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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 89
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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6. Maßnahmen gegen Bodenerschöpfung

So sehen wir, wie schon unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine vollständige Umwandlung in den Ernährungsverhältnissen sich anbahnt. Die Ausnutzung aller dieser Entdeckungen ist aber eine äußerst langsame, weil mächtige Klassen – das Agrariertum und seine sozialen und politischen Stützen – aufs lebhafteste dabei interessiert sind, sie nicht aufkommen zu lassen. Man betet zwar im Frühjahr allsonntäglich in allen Kirchen um eine gute Ernte, aber unter demselben stillen Vorbehalt, mit dem Gläubige zu dem heiligen Florian beten sollen: Heiliger Florian, schütz' mein Haus, zünd' andere an. Ist nämlich die Ernte in allen Ländern eine gute, so sinken mächtig die Preise und davor empfindet der Agrarier ein Grauen. Ihm schadet, was allen andern nützt und so ist er ein stiller Gegner jeder Erfindung oder Entdeckung, die nicht nur ihm, sondern auch anderen Vorteil bringt. Unsere Gesellschaft ist überall im Widerspruch mit sich selbst.

Die Erhaltung des Grund und Bodens in fruchtbarem Zustande und die Steigerung desselben hängt in erster Linie von genügenden Dungstoffen ab. Die Gewinnung derselben ist also auch für die neue Gesellschaft eine der wichtigsten Aufgaben »Es gibt ein Rezept für die Fruchtbarkeit der Felder und für die ewige Dauer ihrer Erträge; wenn dieses Mittel seine folgerichtige Anwendung findet, so wird es sich lohnender erweisen als alle, welche jemals die Landwirtschaft sich erworben hat; es besteht in folgendem: Ein jeder Landwirt, der einen Sack Getreide nach der Stadt fährt, oder einen Zentner Raps oder Rüben, Kartoffeln usw., sollte, wie der chinesische Kuli, ebensoviel (womöglich mehr) von den Bodenbestandteilen seiner Feldfrüchte wieder aus der Stadt mitnehmen und dem Felde geben, dem er sie genommen hat; er soll eine Kartoffelschale und einen Strohhalm nicht verachten, sondern daran denken, daß die Schale einer seiner Kartoffeln und der Halm einer seiner Ähren fehlt. Seine Ausgabe für diese Einfuhr ist gering und ihre Anlage sicher, eine Sparkasse ist nicht sicherer und kein Kapital verbürgt ihm eine höhere Rente; die Oberfläche seines Feldes wird sich in ihrem Ertrag in zehn Jahren schon verdoppeln, er wird mehr Korn, mehr Fleisch und mehr Käse erzeugen, ohne mehr an Arbeit und Zeit zuzusetzen, und er wird nicht in ewiger Unruhe wegen neuer unbekannter Mittel sein, die es nicht gibt, um sein Feld in anderer Weise fruchtbar zu erhalten... Alte Knochen, Ruß, Asche, ausgelaugt und unausgelaugt, das Blut der Tiere und Abfälle aller Art sollen in Anstalten gesammelt und für die Versendung zubereitet werden.... Die Regierungen und Polizeibehörden in den Städten sollten Sorge dafür tragen, daß durch eine zweckmäßige Einrichtung der Latrinen und Kloaken einem Verlust an diesen Stoffen vorgebeugt werde.« Liebig, Chemische Briefe. Leipzig und Heidelberg 1865. . Dünger ist für den Boden, was für den Menschen die Nahrung, und zwar ist für den Boden ebensowenig jeder Dünger gleichwertig, wie für den Menschen jede Nahrung gleich nahrhaft ist. Es müssen dem Boden genau diejenigen chemischen Bestandteile zugeführt werden, die er durch die Entnahme einer Ernte eingebüßt hat, und es müssen ihm solche chemische Bestandteile in verstärktem Quantum zugeführt werden, die der Anbau einer bestimmten Pflanzengattung vorzugsweise erfordert. Daher wird das Studium der Chemie und ihre praktische Anwendung eine heute noch ungekannte Ausdehnung erlangen.

