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Die Frau von dreißig Jahren

Honoré de Balzac: Die Frau von dreißig Jahren - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
titleDie Frau von dreißig Jahren
authorHonoré de Balzac
isbn3-458-34707-0
translatorHedwig Lachmann
senderhille@abc.de
created20040211
publisherInsel Taschenbuch
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4. Der Finger Gottes

Zwischen der Barrière d'Italie und der Barrière de la Santé, auf dem innern Boulevard, der zum Jardin des Plantes führt, gibt es einen Ausblick, der jeden Künstler und selbst einen vom Genuß des Schauens bereits abgestumpften Reisenden, hellauf entzückt. Wenn sie eine kleine Anhöhe erreicht haben, von der aus sich der Boulevard im Schatten mächtiger dichtbelaubter Bäume mit der Anmut einer stillen, grünen Waldstraße hinabwindet, sehen sie vor sich zu ihren Füßen ein tiefes Tal, in dem ländlich anmutende Fabriken stehen; dazwischen grüne Matten; durchzogen von den braunen Wassern der Bièvre und des Gobelinflüßchens. Auf dem gegenüberliegenden Abhang drängen sich Tausende von Dächern wie die Köpfe einer Menschenmenge zusammen und verbergen das Elend des Faubourg Saint-Marceau. Die prächtige Kuppel des Panthéon, der düstere und melancholische Dom des Val-de-Grâce überragen stolz eine ganze Stadt, die wie ein Amphitheater aussieht, dessen Stufen die krummen Straßen bizarr abzeichnen. Von dieser Stelle erscheinen die beiden Bauwerke gigantisch; sie erdrücken die armseligen Wohnhäuser und überragen die höchsten Pappeln des Tales. Zur Linken taucht wie ein schwarzes fleischloses Gespenst die Sternwarte auf, durch deren Fenster und Galerien das Licht sonderbare Gestalten annimmt. In der Ferne funkelt die elegante Dachkrönung des Hotel des Invalides zwischen den bläulichen Massen des Luxembourg und den grauen Türmen von Saint-Sulpice. Von da aus gesehen, verschmelzen die Linien der Gebäude mit Laubwerk und Schatten, sind den Launen eines Himmels preisgegeben, dessen Farbe, Licht und Aussehen fortwährend wechseln. Schieben sich in weiter Ferne die Häuser in den Himmel, so schlängeln sich in ihrer Nähe ländliche Fußwege durch rauschende Baumreihen. Zur Rechten gewahrt man in einer weiten Ausbuchtung dieser seltsamen Landschaft den langen hellen Wasserstreifen des Canal-Saint-Martin, den rote Steine säumen und dessen Ufer Linden schmücken. Ihn begrenzen die wahrhaft römischen Bauwerke der Getreidemagazine. Im Hintergrund verschwimmen die dunstigen Hügel von Belleville, auf denen Häuser und Mühlen stehen, mit den Wolken. Zwischen der Reihe der Dächer jedoch, die das Tal einfassen, und diesem Horizont, der so vage ist wie die Erinnerung eines Kindes, liegt eine Stadt, die man nicht sieht, eine ungeheure Stadt, die wie in einem Abgrund zwischen den Dächern des Spitals de la Pitié und den Mauern des Ostkirchhofs liegt: zwischen Krankheit und Tod. Man hört nur ein dumpfes Brausen, ähnlich dem Dröhnen des Ozeans, der hinter den Klippen schäumt, als wollte er sagen: ›Ich bin da.‹ Wenn die Sonne ihre Lichtströme auf dieses Antlitz von Paris wirft, wenn sie seine Linien verschönt und vergeistigt; wenn sie einige Scheiben ins Glühen bringt, den Ziegelsteinen heitere Farben verleiht, auf den goldenen Kreuzen funkelt, die Mauern wie mit Silber bekleidet und die Luft in einen Gazeschleier verwandelt; wenn sie die starken Gegensätze von Licht und phantastischen Schatten hervorbringt; wenn der Himmel blau ist und die Erde braust, wenn die Glocken reden: dann kann man von dort oben ein sprechendes Märchenbild bewundern, das die Phantasie nie wieder vergißt und in das man gerade so vernarrt ist wie in einen wundervollen Blick von Neapel, Stambul oder Florida. Kein Ton fehlt diesem harmonischen Konzert. Man vernimmt das Getriebe der Welt und den romantischen Frieden der Einsamkeit, die Stimme von einer Million Menschen und die Stimme Gottes. Da ruht eine Riesenstadt unter den friedlichen Zypressen des Père-Lachaise.

