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Die Frau und der Sozialismus

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus - Kapitel 84
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Frau und der Sozialismus
authorAugust Bebel
year1994
publisherVerlag J.H.W. Dietz Nachf.
addressBonn
isbn3-8012-1009-X
titleDie Frau und der Sozialismus
pages3-9
created19990813
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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2. Bodenmeliorationen

Die Gesellschaft muß den Grund und Boden als Ganzes ins Auge fassen, seine topographische Beschaffenheit, seine Berge, Ebenen, Wälder, Seen, Flüsse, Teiche, Heiden, Sümpfe, Moore und Moräste. Diese topographische Beschaffenheit übt neben der geographischen Lage, die unabänderbar ist, gewisse Einflüsse auf Klima und Bodenbeschaffenheit aus. Hier ist ein Tätigkeitsfeld von größter Ausdehnung, auf dem noch eine Menge Erfahrungen gesammelt werden können und eine Menge Experimente versucht werden müssen. Was der Staat bisher in dieser Richtung leistete, ist wenig. Einmal wendet er zu solchen Kulturaufgaben nur geringe Mittel an, und außerdem würden, selbst wenn er den Willen hätte, in umfassender Weise einzugreifen, die großen Privateigentümer, die in der Gesetzgebung das entscheidende Wort sprechen, ihn daran hindern. Ohne starke Eingriffe in das Privateigentum kann aber auf diesem Gebiet nichts erreicht werden. Aber die Existenz des Staates beruht auf der »Heiligkeitserklärung« des Privateigentums, die großen Privateigentümer sind seine wichtigsten Stützen, und so fehlt ihm die Macht, in der bezeichneten Richtung vorzugehen. Es müßten großartige und umfassende Bodenmeliorationen, Bewaldungen und Entwaldungen, Be- und Entwässerungen, Bodenmischungen, Terrainänderungen, Anpflanzungen usw. vorgenommen werden, um den Grund und Boden zu höchster Ertragsfähigkeit zu bringen.

Eine hochwichtige Angelegenheit für die Kulturverhältnisse des Grund und Bodens bildet ein umfängliches, systematisch angelegtes Fluß- und Kanalnetz, das nach wissenschaftlichen Prinzipien geleitet werden muß. Die Frage des billigeren Transportes auf den Wasserwegen – so wichtig für die heutige Gesellschaft – wäre zwar für die neue von geringer Bedeutung, dagegen sind Wasserwege als bequeme, mit geringstem Kraft- und Materialaufwand zu benutzende Transportgelegenheit sehr zu beachten. Aber die wichtigste Rolle spielt das Fluß- und Kanalsystem hinsichtlich seiner Verwertung für ein umfassendes Ent- und Bewässerungssystem, für die Herbeischaffung der Dungstoffe und der Materialien zu Bodenmeliorationen, wie für die Abfuhr der Ernten usw.

Es ist durch Erfahrung festgestellt, daß wasserarme Länder weit mehr an kalten Wintern und heißen Sommern zu leiden haben als wasserreiche, daher kennen zum Beispiel Küstenländer die eigentlichen Witterungsextreme nur ausnahmsweise. Solche Witterungsextreme sind aber weder für die Pflanzen noch für die Menschen vorteilhaft und angenehm. Ein ausgedehntes Kanalsystem, in Verbindung mit Maßregeln in bezug auf Waldkultur, würde hier unzweifelhaft günstig wirken. Ein solches Kanalsystem, verbunden mit der Anlegung größerer Bassins, als Wasseransammler und Aufbewahrer von Wassermassen, würde, wenn Tauwetter oder heftige Regengüsse Flüsse und Ströme zum Anschwellen und Übertreten bringen, von großem Vorteil sein. Die gleichen Bauanlagen wären für die Gebirgsflüsse und Gebirgsbäche notwendig. Die Überschwemmungen mit ihren verheerenden Wirkungen wären alsdann unmöglich. Ausgedehnte Wasserflächen mit ihrer stärkeren Verdunstung würden vermutlich auch regelmäßigere Regenbildung befördern. Die Anlagen dieser Art ermöglichten ferner die Anbringung von Pump- und Hebewerken zu umfassender Bewässerung der Ländereien, sobald solche nötig würden.

