Du bist sehr weise!« rief die Marquise, die endlich die Sprache wiederfand. »Mutter, die Fragen diktieren mir die Antworten; aber wenn Sie es verlangen, werde ich deutlicher sprechen!« – »Sage alles, meine Tochter ... ich bin Mutter!« Hier sah die Tochter die Mutter an, und dieser Blick ließ die Marquise innehalten. »Hélène, wenn du mir Vorwürfe zu machen hast, so will ich sie lieber hinnehmen, als daß ich dich einem Manne folgen sehe, den alle Welt mit Abscheu flieht.« – »Sie sehen wohl, Mutter, daß er ohne mich allein wäre!« – »Genug, Madame!« fiel der General ein; »haben wir also jetzt wirklich nur noch eine Tochter?...« Und er blickte auf Moina, die die ganze Zeit schlief. »Ich werde dich in ein Kloster sperren!« fügte er hinzu, indem er sich zu Hélène wandte. »Gut, Vater, ich werde dort sterben«, antwortete sie mit verzweiflungsvoller Ruhe; »du bist nur Gott für mein Leben und für seine Seele verantwortlich.«

Eine tiefe Stille folgte plötzlich diesen Worten. Die Zeugen dieses Auftritts, in dem alle hergebrachten Gefühle des sozialen Lebens über den Haufen geworfen wurden, wagten nicht, sich anzusehen. Plötzlich bemerkte der Marquis seine Pistolen, ergriff eine, spannte sie hastig und richtete sie auf den Fremden. Beim Geräusch, den das Spannen verursachte, drehte sich der Mann um, heftete seinen ruhigen, stechenden Blick auf den General, dessen Arm mit unüberwindlicher Schlaffheit wie gelähmt herabsank und die Pistole auf den Teppich gleiten ließ... »Meine Tochter«, sagte hierauf der Vater, den dieser schreckliche Kampf erschöpft hatte, »du bist frei! Umarme deine Mutter, wenn sie es dir gestattet! Was mich betrifft, so will ich dich nicht länger sehen und hören ...« – »Hélène«, sagte die Mutter zu dem jungen Mädchen, »bedenke, daß du ins Elend gerätst.« Ein röchelnder Ton, der sich der breiten Brust des Mörders entrang, zog die Blicke auf ihn. Ein verächtlicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. »Die Gastfreundschaft, die ich Ihnen gewährt habe, kommt mich teuer zu stehen!« rief der General und erhob sich; »vorhin haben Sie nur einen Greis getötet, hier morden Sie eine ganze Familie. Wie es auch kommen mag, in dieses Haus ist das Unglück eingekehrt.« – »Und wenn Ihre Tochter glücklich wird?« fragte der Mörder mit einem festen Blick auf den General. »Wenn sie mit Ihnen glücklich ist«, entgegnete der Vater mit äußerster Anstrengung, »werde ich ihren Verlust nicht beklagen.« Hélène kniete schüchtern vor ihren Vater hin und sprach zu ihm mit zärtlicher Stimme: »O mein Vater, ich liebe und verehre dich, ob du mir die Fülle deiner Güte oder die Härte deiner Ungnade zuwendest ... Aber ich flehe dich an, laß deine letzten Worte keine Worte des Zornes sein!« Der General wagte nicht, seine Tochter anzusehen. In diesem Augenblick trat der Fremde vor, und indem er Hélène ein Lächeln zukehrte, in welchem sich Teuflisches und Himmlisches vermischte, sagte er: »Engel der Barmherzigkeit, der vor einem Mörder nicht zurückschreckt, komm, da du darauf beharrst, mir dein Schicksal anzuvertrauen.« – »Unfaßbar!« rief der Vater aus.

Die Marquise warf ihrer Tochter einen unbeschreiblichen Blick zu und öffnete die Arme. Hélène stürzte weinend an ihre Brust. »Leb wohl, leb wohl, Mutter!« rief sie. Dann nickte sie dem Fremdling, der zusammenfuhr, kühn zu; sie küßte ihrem Vater die Hand, umarmte flüchtig und ohne Rührung Moina und den kleinen Abel und verschwand mit dem Mörder. »Welchen Weg schlagen sie ein?« rief der General, als er die Schritte der beiden Flüchtlinge sich entfernen hörte. »Mein Gott«, fuhr er zu seiner Frau gewendet fort, »ich glaube zu träumen: hinter diesem Abenteuer steckt ein Geheimnis! Sie müssen darum wissen.« Die Marquise schauderte. »Seit einiger Zeit«, versetzte sie, »war Ihre Tochter außerordentlich romantisch und seltsam exaltiert. Trotz meiner Bemühungen, diese Neigung ihres Charakters zu bekämpfen ...« – »Das ist nicht klar ...« Aber da er vermeinte, im Garten die Schritte seiner Tochter und des Fremden zu hören, unterbrach sich der General, um hastig das Fenster zu öffnen. »Hélène!« schrie er. Seine Stimme verhallte in der Nacht wie eine vergebliche Prophezeiung. Als er diesen Namen aussprach, auf den nichts in der Welt mehr Antwort gab, durchbrach der General wie durch Zauber den Bann, unter dessen diabolischem Einfluß er so lange gestanden hatte. Eine Art Erleuchtung glitt über seine Züge. Er sah deutlich die Szene, die soeben stattgefunden hatte, und verfluchte seine Schwäche, die er nicht begriff. Eine Hitzewelle erfaßte vom Herzen aus seinen ganzen Körper; er wurde wieder er selbst, schrecklich, rachedürstend, und stieß einen fürchterlichen Schrei aus: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« Er lief zum Klingelzug, zog daran, als sollte er zerreißen, so daß ein wildes Läuten durchs Haus gellte. Alle seine Leute fuhren aus dem Schlaf. Immer noch schreiend, öffnete er die Fenster nach der Straße zu, rief nach Gendarmen, nahm seine Pistolen und schoß sie ab, um den Ritt der Polizisten, das Zusammenlaufen seiner Leute und Nachbarn zu beschleunigen. Die Hunde erkannten die Stimme ihres Herrn und bellten, die Pferde wieherten und stampften. Es war ein fürchterlicher Tumult in der stillen Nacht. Als der General die Treppe hinunterrannte, um seiner Tochter nachzulaufen, sah er von allen Seiten seine entsetzten Leute herbeikommen. »Meine Tochter ... Hélène ist geraubt worden. Lauft in den Garten! Bewacht die Straße! Öffnet der Gendarmerie! Greift den Mörder!« In einem Anfall von Raserei riß er die Kette entzwei, an der der große Wachhund lag. »Hélène! Hélène!« rief er ihm zu. Der Hund sprang in die Höhe wie ein Löwe, bellte wie rasend und stürzte sich mit solcher Schnelligkeit in den Garten, daß der General nicht folgen konnte. In diesem Augenblick erscholl der Galopp der Pferde auf der Straße, und der General beeilte sich, selbst zu öffnen. »Wachtmeister«, rief er, »schneiden Sie dem Mörder Monsieur de Maunys den Rückzug ab! Sie sind auf der Flucht durch meine Gärten. Schnell, umstellen Sie die Wege zur Pikardiehöhe. Ich will alle Felder, alle Parks und Häuser durchsuchen. – Ihr«, sagte er zu den Leuten, »überwacht die Straße und haltet den Weg vom Stadttor nach Versailles im Auge. Vorwärts alle!« Er griff nach dem Gewehr, das ihm sein Kammerdiener brachte, und rannte in die Gärten, indem er dem Hund nachrief: »Such!« Wildes Bellen antwortete ihm aus der Ferne. Er schlug die Richtung ein, woher das Hundegebell zu kommen schien.