An einem Frühlingsmorgen, gerade als die Sonne alle Schönheiten dieser Landschaft strahlen ließ, lehnte ich, vom Zauber dieses Bildes befangen, am Stamm einer starken Ulme, die ihre gelben Blüten dem Wind überließ. Beim Anblick dieses reichen, herrlichen Gemäldes dachte ich mit Bitterkeit an die Verachtung, die wir heutzutage selbst in unsern Büchern für unser Land bekunden. Ich verfluchte die armseligen Reichen, die unser schönes Frankreich satt haben und sich für schweres Geld das Recht erkaufen, ihr Vaterland zu verachten, wenn sie im Galopp durch Italien reisen und dessen Landschaften, die so gewöhnlich geworden sind, durchs Lorgnon betrachten. Ich betrachtete voller Liebe das moderne Paris und träumte, als plötzlich der Laut eines Kusses meine Einsamkeit störte und die grüblerischen Gedanken verscheuchte. Von der Seitenallee, die sich auf dem steilen Abhang entlangwindet, zu dessen Fuß der Bach plätschernd dahineilt, erblickte ich jenseits der Gobelinbrücke eine Frau, die mir noch recht jung vorkam. Sie war mit höchst eleganter Einfachheit gekleidet, und in ihrer sanften Miene schien sich das heitere Glück der Landschaft widerzuspiegeln. Ein schöner junger Mann setzte eben den hübschesten kleinen Jungen, den man sich denken konnte, nieder, so daß ich nie erfahren habe, ob der schallende Kuß auf die Wange der Mutter oder die des Kindes gegeben worden war. Der nämliche zarte und feurige Gedanke strahlte in den Augen, den Gebärden, dem Lächeln der beiden jungen Menschen. Geschwind und fröhlich hatten sie ihre Arme ineinander verschlungen und näherten sich in einem so wundervollen Gleichklang der Bewegungen, daß sie, nur sich hingegeben, meine Anwesenheit überhaupt nicht bemerkten. Aber ein anderes Kind, das mürrisch und trotzig dreinblickte und ihnen den Rücken kehrte, warf mir einen ergreifenden Blick zu. Dieses Kind, das genauso gekleidet war wie das andere, das ebenso anmutig, aber zarter von Gestalt war, ließ seinen Bruder bald hinter, bald vor seiner Mutter und dem jungen Mann allem sich tummeln und blieb stumm, regungslos und in der Haltung einer erstarrten Schlange. Es war ein Mädchen. Der Spaziergang der schönen Frau und ihres Gefährten hatte, ich möchte fast sagen, etwas Mechanisches an sich. Sie begnügten sich, vielleicht in Zerstreutheit, den kleinen Raum zwischen dem Steg und einem Wagen, der an der Biegung des Boulevards hielt, zu durchmessen, und begannen immer wieder denselben kurzen Gang, blieben stehen, sahen sich an, lachten wohl auch, je nach dem Verlauf der Unterhaltung, die bald lebhaft, bald schleppend, bald ausgelassen, bald ernst zu sein schien.

