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Gutenberg > Henrik Ibsen >

Die Frau vom Meere

Henrik Ibsen: Die Frau vom Meere - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorHenrik Ibsen
titleDie Frau vom Meere
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen ? Sämtliche Werke
volumeFünfter Band
editorJulius Elias und Paul Schlenther
year1907
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Erster Akt

Doktor Wangels Haus, mit großer überbauter Veranda links. Garten vor dem Haus und um das Haus. Unterhalb der Veranda eine Flaggenstange. Rechts im Garten eine Laube mit Tisch und Stühlen. Heckenzaun mit einer kleinen Eingangstür im Hintergrund. Hinter dem Zaun ein Weg den Strand entlang. Baumreihen längs des Weges. Zwischen den Bäumen sieht man den Fjord und hohe Gebirgszüge und Bergzinnen in der Ferne. Es ist ein warmer und leuchtend klarer Sommermorgen.

Ballested,  ein Mann in mittleren Jahren, der eine alte Samtjacke und einen breitkrämpigen Künstlerhut trägt, steht unten an der Flaggenstange und macht sich an der Leine zu schaffen. Die Flagge liegt auf der Erde. Ein wenig von ihm entfernt eine Staffelei mit aufgespannter Leinwand. Nebenan liegen auf einem Feldstuhl Pinsel, Palette und ein Malkasten.

Bolette tritt durch die offene Tür des Gartenzimmers auf die Veranda hinaus. Sie trägt eine große Vase mit Blumen, die sie auf den Tisch stellt.

Bolette. Na, Ballested, – kriegen Sie's auch in Ordnung?

Ballested. Jawohl, Fräulein. Nichts leichter als das. – Mit Verlaub, – erwarten Sie heut Fremdenbesuch?

Bolette. Ja, wir erwarten heut morgen den Oberlehrer Arnholm. Er ist vergangene Nacht in der Stadt angekommen.

Ballested. Arnholm? Warten Sie mal –. Arnholm? Hieß der nicht Arnholm, der vor Jahr und Tag hier Hauslehrer war?

Bolette. Ja. Der und kein anderer.

Ballested. Schau', schau'! Kommt der auch einmal wieder in diese Gegend.

BoletteDarum möchten wir gern flaggen.

Ballested. Ja, das gehört sich wohl auch so.

Bolette geht wieder in das Gartenzimmer. Bald darauf kommt Lyngstrand von rechts den Weg hinauf und bleibt interessiert stehen, wie er die Staffelei und die Malgeräte sieht. Er ist ein schmächtiger junger Mann, bescheiden aber ordentlich gekleidet, und von schwächlichem Aussehen.

Lyngstrand  draußen an der Hecke. Guten Morgen.

Ballested  dreht sich um. Hoh –! Guten Morgen. Hißt die Flagge. So – nun steigt der Ballon. Befestigt die Leine und macht sich an der Staffelei zu schaffen. Guten Morgen, Verehrtester. Ich habe allerdings nicht das Vergnügen –

Lyngstrand. Sie sind gewiß Maler, Sie?

Ballested. Ja, natürlich. Warum sollte ich nicht auch Maler sein?

Lyngstrand. Ja, ich seh's. – Darf ich mir die Freiheit nehmen, ein bißchen einzutreten?

Ballested. Wollen Sie vielleicht herein, um zuzusehen?

Lyngstrand. Ja, das möchte ich riesig gern.

Ballested. Ach, da ist noch nichts Besonderes zu sehen. Aber bitte schön. Treten Sie nur näher.

Lyngstrand. Besten Dank. Er kommt zur Gartentür herein.

Ballested  malt. Bei dem Fjord da zwischen den Inseln, bei dem halte ich gerade.

Lyngstrand. Ich seh's, jawohl.

Ballested. Aber die Figur fehlt noch. Hier in der Stadt ist kein Modell aufzutreiben.

Lyngstrand. Soll auch eine Figur hinein?

Ballested. Ja, hier im Vordergrund an der Klippe, da soll eine halbtote Meerfrau liegen.

Lyngstrand. Warum muß sie denn halbtot sein?

Ballested. Sie hat sich vom Meere hereinverirrt und kann nicht wieder hinausfinden. Und nun liegt sie da und kommt im Brackwasser um, verstehen Sie.

Lyngstrand. Ach so.

Ballested. Die Frau vom Hause hier, die hat mich auf den Gedanken gebracht, so etwas zu malen.

Lyngstrand. Wie wollen Sie das Bild nennen, wenn es fertig ist?

Ballested. Ich denke, es soll heißen: »Der Meerfrau Ende«.

Lyngstrand.  Das paßt famos. – Da können Sie sicherlich etwas Schönes draus machen.

Ballested  sieht ihn an. Ein Mann vom Fach vielleicht?

Lyngstrand. Sie meinen Maler?

Ballested. Ja.

Lyngstrand. Nein, das bin ich nicht. Aber ich will Bildhauer werden. Ich heiße Hans Lyngstrand.

Ballested. So, Sie wollen Bildhauer werden? Ja, ja, die Skulpturkunst ist auch eine nette, flotte Kunst. – Ich glaube, ich habe Sie einige Male auf der Straße gesehen. Halten Sie sich schon lange hier bei uns auf?

Lyngstrand. Nein, ich bin erst so an die vierzehn Tage hier. Aber ich will sehen, ob ich nicht den Sommer über hier bleiben kann.

Ballested. Um die Annehmlichkeiten des Badelebens zu genießen? Was?

Lyngstrand. Ich muß versuchen, ein bißchen zu Kräften zu kommen.

Ballested. Doch wohl nicht kränklich?

Lyngstrand. Ja, ich bin wohl eigentlich ein bißchen kränklich von Natur. Aber es ist weiter nicht gefährlich. Es sind nur so eine Art Beklemmungen auf der Brust.

Ballested. I, – die Bagatelle! Übrigens sollten Sie doch einmal mit einem erfahrenen Arzt sprechen.

Lyngstrand. Ich dachte, gelegentlich Doktor Wangel zu fragen.

Ballested. Ja, tun Sie das nur. Sieht links hinaus. Da kommt wieder ein Dampfer. Gestopft voll von Passagieren. Das Reisen hat hier in den letzten Jahren einen beispiellosen Aufschwung genommen.

Lyngstrand. Ja, es ist hier ein ganz gewaltiger Verkehr, finde ich.

Ballested. Und Sommerfrischler haben wir hier auch die Masse. Mir ist manchmal bange, unsere gute Stadt wird bei all dem fremden Wesen ihr Gepräge verlieren.