Um sieben Uhr morgens stellte man alle Nachforschungen der Gendarmerie, des Generals und der Nachbarn ergebnislos ein. Der Hund war nicht wiedergekommen. Erschöpft, müde und schon vor Kummer gealtert, betrat der Marquis wieder den Salon, der für ihn verödet war, obwohl er seine drei anderen Kinder dort vorfand. »Du bist sehr kalt gegen deine Tochter gewesen!« sagte er zu seiner Frau und sah sie scharf an. »Das ist nun alles, was uns von ihr bleibt«, fügte er hinzu und deutete auf den Stickrahmen, wo er eine angefangene Blume sah; »hier saß sie noch soeben, und nun verloren ... verloren!« Er weinte, barg seinen Kopf in den Händen und schwieg einen Augenblick. Er wagte nicht mehr, sich in dem Zimmer umzusehen, das ihm vordem einen so reinen Anblick häuslichen Glückes dargeboten hatte. Der Schein der Morgenröte kämpfte mit den erlöschenden Lampen. Die Kerzen verbrannten ihre rankenförmigen Papiermanschetten; alles paßte zu der Verzweiflung dieses Vaters. »Man muß dies hier zerstören«, sagte er nach einer Weile, indem er auf den Stickrahmen wies; »ich kann nichts mehr sehen, was mich an sie erinnert.« –

Die schreckliche Weihnachtsnacht, in der dem Marquis und seiner Frau das Unglück widerfuhr, ihre älteste Tochter zu verlieren, ohne daß sie sich der rätselhaften Macht, die der unfreiwillige Entführer auf sie ausübte, widersetzen konnten, war wie eine Vorwarnung des Schicksals gewesen. Der Bankrott eines Wechselagenten ruinierte den Marquis. Er nahm Hypotheken auf die Güter seiner Frau auf, um eine Spekulation zu versuchen, deren Gewinn seiner Familie ihr früheres Vermögen zurückerstatten sollte; aber dieses Unternehmen richtete ihn vollends zugrunde. In seiner äußersten Verzweiflung wollte er noch einen letzten Versuch wagen und verließ sein Vaterland. Sechs Jahre waren seit seinem Weggang verflossen. Obgleich seine Familie die ganze Zeit nur spärliche Nachrichten von ihm erhalten hatte, zeigte er einige Tage bevor Spanien die Unabhängigkeit der amerikanischen Republiken erklärte, seine Rückkehr an.

An einem schönen Morgen befanden sich einige französische Kaufleute, die voller Ungeduld waren, mit den in mühseliger Arbeit und auf gefahrvollen Reisen nach Mexiko oder Kolumbien erworbenen Reichtümern in ihr Vaterland zurückzukehren, auf einer spanischen Brigg, einige Meilen von Bordeaux entfernt. An der Reling lehnte ein Mann, der durch Strapazen und Kummer mehr, als es seine Jahre mit sich brachten, gealtert war und unempfindlich schien für das Schauspiel, das die in Gruppen auf dem Oberdeck stehenden Fahrgäste boten. Den Gefahren der Seefahrt entronnen und von der Schönheit des Tages angelockt, waren sie hinaufgestiegen, wie um von weitem ihr Vaterland zu begrüßen. Die meisten unter ihnen behaupteten, in der Ferne die Leuchttürme, die Bauwerke der Gascogne und den Turm von Cordouan zu sehen, die zwischen den phantastischen Gebilden einiger weißer Wolken am Horizont auftauchten. Das Meer war so ruhig, daß, ohne die Silberfranse, die das Fahrzeug einsäumte, ohne die lange, rasch zerfließende Furche, die es zog, die Reisenden hätten meinen können, ihr Schiff läge unbeweglich auf dem Ozean. Der Himmel war von einer wunderbaren Klarheit. Die dunkle Farbe seiner Wölbung ging in unmerklichen Abstufungen in die bläuliche Färbung des Wassers über, und den Punkt ihrer Verschmelzung bezeichnete ein leuchtender Strich, von dem ein Funkeln wie von Sternen ausging. Auf der ungeheuren Wasserfläche schimmerte die Sonne in Millionen Facetten, so daß noch mehr Glanz von unten auszugehen schien als von den Gefilden des Firmaments. Ein wunderbar sanfter Wind schwellte die Segel der Brigg, und diese blendendweißen Tücher, die flatternden gelben Flaggen, das Gewirr des Tauwerks zeichneten sich mit kräftigen Konturen, die von den Schatten herrührten, die die aufgeblähten Segel warfen, scharf gegen den leuchtenden Hintergrund der Luft, des Himmels und des Ozeans ab. Ein schöner Tag, ein frischer Wind, das Heimatland in Sicht, ein ruhiges Meer, ein melancholisches Rauschen, eine schmucke, einsame Brigg, die auf dem Ozean dahingleitet wie eine Frau, die zum Stelldichein eilt – das war ein Bild voller Harmonie, war eine Szene, in der die Seele des Menschen den unbeweglich ruhenden Raum umfassen konnte, da sie von einem Punkt ausging, bei dem alles Bewegung war. Es war ein unvergleichlicher Gegensatz von Einsamkeit und Leben, von Stille und Ton, ohne daß man wissen konnte, wo Ton und Leben, wo die Stille und das Nichts war; nicht eine menschliche Stimme brach diesen himmlischen Zauber. Der spanische Kapitän, seine Matrosen, die Franzosen standen oder saßen, ganz versunken in einer frommen Begeisterung, die voller Erinnerung war. Es lag Trägheit in der Luft. Die heitern Gesichter zeugten von einem vollkommenen Vergessen vergangener Leiden, und all die Männer schaukelten auf diesem sanften Schiffe wie in einem goldenen Traume. Jedoch betrachtete der alte Passagier von der Reling aus den Horizont von Zeit zu Zeit mit einer gewissen Unruhe. In seinen Zügen stand Mißtrauen gegen das Schicksal geschrieben, und er schien zu befürchten, daß sie nicht so bald den Boden Frankreichs betreten würden. Dieser Mann war der Marquis. Das Glück war gegen sein Flehen und die Anstrengungen seiner Verzweiflung nicht taub geblieben. Nach fünf Jahren mühseliger Versuche und Arbeiten sah er sich im Besitz eines beträchtlichen Vermögens. In seiner Ungeduld, in sein Vaterland zurückzukehren und seiner Familie das Glück zu bringen, war er dem Beispiel einiger französischer Handelsleute von Havanna aus gefolgt und hatte sich mit ihnen auf einem spanischen Segler mit Fracht für Bordeaux eingeschifft. Nichtsdestoweniger zauberte ihm seine Phantasie, die müde war, immer nur Unglück vorauszusehen, die köstlichsten Bilder seines vergangenen Glücks vor. Als er von ferne den braunen Strich sah, den das Land zog, glaubte er seine Frau und seine Kinder zu sehen. Er war zu Hause, am heimischen Herd, und fühlte, wie man ihn an sich drückte und liebkoste. Er stellte sich Moina vor, schön, groß geworden, stattlich wie eine Jungfrau! Als dieses Phantasiebild greifbare Gestalt angenommen hatte, traten ihm die Tränen in die Augen, nun, um seine Rührung zu unterdrücken, blickte er nach dem dunstigen Horizont, der der nebligen, Land verheißenden Linie gegenüberlag. »Da ist er ...«, sagte er, »er folgt uns.« – »Was ist's?« rief der spanische Kapitän. »Ein Schiff«, erwiderte der General leise. »Ich habe es schon gestern gesehen«, sagte Kapitän Gomez. Er sah den Franzosen prüfend an. Dann flüsterte er ihm ins Ohr: »Es hat die ganze Zeit Jagd auf uns gemacht.« – »Und ich weiß nicht, warum es uns nicht eingeholt hat«, entgegnete der alte Soldat, »denn es ist ein besserer Segler als Ihre verdammte ›Sankt Ferdinand‹« – »Er wird Havarie gehabt, ein Leck bekommen haben ...« – »Er holt uns ein!« rief der Franzose. »Er ist ein kolumbischer Korsar«, sagte ihm der Kapitän ins Ohr. »Wir sind noch sechs Meilen vom Lande entfernt, und der Wind läßt nach.« – »Er fährt nicht, er fliegt, als ob er wüßte, daß ihm in zwei Stunden seine Beute entwischt. Welche Tollkühnheit!« – »Da!« rief der Kapitän aus; »ah! er heißt nicht umsonst ›Othello‹. Er hat kürzlich eine spanische Fregatte in den Grund gebohrt und hat doch nicht mehr als dreißig Kanonen. Ich fürchtete niemand außer ihm, denn ich wußte, daß er in den Antillen herumstreicht... Ah, ah!« fuhr er nach einer Pause fort, während deren er auf die Segel seines Schiffes blickte; »der Wind kommt auf, wir werden es schaffen. Wir müssen es, der ›Pariser‹ wäre erbarmungslos.« – »Auch der schafft es!« versetzte der Marquis.

