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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 97
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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2. Umwandlung der Ernährung

Zum Leben gehört in erster Linie Essen und Trinken. Freunde der sogenannten »naturgemäßen Lebensweise« fragen öfter, warum sich die Sozialdemokratie dem Vegetarianismus gegenüber gleichgültig verhalte. Nun, jeder lebt wie er mag. Der Vegetarianismus, das heißt die Lehre, sich von Pflanzenkost zu nähren, fand zunächst in solchen Kreisen Boden, die in der angenehmen Lage sind, zwischen vegetabilischer und animalischer Kost wählen zu können. Für die sehr große Mehrheit der Menschheit existiert aber diese Wahl nicht, sie ist gezwungen, nach ihren Mitteln zu leben, deren Dürftigkeit sie fast ausschließlich auf vegetabilische Kost hinweist, oft auf die wenigst nahrhafteste. Für unsere Arbeiterbevölkerung in Schlesien, Sachsen, Thüringen usw. ist die Kartoffel die Hauptnahrung, sogar Brot kommt erst in zweiter Linie; Fleisch, und nur solches schlechtester Qualität, erscheint selten auf dem Tische. Auch hat der größte Teil der Landbevölkerung, obgleich sie das Vieh züchtet, selten Fleischnahrung, sie muß das Vieh verkaufen, um mit dem gewonnenen Gelde andere Bedürfnisse befriedigen zu können.

Für diese zahlreichen Menschen, die gezwungen als Vegetarianer leben, wäre zeitweilig ein solides Beefsteak, eine gute Hammelkeule entschieden eine Verbesserung ihrer Nahrung Daß dem tatsächlich so ist, bestätigen Ernährungsversuche, über die neuerdings zwei italienische Forscher berichten. Es wurde der Stoffwechsel einer Bevölkerung untersucht, welche seit alten Zeiten ausschließlich von vegetabilischer Nahrung lebt. Eine solche ländliche Bevölkerung, die in erbärmlichen ökonomischen Verhältnissen lebt, findet sich im Süden Italiens, in den Abruzzen. Ihre Nahrung besteht aus Maismehl, Gemüse und Olivenöl. Sie genießen keine Milch, Käse, Eier. Fleisch kommt nur drei- bis viermal im Jahre auf ihren Tisch. Es wurde nun versuchsweise Fleisch zu ihrer Kost gefügt, und zwar wurden 15 Tage lang jeder Person 100 Gramm Fleisch und während weiterer 15 Tage 200 Gramm Fleisch gegeben. Es zeigt sich nun, »daß die Assimilationsprozesse – also die Aufnahme der Nahrung im Darmkanal – sich erheblich günstiger gestalteten. Die zuvor ungemein großen Verluste an Nahrungsstoffen, die den Körper ungenutzt verließen, verminderten sich auf ein ganz geringes Maß. Nicht nur das neu zugefügte tierische Eiweiß wurde vollkommen aufgenommen, sondern auch die mitgenossene vegetabilische Nahrung wurde viel vollkommener als zuvor ausgenutzt. Dies ist um so bemerkenswerter, als sie schlecht verdaulich war, fast ausschließlich von Mais herrührte, der viel Zellulose erhält.« Dr. med. A. Lipschütz, Eine Reform unserer Ernährung? »Neue Zeit«, 27. Jahrgang, 1. Band, S. 915. . Wendet der Vegetarianismus sich gegen die Überschätzung des Nährgehaltes der Fleischnahrung, so hat er recht; er hat unrecht, wenn er aus meist sehr sentimentalen Gründen dessen Genuß als verderblich und verhängnisvoll bekämpft. Zum Beispiel deshalb, weil das natürliche Gefühl verbiete, Tiere zu töten und von einer »Leiche« zu essen. Nun, der Wunsch, angenehm und ungestört zu leben, zwingt uns, einer großen Zahl von Lebewesen in Gestalt von Ungeziefer aller Art den Krieg zu erklären und sie zu vernichten, und um nicht selbst verzehrt zu werden, müssen wir die Tötung und Ausrottung wilder Bestien vornehmen. Das ungehinderte Lebenlassen der »guten Freunde der Menschen«, der Haustiere, würde in einigen Jahrzehnten diese »guten Freunde« so vermehren, daß sie uns »auffräßen«, indem sie uns der Nahrung beraubten. Auch ist die Behauptung, daß vegetabilische Kost milde Gesinnung gebe, falsch. Im sanftmütigen, pflanzenessenden Inder erwachte auch die »Bestie«, als ihn die Härte des Engländers zur Empörung trieb.