Lyngstrand. Sind Sie hier in der Stadt geboren?

Ballested. Nein, das nicht. Aber ich habe mich akkla – akklimatisiert. Ich fühle mich mit dem Ort verknüpft durch die Bande der Zeit und der Gewohnheit.

Lyngstrand. Sie wohnen also schon lange hier?

Ballested. Na, so an die siebzehn, – achtzehn Jahre. Ich bin mit Skives Theatergesellschaft hergekommen. Aber wir gerieten da in finanzielle Schwierigkeiten. Und infolgedessen löste sich die Gesellschaft auf und zerstob in alle Winde.

Lyngstrand. Aber Sie selbst, Sie sind hier geblieben?

Ballested. Ich bin geblieben. Und das ist mir auf die Dauer auch ganz gut bekommen. Ich war nämlich damals vorzugsweise im Dekorationsfach beschäftigt, will ich Ihnen sagen.

Bolette kommt mit einem Schaukelstuhl heraus, den sie auf die Veranda stellt.

Bolette  spricht in das Gartenzimmer hinein: Hilde, – sieh einmal nach, ob Du den gestickten Fußschemel für Papa findest.

Lyngstrand  geht an den Fuß der Veranda und grüßt. Guten Morgen, Fräulein Wangel!

Bolette  am Geländer. Ei sieh da, – Sie sind es, Herr Lyngstrand? Guten Morgen. Entschuldigen Sie einen Augenblick, – ich will nur – geht in das Haus.

Ballested. Kennen Sie die Familie?

Lyngstrand. Nicht näher. Ich habe die Fräuleins nur ab und zu bei anderen Leuten getroffen. Und dann habe ich flüchtig mit der gnädigen Frau gesprochen, – neulich beim Konzert auf der »Aussicht«. Sie sagte, ich möchte sie doch einmal besuchen.

Ballested. Na, wissen Sie, – die Bekanntschaft sollten Sie kultivieren.

Lyngstrand. Ja, ich habe auch die Absicht, einen Besuch zu machen. Was man so eine Visite nennt. Hätte ich nur erst einen Anlaß –

Ballested. Ach was, – Anlaß–. Sieht links hinaus. Himmeldonnerwetter! Packt seine Sachen zusammen. Das Dampfboot ist schon an der Brücke vorn. Ich muß nach dem Hotel. Vielleicht hat einer von den Neuangekommenen Verwendung für mich. Ich bin nämlich auch als Haarschneider und Friseur tätig, müssen Sie wissen.

Lyngstrand. Sie, Sie sind wohl riesig vielseitig.

Ballested. An kleinen Orten muß man verstehen, sich in unterschiedlichen Fächern zu ak – akklimatisieren. Sollten Sie einmal irgend etwas nötig haben in der Haarbranche, – etwas Pomade oder dergleichen, so fragen Sie nur nach dem Tanzlehrer Ballested.

Lyngstrand. Tanzlehrer – ?

Ballested. Vorstand des »Bläserbunds«, wenn Sie wollen. Heut Abend haben wir Konzert auf der »Aussicht«. Adieu, – adieu! Er geht mit den Malgeräten durch die Stakettür und dann links ab.

Hilde kommt heraus mit dem Schemel. Bolette bringt mehr Blumen. Lyngstrand grüßt Hilde vom Garten herauf.

Hilde  am Geländer, ohne wiederzugrüßen. Bolette sagt, Sie hätten sich heut hereingetraut.

Lyngstrand. Ja, ich bin so frei gewesen, auf einen Moment einzutreten.

Hilde. Sie haben wohl gerade eine Morgenpromenade gemacht?

Lyngstrand. Ach nein, – aus dem Spaziergang ist heute nicht viel geworden.

Hilde. Sind Sie im Bad gewesen?

Lyngstrand. Ich war ein paar Augenblicke draußen im Wasser. Ich habe da unten Ihre Frau Mama gesehen. Sie ging in ihre Badezelle.

Hilde. Wer ging da hinein?

Lyngstrand. Ihre Frau Mama.

Hilde. Ach so, so. Sie stellt den Schemel vor den Schaukelstuhl.

Boletteals ob sie das Gespräch unterbrechen wollte. Haben Sie von Papas Boot etwas gesehen auf dem Fjord draußen?

Lyngstrand. Ja, mir war es, als hätte ich ein Segelboot landeinwärts steuern sehen.

Bolette. Das ist gewiß Papa gewesen. Er war draußen auf den Inseln, um Patienten zu besuchen. Sie macht sich, ordnend, am Tisch zu schaffen.

Lyngstrand  tut einen Schritt vorwärts auf der Verandatreppe. Nein, aber diese Blumenpracht hier –!

Bolette. Ja, sieht das nicht gut aus?

Lyngstrand. O, es sieht himmlisch aus. Es sieht aus, als wäre ein Festtag hier im Haus.

Hilde. Das ist es auch.

Lyngstrand. Habe ich mir es doch fast gedacht. Es ist sicher heut der Geburtstag Ihres Herrn Papa ?

Bolette  warnend zu Hilde. Hm – hm!

Hilde  ohne sich daran zu kehren. Nein, Mama ihrer.

Lyngstrand. So, – der Geburtstag Ihrer Frau Mama.

Bolette  leise, ärgerlich. Aber, Hilde –!

Hilde  ebenso. Laß mich in Ruh'! Zu Lyngstrand. Sie gehen wohl jetzt nach Hause frühstücken?

Lyngstrand  steigt von der Treppe hinab. Ja, ich müßte wohl bald ein bißchen was zu mir nehmen.

Hilde. Sie sind wohl da im Hotel recht gut aufgehoben?

Lyngstrand. Ich wohne nicht mehr im Hotel. Es wurde mir zu teuer.

Hilde. Wo wohnen Sie denn jetzt?

Lyngstrand. Jetzt wohne ich oben bei Madam Jensen.

Hilde. Bei was für einer Madam Jensen?

Lyngstrand. Der Hebamme.

Hilde. Pardon, Herr Lyngstrand, – aber ich habe wirklich mehr zu tun, als – Lyngstrand. Ach, ich hätte das gewiß nicht sagen sollen.

Hilde. Was denn?

Lyngstrand. Was ich eben gesagt habe.

Hilde  ungnädig; mißt ihn mit den Augen. Ich verstehe Sie ganz und gar nicht.

Lyngstrand. Nein, nein. Aber jetzt muß ich mich von den Damen bis auf weiteres verabschieden.