Die ›Othello‹ war nicht mehr als drei Meilen entfernt. Obgleich die Mannschaft die Unterhaltung des Marquis mit Kapitän Gomez nicht gehört hatte, hatte das Auftauchen des Seglers den größten Teil der Matrosen und Passagiere in die Nähe der beiden Redenden geführt; doch die meisten hielten die Brigg für ein Handelsschiff und sahen es mit Interesse näher kommen, als plötzlich ein Matrose lauthals ausrief: »Beim heiligen Jakob! Wir sind verloren, da ist der ›Pariser Kapitän‹...«

Bei diesem schrecklichen Namen verbreitete sich Entsetzen auf der Brigg, und ein unbeschreibliches Durcheinander entstand. Der spanische Kapitän flößte seinen Matrosen durch seine Stimme eine momentane Tatkraft ein, und da er in dieser Gefahr um jeden Preis das Land erreichen wollte, ließ er alle obern und untern Beisegel setzen, Steuerbord und Backbord, um dem Winde die ganze Fläche der Leinwand, mit der seine Rahen betakelt waren, zu bieten. Aber all diese Handgriffe wurden unter großen Schwierigkeiten ausgeführt; sie ließen natürlicherweise das bewunderungswürdige Zusammenspiel vermissen, das bei Kriegsschiffen so besticht. Obgleich die ›Othello‹ vermöge der Stellung ihrer Segel wie eine Schwalbe flog, gewann sie anscheinend so wenig Raum, daß die unglücklichen Franzosen sich einer angenehmen Täuschung hingaben. Plötzlich, in dem Augenblick, wo die ›Sankt Ferdinand‹ nach unerhörten Anstrengungen, dank der geschickten Manöver, zu denen Gomez durch Stimme und Gebärde anspornte, neuerdings in Fahrt gekommen war, legte der Steuermann durch eine falsche, wahrscheinlich beabsichtigte Bewegung des Steuers die Brigg quer vor den Wind. Die Segel, die den Wind nun von der Seite bekamen, schlugen so gewaltsam hin und her, daß die Brigg sich drehte und den Wind nun von vorn hatte, die Masten brachen und das Schiff vollständig außer Kontrolle geriet. Eine rasende Wut bemächtigte sich des Kapitäns und ließ ihn weißer werden als seine Segel: mit einem Satz sprang er auf den Steuermann los und stach so wild mit dem Dolch nach ihm, daß er ihn zwar verfehlte, ihn aber ins Meer stürzte. Dann ergriff er das Steuer und versuchte, dem entsetzlichen Wirrwarr, das sein braves tapferes Schiff rebellisch machte, abzuhelfen. Tränen der Verzweiflung traten in seine Augen; denn ein Verrat, der uns um einen Erfolg bringt, welcher unserer eigenen Kraft zu danken wäre, trifft uns grausamer als ein unmittelbar drohender Tod. Aber je mehr der Kapitän fluchte, desto weniger geschah das Erforderliche. Er gab selbst den Alarmschuß ab, in der Hoffnung, an der Küste gehört zu werden. In diesem Augenblick antwortete der Korsar, der mit einer Geschwindigkeit herbeikam, die alle Hoffnungen zunichte machte, indem er gleichfalls eine Kanone abfeuerte, deren Kugel etwa zehn Klafter von der ›Sankt Ferdinand‹ ins Wasser schlug. »Alle Wetter!« rief der General, »war das gezielt! Sie scheinen eigens dazu gemachte Schiffskanonen zu haben.« Ein Matrose versetzte darauf: »Ja, sehen Sie, der da, wenn der redet, muß man stille sein! Der ›Pariser‹ würde sich selbst vor einem englischen Schiff nicht fürchten.« – »Es ist alles aus!« rief in höchster Verzweiflung der Kapitän, der durch sein Fernrohr noch nichts vom Lande entdecken konnte; »wir sind noch viel weiter von Frankreich entfernt, als ich glaubte.« Der General suchte ihn zu trösten. »Warum wollen Sie alle Hoffnungen aufgeben? All Ihre Passagiere sind Franzosen. Sie haben Ihr Schiff an sie vermietet. Dieser Korsar ist Pariser, sagen Sie? Nun, hissen Sie die weiße Flagge und ...« – »Und er wird uns in den Grund bohren«, erwiderte der Kapitän; »ist das unter diesen Umständen nicht alles, was er tun muß, um sich reiche Beute zu verschaffen?« – »Ja, wenn er ein Seeräuber ist...« – »Seeräuber!« sagte der Matrose wild; »oh! er hält sich immer an das Gesetz oder weiß die Sache zu drehen.« – »Nun denn«, erwiderte der General und hob die Augen zum Himmel, »ergeben wir uns drein.« Und er hatte noch so viel Kraft, seine Tränen zurückzudrängen. Kaum hatte er diese Worte gesagt, als eine zweite, besser gezielte Kugel in den Rumpf der ›Sankt Ferdinand‹ eindrang. »Legt das Schiff back«, sagte der Kapitän traurig.

Und der Matrose, der den ›Pariser‹ verteidigt hatte, half dieses verzweifelte Manöver in sehr geschickter Weise ausführen. Die Mannschaft verharrte eine tödliche halbe Stunde in der fürchterlichsten Bestürzung. Die ›Sankt Ferdinand‹ führte vier Millionen Piaster mit sich, die das Vermögen der fünf Passagiere ausmachten, und das des Generals betrug elfhunderttausend Francs. Die ›Othello‹ befand sich nun in einer Entfernung von zehn Flintenschußweiten, und man konnte deutlich die drohenden Schlünde von zwölf Kanonen unterscheiden, die bereit waren, Feuer zu geben. Er schien von einem Winde getragen zu sein, den der Teufel eigens für ihn blies; doch das Auge eines geübten Matrosen erriet unschwer das Geheimnis dieser Geschwindigkeit. Man brauchte sich nur den Schwung der Brigg anzusehen, ihre langgestreckte Form, ihre Schmalheit, die Höhe ihres Mastwerks, den Schnitt ihrer Segel, die bewundernswerte Leichtigkeit ihrer Takelung und die Fertigkeit, mit der die Gesamtheit ihrer Matrosen, von einem einzigen Willen gelenkt, die günstigste Stellung der weißen Fläche, die die Segel bildeten, ausnützte. Alles an diesem schlanken Geschöpf aus Holz, das so behende, so kundig wie ein Streitroß oder ein Raubvogel war, sprach von einem ungeheuren Machtgefühl. Die Mannschaft des Korsaren verhielt sich ganz still und war bereit, falls sie auf Widerstand stoßen sollte, das arme Handelsschiff zu versenken, das sich zu seinem Glück, wie ein vom Lehrer ertappter Schüler, nicht rührte. »Wir haben Kanonen!« rief der General und drückte die Hand des spanischen Kapitäns. Dieser warf dem alten Soldaten einen beherzten, doch hoffnungslosen Blick zu und sagte: »Und Männer?« Der Marquis musterte die Mannschaft der ›Sankt Ferdinand‹ und ihn überfiel ein Schauder. Die vier Kaufleute waren bleich und schlotterten; die Matrosen, die um einen der ihren herumstanden, schienen abzumachen, auf die ›Othello‹ überzutreten, und starrten mit neugierigem Verlangen zu dem Piratenschiff hinüber. Nur der Bootsmann, der Kapitän und der Marquis wechselten prüfende Blicke, die von Edelmut zeugten. »Ach, Kapitän Gomez, ich habe vor sechs Jahren mit todbetrübtem Herzen von meiner Heimat und meiner Familie Abschied genommen; muß ich ihnen nun in dem Augenblick entsagen, wo ich die Freude und das Glück ins Haus bringe?« Der General wandte sich ab, um eine Träne der Wut ins Meer fallen zu lassen, und sah dabei, wie der Steuermann auf den Korsaren zuschwamm. »Diesmal«, entgegnete der Kapitän, »werden Sie wahrscheinlich für immer von ihnen Abschied nehmen.«