Verdeckt von der mächtigen Ulme konnte ich in aller Ruhe diese reizende Szene beobachten, deren Geheimnisse ich übrigens ohne Zweifel geachtet hätte, wenn ich nicht auf dem Gesicht des träumerischen und verschlossenen Mädchens die Spuren ernster Gedanken bemerkt hätte, die seinem Alter nicht angemessen waren. Sooft ihre Mutter und der junge Mann, nachdem sie bis in ihre Nähe gekommen waren, wieder umkehrten, senkte sie tückisch den Kopf und warf ihnen und ihrem Bruder einen verstohlenen Blick zu, der wirklich ungewöhnlich war. Aber nun erst die durchdringende Schlauheit, die boshafte Naivität, die wilde Aufmerksamkeit, die dieses kindliche Gesicht mit den zarten Schatten unter den Augen belebten, wenn die schöne Frau oder ihr Begleiter die blonden Locken des kleinen Jungen streichelten oder ihm über den rosigen Nacken und den weißen Kragen fuhren, wenn er mit seinen Kinderschritten versuchte, neben ihnen herzugehen! Es lag eine wahrhaft männliche Leidenschaft auf dem schmächtigen Gesicht dieses sonderbaren Mädchens. Sie litt oder grübelte. Was kündet bei einem so blühenden Wesen sicherer den Tod an? Das Leiden, das im Körper wohnt, oder das vorzeitige Denken, das seine kaum aufgeblühte Seele verzehrt? Eine Mutter weiß es vielleicht. Ich für mein Teil kenne jetzt nichts Schrecklicheres als den Gedanken eines Greises auf einer Kinderstirn; ein Lästerwort auf den Lippen einer Jungfrau ist weniger gräßlich. Auch die beinahe stupide Haltung dieses schon denkgewohnten Kindes, die Sparsamkeit seiner Bewegungen, alles interessierte mich. Ich beobachtete sie neugierig. Aus einer den Beobachtern eigenen Laune heraus verglich ich sie mit ihrem Bruder und suchte ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede herauszufinden. Das Mädchen hatte braune Haare, schwarze Augen und eine frühreife Gestalt; was einen lebhaften Kontrast zu dem blonden Haar, den meergrünen Augen und der schwächlichen Zartheit ihres jüngeren Bruders bildete. Die Schwester mochte etwa sieben bis acht, das Brüderchen kaum sechs Jahre alt sein. Sie waren gleich gekleidet. Als ich sie jedoch aufmerksam ansah, bemerkte ich an ihren Halskragen einen recht unbedeutenden Unterschied, der mir aber später einen ganzen Roman in der Vergangenheit, ein ganzes Drama in der Zukunft enthüllte. Es war eigentlich nur eine Geringfügigkeit. Ein einfacher Saum umschloß den Kragen des brünetten Mädchens, während der Kragen des Knaben mit hübschen Stickereien verziert war, die ein Geheimnis des Herzens, eine verschwiegene Vorliebe verrieten, welche die Kinder in der Seele ihrer Mütter lesen, wie wenn der Geist Gottes in ihnen wäre. Der sorglose, muntere Blondkopf sah mit seinem frischen Teint, seinen anmutigen Bewegungen, seiner sanften Miene wie ein Mädchen aus; wohingegen die Ältere, trotz ihrer Kraft, trotz der Schönheit ihrer Züge und ihrer scheinbar gesunden Gesichtsfarbe den Eindruck eines kränklichen Jungen machte. Ihre lebhaften Augen, denen der feuchte Glanz fehlte, der den Kinderaugen so viel Zauber verleiht, schienen, wie die der Höflinge, von einem innern Feuer ausgedörrt. Außerdem hatte das Weiß ihrer Haut einen matten Schimmer, einen Olivton, was auf einen starken Charakter hindeutet. Schon zweimal hatte der Bruder ihr mit rührender Anmut, einem reizenden Blick und einer ausdrucksvollen Miene, die Charlet entzückt hätte, das kleine Jagdhorn hingestreckt, in das er ab und zu blies; aber beidemal hatte sie auf seine mit einschmeichelnder Stimme vorgebrachte Aufforderung: »Da, Hélène, willst du es?« nur mit einem wilden Blick geantwortet. Das Mädchen schien unter seiner scheinbar gleichmütigen Miene düster und wütend zu sein; ja, sie zitterte und errötete merklich, wenn ihr Bruder zu ihr trat; aber der Junge schien die finstere Laune seiner Schwester nicht zu bemerken, und seine mit Teilnahme gemischte Sorglosigkeit stellte vollends den Gegensatz her zwischen dem echt kindlichen Wesen und dem sorgenvollen Wissen des Erwachsenen, das schon auf dem Antlitz des Mädchens ausgeprägt war und es mit seinen düstern Wolken umschattete.

»Mama, Hélène will nicht spielen!« rief der Kleine. Er benutzte für seine Klage einen Augenblick, in dem seine Mutter und der junge Mann schweigend auf der Brücke stehengeblieben waren. »Laß sie, Charles! Du weißt ja, daß sie immer mürrisch ist.«

Diese Worte, die von der Mutter, die sich brüsk mit dem jungen Mann abwandte, nur so hingesprochen wurden, trieben Hélène Tränen in die Augen. Sie schluckte sie schweigend hinunter, warf ihrem Bruder einen der bohrenden Blicke zu, die mir unerklärlich schienen, und sah zuerst mit einer düstern Klarheit im Blick den Abhang hinunter, auf dem sie stand, dann auf das Flüßchen Bièvre, die Brücke, die Landschaft und auf mich.