Bolette  geht an die Treppe heran. Adieu, adieu, Herr Lyngstrand! Sie müssen uns für heute schon entschuldigen –. Aber später einmal, – wenn Sie einmal ordentlich Zeit haben – und wenn Sie Lust haben, – da kommen Sie nur zu uns und sagen Sie Papa guten Tag und – uns anderen.

Lyngstrand. Ja, danke sehr. Das will ich herzlich gern tun. Er grüßt und geht durch die Gartentür ab. Indem er draußen auf dem Wege links vorbeigeht, grüßt er noch einmal zur Veranda hinauf.

Hilde  halblaut. Adieu, Mosjö! Und grüßen Sie Mutter Jensen recht schön von mir.

Bolette  leise, schüttelt sie am Arm. Hilde –! Du ungezogenes Ding! Du bist wohl nicht recht bei Trost? Wie leicht hätte er Dich hören können.

Hilde. I, – glaubst Du, daraus mache ich mir etwas!

Bolette  sieht rechts hinaus. Da kommt Papa.

Wangel im Reiseanzug und mit einem kleinen Reisesack in der Hand kommt auf dem Fußpfad rechts zum Vorschein.

Wangel. So, da bin ich wieder, Kinderchen!

Er tritt zur Stakettür ein.

Bolette  geht ihm unten im Garten entgegen. Ach, wie schön, daß Du da bist.

Hilde  geht gleichfalls zu ihm hinunter. Hast Du Dich jetzt für den ganzen Tag frei gemacht, Papa?

Wangel. Ach nein, ich muß später noch einmal einen Augenblick zum Bureau hinunter. – Sagt mal, – wißt Ihr, ob Arnholm angekommen ist?

Bolette. Ja, er ist vergangene Nacht gekommen. Wir haben nach dem Hotel hingeschickt.

Wangel. Gesehen habt Ihr ihn also noch nicht?

Bolette. Nein. Aber er wird sicher noch heut morgen herkommen.

Wangel. Ja, das tut er ganz sicher.

Hilde  zupft ihn. Papa, jetzt sieh Dich einmal um.

Wangel  sieht nach der Veranda. Ja, ich sehe schon, Kind. – Es ist ja recht festlich hier.

Bolette. Ja, nicht wahr, das haben wir hübsch arrangiert?

Wangel. Ja, das muß ich allerdings sagen. – Sind – sind wir allein zu Hause?

Hilde. Ja, sie ist aus, um –

Bolette  fällt rasch ein. Mama ist im Bad.

Wangel  sieht Bolette freundlich an und streichelt ihr den Kopf. Darauf sagt er ein wenig zaudernd: Nun hört mal, Ihr Mädchen, – soll das den ganzen Tag so bleiben? Und auch die Fahne soll den ganzen Tag gehißt sein?

Hilde. Na, das kannst Du Dir doch wohl denken, Papa!

Wangel. Hm, – jawohl. Aber seht mal –

Bolette  blinzelt und nickt ihm zu. Du kannst Dir doch denken, daß wir das alles dem Oberlehrer Arnholm zuliebe gemacht haben. Wenn so ein guter Freund das erste Mal kommt, Dich zu besuchen –

Hilde  lächelt und zupft ihn. Denk doch nur, Papa, – Bolettes alter Lehrer!

Wangel  mit einem halben Lächeln. Ihr beide seid mir ein paar rechte Racker –. Na, mein Gott, – schließlich ist es doch auch ganz natürlich, daß wir ihrer gedenken, die nicht mehr unter uns ist. Aber trotzdem. Da, Hilde! Gibt ihr den Reisesack. Er soll nach dem Bureau hinunter. – Nein, Kinder, – das gefällt mir nicht. Die Art und Weise nicht, wißt Ihr. Daß wir so jedes Jahr –. Na, – aber was soll man sagen! Es ist wohl nicht gut anders möglich!

Hilde  will mit dem Reisesack durch den Garten links gehen, bleibt aber stehen, dreht sich um und zeigt hinaus. Sieh mal den Herrn, der da kommt. Das ist sicher der Oberlehrer.

Bolette  sieht hin. Der da? Lacht. Nein, Du bist aber gut! Glaubst Du, der angejahrte Bursche, das ist Arnholm!

Wangel. Wart' mal, Kind. Ja, wahrhaftigen Gott, ich glaube, das ist er! – Ja, gewiß, das ist er!

Bolette  starrt hin, mit stillem Erstaunen. Ja, weiß Gott, ich glaube auch –!

Arnholm in elegantem Morgenanzug mit goldener Brille und einem dünnen Stock erscheint draußen auf dem Wege links. Er sieht etwas überarbeitet aus. Er blickt in den Garten hinein, grüßt freundlich und tritt durch die Stakettür ein.

Wangel  geht ihm entgegen. Willkommen, lieber Arnholm. Herzlich willkommen auf der alten Scholle!

Arnholm. Danke sehr, danke sehr, lieber Herr Doktor. Tausend Dank! Sie schütteln einander die Hände und gehen zusammen durch den Garten.

Arnholm. Und da sind auch die Kinder! Reicht ihnen die Hand und sieht sie an. Die beiden, die hätte ich kaum wiedererkannt.

Wangel. Ja, das glaube ich schon.

Arnholm. Na doch, – Bolette vielleicht doch. – Ja, Bolette würde ich schon wiedererkannt haben.

Wangel. Doch wohl kaum, meine ich. Es ist doch jetzt auch schon acht, – neun Jahre her, daß Sie sie zuletzt gesehen haben. Ach ja, hier hat sich wohl gar manches verändert in der Zeit.

Arnholm  sieht sich um. Das kann ich eigentlich nicht finden. Abgesehen davon, daß die Bäume noch ein gutes Stück gewachsen sind – und dann, daß da die Laube hingekommen ist –

Wangel. Ach nein, äußerlich –

Arnholm  lächelnd. Und dann natürlich: Sie haben jetzt zwei große heiratsfähige Töchter im Hause.

Wangel. Na, heiratsfähig ist doch wohl nur die eine.

Hilde  halblaut. Da höre mal einer den Papa!

Wangel. Aber jetzt, denke ich, setzen wir uns auf die Veranda. Da ist es kühler als hier. Bitte schön.

Arnholm. Danke sehr, danke sehr, lieber Doktor. Sie gehen hinauf. Wangel nötigt Arnholm im Schaukelstuhl Platz zu nehmen.

Wangel. So, – jetzt machen Sie sich es nur recht bequem und ruhen Sie sich aus. Es scheint wirklich, die Reise hat Sie etwas angestrengt.