Der Spanier war entsetzt von dem stumpfen Blick, den der Franzose auf ihn richtete. In diesem Augenblick lagen die Schiffe nahezu Bord an Bord; als der General das feindliche Fahrzeug in so unmittelbarer Nähe vor sich sah, glaubte er an die schlimme Weissagung des Kapitäns. Neben jeder Kanone standen drei Mann. Mit ihrem athletischen Körperbau, ihren eckigen Zügen, ihren nackten, nervigen Armen glichen sie Bronzestatuen. Der Tod hätte sie treffen können, ohne daß sie umgesunken wären. Die Matrosen, alle gut bewaffnet, tatkräftig, gewandt und kraftstrotzend, blieben unbeweglich. Ihre energischen Gesichter waren von der Sonne tief gebräunt, von schwerer Arbeit gehärtet. Ihre Augen funkelten wie Stechflammen und zeugten von kraftvollem Verstand und teuflischen Begierden. Die tiefe Stille, die auf dem von Menschen und Hüten schwarzen Deck herrschte, war ein Beweis für die unbeugsame Disziplin, unter die ein mächtiger Wille diese menschlichen Teufel beugte. Der Befehlshaber stand mit über der Brust verschränkten Armen am Fuße des Hauptmastes; er war waffenlos, nur eine Axt lag zu seinen Füßen. Um sich gegen die Sonne zu schützen, trug er einen großen breitkrempigen Filzhut, der sein Gesicht beschattete. Wie Hunde, die zu Füßen ihres Herrn liegen, heftete die Mannschaft, Soldaten und Matrosen, abwechselnd die Augen auf ihren Kapitän und das Handelsschiff. Als die beiden Briggs aneinanderstießen, wurde der Korsar aus seiner Träumerei gerissen, und er sagte einem jungen Offizier, der neben ihm stand, zwei Worte ins Ohr. »Die Enterhaken!« rief der Leutnant. Und die ›Sankt Ferdinand‹ wurde von der ›Othello‹ mit wunderbarer Schnelligkeit geentert. Den Befehlen gehorchend, die der Korsar leise erteilt und der Leutnant wiederholt hatte, begaben sich die zu den verschiedenen Diensten bestimmten Männer hintereinander, wie Seminaristen, die zur Messe gehen, auf das erbeutete Schiff, um den Passagieren und Matrosen die Hände zu binden und sich der Schätze zu bemächtigen. Im Nu waren die mit Piastern gefüllten Tonnen, die Lebensmittel und die Mannschaft der ›Sankt Ferdinand‹ auf die Brücke der ›Othello‹ transportiert. Der General glaubte unter dem Bann eines Traumes zu stehen, als er mit gebundenen Händen, als wäre er selbst eine Ware, auf einen Ballen geworfen wurde. Zwischen dem Korsaren, seinem Leutnant und einem Matrosen, der den Dienst des Bootsmanns zu versehen schien, fand eine Beratung statt. Als diese Unterredung, die nicht lange währte, beendet war, pfiff der Matrose seinen Leuten; auf einen Befehl, den er ihnen gab, sprangen sie alle auf die ›Sankt Ferdinand‹, kletterten in das Tauwerk und fingen an, sie ihrer Rahen, Segel, ihrer Takelage mit der gleichen Behendigkeit zu berauben, wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde einen toten Kameraden auszieht, dessen Schuhe und Rock sein Begehren erregen. »Wir sind verloren«, sagte der spanische Kapitän, welcher die Gebärden der drei Schiffsoberen während ihrer Beratschlagung und die Bewegungen der Matrosen, die eine regelrechte Plünderung der Brigg vornahmen, mit den Augen verfolgt hatte, kaltblütig zum Marquis. »Wie denn?« fragte der General teilnahmslos. »Was sollen sie mit uns anfangen?« entgegnete der Spanier. »Sie sind jedenfalls zu der Einsicht gekommen, daß sie die ›Sankt Ferdinand‹ in den Häfen von Frankreich und Spanien schwer losschlagen können, und werden sie versenken, damit sie ihnen nicht weiter zur Last ist. Was uns angeht, glauben Sie denn, sie werden sich unsere Beköstigung aufladen, wo sie doch nicht wissen, in welchen Hafen sie einlaufen können?«

Kaum hatte der Kapitän diese Worte beendet, als ein markerschütterndes Geschrei erscholl, dem ein dumpfes Geräusch folgte, welches von mehreren ins Wasser fallenden Körpern herrührte. Er drehte sich um und sah die vier Kaufleute nicht mehr. Acht wild aussehende Kanoniere hatten die Arme noch hochgehoben, als der General sie mit Grauen anstarrte. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt?« bemerkte der spanische Kapitän ungerührt. Der Marquis erhob sich hastig; das Meer hatte sich schon wieder geglättet, er konnte nicht einmal die Stelle sehen, wo seine unglücklichen Gefährten untergegangen waren; sie sanken wohl jetzt mit gebundenen Füßen und Händen in die Tiefe, wenn die Fische sie nicht etwa schon gefressen hatten. Einige Schritte von ihm entfernt schlossen der verräterische Steuermann und der Matrose der ›Sankt Ferdinand‹, der die Stärke des Pariser Kapitäns gerühmt hatte, Freundschaft mit den Korsaren und bezeichneten ihnen mit dem Finger diejenigen von den Leuten der Brigg, die sie würdig erachteten, der Mannschaft der ›Othello‹ einverleibt zu werden; den übrigen wurden, obwohl sie schreckliche Flüche ausstießen, von zwei Schiffsjungen die Füße gebunden. Nachdem die Auswahl beendet war, bemächtigten sich die acht Kanoniere der Opfer und warfen sie ohne Umstände ins Meer. Die Korsaren beobachteten mit boshafter Neugier die verschiedenen Arten, wie diese Männer fielen: ihre verzerrten Gesichter und Todesqualen; doch ihre Züge drückten weder Spott noch Erstaunen, noch Mitleid aus. Es war für sie ein ganz belangloser Vorgang, an den sie gewöhnt waren. Die älteren von ihnen betrachteten mit finsterem, beharrlichem Lächeln die Fässer voller Piaster, die am Fuße des Hauptmastes aufgestellt waren. Der General und der Kapitän saßen auf einem Warenballen und tauschten schweigend einen fragenden, nahezu stumpfen Blick. Sie waren beinahe die einzigen, die von der Mannschaft der ›Sankt Ferdinand‹ übriggeblieben waren. Die sieben von den beiden Spionen unter den spanischen Seeleuten ausgewählten Matrosen hatten sich bereits wohlgemut in Peruaner verwandelt. »Was für verdammte Schurken!« rief plötzlich der General aus, der in gerechtem Zorn seinen Schmerz und alle Klugheit außer acht ließ. »Sie gehorchen der Notwendigkeit«, entgegnete Gomez kalt; »wenn Ihnen einer von diesen Männern nochmals begegnete, würden Sie ihm da nicht Ihren Degen in den Leib stoßen?« – »Kapitän«, sagte der Leutnant zum Spanier gewandt, »der Pariser hat von Ihnen sprechen hören. Er sagt, Sie sind der einzige Mensch, der die Meerengen in den Antillen und die brasilianischen Küsten genau kennt. Wollen Sie ...?« Der Kapitän unterbrach den Leutnant mit einem verächtlichen Ausruf und antwortete: »Ich werde als Seemann, als treuer Spanier und als Christ sterben ... Hörst du?« – »Ins Meer!« rief der junge Mann. Auf diesen Befehl ergriffen zwei Kanoniere Gomez. »Ihr seid Feiglinge!« rief der General und stellte sich vor die beiden Korsaren. »Erhitze dich nicht zu sehr, Alter! Vielleicht macht dein rotes Band auf unsern Kapitän Eindruck, ich schere mich den Teufel darum ... Wir werden gleich auch ein Wörtchen miteinander reden.« In diesem Augenblick verkündigte ein dumpfer Fall, in den sich kein Klageruf mischte, dem General, daß der tapfere Gomez als Seemann gestorben war. »Mein Vermögen oder den Tod!« schrie er in rasender Wut. »Ah! Ihr seid schlau«, sagte höhnisch der Korsar; »jetzt glaubt Ihr sicher etwas aus uns herauszuschlagen ...« Auf ein Zeichen des Leutnants eilten gleich zwei Matrosen herbei und versuchten dem Franzosen die Füße zu binden; aber dieser versetzte ihnen mit unvermuteter Kühnheit einen Schlag, riß dem Leutnant mit einer plötzlichen Bewegung den Säbel von der Seite und begann, als alter Kavalleriegeneral, der sein Handwerk verstand, diesen höchst gewandt zu handhaben. »Ach, ihr Räuber, ihr sollt einen alten Soldaten Napoleons nicht wie eine Auster ins Wasser werfen!« Ein paar Pistolenschüsse, die aus nächster Nähe auf den widerspenstigen Franzosen abgegeben wurden, erregten die Aufmerksamkeit des Parisers, der gerade das Herüberschaffen des Takelwerks von der ›Sankt Ferdinand‹, das er befohlen hatte, beaufsichtigte. Ungerührt packte er den mutigen General von hinten, hob ihn hoch, schleppte ihn zur Reling und schickte sich an, ihn wie einen unbrauchbaren Sparren ins Meer zu schleudern. In diesem Augenblick begegnete der General dem fahlen Auge des Räubers seiner Tochter. Der Vater und der Schwiegersohn erkannten sich auf der Stelle. Der Kapitän gab dem Schwung seiner Bewegung eine neue, der ursprünglichen entgegengesetzte Richtung, als sei der General federleicht, und stellte diesen, anstatt ihn ins Meer zu werfen, neben dem Hauptmast nieder. Ein Gemurmel entstand auf dem Oberdeck; doch der Korsar warf seinen Leuten einen einzigen Blick zu, und alsbald herrschte die tiefste Stille. »Es ist der Vater Hélènes«, sagte er mit heller, fester Stimme; »wehe dem, der ihm nicht Respekt zollt!« Ein freudiges Hurrarufen erscholl über das Deck und erhob sich zum Himmel wie ein Gebet, wie das Anstimmen eines ›Tedeum‹. Die Schiffsjungen schaukelten in den Tauen, die Matrosen warfen ihre Mützen in die Luft, die Kanoniere trampelten mit den Füßen, alle waren in Bewegung, heulten, pfiffen, wetterten. Der fanatische Ausbruch dieser Fröhlichkeit ließ den General unruhig und finster werden. Da er hinter diesem Freudenausbruch irgendein schreckliches Geheimnis witterte, war sein erster Ruf, als er die Sprache wiedererlangte: »Meine Tochter! Wo ist sie?« Der Kapitän heftete auf den General einen jener durchdringenden Blicke, die, ohne daß man die Ursache davon zu ergründen vermochte, selbst die furchtlosesten Gemüter aus der Fassung brachten. Er ließ den General zur großen Befriedigung der Matrosen, die sich freuten, daß sich die Macht ihres Herrn an allen Wesen bewahrte, verstummen, führte ihn an eine Treppe, hieß ihn hinabsteigen und stieß die Tür einer Kabine mit den Worten auf: »Da ist sie.«