Ich fürchtete, von dem frohen Paar bemerkt zu werden und seine Unterhaltung zu stören; ich zog mich also sachte zurück und verbarg mich hinter einer Holunderhecke, deren Laub mich allen Blicken völlig entzog. Ich setzte mich still auf die Böschung und sah schweigend bald auf die wechselnde Schönheit der Landschaft, bald auf das wilde Mädchen, das ich noch durch die Lücken des Buschwerks und zwischen den Stämmchen der Holundersträucher, an denen mein Kopf ruhte und die sich fast in gleicher Höhe mit dem Boulevard befanden, sehen konnte. Als Hélène mich nicht mehr erblickte, schien sie unruhig; ihre schwarzen Augen suchten mich mit unbeschreiblicher Neugier im entfernteren Teil der Allee und hinter den Bäumen. Was war ich denn für sie? In diesem Augenblick ertönte das unschuldige Lachen des kleinen Charles wie ein Vogelgezwitscher in das Schweigen. Der schöne, junge Mann, der blond wie das Kind war, ließ es in seinen Armen tanzen und küßte es; dabei überhäufte er es mit einer Fülle dieser kleinen, bunt aufeinanderfolgenden und ihres eigentlichen Sinnzusammenhangs beraubten Worte, mit denen wir uns liebevoll an die Kinder wenden. Die Mutter lächelte bei diesem traulichen Spiel und richtete zweifellos von Zeit zu Zeit leise einige aus dem Herzen kommende Worte an ihn; denn ihr Gefährte blieb glückstrahlend stehen und sah sie mit seinen blauen Augen feurig und mit abgöttischer Verehrung an. Ihre Stimmen im Verein mit der des Kindes hatten einen wundersam schmeichlerischen Reiz. Sie waren alle drei entzückend. Diese liebliche Szene in der himmlischen Landschaft breitete eine unglaublich anmutige Stimmung um sich. Eine schöne, strahlende, lachende Frau, ein Kind der Liebe, ein Mann, hinreißend in seiner Jugend, ein klarer Himmel, alle Harmonien der Natur vereinigten sich, um die Seele zu erquicken. Ich ertappte mich bei einem Lächeln, als wäre dieses Glück das meine. Der schöne junge Mann hörte neun Uhr schlagen. Er küßte seine Begleiterin, die nun ernst und fast traurig geworden war, zärtlich und bestieg seinen Tilbury, der, von einem alten Diener gelenkt, langsam vorfuhr. Der kleine Liebling plapperte immer weiter, während ihm der junge Mann die letzten Küsse gab. Als dieser dann in seinen Tilbury gestiegen war, die unbeweglich dastehende Frau dem rasselnden Wagen nachhorchte und der Staubwolke, die dieser in der grünen Allee des Boulevard aufwirbelte, mit den Blicken folgte, lief Charles zu seiner Schwester, die bei der Brücke stand, und ich hörte, wie er mit silberheller Stimme zu ihr sagte: »Warum hast du denn meinem guten Freund nicht adieu gesagt?«

Hélène warf ihrem Bruder, der auf der Böschung stand, den fürchterlichsten Blick zu, der in den Augen eines Kindes je aufgeflammt ist, und stieß ihn wütend von sich. Charles glitt auf dem abschüssigen Ufer aus, prallte auf Wurzeln, die ihn hart auf die scharfen Steine der Mauer schleuderten, er schlug sich daran die Stirn auf und stürzte blutend in das schlammige Wasser des Baches. Unter seinem hübschen blonden Köpfchen teilte sich die Welle in tausend braune Wasserspritzer. Ich hörte die gellenden Schreie des armen Kleinen; aber bald verloren sich die Rufe und erstickten im Schlamm, wo er mit einem dumpfen Ton, wie wenn ein Stein aufklatscht, verschwand. Das Kind war schneller als ein Blitz ins Wasser gefallen. Ich sprang rasch auf und eilte hinab. Hélène war außer sich und schrie durchdringend: »Mama! Mama!«

Die Mutter war zugleich mit mir da. Sie war mit der Schnelligkeit eines Vogels herbeigeflogen. Aber weder die Augen der Mutter noch meine konnten genau die Stelle erkennen, wo das Kind versunken war. Das dunkle Wasser war weithin aufgerührt worden. Das Bett der Bièvre hat an dieser Stelle zehn Fuß tiefen Schlamm. Das Kind mußte darin zugrunde gehen, es war unmöglich, ihm zu helfen. Zu dieser Stunde, es war ein Sonntag, ruhte alles. Auf der Bièvre gibt es keine Boote und keine Fischer. Ich sah keine Stange, um in dem stinkenden Wasser zu wühlen, und ringsum keinen Menschen. Warum hätte ich von diesem unheimlichen Vorfall reden oder das Geheimnis dieses Unglücksfalls aufdecken sollen? Hélène hatte vielleicht ihren Vater gerächt. Ihre Eifersucht war gewiß das Schwert Gottes. Aber ich schauderte, wenn ich die Mutter ansah. Welch furchtbarem Verhör würde ihr Gatte, ihr ewiger Richter sie unterziehen? Sie hatte einen unbestechlichen Zeugen bei sich. Die Kindheit kann nichts hinter ihrer Stirn verbergen, ihre Haut ist durchsichtig; und die Lüge ist in ihr wie eine Fackel, die alles, selbst den Blick, in Flammen setzt. Die unglückliche Frau dachte noch nicht an das Strafgericht, das zu Hause auf sie wartete. Sie starrte in die Bièvre.

