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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 99
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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4. Umwandlung des häuslichen Lebens

Wie in der Küche, so wird die Revolution im gesamten häuslichen Leben sich vollziehen und zahllose Arbeiten erübrigen, die heute noch ausgeführt werden müssen. Wie künftig durch die Zentralnahrungsbereitungsanstalten in vollkommenster Weise die häusliche Küche überflüssig gemacht wird, so fallen durch die Zentralheizung, die elektrische Zentralbeleuchtung alle Arbeiten, die bisher die Instandhaltung der Feuerung in den Öfen, die Instandhaltung der Lampen und Beleuchtungsapparate erforderten, weg. Die Warmwasserleitung neben der Kaltwasserleitung ermöglicht einem jeden Waschungen und Bäder in beliebiger Weise, ohne Zuziehung einer Hilfsperson. Die Zentralwaschanstalten und Zentraltrockeneinrichtungen übernehmen die Reinigung und das Trocknen der Wäsche; die Zentralreinigungsanstalten die Reinigung der Kleider und Teppiche. In Chicago waren Teppichreinigungsmaschinen ausgestellt, die die Reinigung in kürzester Zeit, zum Staunen und zur Bewunderung der die Ausstellung besuchenden Damen vollzogen. Die elektrische Tür öffnet sich auf einen leisen Druck mit dem Finger und schließt sich selbständig. Elektrische Einrichtungen schaffen Briefe und Zeitungen in alle Etagen der Häuser; elektrische Aufzüge ersparen das Treppensteigen. Man wird die innere Ausstattung der Häuser, der Fußböden, der Wandbekleidungen, der Möbel daraufhin einrichten, daß alles sich auf die leichteste Weise reinigen läßt, und keine Staub- und Bakteriensammler sich bilden. Kehricht und Abfälle aller Art werden ähnlich wie das benützte Wasser durch Leitungen aus den Wohnungen befördert (Müllschlucker). In den Vereinigten Staaten, in manchen europäischen Städten, zum Beispiel in Zürich, Berlin und seinen Vororten, London, Wien, München, gibt es bereits solche mit allem Raffinement eingerichtete Häuser, in denen zahlreiche, wohlsituierte Familien – andere können die Kosten nicht tragen – wohnen und einen großen Teil der geschilderten Vorteile genießen Von 2.521 im Jahre 1908 in Wilmersdorf entstandenen Wohnungen hatten:

Zentralheizung 1.001 oder 39,71 Prozent
Warmwasserversorgung 1.373 oder 54,46 Prozent
Elektrisches Licht 1.288 oder 51,09 Prozent
Badezimmer 2.063 oder 81,83 Prozent
Fahrstuhl 699 oder 27,73 Prozent
Staubsauger 304 oder 12,06 Prozent

Gas gab es in sämtlichen Wohnungen.

In und um Berlin bestehen auch bereits mehrere große Einküchenhäuser. Hier wird in der gemeinsamen Küche das Essen für sämtliche Hausbewohner hergestellt. So trägt die bürgerliche Gesellschaft bereits auf allen Gebieten die Keime für die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft in sich: »Die Gartenstadt der Zukunft wird neben dem Gemeindehaus mit der Gas-, Elektrizitäts- und Heizungszentrale, den Schulen und Versammlungsräumen auch die Zentralküche der ganzen Gemeinde aufzuweisen haben. Unmöglich ist dann nicht, daß die Gänge, in denen die Lichtkabel und die Heizröhren liegen, zu rechteckigen Schächten erweitert werden, in denen das Essen auf automatischen kleinen Wagen, ähnlich wie die geplanten elektrischen unterirdischen Briefposten zwischen den Hauptämtern in den Großstädten, direkt auf telefonischen Anruf in die Wohnungen befördert wird. Das ist weit weniger schwierig und weit leichter erreichbar als die vor kurzem noch so utopisch erscheinende Lösung des Flugproblems.« E. Lilienthal. Reform der Hausarbeit. Dokumente des Fortschritts, Heft 9. 1909.

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Wir haben hier abermals den Beweis, wie die bürgerliche Gesellschaft auch der Revolutionierung der häuslichen Lebensweise die Wege bahnt, aber nur für ihre Auserwählten. Wird aber in der angedeuteten Weise das häusliche Leben von Grund aus umgestaltet, so ist der Dienstbote, dieser »Sklave für alle Launen der Herrin«, verschwunden. Aber auch die Dame. »Ohne Dienstboten keine Kultur«, ruft Herr v. Treitschke mit komischem Pathos entsetzt aus. Er kann sich die Gesellschaft so wenig ohne Dienstboten vorstellen, wie Aristoteles sie sich ohne Sklaven vorstellen konnte. Überraschend ist, daß Herr v. Treitschke unsere Dienstboten »als Träger unserer Kultur« ansieht. Treitschke wie Eugen Richter machen auch das Stiefelwichsen und Kleiderreinigen Sorge, das doch unmöglich jeder sich selbst besorgen könne. Nun, in neun Zehntel der Fälle besorgt sich das allerdings heute jeder selbst, oder es besorgt es die Frau für den Mann, oder eine Tochter oder ein Sohn für die Familie, und man könnte antworten, was bisher die neun Zehntel taten, kann das letzte Zehntel auch tun. Es gäbe auch noch einen anderen Ausweg. Warum sollte künftig nicht die Jugend ohne Unterschied des Geschlechts zu solchen und ähnlichen notwendigen Verrichtungen herangezogen werden? Arbeit schändet nicht, auch wenn sie im Stiefelwichsen besteht, das hat schon mancher altadelige Offizier erfahren, der Schulden halber nach den Vereinigten Staaten durchbrannte und dort Hausknecht oder Stiefelputzer wurde. Herr Eugen Richter läßt sogar in einer seiner Broschüren an der Stiefelputzfrage den »sozialistischen Reichskanzler« stürzen und den »sozialistischen Zukunftsstaat« aus dem Leim gehen. Der »sozialistische Reichskanzler« weigert sich nämlich, die Stiefel sich selbst zu putzen und das ist sein Unglück. Die Gegner haben sich an dieser Schilderung weidlich ergötzt und damit nur Zeugnis abgelegt von der Bescheidenheit ihrer Ansprüche an eine Kritik des Sozialismus. Herr Eugen Richter mußte den Schmerz noch erleben, daß nicht nur einer seiner eigenen Parteigenossen in Nürnberg bald nach Herausgabe seiner Broschüre eine Stiefelwichsmaschine erfand, sondern daß auch 1893 auf der Chicagoer Weltausstellung eine elektrische Stiefelwichsmaschine ausgestellt war, die dieses Geschäft in der vollkommensten Weise besorgte. So ist der Haupteinwurf, den Richter und Treitschke gegen die sozialistische Gesellschaft erhoben, durch eine Erfindung, die sogar in der bürgerlichen Gesellschaft gemacht wurde, praktisch über den Haufen geworfen worden.

Die revolutionäre Umgestaltung, die alle Lebensbeziehungen der Menschen von Grund aus ändert und insbesondere auch die Stellung der Frau verändert, vollzieht sich also bereits vor unseren Augen. Es ist nur eine Frage der Zeit, daß die Gesellschaft diese Umgestaltung in größtem Maßstab in die Hand nimmt, und den Umwandlungsprozeß beschleunigt und verallgemeinert und damit alle ohne Ausnahme an seinen zahllosen vielgestaltigen Vorteilen teilnehmen läßt.

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