Arnholm. O, das hat weiter nichts zu sagen. In dieser Umgebung hier –

Bolette  zu Wangel. Sollen wir nicht ein bißchen Sodawasser und Fruchtsaft ins Gartenzimmer bringen? Hier draußen wird es gewiß bald zu warm werden.

Wangel. Ja, tut das, Kinder. Bringt uns Sodawasser und Saft. Und vielleicht auch ein bißchen Cognac.

Bolette. Auch Cognac sollen wir –?

Wangel. Nur ein bißchen. Wenn jemand welchen haben will.

Bolette. Na ja. Hilde, bring Du den Reisesack nach dem Bureau hinunter. Bolette geht in das Gartenzimmer und schließt die Tür hinter sich. Hilde nimmt den Reisesack und geht durch den Garten hinter dem Hause links ab.

Arnholmder Bolette mit den Augen gefolgt ist. Das ist doch wirklich ein prächtiges –. Da sind Ihnen aber zwei prächtige Mädchen herangewachsen!

Wangel  setzt sich. Ja, finden Sie auch?

Arnholm. Ja, ich bin geradezu überrascht von Bolette. Und von Hilde auch. – Doch nun Sie selbst, lieber Doktor –. Wollen Sie denn Ihr ganzes Leben lang hier wohnen bleiben?

Wangel. Ach ja, das wird schon so kommen. Hier bin ich geboren, hier hat meine Wiege gestanden. Hier habe ich so unendlich glücklich mit ihr gelebt, die uns so früh verlassen hat. Mit der Frau, die Sie gekannt haben, von früher her, Arnholm.

Arnholm. Ja – ja.

Wangel. Und jetzt lebe ich hier so glücklich mit der Frau, die mir an ihrer Statt geworden ist. Ja, ich kann wohl sagen, im großen und ganzen ist das Schicksal mir hold gewesen.

Arnholm. Aber Kinder aus zweiter Ehe haben Sie nicht?

Wangel. Wir haben vor zwei, – zweieinhalb Jahren einen kleinen Jungen bekommen. Aber behalten haben wir ihn nicht lange. Er ist gestorben, als er vier, – fünf Monat alt war.

Arnholm. Ist Ihre Frau heut nicht zu Hause?

Wangel. Doch, – sie muß nun bald kommen. Sie ist hinunter, um zu baden. Das tut sie jeden lieben Tag, die ganze Zeit. Was für Wetter auch sein mag.

Arnholm. Fehlt ihr denn etwas?

Wangel. So eigentlich fehlen tut ihr nichts. Obgleich sie allerdings merkwürdig nervös in den letzten paar Jahren gewesen ist. Das heißt, ab und zu. Ich kann nicht recht klug daraus werden, was eigentlich mit ihr los ist. Aber ins Wasser zu gehen, sehen Sie, das ist so recht ihr Lebenselement.

Arnholm. Ich erinnere mich von früher her.

Wangel  mit einem kaum merkbaren Lächeln. Ja, Sie kennen Ellida ja von der Zeit, als Sie Lehrer waren in Skjoldviken draußen.

Arnholm. Versteht sich. Sie kam oft nach dem Pfarrhof zu Besuch. Und ich traf sie meistens auch, wenn ich im Leuchtturm war und bei ihrem Vater vorsprach.

Wangel. Die Zeit da draußen, können Sie glauben, hat tiefe Spuren in ihr zurückgelassen. Die Leute hier in der Stadt können das gar nicht begreifen. Sie nennen sie die »Frau vom Meere«.

Arnholm. Was Sie sagen!

Wangel. Ja. Und sehen Sie, darum –. Sprechen Sie doch mit ihr von den alten Zeiten, lieber Arnholm. Das wird ihr ungemein wohl tun.

Arnholm  sieht ihn zweifelnd an. Haben Sie denn einen Grund, das zu glauben?

Wangel. Ja, gewiß habe ich den.

Ellidas Stimme wird im Garten rechts vernehmbar.

Ellida. Du bist es, Wangel?

Wangel  steht auf. Ja, meine Liebe.

Ellida,  mit einem großen, leichten Umschlagtuche und mit nassem, über die Schultern ausgebreitetem Haar, kommt zwischen den Bäumen an der Laube hervor. Arnholm steht auf.

Wangel  lächelt und streckt ihr die Hände entgegen. Sieh, – da ist ja die Meerfrau!

Ellida  geht eilig nach der Veranda hinauf und ergreift seine Hände. Gott sei Dank, daß Du wieder da bist! Wann bist Du gekommen?

Wangel. Jetzt eben. Vor einer kleinen Weile. Zeigt auf Arnholm. Aber willst Du nicht einen alten Bekannten begrüßen –?

Ellida  gibt Arnholm die Hand. Da wären Sie also. Willkommen! Und entschuldigen Sie, daß ich nicht zu Hause war –

Arnholm. Aber ich bitte. Machen Sie nur keine Umstände –

Wangel. War das Wasser schön frisch heut?

Ellida. Frisch! Ach Gott, hier ist das Wasser nie frisch. So lau und so schlaff. Uh! Das Wasser ist krank hier drin in den Fjorden.

Arnholm. Krank?

Ellida. Ja, es ist krank. Und ich glaube, es macht einen auch krank.

Wangel  lächelt. Na, Du verstehst aber den Badeort zu empfehlen.

Arnholm. Ich glaube vielmehr, Sie, Frau Wangel, stehen in einem besonderen Verhältnis zum Meer und zu allem, was vom Meere ist.

Ellida. Ach ja, mag sein. Ich möchte es beinah selbst glauben. – Aber sehen Sie nur die festlichen Arrangements, die die Mädchen Ihnen zu Ehren getroffen haben?

Wangel  verlegen. Hm –. Sieht auf seine Uhr. Jetzt muß ich aber bald –

Arnholm. Wirklich mir zu Ehren –?

Ellida. Nun, das können Sie sich doch denken. Solchen Staat machen wir nicht alle Tage. – Uh, wie stickend heiß es hier unter dem Dach ist! Geht in den Garten hinunter. Kommen Sie hier herüber! Hier ist doch wenigstens etwas wie ein Luftzug. Sie setzt sich in die Laube.

Arnholm  geht dahin. Hier, finde ich, geht in der Tat ein ganz frisches Lüftchen.

Ellida. Ja, wer an die drückende Atmosphäre in der Hauptstadt gewöhnt ist, wie Sie. Da soll es ja im Sommer ganz entsetzlich sein, habe ich gehört.

Wangelder gleichfalls in den Garten hinunter gegangen ist. Hm, liebe Ellida, Du mußt jetzt unsern lieben Freund ein Weilchen allein unterhalten.