Solch ein Ereignis mußte im Leben einer Frau furchtbare Wirkungen zeitigen. Hier sei eine der schrecklichen Episoden aufgezeichnet, die von Zeit zu Zeit, wie ein Echo dieses tragischen Vorfalls, Julies Liebesglück störten.

Zwei oder drei Jahre später befand sich eines Abends nach dem Essen beim Marquis de Vandenesse, der damals um seinen Vater trauerte und eine Erbschaft zu regeln hatte, ein Notar. Dieser Notar war nicht der kleine Notar, den man von Sterne her kennt, sondern ein vierschrötiger, dicker Notar von Paris, einer der Ehrenmänner, die ihre Dummheiten mit Gemessenheit begehen, den Fuß schwer und fest auf eine unbekannte Wunde setzen und dann verwundert fragen, warum man sich beklagt. Wenn sie zufällig das Warum ihrer mörderischen Torheit erfahren, sagen sie: »Meiner Treu, ich hatte keine Ahnung!« Kurz, es war ein Notar, der in allen Ehren ein Schafskopf war und nie im Leben über seine Akten hinausgeblickt hatte. Der Diplomat hatte Madame d'Aiglemont zu Besuch. Der General hatte sich, noch ehe das Diner zu Ende war, höflich verabschiedet, um mit seinen beiden Kindern ins Theater zu gehen, auf die Boulevards, ins Ambigu-Comique oder in die Gaieté. Die Melodramen sind zwar übertrieben gefühlsselig, aber in Paris ist man der Meinung, sie eigneten sich für Kinder und seien unschädlich, weil in ihnen immer die Unschuld siegt. Der Vater war also gegangen, ohne das Dessert abzuwarten; seine Tochter und sein Sohn hatten ihn gar zu sehr geplagt, um noch vor Beginn ins Theater zu kommen.

Der Notar, der unerschütterliche Notar, der nicht fähig war, sich zu fragen, warum wohl Madame d'Aiglemont ihre Kinder und ihren Mann ins Theater schickte, ohne mit ihnen zu gehen, saß also seit dem Diner wie auf seinen Stuhl festgeschraubt. Eine Debatte hatte das Dessert in die Länge gezogen, und die Diener hatten erst spät den Kaffee serviert. Diese Zwischenfälle, die eine ersichtlich kostbare Zeit raubten, hatten der schönen Frau Zeichen der Ungeduld entlockt, bei denen man an ein edles Pferd denken konnte, das vor dem Rennen ungebärdig stampft. Der Notar, der sich auf Frauen so wenig wie auf Pferde verstand, meinte lediglich, die Marquise wäre eine lebhafte, ausgelassene Frau. Er war entzückt, in Gesellschaft einer vornehmen Dame, die eine große Rolle in der Gesellschaft spielte, und eines berühmten Politikers zu sein, und bemühte sich, seinen Geist zu zeigen; das erzwungene Lächeln der Marquise, der er beträchtlich auf die Nerven fiel, nahm er als Zustimmung und fuhr unbeirrt in seiner Rede fort. Schon hatte der Herr des Hauses, dem es geradeso ging wie seiner Gefährtin, sich erlaubt, mehrere Male schweigend zu verharren, wo der Notar ein anerkennendes Beipflichten erwartet hatte; aber während dieses vielsagenden Stillschweigens sah der verfluchte Kerl ins Feuer und sann auf Anekdoten. Dann nahm der Diplomat die Zuflucht zu seiner Taschenuhr. Schließlich hatte die schöne Frau ihren Hut aufgesetzt, um fortzugehen, und war nicht gegangen. Der Notar sah und hörte nichts; er war entzückt von sich und zweifelte nicht daran, daß er die Marquise dermaßen interessierte, daß sie das Fortgehen vergaß.

›Diese Dame wird ganz sicher meine Klientin‹, sagte er sich.

Die Marquise stand, zog ihre Handschuhe an, spielte nervös mit den Fingern und sah abwechselnd auf den Marquis de Vandenesse, der ihre Ungeduld teilte, und auf den Notar, der jeden geistreichen Einfall breit auswalzte. Bei jeder Pause, die dieser würdige Mann einlegte, atmete das schöne Paar auf und nickte sich verheißungsvoll zu: ›Endlich geht er!‹ Aber er dachte nicht daran. Er war wie ein Alpdruck, der schließlich die leidenschaftlichen zwei Menschen, auf die er wirkte wie die Schlange auf die Vögel, aufs äußerste reizte und sie zu einer Unhöflichkeit zwang. Mitten in der schönsten Erzählung von den schändlichen Wegen, auf denen du Tillet, ein Geschäftsmann, der damals in Gunst stand, zu seinem Vermögen gekommen war, während sich der geistreiche Notar in den kleinsten Einzelheiten dieser Schmutzereien erging, hörte der Diplomat auf seiner Standuhr neun schlagen; er sah, daß sein Notar ganz entschieden ein alberner Tropf war, den man kurzerhand verabschieden mußte, und unterbrach ihn entschlossen mit einer Handbewegung.

