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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 90
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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7. Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land

Unsere heutige Großstädtebildung wird niemand für ein gesundes Produkt ansehen. Das herrschende Industrie- und Wirtschaftssystem zieht beständig große Massen der Bevölkerung nach den größeren Städten Nach der Berufszählung vom 12. Juni 1907 hatte Deutschland 42 Großstädte mit je über 100.000 Einwohnern. Im Jahre 1816 gab es in Deutschland nur 2 Städte mit mehr als 100.000. 1871 hatte es deren nur 8. Berlin zählte 1871 rund 826.000, 1900 1.888.000, 1905 2.040.148, es war also um mehr als das Doppelte (147 Prozent) gewachsen. Das »Groß-Berlin« zählte 1871 875.328, 1900 2.469.009 Einwohner. Im Jahre 1907 hatten 42 Großstädte 11.790.000 Bewohner, und der Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt jetzt rund 19 Prozent. Eine Anzahl dieser Großstädte sah sich genötigt, die vor ihren Toren liegenden industriereichen Vororte, die an sich schon der Bevölkerungszahl nach Städte bildeten, in den Stadtverband aufzunehmen, wodurch ihre Bevölkerungszahl mit einem Schlage bedeutend stieg. In dem Zeitraum von 1885 bis 1905 wuchs Leipzig von 170.000 auf 503.672 Einwohner, Köln von 161.000 auf 428.722, Magdeburg von 114.000 auf 240.633, München von 270.000 auf 538.983, Breslau von 299.000 auf 470.904, Frankfurt a. M. von 154.000 auf 334.978, Hannover von 140.000 auf 250.024, Düsseldorf von 115.000 auf 253.274, Nürnberg von 115.000 auf 294.426, Chemnitz von 111.000 auf 294.927, Essen von 65.074 auf 239.692 Einwohner usw. . Dort ist der Hauptsitz der Industrie und des Handels, dort laufen die Verkehrswege zusammen, dort sitzen die Inhaber der großen Vermögen, die Zentralbehörden, die Militärkommandos, die höheren Gerichte. Dort gibt es die großen Bildungsanstalten, die Künstlerakademien, die großen Vergnügungs- und Unterhaltungsorte, Ausstellungen, Museen, Theater, Konzertsäle usw. Tausende zieht der Beruf, Tausende das Vergnügen, noch mehr Tausende die Hoffnung auf leichteren Verdienst und angenehmeren Lebensunterhalt hin.

Aber diese Großstadtbildung macht, bildlich gesprochen, den Eindruck eines Menschen, dessen Bauchumfang beständig zunimmt, wohingegen die Beine immer dünner werden und schließlich die Last nicht mehr tragen können. In unmittelbarer Nähe dieser Städte nehmen sämtliche Dörfer ebenfalls einen städtischen Charakter an, in denen sich das Proletariat ansammelt. Die meist vermögenslosen Gemeinden müssen die Steuerkraft aufs äußerste anspannen und können dennoch den gestellten Anforderungen nicht genügen. Sind sie schließlich an die Großstadt und diese an sie herangerückt, so fliegen sie wie ein der Sonne zu nahe gekommener Planet in diese hinein. Aber damit werden die gegenseitigen Lebensbedingungen nicht verbessert. Diese werden vielmehr immer ungünstiger durch die Anhäufung der Massen in überfüllten Wohnräumen. Diese in der gegenwärtigen Entwicklung notwendigen, gewissermaßen die Revolutionszentren bildenden Massenansammlungen haben in der neuen Gesellschaft ihren Zweck erfüllt. Ihre allmähliche Auflösung ist notwendig, indem jetzt umgekehrt die Bevölkerung von den großen Städten auf das Land wandert, dort neue, den veränderten Verhältnissen entsprechende Gemeinden bildet und ihre industrielle Tätigkeit mit der landwirtschaftlichen verbindet.