Ellida. Hast Du zu tun?

Wangel. Ja, ich muß nach dem Bureau hinunter. Und dann muß ich doch auch wohl ein bißchen Toilette machen. Aber ich bleibe nicht lange –

Arnholm setzt sich in die Laube. Beeilen Sie sich nur ja nicht, lieber Doktor. Ihre Frau und ich werden uns schon die Zeit zu vertreiben wissen.

Wangel  nickt. O ja, – daran zweifle ich nicht. Na also denn – auf Wiedersehen! Geht links durch den Garten ab.

Ellida  nach einer kleinen Pause. Finden Sie nicht, es sitzt sich gut hier?

Arnholm. Ich für mein Teil sitze gut.

Ellida. Das Lusthaus hier heißt mein Lusthaus. Denn ich habe es einrichten lassen. Oder vielmehr Wangel – mir zu Gefallen.

Arnholm. Und hier sitzen Sie also gewöhnlich?

Ellida. Ja, hier sitze ich den größten Teil des Tages.

Arnholm. Wohl mit den Mädchen.

Ellida. Nein, die Mädchen – die sind mehr auf der Veranda.

Arnholm. Und Wangel?

Ellida. Ach, Wangel geht so hin und her. Bald ist er hier bei mir und bald ist er drüben bei den Kindern.

Arnholm. Haben Sie das so haben wollen?

Ellida. Ich glaube, alle Teile befinden sich am wohlsten dabei. Wir können ja zueinander hinübersprechen – wenn wir dann und wann einmal finden, wir hätten uns etwas zu sagen.

Arnholm  ist eine Weile in Gedanken. Als ich zuletzt Ihre Wege kreuzte –. In Skjoldviken, meine ich –. Hm, – das ist nun schon lange her –.

Ellida. Es sind jetzt gut und gern zehn Jahre, daß Sie bei uns da draußen waren.

Arnholm. Ja, so ungefähr. Aber wenn ich Sie mir da in dem Leuchtturm vorstelle –! Die Heidin, wie Sie der alte Pfarrer nannte, weil Ihr Vater Sie auf einen Schiffsnamen hatte taufen lassen, wie er sagte, und nicht auf den Namen eines Christenmenschen –

Ellida. Nun, und – ?

Arnholm. Da hätte ich alles andere eher gedacht, als daß ich Sie hier als Frau Wangel wiederfinden würde.

Ellida. Damals war ja auch Wangel noch nicht –. Damals lebte doch noch die erste Mutter der Kinder. Ihre rechte Mutter –

Arnholm. Jawohl. Jawohl. Aber wenn das auch nicht der Fall gewesen wäre –. Wenn er auch frank und frei gewesen wäre, – so hätt' ich doch nie gedacht, daß es so kommen würde.

Ellida. Ich auch nicht. Nie und nimmermehr – damals.

Arnholm. Wangel ist ja so brav. So ehrenhaft. So herzensgut und freundlich gegen alle Menschen –

Ellida  warm und herzlich. Ja, das ist er wirklich!

Arnholm. – aber er muß doch himmelweit von Ihnen verschieden sein, meine ich.

Ellida. Da haben Sie recht. Das ist er auch.

Arnholm. Na, wie ist es denn aber gekommen? Wie ist es gekommen?

Ellida. Ach, lieber Arnholm, danach dürfen Sie mich nicht fragen. Ich würde es Ihnen doch nicht erklären können. Und selbst wenn ich es könnte, Sie wären doch niemals imstande, das Mindeste davon zu fassen und zu verstehen.

Arnholm. Hm – Etwas leiser. Haben Sie je Ihrem Mann etwas anvertraut von mir? Ich meine natürlich von dem vergeblichen Schritte, – zu dem ich mich einmal habe hinreißen lassen.

Ellida. Nein. Wie können Sie nur glauben! Nicht ein Wort habe ich ihm gesagt von – von dem, was Sie da andeuten.

Arnholm. Das freut mich. Denn ich fühlte mich etwas bedrückt bei dem Gedanken, daß –

Ellida. Das brauchen Sie gar nicht. Ich habe ihm nur gesagt, was ja auch wahr ist, daß ich Sie sehr gern hatte, und daß Sie mein treuster und bester Freund waren, den ich da draußen hatte.

Arnholm. Ich danke Ihnen. Aber, nun sagen Sie mir, – warum haben Sie mir nie geschrieben, seit ich weg war?

Ellida. Ich dachte, es würde Ihnen vielleicht wehe tun, von einer zu hören, die – die Ihnen nicht in der Weise entgegenkommen konnte, wie Sie's gewünscht hatten. Ich meinte, ich würde damit doch nur wieder alte Wunden aufreißen.

Arnholm. Hm –. Ja, ja, da hatten Sie vielleicht recht.

Ellida. Aber warum haben Sie niemals geschrieben?

Arnholm  sieht sie an und lächelt mit leichtem Vorwurf. Ich? Den Anfang machen? Vielleicht den Verdacht erwecken, ich wollte etwas Neues einleiten? Nach einem solchen Abfall, wie ich ihn erlitten hatte?

Ellida. Na ja, das verstehe ich auch ganz gut. – Haben Sie später nie an eine andere Verbindung gedacht?

Arnholm. Niemals. Ich bin meinen Erinnerungen treu geblieben.

Ellida  halb im Scherz. Ach was! Lassen Sie die alten tristen Erinnerungen ruhen. Ich finde, Sie sollten wirklich lieber daran denken, ein glücklicher Ehemann zu werden.

Arnholm. Das müßte dann aber bald geschehen, Frau Wangel. Vergessen Sie nicht: ich habe wahrhaftig – zu meiner Schande sei es gesagt – schon die Siebenunddreißig hinter mir.

Ellida. Nun ja, um so mehr Grund, sich zu beeilen. Schweigt ein Weilchen, dann sagt sie ernst und mit gedämpfter Stimme: Nun hören Sie einmal zu, lieber Arnholm, – jetzt will ich Ihnen etwas sagen, was ich damals nicht über die Lippen gebracht hätte, und wenn es mir das Leben gekostet hätte.

Arnholm. Was denn?

Ellida. Als Sie, wie Sie eben sagten, – den vergeblichen Schritt taten, – da konnte ich Ihnen nicht anders antworten, als ich getan habe.

Arnholm. Ich weiß. Sie hatten mir nichts anderes zu bieten als gute Freundschaft. Ich weiß das ja.