»Wünschen Sie die Feuerzange, Monsieur le Marquis?«, fragte der Notar und reichte sie seinem Klienten. »Nein, aber ich muß Sie jetzt verabschieden. Madame möchte ihre Kinder abholen, und ich werde die Ehre haben, sie zu begleiten.« – »Schon neun Uhr! Die Zeit vergeht doch in angenehmer Gesellschaft wie im Nu«, meinte der Notar, der seit einer Stunde die Unterhaltung allein bestritten hatte.

Er suchte seinen Hut, dann pflanzte er sich vor dem Kamin auf, unterdrückte mit Mühe ein Aufstoßen und sagte, ohne die niederschmetternden Blicke der Marquise zu beachten, zu seinem Klienten: »Fassen wir also zusammen, Monsieur le Marquis. Die Geschäfte gehen allem andern vor. Morgen werden wir also, Monsieur, Ihrem Bruder eine Ladung zustellen, um ihn in Verzug zu setzen; wir beginnen mit der Vermögensaufnahme, und dann möchte ich doch ...«

Der Notar hatte die Absichten seines Klienten so wenig verstanden, daß er den Instruktionen, die der Marquis ihm gegeben hatte, geradewegs zuwiderhandeln wollte. Diese Angelegenheit war zu heikel, Vandenesse mußte also die Auffassung des tölpelhaften Notars richtigstellen, und es ergab sich daraus eine Aussprache, die eine gewisse Zeit in Anspruch nahm.

»Hören Sie«, sagte der Diplomat endlich, nachdem ihm die junge Frau ein Zeichen gemacht hatte, »Sie gehen mir auf die Nerven, kommen Sie morgen um neun Uhr mit meinem Anwalt.«

»Aber ich muß Sie gehorsamst darauf hinweisen, Monsieur le Marquis, daß wir nicht sicher sind, Monsieur Desroches morgen zu treffen, und wenn die Verzugsetzung nicht bis morgen mittag zugestellt ist, läuft die Frist ab und ...«

In diesem Augenblick fuhr ein Wagen in den Hof. Als die arme Frau ihn hörte, wandte sie sich rasch ab, um die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen gestiegen waren. Der Marquis klingelte, um sagen zu lassen, er sei nicht zu Hause; aber der General, der unerwarteterweise aus der Gaieté zurückgekehrt war, kam dem Kammerdiener zuvor. Er führte an der einen Hand seine Tochter, deren Augen gerötet waren, und an der andern seinen Knaben, der ganz mürrisch und ärgerlich aussah.

»Was ist denn geschehen?« fragte die Frau ihren Gatten. »Wir werden später davon sprechen«, versetzte der General. Er ging in ein benachbartes Boudoir, dessen Tür geöffnet war und in dem er Zeitungen liegen sah.

Die Marquise, deren Geduld nun am Ende war, warf sich verzweifelt auf ein Sofa.

Der Notar hielt sich für verpflichtet, zu den Kindern freundlich zu sein, er nahm einen onkelhaften Ton an und fragte den Jungen: »Nun, junger Herr, was gab man im Theater?« – »›Das Tal des Wildbachs‹«, antwortete Gustave brummig. »Meiner Treu«, meinte der Notar, »die Schriftsteller sind heutzutage halb verrückt! ›Das Tal des Wildbachs‹! Warum nicht ›Der Wildbach des Tals‹? Es ist möglich, daß ein Tal keinen Wildbach hat; so hätten also die Verfasser, wenn sie ›Der Wildbach des Tals‹ gesagt hätten, etwas Rundes, Klares, Bestimmtes, Sinnvolles ausgedrückt. Aber lassen wir das. Wie kann indessen ein Drama in einem Sturzbach und in einem Tale spielen? Sie werden dagegenhalten, daß heutzutage der Hauptreiz dieser Art Schaustücke in den Dekorationen liege, und dieser Titel verspricht ausnehmend prächtige. Haben Sie sich gut unterhalten?« Dabei setzte er sich behaglich neben das Kind.