Dann verschwand er und ließ den alten General in einer Art Betäubung vor dem Anblick des Bildes zurück, das sich ihm darbot. Als die Tür des Gemachs so heftig aufgestoßen wurde, erhob sich Hélène von dem Diwan, auf welchem sie geruht hatte; sie sah den Marquis und stieß einen Schrei aus. Sie war so verändert, daß das Auge eines Vaters dazu gehörte, um sie wiederzuerkennen. Die Sonne der Tropen hatte ihr weißes Gesicht gebräunt und ihm ein wundervolles Kolorit verliehen, das einen Hauch von orientalischer Poesie darüber breitete; es strömte etwas Hoheitsvolles, Erhabenes von ihr aus, ein starkes Gefühl, das selbst auf den rohesten Menschen Eindruck machen mußte. Ihr langes, üppiges Haar, das in schweren Locken auf ihren edelgeformten Hals fiel, erhöhte noch den Ausdruck der Macht auf diesem stolzen Antlitz. In ihrer Haltung, ihrer Gebärde drückte Hélène das Wissen um ihre Macht aus. Eine triumphierende Genugtuung tat sich in dem leichten Blähen ihrer rosigen Nasenflügel kund, und ihre ganze vollentwickelte Schönheit atmete friedliches Glück. Es lag in ihr etwas von der Sanftmut der Jungfrau und zugleich jener besondere Stolz, der den Frauen eigen ist, welche über alles geliebt werden. Sie war zugleich Sklavin und Herrscherin und wollte gehorchen, weil sie herrschen konnte. Sie war mit reizvoller und eleganter Pracht gekleidet. Zwar trug sie nur ein Kleid aus indischem Musselin, aber ihr Diwan und die Kissen waren aus Kaschmir; ein Perserteppich bedeckte den Fußboden ihrer geräumigen Kabine; ihre vier Kinder spielten zu ihren Füßen mit kostbaren Gegenständen und erbauten fremdartige Schlösser aus Perlenhalsbändern, Juwelen und anderen Kostbarkeiten. In Vasen aus Sèvresporzellan, von Madame Jaquotot gemalt, standen balsamisch duftende Blumen; da waren Jasmin aus Mexiko und Kamelien, zwischen denen sich kleine zahme, exotische Vögel schaukelten und wie Rubine, Saphire und lebendiges Gold aussahen. Ein Klavier befand sich in diesem Salon, und auf den mit roter Seide ausgeschlagenen Holzwänden sah man hier und da Bilder, zwar von kleinem Format, aber von den ersten Malern: ein Sonnenuntergang von Gudin hing neben einem Terborch; eine Madonna von Raffael wetteiferte an Zauber mit einer Skizze von Girodet; ein Gérard Dow übertraf einen Drolling. Auf einem Tischchen aus chinesischem Lack stand eine goldene Schale voll köstlicher Früchte. Kurz, in diesem Boudoir schien Hélène die Königin eines weiten Reiches zu sein, in welchem ihr königlicher Geliebter die erlesensten Dinge der Erde angehäuft hatte. Die Kinder betrachteten ihren Großvater lebhaft und durchdringend. Inmitten des Tumults, der Kämpfe und Stürme, an die sie gewöhnt waren, glichen sie jenen nach Kampf und Blut begierigen kleinen Römern, die David auf seinem Gemälde ›Brutus‹ dargestellt hat.

»Wie ist das möglich?« rief Hélène aus und nahm ihren Vater bei den Händen, um sich von der Wirklichkeit seiner Erscheinung zu überzeugen. »Hélène!« – »Vater!« Sie fielen einander in die Arme, doch die Umarmung des Greises war die schwächere, weniger liebevolle. »Sie waren auf diesem Schiff?« – »Ja«, erwiderte er traurig. Er ließ sich auf den Diwan nieder und sah der Reihe nach die Kinder an, die ihn ihrerseits mit unschuldiger Aufmerksamkeit musterten. »Ich wäre umgekommen ohne ...« – »Ohne meinen Mann«, unterbrach sie ihn, »ich verstehe.« – »Ach!« rief der General aus, »muß ich dich so wiederfinden, meine Hélène, dich, die ich so beweint habe! So muß ich dein Schicksal von neuem bejammern.« – »Warum?« fragte sie mit einem Lächeln; »freut es Sie nicht zu erfahren, daß ich die glücklichste aller Frauen bin?« – »Glücklich?« entfuhr es dem General, und er sprang überrascht auf. »Ja, teurer Vater«, erwiderte sie und ergriff seine Hände, die sie küßte und an ihre Brust drückte. Diese Liebkosung begleitete sie mit einem leichten Kopfnicken, das ihre freudestrahlenden Augen noch unterstrichen. »Und wie ist das möglich?« fragte er voller Begierde, das Leben seiner Tochter kennenzulernen. Ihr strahlendes Gesicht ließ ihn alles vergessen. »Hören Sie, Vater«, sprach sie, »ich habe zum Geliebten, zum Gatten, zum Diener, zum Herrn einen Mann, dessen Seele so grenzenlos ist wie die Weite dieses Meeres, so unerschöpflich an Güte wie der Himmel, mit einem Wort: einen Gott. In sieben Jahren hat kein Wort, kein Gefühl, keine Miene den leisesten Mißklang in die himmlische Harmonie seiner Gespräche, seiner Zärtlichkeiten und seiner Liebe gebracht. Nie hat er mich anders angesehen als mit einem holden Lächeln auf den Lippen, einem Freudenstrahl in den Augen. Dort oben übertönt seine Stimme oft das Heulen des Sturmes oder das Gewühl der Kämpfe, aber hier ist sie sanft und melodisch wie die Musik von Rossini, dessen Werke bis zu mir gelangen. Alles, was die Phantasie einer Frau ersinnen kann, wird mir zuteil. Oft werden meine Wünsche noch übertroffen. Kurz, ich herrsche auf dem Meere, und man gehorcht mir wie einer Fürstin ... Glücklich!« unterbrach sie sich, »glücklich ist kein Wort, die Seligkeit auszudrücken, die mich erfüllt. Mein Los steht über dem aller Frauen. Demjenigen, den man liebt, in grenzenloser Hingebung zugetan sein und von ihm ein unendliches Gefühl zu empfangen, in welchem die Seele einer Frau sich verliert, und dies unabänderlich und für immer! – sagen Sie, ist dies Glück? Ich habe schon tausend Leben gelebt. Hier bin ich allein, hier befehle ich. Nie hat ein Wesen meines Geschlechts den Fuß auf dieses herrliche Schiff gesetzt, wo Victor immer in meiner Nähe ist. Er kann ohne mich nicht weiter gehen als vom Bug bis zum Heck«, sagte sie schelmisch. »Sieben Jahre! Eine Liebe, die sieben Jahre diese immerwährende Freude, diese stündliche Erprobung überdauert, ist das Liebe? Nein, o nein! Es ist besser als alles, was ich vom Leben kenne ... Die menschliche Sprache versagt, um ein so himmlisches Glück zum Ausdruck zu bringen.«