Weite Landstrecken, die bis jetzt fast unfruchtbar sind, ließen sich durch künstliche Bewässerungsanlagen in fruchtbare Gegenden verwandeln. Wo jetzt kaum die Schafe dürftige Nahrung finden und günstigenfalls schwindsüchtige Föhren die mageren Äste gen Himmel recken, könnten üppige Ernten gedeihen und eine dichte Bevölkerung reichliche Nahrung und Genuß finden. So ist es zum Beispiel nur eine Frage des Arbeitsaufwandes, um die weiten Sandstrecken der Mark, des »heiligen Deutschen Reiches Streusandbüchse«, in ein Eden an Fruchtbarkeit zu verwandeln. Das hob auch in einem Vortrag anläßlich der deutschen landwirtschaftlichen Ausstellung zu Berlin im Frühjahr 1894 ein Vortragender hervor Auch im amtlichen Bericht über die Weltausstellung in Chicago heißt es: »Die Verwertung des Wassers für die Obstzucht wie für die Gemüsezucht ist immer mehr anzustreben, und Wassergenossenschaften zu dem Zwecke könnten auch bei uns aus Wüsten Paradiese schaffen.« . Die nötigen Kanalbauten, Bewässerungsanlagen, Meliorationen, Bodenmischungen usw. vorzunehmen, vermögen aber nicht die Grundbesitzer der Mark, und so bleiben unmittelbar vor den Toren der Reichshauptstadt weite Strecken Landes in einem Kulturzustand, der späteren Generationen unbegreiflich erscheinen wird. Andererseits können durch Kanalisationen weite Sumpfstrecken, Moore und Moorland entwässert und der Kultur gewonnen werden, so im Norden und Süden Deutschlands. Auch können die Wasserläufe für die Fischzucht ausgenutzt werden und lieferten eine ergiebige Nahrungsquelle, sie bildeten ferner für die Gemeinden, die keine Flüsse haben, Gelegenheit für die Errichtung der schönsten Badeanstalten »Sind doch zum Beispiel in einem der höchst kultivierten Gebiete der österreichischen Monarchie – in Böhmen – 656.000 Hektar Ackerboden, das ist ein Viertel der gesamten Ackerfläche, entwässerungsbedürftig, und von der gesamten Wiesenfläche von 174.000 Hektar soll ein Drittel entweder zu trocken oder zu naß sein. Viel schlimmer steht es natürlich in Gegenden, welche im allgemeinen in der wirtschaftlichen Entwicklung zurückstehen, wie namentlich in Galizien.« Dr. Eugen v. Philippovich, Volkswirtschaftspolitik. S. 97. Tübingen 1909. .

In welchem Maßstab Bewässerung wirkt, dafür einige Beispiele. In der Nähe von Weißenfels ergaben 7½ Hektar gut bewässerte Wiesen 480 Zentner Grummet, danebenliegende 5 Hektar unbewässerte Wiesen von derselben Bodenbeschaffenheit nur 32 Zentner. Die ersteren hatten also im Verhältnis zu den letzteren mehr als zehnfachen Ertrag. Bei Riesa in Sachsen brachten 65 Acker bewässerte Wiesen eine Steigerung des Reinertrags von 5.850 Mark auf 11.100 Mark. Nach Buchenbenger wurde nach der Bewässerung des unfruchtbaren Sandbodens der Bocker Heide, auf dem rechten Ufer der Lippe, durch den gesamten Aufwand von 124.000 Mark auf einer früher fast ertraglosen Fläche ein jährlicher Bruttogewinn von rund 400.000 Mark erzielt. Die Bodenverbesserungen in Niederösterreich haben bei einem Aufwand von 1 Million Kronen eine Steigerung des Ertragswertes um 6 Millionen Kronen ergeben. Die teuren Anlagekosten rentierten sich. Nun gibt es aber in Deutschland, außer der Mark, noch weite Gegenden, deren Boden, wesentlich aus Sand bestehend, nur einen halbwegs guten Ertrag liefert, wenn ein sehr feuchter Sommer eintritt. Diese Gegenden mit Kanälen durchzogen und bewässert und in ihrer Bodenbeschaffenheit verbessert, würden in kurzer Zeit den fünf- und zehnfachen Ertrag ergeben. In Spanien sind Beispiele vorhanden, wonach der Ertrag von gut bewässertem Boden den siebenundreißigfachen Ertrag gegenüber dem von unbewässertem ergab. Also Wasser her, und neue Nahrungsmassen werden aus dem Boden gestampft.