Ellida. Aber Sie wissen nicht, daß mein ganzes Sinnen und Trachten damals anderswohin gerichtet war.

Arnholm. Damals!

Ellida. Ja doch.

Arnholm. Aber das ist ja unmöglich! Sie irren sich in der Zeit! Ich glaube, damals haben Sie Wangel kaum gekannt.

Ellida. Ich rede nicht von Wangel.

Arnholm. Nicht von Wangel? Aber zu der Zeit, – in Skjoldviken –. Ich kann mich auch nicht eines Menschen da draußen erinnern, mit dem ich Sie mir auch hätte verlobt denken können.

Ellida. Ja, ja, – das glaube ich schon. Es war ja auch alles so toll, – rein um den Verstand zu verlieren.

Arnholm. Aber so lassen Sie mich doch Näheres davon hören!

Ellida. Ach, es genügt ja, wenn Sie wissen, daß ich damals gebunden war. Und das wissen Sie ja nun.

Arnholm. Und wenn Sie nun damals nicht gebunden gewesen wären?

Ellida. Was dann?

Arnholm. Wäre Ihre Antwort auf meinen Brief dann anders ausgefallen?

Ellida. Wie kann ich das wissen? Als Wangel kam, da fiel die Antwort ja doch anders aus.

Arnholm. Was hat es dann für einen Zweck, daß Sie mir erzählen, Sie wären gebunden gewesen?

Ellida  steht auf in einer Art Angst und Unruhe. Weil ich einen haben muß, dem ich mich anvertrauen kann. Nein, nein, bleiben Sie nur sitzen.

Arnholm. Ihr Mann weiß also nichts von der Sache?

Ellida. Ich habe ihm gleich im Anfang bekannt, daß mir der Sinn einmal wo andershin gestanden hatte. Mehr hat er nicht zu wissen verlangt. Und wir haben das später nie berührt. Es war ja auch im Grunde nichts andres als Wahnsinn. Und dann war es ja auch gleich wieder zu Ende. Ja, das heißt – in gewisser Beziehung.

Arnholm  steht auf. Nur in gewisser Beziehung? Nicht ganz!

Ellida. Doch, doch, gewiß! Ach Gott, es ist gar nicht so, wie Sie denken, lieber Arnholm. Es ist etwas ganz Unbegreifliches. Ich weiß nicht, wie ich es erzählen soll. Sie würden nur glauben, ich wäre krank gewesen. Oder ich wäre ganz von Sinnen gewesen.

Arnholm. Aber beste Frau Wangel, – jetzt müssen und sollen Sie sich wirklich ganz aussprechen.

Ellida. Nun denn! Ich will es versuchen. Wie können Sie als vernünftiger Mann sich's erklären, daß – sieht hinaus und bricht ab. Warten Sie bis nachher. Da kommt Besuch.

Lyngstrand  kommt auf dem Wege von links zum Vorschein und tritt in den Garten. Er hat eine Blume im Knopfloch und trägt ein großes schönes Bukett, mit Papier und Seidenband umwickelt. Er bleibt ein wenig zögernd und unentschlossen an der Veranda stehen.

Ellida  tritt aus der Laube hervor. Sie suchen wohl die Mädchen, Herr Lyngstrand?

Lyngstrand  wendet sich um. Ah, die gnädige Frau sind da. Grüßt und tritt näher. Nein, das nicht. Ich suche nicht die jungen Damen. Sie selbst suche ich, Frau Wangel. Sie haben mir doch gestattet, Sie zu besuchen –

Ellida. Ja, gewiß habe ich das. Sie sind uns immer willkommen.

Lyngstrand. Vielen Dank. Und da es sich so glücklich trifft, daß heute gerade eine Festlichkeit hier im Hause ist –

Ellida. So, das wissen Sie?

Lyngstrand. Jaha. Und darum möchte ich so frei sein, der gnädigen Frau das da zu überreichen – Er verneigt sich und präsentiert das Bukett.

Ellida  lächelt. Aber, bester Herr Lyngstrand, wäre es nicht richtiger, Sie übergäben Ihre schönen Blumen dem Herrn Oberlehrer Arnholm selbst? Denn eigentlich ist er es doch, der –

Lyngstrand  sieht die beiden unsicher an. Verzeihen Sie, – aber ich kenne den fremden Herrn nicht. Es ist nur –. Ich komme aus Anlaß des Geburtstages, gnädige Frau.

Ellida. Des Geburtstages? Da haben Sie sich geirrt, Herr Lyngstrand. Es ist kein Geburtstag heut hier im Hause.

Lyngstrand  lächelt verschmitzt. O, ich weiß schon. Aber ich glaubte nicht, es sollte geheim sein.

Ellida. Was wissen Sie denn?

Lyngstrand. Daß der gnädigen Frau ihr Ge – ihr Wiegenfest ist.

Ellida. Meins?

Arnholm  sieht sie fragend an. Heute? Nein, sicher nicht, nein.

Ellida  zu Lyngstrand. Wie kommen Sie denn darauf?

Lyngstrand. Fräulein Hilde, die hat es verraten. Ich war vorhin schon ein Weilchen hier. Und da habe ich die jungen Damen gefragt, wozu dieser reiche Blumenschmuck und das Flaggen wäre –

Ellida. Nun ja, und – ?

Lyngstrand. – und da antwortete Fräulein Hilde: es ist ja heut Mamas – Wiegenfest.

Ellida. Mamas –! Ach so.

Arnholm. Aha! Er und Ellida blicken sich verständnisvoll an. Ja, wenn der junge Mann es also weiß, Frau Wangel –

Ellida  zu Lyngstrand. Ja, wenn Sie es nun einmal wissen, so –

Lyngstrand  präsentiert wieder das Bukett. Darf ich mir also erlauben, zu gratulieren –

Ellida  nimmt die Blumen. Ich danke Ihnen recht schön. – Wollen Sie nicht einen Augenblick Platz nehmen, Herr Lyngstrand? Ellida, Arnholm und Lyngstrand nehmen in der Laube Platz. Die Sache – mit meinem Geburtstag – die hätte ein Geheimnis bleiben sollen, Herr Oberlehrer.

Arnholm. Ich verstehe schon. Es sollte nicht für uns Uneingeweihte sein.

Ellida  legt das Bukett auf den Tisch. Ja eben. Nicht für die Uneingeweihten.

Lyngstrand. Ich werde es wahrhaftig keiner Menschenseele sagen.

Ellida. O, so ist es nun nicht gemeint. – Aber – wie geht es Ihnen denn? Ich finde, Sie sehen jetzt besser aus als früher.