Nun enthalten die tierischen und menschlichen Abfallstoffe die chemischen Bestandteile, die für die Wiedererzeugung menschlicher Nahrung geeignet sind. Es muß also die vollkommenste Gewinnung und zweckmäßigste Verteilung derselben zu erlangen gesucht werden. Darin wird gegenwärtig sehr viel gesündigt. Besonders sind es die Städte und Industrieorte, die massenhaft Nahrungsmengen zugeführt erhalten, aber die kostbarsten Auswurf- und Abfallstoffe nur zum allergeringsten Teile dem Boden wieder zuführen. Die Folge ist, daß die von Städten und Industrieorten entfernter gelegenen Güter, die jährlich den größten Teil ihrer Produkte in dieselben führen, empfindlich an Dungstoffen Mangel leiden – denn oftmals genügen die Dungstoffe des auf den Gütern vorhandenen Menschen- und Viehbestandes nicht, weil dieser Bestand nur einen Teil der Bodenernte konsumiert – und so griffe ein Raubbausystem Platz, das den Boden entkräftete und die Ernten verminderte, würde nicht durch Zufuhr künstlichen Düngers ersetzt, was an natürlichem fehlt. Alle Länder, die Bodenprodukte ausführen, aber keine Dungstoffe zurückerhalten, gehen früher oder später notwendig an Bodenverarmung zugrunde, so Ungarn, Rußland, die Donaufürstentümer usw.

Liebig entwickelte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Lehre vom Stoffersatz für den Ackerboden, daraus folgte die Anwendung der konzentrierten Düngemittel. Schulze-Lupitz wies nach, daß, obgleich gewisse Pflanzen keine Stickstoffdüngung erhielten, sie dennoch den Boden an Stickstoff bereicherten, ein Phänomen, dessen Erklärung und Lösung Hellriegel zufiel. Dieser zeigte, daß es die Milliarden Bazillen sind, welche die Symbiose mit gewissen Hülsenfrüchten den Stickstoff der Luft unmittelbar den Pflanzen zum Aufbau verschaffen Die deutsche Landwirtschaft an der Jahrhundertwende. Festrede, gehalten an der Königlichen Landwirtschaftlichen Akademie am 12. Januar 1900 von Dr. Max Delbrück. . Wenn die Agrikulturchemie seit Liebig die eine Seite des wissenschaftlichen Bodenbaues bildet, so die Agrikulturbakteriologie die andere Seite. Obendrein besitzt Deutschland in seinen Kali- und Kainitlagern, im Thomasmehl, dem Superphosphat und der Phosphorsäure eine Reihe unerschöpflicher mineralischer Düngequellen, deren richtige Anwendung mit zweckmäßiger Bearbeitung des Grund und Bodens enorme Quantitäten an Nahrungsstoffen zu erzeugen ermöglicht.

Von der Bedeutung dieser verschiedenen künstlichen Düngemittel liefert die Angabe eine Vorstellung, daß Deutschland im Jahre 1906 davon für etwa 300 Millionen Mark verbrauchte, darunter schwefelsaures Ammoniak für 58,3 Millionen, Chilesalpeter für 120, während der Rest auf Thomasmehl und Superphosphat, Kaliumsalze, Guano und Sonstiges fällt. Von diesen Düngemitteln ist das wichtigste die Stickstoffdüngung. Wie außerordentlich groß ihre Einwirkung ist, zeigt folgende Angabe. Während nach den Untersuchungen Wagners der Haferertrag gegenüber Volldüngung auf einem hessischen Boden bei Phosphorsäuremangel um 17 Prozent, bei Kalimangel um 19 Prozent zurückging, sank er bei Stickstoffmangel um 89 Prozent. Im Mittel aller Versuche und Versuchsjahre wurde, auf ein Jahr und einen Hektar berechnet, an Reingewinn erhalten: 96 Mark, wenn Volldüngung gegeben war, 62 Mark, wenn an der Volldüngung das Kali fehlte, 48 Mark, wenn an der Volldüngung die Phosphorsäure fehlte, 5 Mark, wenn an der Volldüngung der Stickstoff fehlte. Es ist berechnet worden, daß, wenn Deutschland seine Stickstoffdüngung verdoppeln würde, es nicht nur seinen gesamten Bedarf an Getreide und Kartoffeln decken, sondern noch erhebliche Mengen für den Export erübrigen könnte. Und die Hauptquelle dieses wertvollsten Düngemittels, die Salpeterlager Chiles, genau so wie die Guanolager, gehen rasch ihrer Erschöpfung entgegen, während der Bedarf an Stickstoffpräparaten – in Deutschland, Frankreich, England und in den letzten zehn Jahren auch in den Vereinigten Staaten von Amerika – immer größer wird. Der englische Chemiker William Crookes hat schon im Jahre 1899 diese Frage aufgeworfen und bezeichnete sie als eine Angelegenheit von weit größerer Bedeutung als die Möglichkeit einer nahen Erschöpfung der britischen Kohlenfelder. Als die Hauptaufgabe der Chemie betrachtete er demnach die Lösung des Problems, Stickstoffdüngemittel aus dem ungeheuren Stickstoffreservoir der Luft zu fabrizieren. Man bedenke nur, daß das über einen Quadratzentimeter Boden befindliche Luftquantum rund ein Kilogramm wiegt und daß vier Fünftel hiervon Stickstoff sind, woraus sich berechnet, daß der Stickstoffgehalt der irdischen Atmosphäre rund 4.000 Millionen Tonnen beträgt. Dem steht ein jetziger jährlicher Verbrauch von Salpeter entsprechend rund 300.000 Tonnen Stickstoff gegenüber. Wenn also überhaupt kein Ersatz des Stickstoffs stattfände, so würde seine chemische Bindung genügen, um den heutigen Salpeterbedarf der Welt während mehr als 14.000 Millionen Jahren zu decken.