Der Nährwert eines Nahrungsmittels in bezug auf Eiweiß ist nicht nur nach seinem Gehalt an demselben zu beurteilen. Man muß noch in Betracht ziehen, welch ein Anteil des mit dem betreffenden Nahrungsmittel aufgenommenen Eiweiß unverdaut bleibt. Vom diesem Gesichtspunkt aus stehen sich zum Beispiel Fleisch und Reis respektive Kartoffeln in bezug auf Eiweiß gegenüber wie 2,5 und 20 respektive 22, das heißt von 100 Gramm mit Fleisch aufgenommenem Eiweiß erscheinen 2,5 Gramm im Kote wieder, von 100 Gramm mit Reis respektive Kartoffeln aufgenommenem Eiweiß 20 respektive 22 Gramm. Der berühmte russische Physiologe Pawlow und seine Schule haben gezeigt, daß bei der Verdauung von Brot bedeutend mehr Ferment ausgeschieden wird als bei der Verdauung von Fleisch. Pawlow hat ferner gezeigt, daß die aus den Magendrüsen sich ergießenden Verdauungssäfte in quanitativer Beziehung aus zwei Größen bestehen: der Magensaft ergießt sich einesteils auf Reizung der Magenschleimhaut durch die betreffenden Nahrungsmittel und andererseits als »Appetitsaft« auf Reizung der Sinnesorgane durch die Nahrungsmittel. Die Menge des Appetitsaftes ist abhängig einmal von dem jeweiligen Zustand unserer Psyche, zum Beispiel Hunger, Kummer, Ärger, Freude usw., und dann von der Natur des betreffenden Nahrungsmittels. Aber die Bedeutung des Appetitsaftes für die Verdauung fällt bei den einzelnen Nahrungsmitteln verschieden schwer ins Gewicht. Manche Nahrungsmittel, wie zum Beispiel Brot, gekochtes Hühnereiweiß oder reine Stärke können, wie das Experiment unmittelbar gezeigt hat, überhaupt gar nicht verdaut werden, wenn ihre Verdauung nicht durch Appetitsaft eingeleitet wird: nur mit Appetit (oder mit anderen Nahrungsmitteln zugleich) genommen, können sie verdaut werden. Dagegen kann das Fleisch, wie Pawlow gezeigt hat, zum Teil schon ohne Appetitsaft verdaut werden, wenn auch mit Appetitsaft die Verdauung des Fleisches unvergleichlich (um fünfmal) schneller vor sich geht. »Wir müssen daher Umstände in Betracht ziehen, die geknüpft sind an die Psyche des Menschen. Hier ist die Brücke geschlagen zwischen den Tatsachen der Ernährungsphysiologie und sozialen Verhältnissen. Der moderne Städter, zumal die breite Masse der Arbeiterklasse, lebt in sozialen Verhältnissen, die jeden normalen Appetit in ihnen ertöten müssen. Die Arbeit in der dumpfen Fabrik, die beständige Sorge ums tägliche Brot, der Mangel an geistiger Muße und heiterem Gemüt, die totale körperliche Erschöpfung, das alles sind Momente, die den Appetit untergraben. In diesem psychischen Zustande sind wir nicht imstande, den Appetitsaft zu liefern, dessen es zur Inangriffnahme und Bewältigung der Verdauung von vegetabilischer Nahrung bedarf. Dagegen haben wir im Fleische ein Nahrungsmittel, das – wenn man sich so ausdrücken darf – selber für seine Verdauung sorgt: es wird nicht nur zu einem guten Teile auch ohne Appetit verdaut, sondern es ist zudem als Reiz- und Genußmittel auch ein mächtiger Erreger unseres Appetits. So begünstigt das Fleisch die Verdauung auch der gleichzeitig mit ihm genossenen Vegetabilien und sichert uns dadurch eine ergiebigere Ausnutzung der mit den letzteren aufgenommenen Stoffe. Darin scheint uns der große Vorteil der animalischen Nahrung für den modernen Menschen zu liegen.« A. Lipschütz, a.a.O., S – 914 bis 9 1 5.