Lyngstrand. Ja, es geht mir ganz leidlich, glaube ich. Und dann nächstes Jahr, wenn ich vielleicht nach dem Süden reisen kann –

Ellida. Und das werden Sie ja doch, wie die Mädchen sagen.

Lyngstrand. Ja, denn ich habe doch einen Wohltäter in Bergen, der mich unterstützt. Und der hat mir versprochen, er wird mir nächstes Jahr helfen.

Ellida. Wie sind Sie denn zu dem gekommen?

Lyngstrand. Ach, das traf sich riesig glücklich. Ich bin nämlich einmal auf See gewesen mit einem von seinen Schiffen.

Ellida. So? Sie wollten also damals gern zur See?

Lyngstrand. Nein, ganz und gar nicht. Aber als Mutter gestorben war, da wollte Vater nicht, daß ich mich länger zu Hause herumtriebe. Und so schickte er mich auf See. Da hatten wir Schiffbruch im Kanal auf der Heimfahrt. Und das war doch gut für mich.

Arnholm. Wieso meinen Sie?

Lyngstrand. Na, bei dem Schiffbruch eben kriegte ich meinen Knax. Diese Geschichte hier auf der Brust. Ich lag so lange in dem eiskalten Wasser, bis sie gekommen sind und mich geborgen haben. Und da mußte ich doch die See aufgeben. – Ja, das war wirklich ein großes Glück.

Arnholm. So? Finden Sie das?

Lyngstrand. Ja. Denn der Knax ist ja weiter nicht gefährlich. Und nun kann ich doch Bildhauer werden, was ich so von Herzen gern wollte. Denken Sie nur – in dem wunderbaren Ton zu modellieren, der sich so fein unter den Fingern fügt!

Ellida. Und was wollen Sie denn modellieren? Meermänner oder Meerweiber? Oder gar alte Wikinger – ?

Lyngstrand. Nein, so was wird es wohl nicht werden. Sobald es nur angeht, will ich versuchen, ein großes Werk zu machen. Eine Gruppe, wie man so sagt.

Ellida. Nun ja, – aber was soll denn die Gruppe vorstellen ?

Lyngstrand. Ach, das sollte etwas sein, was ich selbst erlebt habe.

Arnholm. Ja, ja, – halten Sie sich nur daran.

Ellida. Aber was soll es denn sein?

Lyngstrand. Ja, ich hatte mir so gedacht, es sollte ein junges Seemannsweib sein, das daliegt und merkwürdig unruhig schläft. Und träumen tut sie auch. Ich glaube wohl, ich werde es so herauskriegen, daß man es ihr ansehen kann, wie sie träumt.

Arnholm. Soll das alles sein?

Lyngstrand. Nein, es soll noch eine Figur mit dabei sein. Was man so eine Erscheinung nennt. Das soll ihr Mann sein, dem sie die Treue gebrochen hat, während er weg war. Und der ist im Meer ertrunken.

Arnholm. Wie, sagen Sie – ?

Ellida. Er ist ertrunken?

Lyngstrand. Ja. Er ist ertrunken auf der Seereise. Aber nun ist das Seltsame das, daß er gleichwohl heimgekommen ist. Bei nachtschlafender Zeit. Und nun steht er da vor dem Bett und sieht sie an. Er soll dastehen so von Nässe triefend, wie einer, den man aus dem Wasser gezogen hat.

Ellida  lehnt sich im Stuhle zurück. Was für eine wunderliche Sache! Schließt die Augen. O, ich kann es leibhaftig vor mir sehen.

Arnholm. Aber um alles in der Welt, Herr – Herr –! Sie haben doch gesagt, es sollte was sein, das Sie erlebt hätten.

Lyngstrand. Jaha, – das habe ich auch erlebt. Das heißt: in gewisser Beziehung.

Arnholm. Erlebt, daß ein Toter – ?

Lyngstrand. Na ja, ich meine doch nicht: so unmittelbar erlebt. Nicht äußerlich erlebt, versteht sich. Aber doch so –

Ellida  lebhaft, gespannt. Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen und erzählen können. In diese Sache muß ich vollen Einblick haben.

Arnholm  lächelnd. Ja, das muß so recht etwas für Sie sein. So etwas mit Meeresstimmung.

Ellida. Also wie war es, Herr Lyngstrand?

Lyngstrand. Ja, das war so. Damals, wie wir mit der Brigg nach Hause wollten, von einer Stadt, die Halifax heißt, da mußten wir den Bootsmann dort im Krankenhaus zurücklassen. Wir musterten dann für ihn einen Amerikaner an. Dieser neue Bootsmann –

Ellida. Der Amerikaner?

Lyngstrand. – ja; der lieh sich eines Tages vom Kapitän einen Stoß alter Zeitungen, und darin las er nun immerzu. Denn er wollte Norwegisch lernen, sagte er.

Ellida. Nun? Und – ?

Lyngstrand. Da war es mal abends bei einem gewaltigen Wetter. Alle Mann waren auf Deck. Ausgenommen der Bootsmann und ich. Er hatte sich nämlich den einen Fuß verstaucht, so daß er damit nicht auftreten konnte. Und ich war auch nicht so recht auf den Beinen und lag in der Koje. Na, da saß er nun da in der Back und las wieder in einem von den alten Blättern –

Ellida. Jawohl! Jawohl!

Lyngstrand. Aber wie er mitten im besten Lesen ist, da höre ich, wie er auf einmal ein Gebrüll ausstößt. Und wie ich ihn dann ansehe, da sehe ich, daß er kreideweiß im Gesicht ist. Und da fängt er an, das Blatt zu zerknittern und zu zerknüllen und es in tausend kleine Fetzen zu zerreißen. Aber das tat er still, so ganz still.

Ellida. Hat er denn gar nichts gesagt? Hat er nicht gesprochen?

Lyngstrand. Nicht gleich. Aber nach einer Weile sagte er zu sich selbst: Verheiratet. Mit einem andern. Während ich fort war.

Ellida  schließt die Augen und sagt halb leise: Hat er das gesagt ?

Lyngstrand. Ja. Und denken Sie bloß, – das hat er auf gut norwegisch gesagt. Dem muß es riesig leicht geworden sein, fremde Sprachen zu lernen, dem Mann.

Ellida. Und was dann ? Was geschah dann weiter ?

Lyngstrand. Ja, nun kommt das Merkwürdige, was ich nie im Leben vergessen werde. Denn er setzte hinzu, – und auch das ganz leise: Aber mein ist sie und mein soll sie bleiben. Und mir soll sie folgen, und sollt' ich auch heimkommen und sie holen als ein Ertrunkener aus der schwarzen See.