Ein Tränenstrom stürzte aus ihren heißen Augen. Die vier Kinder stießen einen klagenden Schrei aus, kamen wie die Küchlein zu ihrer Mutter herbeigelaufen, und der Älteste versetzte dem General mit drohender Miene einen Schlag. »Abel, mein Liebling«, sagte sie, »ich weine vor Freude!« Sie zog ihn auf ihre Knie; das Kind schlang zärtlich seine Arme um den stolzen Hals Hélènes, wie ein junger Löwe, der mit seiner Mutter spielen will. »Hast du niemals Langeweile?« fragte der General, den die Begeisterung seiner Tochter verwirrt hatte. »O ja, wenn wir manchmal an Land sind; und auch da verlasse ich meinen Mann nie.« – »Du liebtest früher Feste, Bälle, Musik?« – »Meine Musik ist seine Stimme; meine Feste, das sind die Gewänder und der Putz, den ich für ihn erfinde. Wenn ihm meine Toilette gefällt, ist es dann nicht so, als ob die ganze Welt mich bewunderte? Dies ist der einzige Grund, warum ich diese Diamanten, diese Halsbänder, diese funkelnden Diademe, diese Kleinode, diese Blumen und Kunstwerke, mit denen er mich überhäuft, nicht ins Meer werfe; er sagt: ›Hélène, wenn du auch nicht in die Welt kommst, so will ich doch, daß die Welt zu dir kommt.‹« – »Aber auf diesem Schiff sind Männer, verwegene, schreckliche Männer, deren Leidenschaften ...« – »Ich verstehe Sie, Vater«, beschwichtigte sie lächelnd; »seien Sie ohne Sorge! Keine Kaiserin ist je mit mehr Ehrerbietung behandelt worden als ich. Diese Leute sind abergläubisch. Sie glauben, daß ich der Schutzengel dieses Schiffes, ihrer Unternehmungen und Erfolge bin. Aber ›er‹ ist ihr Gott! Eines Tages, ein einziges Mal, hat es ein Matrose an Achtung gegen mich fehlen lassen ... in Worten bloß«, fügte sie lachend hinzu. »Bevor Victor es erfahren konnte und obwohl ich dem Manne meine Verzeihung schenkte, warfen ihn die Leute der Mannschaft ins Meer. Sie lieben mich wie ihren guten Engel. Ich pflege sie bei ihren Krankheiten und habe schon das Glück gehabt, manchen dadurch, daß ich mit weiblicher Beharrlichkeit bei ihm wachte, vom Tode zu erretten. Die armen Burschen sind zugleich Riesen und Kinder.« – »Und wenn Kämpfe stattfinden?« – »Ich bin daran gewöhnt«, antwortete sie; »ich habe nur beim erstenmal gezittert... Jetzt ist meine Seele mit dieser Gefahr vertraut, ja, ich liebe sie sogar, ich bin Ihre Tochter.« – »Und wenn er umkäme?« – »So würde ich ihm in den Tod folgen.« – »Und deine Kinder?« – »Sie sind die Söhne des Meeres und der Gefahr, sie teilen das Leben ihrer Eltern ... Unsere Existenz ist die gleiche und läßt sich nicht scheiden. Wir leben alle von dem gleichen Pulsschlag, sind alle auf derselben Seite des Lebensbuches eingetragen; ein und derselbe Nachen trägt uns, wir wissen es.« – »Du liebst ihn also so sehr, daß er dir höher gilt als alles?« – »Als alles!« wiederholte sie; »aber suchen wir nicht dieses Geheimnis zu ergründen. Sehen Sie! Dieser Knabe, das ist auch wieder er!« Sie preßte Abel mit außergewöhnlicher Kraft an sich und drückte flammende Küsse auf seine Wangen und Haare... Der General rief aus: »Aber ich kann nicht vergessen, daß er eben neun Menschen ins Meer werfen ließ!« – »Wahrscheinlich mußte es geschehen«, gab sie zurück, »denn er ist menschlich und großmütig. Er vergießt so wenig Blut als möglich, um die Interessen der kleinen Welt, die er beschützt, und der heiligen Sache, die er verteidigt, zu wahren. Reden Sie mit ihm über das, was Ihnen schlecht erscheint, und er wird Ihren Sinn zu ändern wissen!« – »Und sein Verbrechen?« sagte der General, als spräche er zu sich selber. »Wenn es nun aber eine Tugend wäre?« versetzte sie mit kalter Würde; »wenn die menschliche Justiz ihn nicht hätte rächen können?« – »Sein eigener Rächer sein!« rief der General. »Was ist denn die Hölle anderes als eine ewige Rache für die Vergehen eines Tages?« – »Ah, du bist verloren! Er hat dich behext, dir den Sinn verkehrt. Du redest wider alle Vernunft.« – »Bleiben Sie einen Tag bei uns, Vater, und wenn Sie ihm zuhören, ihn ansehen wollen, werden Sie ihn lieben.« – »Hélène«, sagte der General bedeutungsvoll, »nur einige Meilen trennen uns von Frankreich ...« Sie erbebte, tat einen Blick durch das Fenster und zeigte auf das Meer, das seine ungeheuren grünen Wogen vor sich herrollte. »Dies hier ist meine Heimat«, erwiderte sie und klopfte mit der Fußspitze auf den Teppich. »Aber willst du denn nicht deine Mutter, deine Schwester, deine Brüder wiedersehen?« – »O ja«, sagte sie mit Tränen in der Stimme, »wenn er es will und wenn er mich begleiten kann.« – »Du hast also weder Vaterland noch Familie mehr«, fuhr der General in strengem Tone fort. »Ich bin seine Frau«, gab sie stolz und würdevoll zurück; »seit sieben Jahren ist dies die erste Freude, die ich nicht von ihm empfange«, dabei ergriff sie die Hand ihres Vaters und küßte sie, »und der erste Vorwurf, der mir gemacht worden ist.« – »Und dein Gewissen?« – »Mein Gewissen? Aber das ist er.« In demselben Augenblick fuhr sie heftig zusammen. »Da ist er«, sagte sie; »selbst während eines Kampfes, unter allen Schritten, erkenne ich den seinen auf dem Deck.« Und plötzlich färbte eine Röte ihre Wangen und ließ ihre Züge erstrahlen, ihre Augen sprühen und ihre Haut in mattem Weiß schimmern. Glück und Liebe sprach aus ihrem Körper, aus ihren Adern, ihren Muskeln, aus dem unwillkürlichen Erbeben ihrer ganzen Gestalt. Den General rührte diese tiefe Gefühlsbewegung. In der Tat trat gleich darauf der Korsar ein, ließ sich auf einen Sessel nieder, zog seinen ältesten Sohn zu sich heran und fing an, mit ihm zu spielen. Es herrschte eine Weile Schweigen, der General, von Träumerei wie von einem Luftgebilde umfangen, betrachtete diese elegante Kabine, die einem Nest von Eisvögeln glich, wo diese Familie seit sieben Jahren zwischen Himmel und Wasser dahinschwamm, von dem Willen eines einzigen durch die Gefahren der Kriege und Stürme geleitet, wie inmitten der sozialen Mißgeschicke ein Familienoberhaupt seine Angehörigen durchs Leben führt. Er blickte mit Bewunderung auf seine Tochter, die dem phantastischen Bild einer Meeresgöttin glich, voll lieblicher Schönheit, voll Glück; vor dem Reichtum ihrer Seele, ihren strahlenden Augen und der unbeschreiblichen Poesie, die ihr Wesen in sich trug und um sich her verbreitete, mußten alle Schätze, die sie umgaben, verblassen. Es lag eine Fremdartigkeit in diesem Lebenskreis, die ihn überwältigte, eine Kraft und Hoheit der Leidenschaft und der Denkungsart, die alle herkömmlichen Anschauungen über den Haufen warf. Die kalten engherzigen Berechnungen der Gesellschaft wurden vor diesem Bilde zunichte. Der alte Soldat fühlte dies alles und begriff, daß seine Tochter niemals ein Leben aufgeben würde, das so schrankenlos, so reich an Kontrasten, von einer so echten Liehe ausgefüllt war, und daß sie überdies, nachdem sie erst einmal die Gefahr gekostet hatte, ohne davor zurückzuschrecken, nie mehr in die kleinliche Enge einer armseligen, beschränkten Welt zurückkehren könne.