Sonderegger trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: »Es gibt keine Rangordnung der Notwendigkeit der Nahrungsmittel, aber ein unwandelbares Gesetz für die Mischung ihrer Nahrungsstoffe.« Richtig ist, daß allein von Fleischnahrung sich niemand zu ernähren vermag, wohl aber von Pflanzenkost, vorausgesetzt, daß er sie entsprechend wählen kann. Andererseits wird niemand sich mit einer bestimmten Pflanzenkost, und sei sie die nahrhafteste, begnügen. So sind Bohnen, Erbsen, Linsen, mit einem Worte die Leguminosen, die nährendsten aller Nahrungsstoffe. Aber ausschließlich sich von ihnen nähren zu müssen – was möglich sein soll – wäre eine Tortur. So führt Karl Marx im ersten Band des »Kapital« an, daß die chilenischen Bergwerksbesitzer ihre Arbeiter zwingen, jahraus jahrein Bohnen zu essen, weil ihnen diese ein großes Maß von Kraft geben und sie in den Stand setzen, Lasten zu tragen wie bei keiner anderen Nahrung. Aber die Arbeiter weisen die Bohnen trotz ihrer Nahrhaftigkeit zurück, doch man zwingt sie, sich mit ihnen zu begnügen. Auf keinen Fall hängt das Glück und Wohlsein der Menschen von einer bestimmten Kostart ab, wie die Fanatiker unter den Vegetarianern behaupten. Klima, soziale Verhältnisse, Gewohnheit und persönlicher Geschmack sind maßgebend »Die bodenständige Ernährung ist meist fast ausschließlich eine vegetabilische mit geringer Beigabe animalischer Substanzen. Fleisch ist in der Bauernkost oft sehr wenig vertreten. Es wird heute von niemand geleugnet werden können, daß man auch auf diese Weise wohl leben kann. Ja auch die ausschließlich vegetabilische Kost, welche bei sachgemäßer Auswahl auch dem Geschmack eine große Abwechslung bietet, ist mit dem Wohlbefinden durchaus vereinbar. Aber es macht sich unverkennbar weit über alle Kontinente ein anderes Verlangen geltend, die bodenständige einfache Volksernährung wird verlassen, man verlangt nach einer Mehrung geschmackgebender Zutaten und Nahrungsmittel und dazu gehört das in der Küche so hundertfältig verwertbare Fleisch. Dies Drängen nach Veränderung der Kost sieht man überall, und wie einfache Sitten, Gewohnheiten, Volkstrachten schwinden, so werden auch die älteren Ernährungsformen bekämpft. Diese Umwälzung macht sich in allen Ländern geltend; auch in Japan, wo früher die eigenartige Landeskost herrschte, verdrängt die europäische Kost das alte Regime, und die Marine hat sogar die neue Kost eingeführt, weil diese kompendiöser und für den arbeitenden Mann sich im Dienste besser erwies. Es ist ein allgemeines Streben, zu dieser konzentrierten, fettreichen und geschmackkräftigen Kost zu gelangen.« M. Rubner, Volksernährungsfragen. S. 31 bis 32. Leipzig 1908. .

In dem Maße, wie die Kultur sich hebt, tritt allerdings an Stelle fast ausschließlicher Fleischkost, wie sie bei Jagd- und Hirtenvölkern vorhanden ist, mehr die Pflanzenkost. Die Vielgestaltigkeit der Pflanzenkultur ist ein Zeichen höherer Kultur. Auch können auf einer gegebenen Ackerfläche viel mehr vegetabilische Nährstoffe gebaut werden, als auf derselben Fläche Fleisch durch Viehzucht erzeugt werden kann. Diese Entwicklung verschafft der vegetabilischen Nahrung ein immer größeres Übergewicht. Die Fleischtransporte, die uns in der Gegenwart durch Raubwirtschaft aus fernen Ländern, insbesondere aus Südamerika und Australien zugehen, werden in wenigen Jahrzehnten ihr Ende erreichen. Andererseits wird Vieh nicht bloß des Fleisches wegen gezüchtet, sondern auch der Wolle, Haare, Borsten, Häute, Milch, Eier usw. wegen. Eine Menge Industrien und viele menschliche Bedürfnisse hängen davon ab. Auch werden eine Menge Abfälle aus der Industrie und Hauswirtschaft kaum nützlicher als durch Viehzucht verwendet. In Zukunft wird auch noch das Meer in höherem Maße als bisher seinen Reichtum an animalischen Nahrungsstoffen der Menschheit öffnen müssen. Es wird dann schwerlich noch vorkommen, daß wie heute bei reichlichem Fischfang ganze Ladungen als Dünger verwendet werden, weil die Transport- oder Konservierungseinrichtungen ihre Aufbewahrung nicht ermöglichen oder die hohen Transportkosten ihren Absatz verhindern. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß mit der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, wenn die Bevölkerung von den großen Städten auf das Land wandert, wenn die Arbeit in geschlossenen Fabrikräumen sich mit der landwirtschaftlichen verbindet, die Fleischkost wird wieder hinter der Pflanzenkost zurücktreten. Gewiß kann man den Mangel an Reizmitteln in der pflanzlichen Nahrung durch entsprechende und verständige Zubereitung unter Zuhilfenahme von Gewürzen wettmachen. Aber eine rein vegetarische Lebensweise ist für die künftige Gesellschaft weder wahrscheinlich noch notwendig.

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