Fast kein Jahr vergeht, in dem nicht ein-, zweimal und öfter in den verschiedensten Provinzen, in den verschiedensten Staaten Deutschlands mehr oder weniger große Überschwemmungen durch Bäche, Flüsse und Ströme eintreten. Weite Strecken des fruchtbarsten Bodens werden durch die Gewalt der Wellen weggeführt, andere werden mit Sand, Steinen und Schutt bedeckt und auf Jahre oder für immer unfruchtbar gemacht. Ganze Plantagen von Obstbäumen, die Jahrzehnte zu ihrer Entwicklung bedurften, werden entwurzelt. Häuser, Brücken, Straßen, Dämme werden unterwaschen, Eisenbahnen ruiniert, Menschenleben geopfert, Vieh wird zugrunde gerichtet, Bodenmeliorationen werden zerstört und Saaten vernichtet. Weite Strecken der Ländereien, die häufiger Überschwemmungsgefahr ausgesetzt sind, werden gar nicht oder nur geringwertig angebaut, um nicht immer wieder Schaden zu erleiden. Große Waldverwüstungen, namentlich auf den Bergen, insbesondere durch Privateigentümer, verstärken sie. Der unsinnigen, auf Profit berechneten Waldverwüstung soll eine Abnahme der Bodenfruchtbarkeit in den Provinzen Preußen und Pommern, in Kärnten und Steiermark, Italien, Frankreich, Spanien, Rußland usw. geschuldet sein.

Die Folgen der Waldverwüstung in den Gebirgen sind häufige Überschwemmungen. Die Rhein-, Oder- und Weichselüberschwemmungen werden hauptsächlich den Walddevastierungen in der Schweiz, respektive in Galizien und Polen zugeschrieben. Der gleichen Ursache sind die häufigen Überschwemmungen in Italien, namentlich des Po, geschuldet. Und aus den gleichen Ursachen haben Madeira, große Teile Spaniens, die fruchtbarsten Provinzen Rußlands, weite, einst üppige und fruchtbare Länder in Vorderasien den größten Teil ihrer Fruchtbarkeit eingebüßt Einen hoch anzuschlagenden Nutzen gewährt, nach Schwappach, der Wald durch die Bindung des Bodens, namentlich im Gebirge durch Verhütung der Abschwemmung als in der Ebene durch Beruhigung des losen Sandes. Die Entwaldung bildet eine der Hauptursachen der Versandung des Ackerlandes in Rußland. .

Endlich hat man aber auch in der bürgerlichen Gesellschaft begriffen, daß es mit dem Gehen- und Geschehenlassen auf diesem Gebiet nicht mehr getan ist und daß, vernünftige Maßregeln im großen angewandt, die kulturzerstörenden Kräfte zu kulturfördernden umgewandelt werden können. So schritt man zum Bau großer Stauwerke, die das Wasser in gewaltigen Massen ansammeln und dessen Kräfte zur Elektrisierung der Industrie und Landwirtschaft verwenden. Insbesondere nimmt der bayerische Staat die Stauarbeiten der Gebirgsflüsse und -bäche im großartigsten Maßstab vor, um damit Kräfte für die Elektrisierung seiner Eisenbahnen und aller möglichen industriellen Anlagen zu gewinnen. Das agrarische Altbayern wird damit allmählich in ein modernes Industrieland umgewandelt.

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