Der Korsar brach die Stille mit einem Blick auf seine Frau und fragte: »Störe ich?« – »Nein«, erwiderte der General, »Hélène hat mir alles erzählt. Ich sehe, daß sie für uns verloren ist ...« – »Nein«, fiel ihm der Korsar lebhaft ins Wort; »noch ein paar Jahre, dann erlischt meine Schuld, und ich kann nach Frankreich zurückkehren. Wenn das Gewissen rein ist und das Vergehen gegen eure Gesetze einem innern Gebot entsprang ...« Er hielt inne, als verschmähe er, sich zu rechtfertigen. »Und wie ist es möglich«, warf der General ein, »daß Sie nicht angesichts der neuen Morde, die vor meinen Augen begangen worden sind, Gewissensbisse empfinden?« – »Wir hatten keine Lebensmittel mehr«, versetzte der Korsar. »Wenn Sie diese Leute an der Küste abgesetzt hätten ...« – »Sie hätten uns durch irgendein Schiff den Rückzug abschneiden lassen, und wir wären nicht nach Chile gekommen.« Der General unterbrach ihn: »Bevor man von Frankreich aus die spanische Admiralität in Kenntnis gesetzt hätte ...« – »Aber Frankreich hätte wohl nicht in Ordnung gefunden, daß ein Mann, der noch vor einen Gerichtshof gehört, sich einer Brigg bemächtigt, die von Kaufleuten aus Bordeaux geheuert war. Im übrigen, haben Sie auf dem Schlachtfelde niemals ein paar Kanonenschüsse zuviel abgefeuert?« Der General, den der Blick des Korsaren einschüchterte, schwieg. Und seine Tochter richtete einen Blick auf ihn, in dem ebensoviel Triumph wie Trauer zu lesen war. »General«, sagte der Korsar mit warmem Ton, »ich habe es mir zum Gesetz gemacht, niemals mehr, als mir zukommt, von der Beute für mich zu nehmen. Aber zweifellos wird mein Gewinn viel größer sein, als Ihr Vermögen war. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen in anderer Münze zurückerstatte...« Er nahm aus einer Schublade des Klaviers eine Menge Banknoten, ohne die Päckchen zu zählen, und überreichte dem Marquis eine Million. »Sie begreifen«, begann er wieder, »daß ich mir das Vergnügen, die Leute auf der Straße von Bordeaux zu betrachten, nicht leisten kann ... Wenn es Sie also nicht reizt, die Gefahren unseres Vagabundenlebens mitzumachen, die Naturschauspiele Südamerikas, unsere tropischen Nächte, unsere Schlachten mitzuerleben und die Flagge einer jungen Nation oder den Namen Simon Bolivar siegreich zu sehen, so müssen Sie uns verlassen. Eine Schaluppe und ergebene Männer erwarten Sie. Hoffen wir, daß eine dritte Begegnung ungetrübter sein möge ...« – »Victor, ich möchte meinen Vater noch einen Augenblick sehen«, bat Hélène in einem leicht schmollenden Ton. »Zehn Minuten weniger oder mehr, wir können mit einer Fregatte zusammengeraten. Nun, sei's drum, dann werden wir uns ein bißchen amüsieren! Unsere Leute langweilen sich schon.« – »O geh, Vater«, rief die Frau des Seemanns, »und bring meiner Schwester, meinen Brüdern, meiner...«, sie zögerte ein wenig, »meiner Mutter diese Erinnerungszeichen!« Sie ergriff eine Handvoll kostbarer Steine, Perlenhalsbänder, Juwelen, wickelte sie in einen Kaschmirschal und reichte sie scheu ihrem Vater. »Und was soll ich ihnen von dir sagen?« fragte er, betroffen von dem Widerstreben seiner Tochter, das Wort ›Mutter‹ auszusprechen. »Oh, können Sie an meinem Herzen zweifeln? Ich bete jeden Tag für ihr Glück.« Der alte Mann ließ einen langen Blick auf ihr ruhen und sagte dann: »Hélène, soll ich dich niemals wiedersehen? Werde ich denn nie erfahren, aus welchem Grunde du uns verlassen hast?« Sie erwiderte mit traurig-ernstem Ton: »Dieses Geheimnis gehört nicht mir allein. Aber selbst wenn ich das Recht hätte, es dir zu enthüllen, so würde ich es vielleicht auch dann nicht tun. Ich habe zehn Jahre lang Unerhörtes erduldet...«

Sie brach ab und reichte ihrem Vater die Geschenke hin, die sie für ihre Angehörigen bestimmt hatte. Der General, der durch die Kriegsereignisse in puncto Beute an einige Weitherzigkeit gewöhnt war, nahm das von seiner Tochter Dargebotene entgegen und gab sich der wohltuenden Hoffnung hin, daß der Pariser Kapitän unter dem Einfluß einer so reinen und edlen Seele wie der Hélènes ehrenhaft bleiben würde, auch wenn er die Spanier bekriegte. Schließlich siegte seine Liebe für diese Menschen über alle Bedenken. Er sah ein, daß es lächerlich wäre, spröde zu tun. Daher drückte er kräftig die Hand des Korsaren. Dann umarmte er seine Hélène, seine einzige Tochter, mit der den Soldaten besonders eigenen Zärtlichkeit und benetzte ihr stolzes Gesicht, aus dem ihm schon immer eine kühne, männliche Entschlossenheit entgegengestrahlt hatte, mit Tränen. Der Seefahrer brachte ihm, tieferschüttert, seine Kinder, daß er sie segne. Zum Schluß sagten sich alle mit einem langen Blick voller Rührung zum letzten Mal Lebewohl. »Bleibt immer glücklich!« rief der Großvater und eilte aufs Deck.

Auf dem Meere erwartete den General ein seltsames Schauspiel. Die ›Sankt Ferdinand‹, die in Brand gesetzt worden war, loderte wie ein gewaltiges Strohfeuer zum Himmel empor. Die Matrosen, die die spanische Brigg versenken sollten, hatten dabei eine große Ladung Rum an Bord entdeckt, und da diese Flüssigkeit auf der ›Othello‹ in großen Mengen vorhanden war, so fanden sie es spaßhaft, mitten im Meere eine große Punschbowle anzuzünden. Für Leute, denen die Monotonie des Meeres so wenig Gelegenheit zur Abwechslung bietet, war dies eine verzeihliche Belustigung. Der General, der von der Brigg in die mit sechs starken Matrosen bemannte Schaluppe der ›Sankt Ferdinand‹ gestiegen war, teilte unfreiwillig seine Aufmerksamkeit zwischen dem brennenden Schiffe und seiner Tochter, die, an den Korsaren gelehnt, auf dem Heck des Schiffes stand. Als er unter dem Ansturm so vieler Erinnerungen Hélène in ihrem weißen Kleid sah, das sich wie ein Segel mehr im Wind bauschte, als er über den Ozean hin ihre hohe, schöne Gestalt wahrnahm, so gebieterisch, als sei alles, selbst das Meer, ihr Untertan, da hatte er, mit der Unbekümmertheit des Soldaten, schon vergessen, daß er über das Grab des wackeren Gomez dahinfuhr. Über ihm ballte sich wie braunes Gewölk eine ungeheure Rauchsäule, in die die Sonne, welche sie hier und da durchdrang, märchenhaft leuchtende Strahlenbündel warf. Es war ein zweiter Himmel, eine dunkle Kuppel, unter welcher es wie von Kronleuchtern glänzte und über der sich das unwandelbare Blau des Firmaments wölbte, das durch diesen flüchtigen Kontrast tausendmal schöner erschien. Die eigenartigen Färbungen dieser Rauchglocke, die bald gelb, gold, bald rot oder schwarz im Dunst miteinander verschmolzen, hüllten das Schiff ein, das knisterte, krachte, ächzte. Die Flamme zischte, als sie das Takelwerk erfaßte, und lief über das ganze Schiff, wie ein Volksaufstand durch die Straßen einer Stadt rast. Der Rum ließ blaue Flammen hin und her hüpfen, als hätte der Meergott selbst dieses Teufelsgetränk durcheinandergeschüttet, so wie die Hand eines Studenten während eines Saufgelages den fröhlichen ›Abbrand‹ eines Punsches rührt. Doch die Leuchtkraft der Sonne war mächtiger, eifersüchtig auf jenes freche Leuchten ließ sie die Farben der Feuersbrunst in ihren Strahlen kaum ausmachen. Es war, als flattere ein Netz, eine Schärpe in ihrem Flammenstrom. Um zu entkommen, hielt sich die ›Othello‹ bei schwachem Wind in ihrer neuen Richtung und neigte sich bald nach der einen, bald nach der andern Seite, wie ein in den Lüften schaukelnder Papierdrache. Die schöne Brigg nahm Kurs nach Süden. Bald entzog sie sich den Augen des Generals und verschwand hinter der steilen Rauchsäule, deren Schatten auf dem Wasser geisterte, bald zeigte sie sich wieder, hob sich fliehend voller Anmut aus den Wogen. Sooft Hélène ihren Vater sehen konnte, ließ sie ihr Taschentuch wehen, um ihn noch einmal zu grüßen. Bald darauf sank die ›Sankt Ferdinand‹; das aufschäumende Wasser glättete der Ozean, und von dem ganzen Schauspiel blieb nichts übrig als eine vom leichten Winde geschaukelte Wolke.