Ellida  gießt sich ein Glas Wasser ein. Ihre Hand zittert. Ah, – wie schwül es heute hier ist –

Lyngstrand. Und das sagte er mit einer solchen Kraft des Willens, daß ich mir dachte, er müßte imstande sein, es auch auszuführen.

Ellida. Wissen Sie nicht, – was aus dem Mann geworden ist?

Lyngstrand. Ach, gnädige Frau, er ist gewiß nicht mehr am Leben.

Ellida  schnell. Warum glauben Sie das?

Lyngstrand. Ja, weil wir ja doch Schiffbruch gelitten haben hernach im Kanal. Ich hatte mich ins große Boot hinunter gerettet mit dem Kapitän und fünf anderen. Der Steuermann ging in die Heckjolle. Und dadrin war auch der Amerikaner und noch ein Mann.

Ellida. Und von denen hat man später nichts mehr gehört?

Lyngstrand. Nein, gnädige Frau, nicht das allergeringste. Mein Wohltäter hat es mir neulich noch in einem Brief geschrieben. Aber eben darum habe ich so riesige Lust bekommen, ein Kunstwerk draus zu machen. Die treulose Seemannsfrau sehe ich leibhaftig vor mir. Und dann den Rächer, der ertrunken ist und doch heimkehrt von der See. Ich sehe sie alle beide ganz deutlich vor mir.

Ellida. Ich auch. Steht auf. Kommen Sie, – wir wollen hinein. Oder lieber hinunter zu Wangel! Ich finde es hier so stickend schwül. Sie verläßt die Laube.

Lyngstrand,  der ebenfalls aufgestanden ist. Ich für mein Teil muß wohl danken. Es sollte nur ein kurzer Besuch sein aus Anlaß des Wiegenfestes.

Ellida. Na, wie Sie wollen. Reicht ihm die Hand. Adieu, und schönen Dank für die Blumen.

Lyngstrand  grüßt und geht durch die Stakettür links ab.

Arnholm  steht auf und geht zu Ellida hin. Ich sehe schon, es ist Ihnen sehr zu Herzen gegangen, liebe Frau Wangel.

Ellida. Ach ja, das können Sie schon sagen, obgleich –

Arnholm. Aber im Grunde mußten Sie ja doch wohl darauf vorbereitet sein.

Ellida  sieht ihn, stutzig geworden, an. Vorbereitet sein?

Arnholm. Ja, das finde ich.

Ellida. Darauf vorbereitet, daß einer wiederkommen könnte –! Wiederkommen könnte auf solche Art?

Arnholm. Aber was in aller Welt –! Die Schiffergeschichte des verdrehten Bildhauers ist es, die –?

Ellida. Ach, lieber Arnholm, er ist vielleicht doch nicht so verdreht.

Arnholm. Also das Geschwätz von dem Toten, das hat Sie so erschüttert? Und ich, ich habe geglaubt, –

Ellida. Was haben Sie geglaubt?

Arnholm. Ich habe natürlich geglaubt, es wäre nur Komödie von Ihnen. Sie säßen da und litten Qualen, weil Sie dahinter gekommen sind, daß hier im Hause hinter Ihrem Rücken ein Familienfest gefeiert wird. Daß Ihr Mann und seine Kinder ein Leben der Erinnerung führten, an dem Sie nicht teil haben.

Ellida. Ach nein, nein. Das mag sein, wie es will. Ich habe kein Recht, meinen Mann ganz und allein für mich zu beanspruchen.

Arnholm. Ich dächte doch, das hätten Sie.

Ellida. Ja. Aber ich habe es doch nicht. Das ist es ja eben. Ich selbst lebe ja auch in etwas, – was den anderen verschlossen ist.

Arnholm. Sie! Leiser. Ist es so zu verstehen –? Sie – Sie haben eigentlich Ihren Mann nicht lieb?

Ellida. O doch, doch, von ganzem Herzen habe ich ihn lieb gewonnen! Und eben darum ist es so entsetzlich, – so unerklärlich, so ganz undenkbar –!

Arnholm. Nun müssen Sie mir aber Ihre Sorgen ohne jeden Vorbehalt anvertrauen! Wollen Sie, Frau Wangel?

Ellida. Ich kann nicht, lieber Freund. Wenigstens jetzt nicht. Vielleicht später einmal.

Bolette erscheint auf der Veranda und geht in den Garten hinunter.

Bolette. Jetzt kommt Papa vom Bureau. Wollen wir uns da nicht alle zusammen ins Gartenzimmer setzen?

Ellida. Ja, das wollen wir.

Wangel,  in anderm Anzuge, kommt mit Hilde links hinter dem Hause zum Vorschein.

Wangel. So! Da bin ich, – ein franker, freier Mann. Nun wollen wir uns aber auch einen guten kühlen Trunk leisten, und der soll schmecken!

Ellida. Wart' einmal. Sie geht in die Laube hinein und holt das Bukett.

Hilde. Ei sieh mal! Die wunderbaren Blumen! Wo hast Du die her?

Ellida. Die habe ich vom Bildhauer Lyngstrand, meine liebe Hilde.

Hilde  stutzt. Von Lyngstrand?

Bolette  unruhig. Ist Lyngstrand hier gewesen – schon wieder?

Ellida  mit einem halben Lächeln. Ja. Er war da und hat das gebracht. Weil Geburtstag ist, weißt Du.

Bolette  sieht Hilde verstohlen an. Oh –!

Hilde  murmelnd. Das Rindvieh!

Wangel  in peinlicher Verlegenheit zu Ellida. Hm –. Ja, sieh mal –. Ich muß Dir sagen, meine liebe, gute, einzige Ellida –

Ellida  abbrechend. So kommt, Ihr Kinder! Wir wollen meine Blumen mit den andern zusammen ins Wasser tun. Sie geht auf die Veranda hinauf.

Bolette  leise zu Hilde. Ach, im Grunde ist sie doch lieb!

Hilde  halblaut, mit bösem Ausdruck. Affereien! Sie tut nur so, um Papa zu gefallen.

Wangel  oben auf der Veranda, drückt Ellida die Hand. Dank – Dank! Herzlichen Dank, Ellida!

Ellida  macht sich bei den Blumen zu schaffen. Ach was, – sollte ich etwa nicht mittun, wenn man – Mamas Geburtstag feiert?

Arnholm. Hm –.

Er geht hinauf zu Wangel und Ellida. Bolette und Hilde bleiben unten im Garten.

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