In dem Augenblick, wo der Notar gefragt hatte, was für ein Drama in einem wilden Bach spielen könnte, hatte sich die Tochter der Marquise langsam umgedreht und unaufhaltsam zu weinen begonnen. Die Mutter war derart aufgebracht, daß sie die Bewegung ihrer Tochter nicht wahrnahm.

»O ja, ich habe mich gut unterhalten«, antwortete der Kleine. »Es kam ein kleiner hübscher Junge in dem Stück vor, der ganz allein auf der Welt war, weil sein Papa nicht sein Vater sein konnte. Und da wirft ihn, wie er oben auf der Brücke steht, die über den Wildbach führt, ein großer bärtiger Kerl, der ganz schwarz angezogen ist, ins Wasser. Da hat Hélène angefangen, zu weinen und zu heulen; alle Zuhörer haben über uns geschimpft, und mein Vater hat uns ganz schnell, ganz schnell weggeführt...«

Monsieur de Vandenesse und die Marquise waren beide wie vom Donner gerührt, wie von einem Schmerz ergriffen, der ihnen die Kraft, zu denken und zu handeln, nahm.

»Gustave, sei still!« rief der General; »ich habe dir verboten, von dem zu sprechen, was im Theater vorgefallen ist, und schon vergißt du meine Ermahnungen.« – »Euer Gnaden verzeihen«, meinte der Notar, »ich habe das Unrecht begangen, ihn zu fragen, aber ich wußte nicht, wie ernst...« – »Er durfte nicht antworten«, sagte der Vater und sah seinen Sohn böse an.

Die Ursache der plötzlichen Heimkehr der Kinder und ihres Vaters mußte jetzt dem Diplomaten und der Marquise bekannt sein. Die Mutter sah ihre Tochter an, erblickte sie in Tränen und stand auf, um zu ihr zu gehen; aber dann verschloß sich ihr Gesicht jäh, und es zeigte sich auf ihm eine durch nichts gemilderte Strenge.

»Es ist genug, Hélène«, sagte sie zu ihr, »geh ins Boudoir und trockne dir deine Tränen!« – »Was hat denn die arme Kleine getan?« fragte der Notar, der zugleich den Zorn der Mutter und die Tränen der Tochter besänftigen wollte; »sie ist so hübsch, daß sie das artigste Kind der Welt sein muß, und ich bin sicher, Madame, daß sie Ihnen nur Freude macht. Nicht wahr, meine Kleine?«

Hélène sah ihre Mutter zitternd an, trocknete ihre Tränen, versuchte eine ruhige Miene aufzusetzen und flüchtete ins Boudoir.

»Und gewiß, Madame«, fuhr der Notar fort, der sich nicht beirren ließ, »Sie sind gewiß eine so gute Mutter, daß Sie Ihre Kinder alle gleich liebhaben. Dazu sind Sie viel zu tugendhaft, als daß Sie Ihre Kinder nicht ohne diese traurigen Bevorzugungen lieben, deren unheilvolle Wirkungen ganz besonders wir Notare kennenlernen. Die Gesellschaft läuft durch unsere Hände; wir sehen ihre Leidenschaften in ihrer häßlichsten Gestalt: dem Eigennutz. Da will eine Mutter die Kinder ihres Mannes zugunsten der Kinder, die sie ihnen vorzieht, enterben, während der Gatte hinwieder manchmal sein Vermögen dem Kinde zukommen lassen will, das den Haß der Mutter verdient hat. Und dann gibt es Kämpfe, Ängste, Akten, Gegenverschreibungen, fingierte Verkäufe, Fideikommisse; kurz, ein erbärmlicher Schmutz, mein Wort darauf, ganz erbärmlich! Dort bringen Väter ihr Leben damit zu, ihre Kinder zu enterben, indem sie ihren Ehefrauen das Vermögen stehlen ... Jawohl, stehlen, das ist das rechte Wort! Wir sprachen von Dramen: oh! ich versichere Sie, wenn wir das Geheimnis mancher Schenkungen ausplaudern dürften, unsere Schriftsteller könnten furchtbare bürgerliche Tragödien daraus machen. Ich weiß nicht, was die Frauen für eine Macht gebrauchen, um zu tun, was sie wollen; denn gegen alle Wahrscheinlichkeit und trotz ihrer Schwäche tragen sie immer den Sieg davon. Aber mir streuen sie keinen Sand in die Augen, mir nicht! Ich errate immer, warum ein Kind ihr besonderer Liebling ist, wenn man auch in der Gesellschaft von unerklärlichen Regungen spricht! Aber die Männer kommen nie dahinter, das muß man ihnen der Gerechtigkeit halber lassen. Sie mögen mir einwenden, es sei eine besondere Gunst, zu ...«