Die ›Othello‹ war weit; die Schaluppe näherte sich der Küste. Die Wolke schob sich zwischen das kleine zerbrechliche Boot und die Brigg. Zum letzten Male sah der General seine Tochter durch einen Riß in dem wogenden Rauch. Prophetische Vision! Nur das weiße Tuch und das Kleid hoben sich aus dem rußigschwarzen Dunst. Zwischen dem grünen Wasser und dem blauen Himmel verlor sich die Brigg. Hélène war nur noch ein unmerklicher Punkt, eine liebliche, sich auflösende Linie, ein Engel im Himmel, ein Gedanke, eine Erinnerung.

Nachdem der Marquis so wieder zu Vermögen gekommen war, starb er rasch an Entkräftung dahin. Einige Monate nach seinem Tod, im Jahre 1833, war die Marquise genötigt, Moina in die Bäder der Pyrenäen zu begleiten. Das eigenwillige Kind verlangte, die Schönheiten der Berge kennenzulernen. Als sie nun nach Eaux, ihrem Badeort, zurückkehrten, trug sich folgende schreckliche Szene zu: »Mein Gott, Mutter«, sagte Moina, »wir haben sehr schlecht daran getan, daß wir nicht ein paar Tage länger in den Bergen geblieben sind! Wir waren dort weit besser aufgehoben als hier. Hast du nicht das unaufhörliche Stöhnen dieses entsetzlichen Kindes und das Geschwätz der unglücklichen Frau gehört, die anscheinend Dialekt redet, denn ich habe kein einziges Wort, das sie sagte, verstanden. Was sind das nur für Leute, die wir zu Nachbarn haben! Diese Nacht war eine der schrecklichsten in meinem Leben.« – »Ich habe nichts gehört«, erwiderte die Marquise; »aber ich werde die Wirtin aufsuchen, liebes Kind, und das danebenliegende Zimmer verlangen; wir werden dann allein und nicht gestört sein. Wie fühlst du dich heute morgen? Bist du müde?« Bei den letzten Worten war die Marquise aufgestanden und an das Bett Moinas getreten. »Laß sehen!« sagte sie und ergriff die Hand ihrer Tochter. »O laß mich, Mutter«, gab Moina zur Antwort, »deine Hände sind so kalt.« Das junge Mädchen wand sich unmutig auf ihrem Kopfkissen, doch mit so viel Grazie, daß es einer Mutter schwer werden mußte, sich gekränkt zu fühlen. In diesem Augenblick erscholl aus dem Nachbarzimmer ein langer, herzzerreißender sanfter Klageton. »Aber wenn du das die ganze Nacht hindurch gehört hast, warum hast du mich nicht aufgeweckt? Wir hätten ...« Ein neues Stöhnen, tiefer als vorher, ließ die Marquise stocken: »Da liegt jemand im Sterben!« rief sie und ging rasch aus dem Zimmer. »Schicke mir Pauline!« rief Moina, »ich will mich ankleiden.« Die Marquise eilte in den Hof hinunter, wo sie die Wirtin von mehreren Personen umringt sah, die ihr aufmerksam zuzuhören schienen. »Madame, Sie haben uns neben jemand einlogiert, der sehr zu leiden scheint...« – »Ach, reden Sie nicht davon!« rief die Wirtin, »ich habe soeben nach dem Bürgermeister geschickt. Denken Sie sich, es ist eine arme, unglückliche Frau, die gestern abend zu Fuß hier angekommen ist; sie kommt aus Spanien und ist ohne Paß und ohne Geld. Sie trug auf ihrem Rücken ein sterbendes kleines Kind. Ich konnte nicht umhin, sie hier aufzunehmen. Heute früh habe ich selbst nach ihr gesehen; denn gestern, als sie hier anlangte, hat sie mir schrecklich leid getan. Die arme kleine Frau. Sie lag da mit ihrem Kind, und beide kämpften mit dem Tode ... Sie zog einen goldenen Ring von ihrem Finger und sagte zu mir: ›Madame, ich besitze nur noch dies, nehmen Sie ihn als Zahlung; es wird genügen, mein Aufenthalt hier wird kein langer sein. Armes Kind, wir werden zusammen sterben‹, hat sie gesagt, indem sie ihr Kind ansah. Ich nahm ihren Ring und fragte, wer sie sei. Aber sie wollte mir ihren Namen beileibe nicht sagen ... Ich habe nun eben nach dem Arzt und dem Bürgermeister geschickt.« – »Lassen Sie ihr alle Hilfe angedeihen, die nötig ist«, sagte hierauf die Marquise; »mein Gott, vielleicht ist sie noch zu retten. Ich werde Ihnen alle ihre Auslagen bezahlen.« – »Ach, Madame, sie scheint mir ganz schön stolz zu sein, und ich weiß nicht, ob sie es zulassen wird.« – »Ich will sie sehen ...«

Und sogleich begab sich die Marquise zu der Unbekannten, ohne daran zu denken, daß ihr Anblick – sie trug noch Trauerkleider – diese Frau, die, wie es hieß, im Sterben lag, in einem solchen Augenblick schmerzen könnte. Die Marquise erbleichte beim Anblick der Sterbenden. Trotz der entsetzlichen Leiden, die das schöne Gesicht Hélènes verwandelt hatten, erkannte sie ihre älteste Tochter.

Als Hélène eine schwarzgekleidete Frau eintreten sah, richtete sie sich auf, stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als sie in dieser Frau ihre Mutter erkannte, und sank langsam in ihr Bett zurück. »Meine Tochter«, sagte Madame d'Aiglemont, »was fehlt dir? Pauline! ... Moina! ...« – »Mir fehlt nichts mehr«, erwiderte Hélène mit schwacher Stimme; »ich hoffte meinen Vater wiederzusehen, aber Ihre Trauer verkündet mir...« Sie vollendete nicht. Sie drückte ihr Kind an ihre Brust, als wolle sie es erwärmen, küßte es auf die Stirn und heftete auf ihre Mutter einen Blick, der noch nicht frei von Vorwurf, wenn auch durch Verzeihung gemildert war. Die Marquise wollte diesen Vorwurf nicht sehen; sie vergaß, daß Hélène ein Kind war, das sie ehemals in Tränen und Verzweiflung empfangen hatte, das Kind der Pflicht, ein Kind, das die Ursache ihrer schwersten Kümmernisse gewesen war. Sie näherte sich sanft ihrer ältesten Tochter, einzig in dem Gefühl, daß Hélène die erste gewesen, die ihr die Süße der Mutterschaft zu kosten gegeben hatte. Die Augen der Mutter standen voll Tränen, sie küßte ihre Tochter und rief: »Hélène, mein Kind! ...« Hélène schwieg. Sie hatte soeben den letzten Seufzer ihres letzten Kindes aufgefangen.

In diesem Augenblick traten Moina, Pauline, ihre Kammerzofe, die Wirtin und ein Arzt ins Zimmer. Die Marquise hielt die eiskalte Hand ihrer Tochter in der ihren und sah sie mit aufrichtiger Verzweiflung an. Außer sich vor Schmerz, sie war gerade einem Schiffbruch entgangen, aus dem sie von ihrer ganzen prächtigen Familie nur ein einziges Kind gerettet hatte, sagte die Witwe des Korsaren mit schrecklicher Stimme zu ihrer Mutter: »All dies ist Ihr Werk! Wenn Sie für mich gewesen wären, was ...« – »Moina, geh hinaus, geht alle hinaus!« schrie Madame d'Aiglemont laut, um Hélènes Stimme zu übertönen. »Ich flehe dich an, liebe Tochter, erneuern wir nicht in diesem Augenblick die traurigen Kämpfe ...« – »Ich werde schweigen«, gab Hélène mit übermenschlicher Anstrengung zur Antwort; »ich bin Mutter, ich weiß, daß Moina nicht ... Wo ist mein Kind?« Moina kam, von Neugierde getrieben, wieder herein. »Liebe Schwester«, sagte das verwöhnte Kind, »der Arzt...« – »Alles ist nutzlos«, erwiderte Hélène; »ach, warum bin ich nicht mit sechzehn Jahren gestorben, als ich mir das Leben nehmen wollte. Es gibt kein Glück außerhalb der Gesetze ... Moina ... du ...«

Sie starb, den Kopf auf ihr Kind gebeugt, das sie krampfhaft an sich preßte.

»Deine Schwester wollte dir jedenfalls sagen, Moina«, nahm Madame d'Aiglemont das Wort, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo sie in Tränen zerfloß, »daß das Glück für ein Mädchen niemals in einem romantischen Leben, außerhalb der herkömmlichen Anschauungen und besonders fern von seiner Mutter zu finden ist.«

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