Sobald die Stadtbevölkerung durch Ausgestaltung der Verkehrsmittel, der Produktionseinrichtungen usw. die Möglichkeit hat, alles, was sie an gewohnten Kulturbedürfnissen besitzt, auf das Land zu übertragen, dort ihre Bildungsanstalten, Museen, Theater, Konzertsäle, Bibliotheken, Gesellschaftslokale usw. wiederzufinden, wird die Wanderung beginnen. Das Leben wird die Annehmlichkeiten der bisherigen Großstadt ohne ihre Nachteile erlangen. Die Bevölkerung wird weit gesünder und angenehmer wohnen. Die Landbevölkerung wird sich an der Industrie, die Industriebevölkerung an dem Acker- und Gartenbau beteiligen, eine Abwechslung in der Beschäftigung, die gegenwärtig nur wenig Menschen genießen und meist nur unter der Bedingung eines Übermaßes von Arbeitszeit und Anstrengung.

Wie auf allen Gebieten, so arbeitet auch auf diesem die bürgerliche Welt dieser Entwicklung vor, indem von Jahr zu Jahr immer mehr industrielle Unternehmungen auf das Land siedeln. Die ungünstigen Lebensbedingungen der Großstadt, teure Mieten, höhere Löhne zwingen viele Unternehmer zu dieser Übersiedlung. Andererseits werden die Großgrundbesitzer immer mehr Industrielle (Zuckerfabrikanten, Schnapsbrenner, Bierbrauer, Zement-, Tonwaren-, Ziegel-, Holzbearbeitungs-, Papierfabrikanten usw.). Auch wohnen schon heute Zehntausende in den Vororten der großen Städte, denen die Beförderungsmittel diese Wohnweise ermöglichen.

Durch die Dezentralisierung der Bevölkerung wird auch der gegenwärtig bestehende Gegensatz zwischen Land- und Stadtbevölkerung verschwinden.

Der Bauer, dieser moderne Helote, der bisher in seiner Vereinsamung auf dem Lande von aller höheren Kulturentwicklung abgeschnitten war, wird jetzt ein freier Mensch, weil er im vollsten Maße Kulturmensch wird Professor Adolf Wagner äußert in dem schon zitierten Werke »Lehrbuch der politischen Ökonomie« von Rau: »Das private, kleine ländliche Grundeigentum bildet eine durch keine andere Einrichtung zu ersetzende ökonomische Basis für einen hochwichtigen Teil der Bevölkerung, einen unabhängigen, selbständigen Bauernstand und dessen eigentümliche sozialpolitische Stellung und Funktion.« Wenn der Autor nicht seinen konservativen Freunden zuliebe à tout prix für den kleinen Bauer schwärmt, muß er unseren Kleinbauer für einen der ärmsten Menschen halten. Der kleine Bauer ist unter den gegebenen Verhältnissen für die höhere Kultur nahezu unzugänglich, er rackert sich bei schwerer Arbeit von früh bis spät ab und lebt oft schlechter als ein Hund. Fleisch, Butter, Eier, Milch, die er produziert, genießt nicht er, er produziert für andere, er kann sich unter den jetzigen Verhältnissen in keine höhere Lebenslage emporarbeiten und wird dadurch ein kulturhemmendes Element. Wer die Rückwärtserei liebt, weil er dabei seine Rechnung findet, mag an der Fortexistenz dieser sozialen Schicht Genugtuung empfinden; der menschliche Fortschritt bedingt, daß sie verschwindet. . Des Fürsten Bismarck einstmaliger Wunsch, die großen Städte vernichtet zu sehen, wird erfüllt, aber in einem anderen Sinne, als er erwartete Fürst Bismarck donnerte im Erfurter »Unionsparlament« von 1850 gegen die großen Städte »als die Herde der Revolution«, die man dem Erdboden gleich machen müsse. Er hatte recht, die bürgerliche Gesellschaft erzeugt im modernen Proletariat ihre »Totengräber«. .

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