Hélène, die mit ihrem Vater aus dem Boudoir wieder in den Salon gekommen war, hörte dem Notar aufmerksam zu und verstand seine Worte so gut, daß sie einen furchtsamen Blick auf ihre Mutter warf; sie fühlte mit dem ganzen Instinkt der Jugend voraus, daß dieser Vorfall die strenge Behandlung, der sie ausgesetzt war, verdoppeln würde. Die Marquise erblaßte; mit einem ängstlichen Wink machte sie Vandenesse auf ihren Gatten aufmerksam, der nachdenklich die Blumen des Teppichs studierte. Jetzt konnte sich der Diplomat trotz seiner guten Lebensart nicht länger zurückhalten und warf dem Notar einen vernichtenden Blick zu. »Kommen Sie mit mir!« sagte er zu ihm und schritt schnell dem Gemach zu, das vor dem Salon lag.

Der Notar folgte ihm zitternd, ohne seinen Satz zu Ende zu bringen.

»Monsieur«, sagte der Marquis de Vandenesse jetzt mit kaum verhaltener Wut zu ihm, nachdem er die Tür zum Salon, wo er die Gattin und den Gatten zurückließ, heftig geschlossen hatte, »seit dem Diner haben Sie hier nichts als Torheiten gemacht und Dummheiten gesagt. In Gottes Namen, gehen Sie! Sie wären imstande, das größte Unglück anzurichten. Wenn Sie ein tüchtiger Notar sind, dann bleiben Sie in Ihrem Bureau; aber wenn Sie zufällig in Gesellschaft kommen, dann versuchen Sie, etwas weniger täppisch zu sein...«

Er kehrte in den Salon zurück und verließ den Notar, ohne sich von ihm zu verabschieden. Der Biedermann blieb ganz verdattert stehen; er war wie vor den Kopf geschlagen, er wußte nicht mehr, woran er war. Als sein Ohrensausen sich etwas gegeben hatte, glaubte er Stöhnen zu hören, im Salon war ein eiliges Kommen und Gehen, die Klingel wurde heftig gezogen. Er fürchtete sich davor, den Marquis de Vandenesse noch einmal zu sehen, und nahm die Beine in die Hand, um sich aus dem Staube zu machen und die Treppe hinunterzukommen; an der Tür aber stieß er mit den Dienern zusammen, die in den Salon eilten, um die Befehle ihres Herrn zu vernehmen.

›So sind die Herrschaften alle‹, sagte er schließlich für sich selbst, als er auf der Straße war und nach einer Droschke suchte, ›sie fordern einen zum Sprechen heraus, sie machen einem mit allerlei Komplimenten Mut; man glaubt sie gut zu unterhalten; nichts damit! Sie benehmen sich unverschämt, kehren uns gegenüber Distanz heraus und setzen einen sogar ganz ungeniert vor die Tür. Und dabei war ich sehr geistreich; ich habe nichts gesagt, was nicht vernünftig und geziemend war und Hand und Fuß hatte. Meiner Treu, er empfiehlt mir, ich soll nicht täppisch sein! Das braucht's bei mir nicht. Was, zum Teufel, bin ich nicht Notar und Mitglied der Notariatskammer? Ach was, das ist so eine Botschaftergrille; diesen Leuten ist nichts heilig. Morgen soll er mir erklären, wieso ich nichts als Torheiten gemacht und Dummheiten gesagt habe. Er soll mir Rede stehen, das heißt, er soll vernünftig mit mir reden und mir die Sache erklären. Alles in allem, vielleicht hab ich unrecht... Meiner Treu, ich bin ein Esel, daß ich mir den Kopf zerbreche! Was liegt mir denn daran?‹

Der Notar kam nach Hause und legte das Rätsel seiner Notarin vor, indem er ihr Punkt für Punkt die Ereignisse des Abends berichtete.

»Lieber Crottat, Seine Exzellenz hat völlig recht gehabt, als er dir sagte, du hättest nur Torheiten gemacht und Dummheiten gesagt.« – »Wieso?« – »Lieber Mann, das würde ich dir sagen, wenn es dich dazu brächte, es morgen nicht wieder gerade so zu machen. Ich rate dir nur, in Gesellschaft nie von etwas anderm als von Geschäften zu sprechen.« – »Wenn du es mir nicht sagen willst, frage ich morgen den ...« – »Du lieber Himmel, die dümmsten Leute geben sich Mühe, solche Sachen verborgen zu halten, und du glaubst, ein Botschafter würde sie dir sagen! Aber Crottat, ich habe dich nie so einfältig gesehen.« – »Danke, meine Teure!«

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