Und diese Aufgabe ist heute gelöst. Schon im Jahre 1899 stellten A. Frank und N. Caro durch Einwirkung von atmosphärischem Stickstoff und Kalziumkarbid (Kalk und Kohle) bei hoher Temperatur Kalziumzyanamid her, welches in der rohen Masse 14 bis 22 Prozent Stickstoff enthält. Das neue Düngemittel ist unter dem Namen Kalkstickstoff in den Handel gebracht. Aber dieses Verfahren ist nicht das einzige. Den Norwegern C. Birkeland und S. Eyde ist es im Jahre 1903 gelungen, den Luftstickstoff unmittelbar durch Verbrennung auf elektrischem Wege in Salpetersäure überzuführen. Das zweite Verfahren liefert ein Produkt, das dem Chilisalpeter in jeder Beziehung ebenbürtig, auf gewissen Bodenarten sogar überlegen ist. Seit einigen Jahren ist er auf dem deutschen Düngermarkt als Norgesalpeter eingeführt. Und im Jahre 1905 gelang es Otto Schönherr, ein Verfahren aufzufinden, welches sich im Vergleich zu demjenigen von Birkeland-Eyde als technisch noch vorteilhafter darstellt. Es erfordert außer der elektrischen Kraft nur die allerbilligsten Materialien, nämlich Wasser und Kalkstein. Dagegen hat man zur Erzeugung von Kalkstickstoff auch noch Kohle nötig, und der erforderliche Stickstoff kann nicht in der Form von Luft angewendet, sondern muß aus dieser eigens abgetrennt werden. Somit ist der Landwirtschaft ein neues Düngemittel zugeführt, das auf dem Wege eines rein technisch-industriellen Prozesses hergestellt wird und in unermeßlichen Mengen zur Verfügung steht Nach Professor Bernthsen, Über Luftsalpetersäure. Vortrag, gehalten auf dem siebenten Internationalen Kongreß zu London. Zeitschrift für angewandte Chemie. 1909, Heft 24. Da die neue Industrie zur Erzeugung der Elektrizität billiger Wasserkräfte bedarf, so sicherte sich die Badische Anilin- und Sodafabrik und andere deutsche chemische Fabriken in Verbindung mit der von Birkeland-Eyde gebildeten norwegisch-französischen Gesellschaft geeignete Wasserkräfte in Norwegen. Es wurden gebildet zwei Gesellschaften, jede mit einem Aktienkapital von 16.000.000 Kronen, zur Ausnutzung norwegischer Wasserkräfte und zur Salpetergewinnung. Außerdem ist die Badische Anilin- und Sodafabrik bei der bayerischen Regierung um die Konzessionierung eines Planes zur Gewinnung von etwa 50.000 elektrischen Pferdestärken aus der Alz und zur Errichtung einer Fabrik nahe Burghausen im südöstlichen Bayern eingekommen. .

Nach A. Müller scheidet ein gesunder, erwachsener Mensch durchschnittlich jährlich 48,5 Kilogramm feste und 438 Kilogramm flüssige Exkremente aus. Diese Stoffe repräsentieren nach dem heutigen Stande der Düngerpreise, wenn sie ohne Wertverluste durch Ausdünstungen usw. verwendet werden können, einen Geldwert von zirka 5,15 Mark. Die große Schwierigkeit, diese Stoffe voll auszunutzen, liegt wesentlich an der Herstellung zweckmäßiger, umfassender Sammelvorrichtungen und in den hohen Transportkosten. Ein großer Teil der Exkremente aus den Städten wird unseren Flüssen und Strömen zugeführt und verschmutzt dieselben. Ebenso werden die Abfälle der Küche, der Gewerbe und Industrien, die ebenfalls als Dünger verwendbar sind, meist leichtfertig vergeudet.

Die neue Gesellschaft wird Mittel und Wege finden, dieser Verschwendung zu begegnen. Sie wird diese Frage leichter lösen, und zwar auch dadurch, daß die großen Städte allmählich aufhören zu existieren, indem die Bevölkerung sich dezentralisiert.

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